Marokkanischer Minztee

Marokkanischer Minztee — auf Arabisch atay, in der internationalen Literatur auch Maghrebi mint tea — verbindet drei Dinge: chinesischen Grüntee, frische Nanah-Minze und Zucker. Mehr nicht, und doch wenig sonst, was sich vergleichen ließe. Der Tee kam im 19. Jahrhundert über britische Händler nach Marokko und wuchs dort innerhalb von zwei Generationen vom Hofgetränk zum Nationalgetränk. Marokko zählt heute zu den größten Importeuren von Grüntee weltweit. In keinem anderen Land geht eine Begegnung — zwischen Familienmitgliedern, Geschäftspartnern oder Fremden — so selbstverständlich mit einem Glas Tee einher. Wer eine angebotene Tasse ablehnt, lehnt die Hand ab, die sie reicht.

I. Von Hangzhou nach Marrakesch: die Reise eines Getränks

In den Hügeln südwestlich von Hangzhou werfen Bauern seit Jahrhunderten frische Teeblätter in heiße Eisenpfannen. Bei etwa 280 °C werden die Blätter unter ständigem Wenden abgetötet, danach zwischen den Handflächen zu kleinen Kugeln gerollt und über kontrollierter Hitze getrocknet. Das Ergebnis trägt auf Chinesisch den Namen 珠茶 (Zhū Chá), Perlentee. In Europa wurde daraus „Gunpowder“ — die Form der getrockneten Blätter erinnerte britische Händler des 19. Jahrhunderts an Musketenmunition. Dieser Tee verträgt lange Schiffsreisen, lange Aufgüsse und kochendes Wasser. Es sind diese drei Eigenschaften, die ihn schließlich bis nach Marokko trugen.

Am Hof von Sultan Mulay Ismāʿīl (Regierungszeit 1672–1727) tauchten die ersten Teespuren auf. Einer mehrfach überlieferten Episode zufolge schickte das englische Königshaus Tee als diplomatisches Geschenk — zum Dank für freigelassene englische Gefangene. Wie viel davon belegt und wie viel später hinzugedichtet ist, lässt sich kaum mehr entscheiden. Sicher ist nur, dass Tee in dieser Zeit hinter den Mauern der Sultanspaläste blieb. Draußen tranken Berber, Andalusier und Stadtbewohner weiterhin, was sie immer getrunken hatten: Aufgüsse aus frischer Minze, Wermut, Salbei — heiße Kräuter aus dem eigenen Garten.

Zwei Jahrhunderte später war daraus immer noch nichts Großes geworden. Als der britische Forschungsreisende James Richardson in den 1840er Jahren durch Marokko zog, notierte er, dass in den Städten, die er passierte, von früh bis spät Tee getrunken werde. Eine städtische Teekultur existierte — aber sie blieb auf wenige Schichten beschränkt und auf die Hafenstädte.

Den entscheidenden Anstoß gab ein Krieg an einem ganz anderen Ort. 1854 versperrte der Krimkrieg den britischen Handelsschiffen den Zugang zu den Ostseehäfen — St. Petersburg, Riga, Reval. Die ostindischen Gesellschaften saßen auf Lagerbeständen an Perlentee, der ursprünglich nach Russland und Skandinavien hatte gehen sollen. Sie suchten neue Käufer und fanden sie an der atlantischen Küste Nordafrikas. Über Gibraltar gelangten die Schiffe nach Tanger und nach Mogador, das heute Essaouira heißt, und entluden dort, was sie nicht loswurden. So begann das Wichtigste eher nebenbei: weil sich anderswo ein Hafen geschlossen hatte.

Am 9. Dezember 1856 unterzeichneten Großbritannien und das marokkanische Sultanat in Tanger einen Handelsvertrag, der die Monopole des Makhzen aufhob und Importzölle auf zehn Prozent festlegte. In den zwanzig Jahren danach vervierfachten sich die Teeimporte. Noch blieb der Tee ein städtisches Statussymbol — Ahmed Bin Mubarek, ein Beamter unter Sultan Suleiman (1792–1822), trug bereits den Titel mūl atay, „Herr des Tees“. Ein Hofposten, geschaffen für die Verwaltung eines einzigen Getränks; ein erstes Maß dafür, wie ernst diese Sache schon damals genommen wurde.

