Eine Wanderung durch die Begriffe der japanischen Teeästhetik
Der Riss 罅
Eine Teeschale liegt in der Hand. Die Glasur sitzt ungleich, an einer Stelle dünn, an einer anderen zu dick gelaufen. Der Rand verläuft nicht rund, der Fuß ist grob beschnitten, und über die Wand zieht sich ein Riss, von der Lippe bis zum Bauch, mit Gold gefüllt. Der Riss wurde nicht versteckt. Er wurde mit Gold nachgezogen, damit das Auge ihn findet