Den Sprung in die Fläche brachten die Hungersnöte der 1880er Jahre. Ländliche Bevölkerung strömte in die Städte; Tee bot Wärme, Kalorien aus dem darin gelösten Zucker, eine Geste der Anpassung an die urbane Schicht, der man sich näherte. Von dort breitete sich die Praxis weiter aus: nach Algerien, Tunesien, Libyen, bis zu den Berber- und Tuareg-Stämmen der Sahara, die den Tee in ihre Karawanenrituale aufnahmen. Die Lebensmittelhistorikerin Helen Saberi hat diese Verbreitung in Tea: A Global History (2010) im Einzelnen nachgezeichnet.

Zurück also nach Zhejiang, wo alles angefangen hat. Im Bezirk Pingshui (平水) wird der klassische Gunpowder bis heute hergestellt; eine bäuerliche Routine, die seit Generationen weitergegeben wird. Die Bauern welken die frischen Blätter wenige Stunden, töten sie dann in der heißen Pfanne ab, rollen sie zu dichten Kugeln und trocknen sie. Die Kugelform schützt die Blätter beim Transport und gibt die löslichen Stoffe — Koffein, Catechine, Aminosäuren — nur langsam an heißes Wasser ab. Ein zarteres Blatt würde unter marokkanischer Zubereitung sofort bitter; dieses hier hält stand. Aus derselben Gegend stammt 春眉 (Chūnméi), „Frühlings-Augenbraue“, ein verwandter pfannengerösteter Grüntee in länglich gerollter Form. Was deutsche Teehändler als Chun Mee anbieten, ist meist genau das.

Eine Eisenpfanne in den Hügeln südwestlich von Hangzhou; ein Zinnberrad, aus dem in Marrakesch Tee von einem halben Meter Höhe in kleine Gläser fällt. Zwischen beiden liegt eine kleine Weltgeschichte.

Eine ältere marokkanische Frau verkauft Minztee am Straßenrand
Eine Teeverkäuferin am Straßenrand in Marokko. Atay ist Alltag, nicht Zeremonie — eine Tasse vom Straßenstand gehört genauso dazu wie das festliche Servieren auf dem Sinia.

II. Berrad, Nanah, Zuckerhut: das Ritual und seine Bestandteile

Wer einem marokkanischen Haushalt zum ersten Mal beim Teemachen zusieht, wundert sich zunächst über das Werkzeug. Auf einem großen runden Tablett aus Messing oder Silber — dem Sinia — stehen drei Dinge: ein bauchiger Kessel mit gebogener Tülle, eine Handvoll kleine Gläser ohne Henkel, und ein Kegel aus weißem Zucker, der mit einem kleinen Hammer behandelt werden will. Das ist die Grundausstattung. Was sich an Erfahrung darum gelegt hat, lässt sich nicht in den Laden tragen; das Übrige schon.

Der Kessel heißt Berrad. Traditionell wurde er aus Zinn getrieben; heute findet man ihn meist aus versilbertem Messing oder Edelstahl, in Größen zwischen einem halben und einem ganzen Liter. Die lange, geschwungene Tülle ist nicht Dekor — sie erlaubt das Eingießen aus etwa dreißig bis fünfzig Zentimetern Höhe, ohne dass der Strahl ausfranst. Das Sinia, sechzig Zentimeter im Durchmesser, ist nicht bloß Untersetzer; auf ihm wird der ganze Vorgang zelebriert, vom ersten Aufgießen bis zum letzten Glas. Die Gläser selbst sind klein, oft mit goldener oder bunter Bemalung, fassen achtzig bis hundert Milliliter und werden randvoll gefüllt. Wer einen großen Henkelbecher erwartet, verstand das Getränk nicht. Atay wird in kleinen Mengen oft getrunken, nicht in großen Schlucken selten.

Der Zuckerkegel — pain de sucre auf Französisch, qaleb sukkar auf Arabisch — ist heute im Alltag selten geworden; die meisten Familien greifen zu Würfelzucker. Auf marokkanischen Hochzeiten und bei förmlichen Besuchen taucht der Kegel jedoch noch auf, als Geschenk oder Zeichen der Sorgfalt. Wer ihn benutzt, schlägt mit einem kleinen Messinghammer Stücke ab und legt sie in den Kessel.

Drei Zutaten gehen hinein, und um diese drei lohnt sich, ein paar Worte zu verlieren.

Der Tee ist im klassischen Fall Gunpowder — das chinesische 珠茶, der pfannengeröstete Perlentee aus Zhejiang. Manchmal Chun Mee, sein länglich gerollter Verwandter aus derselben Region. Beide Teesorten teilen jene physikalische Eigenschaft, die sie für das marokkanische Verfahren tauglich macht: Sie geben ihre löslichen Stoffe langsam und gleichmäßig an heißes Wasser ab. Was für japanische Sencha eine Katastrophe wäre — kochendes Wasser, fünf Minuten Köcheln, mehrfache Aufgüsse — ist für diese Blätter ihr natürliches Element. Wer einmal versucht hat, Atay aus zartem Drachenbrunnentee zu kochen, weiß warum: Es schmeckt sofort wie eine Klage. Gunpowder hält.

Die Minze ist das, was viele Europäer überrascht. Es geht nicht um irgendeine Minze; es geht um Mentha spicata var. nanah, eine spezifisch marokkanische Krauseminze. Sie enthält deutlich weniger Menthol als die in Deutschland gängige Pfefferminze (Mentha × piperita), schmeckt weicher, süßer, mit einer blumigen Tiefe, die der europäischen Minze fehlt. Im gut sortierten Biomarkt oder beim türkischen Gemüsehändler findet man sie inzwischen unter dem Namen Marokkanische Minze; im Hochsommer manchmal auch frisch im Topf. Wer nur Pfefferminze zur Hand hat, kann sie verwenden — das Ergebnis wird schärfer, kühler, dem Original ferner, aber nicht falsch.

Der Zucker. Hier zucken viele europäische Leser zusammen, bevor sie es ausgesprochen haben. Die traditionelle Rezeptur kennt pro Liter Wasser hundert bis hundertfünfzig Gramm Zucker — fünf bis acht Würfel pro Glas, rechnet man es um. Das ist viel; gemessen an deutschen Vorstellungen viel zu viel. Es lohnt sich, einen Moment innezuhalten, bevor man dieses Verhältnis korrigiert. Der Zucker in Atay ist keine Zugabe, sondern ein konstruktives Element. Er trägt das Salz der Catechine, die der Tee unter dem langen Köcheln freisetzt; er gibt der Minze einen Boden, auf dem ihr Aroma stehen kann. Wer den Zucker halbiert, bekommt nicht etwa „den gleichen Tee, nur gesünder“ — sondern ein anderes Getränk, dünn und herb dort, wo es rund sein sollte. Das deutsche Supermarktregal voll mit Marokkanischem Minztee — weniger Zucker erzählt mehr über deutsche Ernährungsdiskurse als über marokkanische Teekultur.

Wer im Sommer in einem marokkanischen Garten zu Gast war, wird daneben anderen Pflanzen begegnet sein, die mitgekocht werden — Zitronenverbene, Lwiza (Aloysia citrodora), gibt dem Tee eine helle Schärfe; im Winter kommt manchmal Shība (Artemisia arborescens), Baum-Wermut, hinzu und macht ihn bitter und wärmend; bei Tuareg-Karawanen in der Sahara taucht Artemisia herba-alba auf. Salbei, Orangenblüte, Thymian — je nach Region und Jahreszeit ist die Mischung anders. Es gibt keinen einzigen marokkanischen Minztee. Es gibt eine Familie davon.

Die Zubereitung selbst läuft so: Wasser wird zum Kochen gebracht. Der Tee kommt in den Berrad, hundert Milliliter kochendes Wasser darüber, eine halbe Minute geschwenkt, weggeschüttet — das ist die Waschung, die den Staub aus dem Transport entfernt und die erste Bitternote nimmt. Dann der eigentliche Aufguss: kochendes Wasser nachgießen, fünf Minuten köcheln lassen. Erst dann kommen Minze und Zucker hinzu. Wer ein Glas voll auszuschenken und wieder zurückzugießen versteht, tut das zwei- oder dreimal — der Zucker löst sich gleichmäßig, das Aroma mischt sich. Schließlich wird aus dreißig Zentimetern Höhe in die Gläser eingeschenkt. Auf jeder Oberfläche soll ein dünner Schaum stehen, der turban. Ohne Schaum ist der Tee nicht gelungen; mit Schaum kann man ihn reichen.

Drei Gläser, einander folgend, aus demselben Kessel. Aus ihnen, jedem etwas anders schmeckend, hat die Maghreb-Tradition ein Sprichwort gemacht — eigentlich zwei. In den Städten Tangiers, Fes‘, Marrakeschs sagt man:

Le premier verre est doux comme la vie, le deuxième fort comme l’amour, le troisième amer comme la mort.
Das erste Glas ist sanft wie das Leben, das zweite stark wie die Liebe, das dritte bitter wie der Tod.

Bei den Tuareg in der Sahara klingt es anders:

Das erste Glas ist bitter wie das Leben, das zweite stark wie die Liebe, das dritte süß wie der Tod.

Beide Sprüche stimmen, und beide stimmen für denselben Topf. Sie beschreiben nur unterschiedliche Schnitte durch denselben Vorgang. In der Stadt erinnert sich das erste Glas an den frisch aufgelösten Zucker und schmeckt entsprechend mild; bis zum dritten Mal hat der Tee im Kessel weitergezogen, die Catechine sind herausgetreten, die Bitternote dominiert. In der Sahara, wo der Tee häufiger zurück in den Kessel gegossen und länger geköchelt wird, kehrt sich das Verhältnis um: Das erste Glas trifft den Gast mit der vollen Wucht des Anfangs, das dritte ist eingedickt, süß, fast sirupartig. Dass sich aus demselben Verfahren zwei umgekehrte Sprüche ergeben haben, gehört zu den schöneren Eigenheiten dieses Tees.

Eines aber gilt überall im Maghreb: Drei Gläser werden gereicht. Die ersten beiden dürfen abgelehnt werden, das dritte nicht. Wer geht, ohne das dritte Glas getrunken zu haben, hat die Gastgebenden gekränkt — auch wenn er es nicht wusste.

III. Das Grundrezept für vier Gläser

Das folgende Rezept ist die klassische Variante — die, die in marokkanischen Haushalten als Ausgangspunkt gilt, von dem aus jede Familie ihre eigenen Anpassungen vornimmt. Wer keinen Berrad besitzt, nimmt einen kleinen Edelstahlkessel oder eine Teekanne mit dickem Boden, die direkt auf der Flamme stehen darf.

Zutaten

  • 1 Liter weiches Wasser (bei hartem Leitungswasser empfiehlt sich gefiltertes oder stilles Mineralwasser)
  • 8–10 g Gunpowder-Grüntee (etwa 2 gehäufte Esslöffel)
  • 20–30 g frische Minze, möglichst Nanah-Minze, ein großer Bund mit Stielen
  • 4–6 Stück Würfelzucker, etwa 30–40 g

Zubereitung

  1. Wasser im Kessel zum Kochen bringen.
  2. Den Tee in den Berrad geben. 100 ml des kochenden Wassers darübergießen, eine halbe Minute schwenken, das Wasser wegschütten. Diese Waschung entfernt Staub und nimmt die erste Bitternote.
  3. 800 ml kochendes Wasser nachgießen. Den Berrad auf kleine Flamme stellen und drei Minuten ziehen lassen, ohne stark zu kochen.
  4. Die Minze — gesamte Sträuße mit Stielen — und den Zucker hinzufügen. Weitere zwei Minuten köcheln.
  5. Ein Glas voll Tee ausschenken, in den Berrad zurückgießen. Diesen Vorgang zwei- bis dreimal wiederholen, damit sich der Zucker gleichmäßig verteilt.
  6. Aus etwa dreißig Zentimetern Höhe in die Gläser einschenken. Wenn sich auf jeder Oberfläche ein dünner Schaum (turban) bildet, ist der Tee richtig gemacht.

Die drei Gläser werden nacheinander aus demselben Kessel gereicht. Zwischen den Ausschankrunden bleibt der Berrad warm auf der kleinen Flamme; die Blätter ziehen weiter, und mit jedem Glas verschiebt sich der Geschmack ein wenig — genau jene Verschiebung, die die Sprüche der Stadt und der Sahara auf entgegengesetzte Weise beschreiben.

Ein paar Hinweise aus der Praxis. Wasser über 100 °C gibt es im Topf nicht, aber Wasser unter 95 °C macht für diese Rezeptur einen spürbaren Unterschied; wer nur den Wasserkocher benutzt, sollte ihn direkt vor dem Aufgießen noch einmal aufkochen. Getrocknete Minze funktioniert technisch — das Ergebnis ist allerdings flacher, mit einer staubigen Note, die der frischen Pflanze fehlt; im Notfall lieber einen kleineren Bund frischer europäischer Pfefferminze als ein Päckchen aus dem Regal. Der Zucker soll noch in der Wärme des Kessels gelöst werden, nicht später im Glas; sonst bleibt er körnig am Boden liegen. Und der hohe Einschank ist kein Showeffekt: Der lange Fall durch die Luft kühlt den Tee leicht ab und mischt feine Luftbläschen unter, die als turban sichtbar werden. Ohne ihn schmeckt Atay deutlich plumper.

IV. Marokkanischer Minztee aus chinesischen Teegärten: drei Varianten

Die klassische Rezeptur ist ein eingespieltes Gleichgewicht aus fünf Größen: hitzeresistentem, pfannengeröstetem Grüntee, kochendem Wasser, langer Ziehzeit, viel Minze und viel Zucker. Diese fünf halten einander in Schach. Verschiebt man eine — etwa die Teesorte —, müssen sich die anderen mitbewegen, sonst kippt das ganze Gefüge. Wer den Gunpowder durch einen empfindlichen japanischen Sencha ersetzt, das kochende Wasser und die fünf Minuten Ziehzeit aber beibehält, bekommt einen herben, dünnen Aufguss, mit dem niemand zufrieden sein kann. Die Schuld liegt nicht bei der Sencha. Sie liegt bei der unveränderten Restrechnung.

Daraus folgt eine Beobachtung, die in Marokko aus historischen Gründen nie eine Rolle gespielt hat, in einem Berliner oder Münchner Teeschrank aber durchaus relevant ist: Die traditionelle Wahl von Gunpowder und Chunmee war nie eine Frage der idealen Eignung. Es waren die Tees, die im 19. Jahrhundert per Schiff bis Mogador kamen. Andere chinesische Teegärten bringen Blätter hervor, die sich mit Minze und Zucker zu einem ebenso bewegenden Getränk verbinden lassen — vorausgesetzt, man bewegt das System mit. Die folgenden drei Varianten zeigen, wie das geht.

Blatt Hitzetoleranz Temperatur °C Zeit Minuten Minze Bundgröße Zucker Gramm Gleichgewicht
Die fünf Größen des Atay-Gleichgewichts. Verschiebt sich eine, müssen die anderen mit.
Variante Tee Temperatur Ziehzeit Minze Zucker (pro Liter)
Klassisch Gunpowder (珠茶) 100 °C 5 min großer Bund 30–40 g
Chunmee 春眉 95 °C 4 min großer Bund 20–25 g
Enshi Yulu 恩施玉露 75 °C 90 sec halber Bund 15 g
Shoumei 壽眉 (Weißtee) 85 °C 2 min ein Drittel 5 g oder keiner

Chunmee — die naheliegende Verschiebung

Chunmee — auf Chinesisch 春眉, „Frühlings-Augenbraue“ — stammt aus derselben Region wie Gunpowder, denselben Hängen in Zhejiang. Pfannengeröstet wie sein Verwandter, aber zu länglichen, leicht gekrümmten Blättern gerollt statt zu Kugeln. Beide Tees teilten im 19. Jahrhundert dieselben Schiffsladungen nach Mogador; in marokkanischen Souks lag und liegt Chunmee neben Gunpowder, ohne dass jemand viel Aufhebens darum macht.

Wer von Gunpowder auf Chunmee wechselt, muss am System fast nichts verändern. Die Blätter sind etwas leichter, geben ihre Stoffe ein wenig schneller ab; man senkt die Temperatur um wenige Grad — fünfundneunzig statt hundert — und kürzt die Ziehzeit um eine Minute. Beim Zucker lässt sich getrost ein Drittel sparen, weil das Blatt weniger Catechine nachschiebt und das Verhältnis von selbst freundlicher wird. Die Minzemenge bleibt unverändert.

Das Ergebnis ist heller in der Tasse, gelblicher als die dunkle, fast bräunliche Gunpowder-Brühe. Im Geruch tritt die krautige Seite stärker hervor, das leicht Rauchige der Gunpowder fehlt. Wer das traditionelle Atay-Erlebnis sucht und dabei einen Schritt zurück in Richtung des Tees selbst tun will, ist mit Chunmee genau richtig.

Enshi Yulu — eine grüne Brücke nach Japan

恩施玉露 (Ēnshī Yùlù), „Jade-Tau aus Enshi“, kommt aus den Bergen Westhubeis, einer Region zwischen acht- und zwölfhundert Höhenmetern, die für ihre selenreichen Böden bekannt ist. Der Tee ist eine Seltenheit unter chinesischen Grüntees: Er wird gedämpft, nicht in der Pfanne geröstet. Diese Verarbeitung war im Song-Reich (10.–13. Jahrhundert) die Norm; in China wurde sie später vom Pfannenrösten verdrängt, in Japan hielt sie sich. Wer Enshi Yulu neben einen guten japanischen Sencha legt, sieht zwei sehr ähnliche, schmal gerollte Nadeln — die Verwandtschaft ist nicht zufällig.

Mit dieser Verwandtschaft kommen ihre Empfindlichkeiten. Das Blatt ist zart, gibt seine Stoffe schnell ab und reagiert auf kochendes Wasser sofort mit einem Übermaß an Catechinen und einem dünnen, grasigen Beigeschmack. Wer aus Enshi Yulu Atay machen will, muss das System spürbar umstellen: Die Wassertemperatur sinkt auf fünfundsiebzig Grad — entweder durch Abkühlenlassen für drei bis vier Minuten nach dem Aufkochen oder durch Mischung mit kaltem Wasser im Verhältnis zwei zu eins. Die Ziehzeit verkürzt sich auf neunzig Sekunden. Die Minzemenge halbiert man, weil sie ein deutlich feineres Teearoma nicht erdrücken soll. Auch der Zucker wird halbiert.

Was dabei entsteht, schmeckt ungewohnt: frisch, fast meerig im Anflug, mit der Aminosäure-Süße, die japanischen Schattentees ihren Umami-Charakter gibt. Die Minze sitzt darüber wie eine eigene Schicht, nicht eingeschmolzen, sondern gegenübergesetzt. Es ist nicht mehr der Atay aus Marrakesch — es ist eine östliche Variante, die zeigt, was Minze mit einem völlig anderen Grünteetypus ergeben kann.

Shoumei — die Grenze des Grüns

Hier wird der Rahmen verlassen. 壽眉 (Shòuméi), „Augenbraue der Langlebigkeit“, ist kein Grüntee, sondern ein Weißtee aus den nördlichen Bergen Fujians, vor allem aus den Bezirken Fuding und Zhenghe. Die Verarbeitung ist die einfachste in der chinesischen Teefamilie: Die Blätter werden gewelkt und getrocknet, sonst nichts. Keine Pfanne, keine Hand, die rollt; nur Zeit und Luft. Was dabei entsteht, ist ein Tee mit niedrigem Gerbstoffgehalt, einer feinen Honignote und — bei gereiftem Shoumei — Anklängen von Datteln und getrockneten Früchten.

Diesen Tee mit Minze und Zucker zu kombinieren, ist eine Bewegung über die Familiengrenze hinweg. Man arbeitet bei fünfundachtzig Grad, lässt zwei Minuten ziehen, nimmt nur ein Drittel der traditionellen Minzemenge und verzichtet weitgehend auf den Zucker — fünf Gramm reichen, und sie dienen nicht mehr dazu, Bitterkeit abzufangen, sondern die ohnehin vorhandene Honignote des Tees zu unterstreichen.

Das Ergebnis trägt den Namen Atay nicht mehr mit vollem Recht. Es ist ein neues Getränk, eines, in dem die Minze nicht über dem Tee schwebt, sondern neben ihm steht, und in dem der Zucker fast unsichtbar wird. Eine winterliche, getragenere Version, die mehr mit einer abendlichen Tasse zu tun hat als mit dem Mittagsritual in Marrakesch. Wer einmal verstanden hat, dass die Marokkaner sich ihren Tee aus dem genommen haben, was im 19. Jahrhundert zu ihnen kam, kann sich erlauben, das gleiche Spiel mit anderen Pflanzen weiterzuspielen.

Was die traditionelle Rezeptur vorgibt, ist deutlich weniger als das, was sie zulässt.

Glossar

atay
arab./marokk., „Tee“ — speziell der Minztee. Das tägliche Getränk Marokkos und Symbol der Gastfreundschaft.
Berrad
arab., bauchiger Teekessel mit langer, geschwungener Tülle. Traditionell aus Zinn, heute meist aus versilbertem Messing oder Edelstahl.
Sinia
arab., das große runde Tablett aus Messing oder Silber, auf dem Atay serviert wird.
Nanah
Mentha spicata var. nanah, marokkanische Krauseminze. Süßer und mentholärmer als europäische Pfefferminze.
Shība
Artemisia arborescens, Baum-Wermut. Winterzusatz, gibt dem Tee eine bittere Note.
Lwiza
Aloysia citrodora, Zitronenverbene. Sommerzusatz, zitrushelle Schärfe.
mūl atay
arab., „Herr des Tees“. Hofposten am marokkanischen Sultanat zur Verwaltung des Teezeremoniells.
Mogador
älterer, im 19. Jahrhundert geläufiger Name der atlantischen Hafenstadt Essaouira.
Maghreb
arab., „der Westen“. Sammelbezeichnung für Nordafrika westlich Ägyptens — Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen.
珠茶 Zhū Chá
„Perlentee“, chin. Gunpowder. Pfannengerösteter Grüntee aus Zhejiang, zu kleinen Kugeln gerollt.
春眉 Chūnméi
„Frühlings-Augenbraue“, Chun Mee. Pfannengerösteter Grüntee aus Zhejiang, länglich gerollt.
恩施玉露 Ēnshī Yùlù
„Jade-Tau aus Enshi“, gedämpfter Grüntee aus den selenreichen Bergen Westhubeis. Verwandt mit japanischem Sencha.
壽眉 Shòuméi
„Augenbraue der Langlebigkeit“, Weißtee aus Fujian (Fuding und Zhenghe). Niedriger Gerbstoffgehalt, mit feiner Honignote.

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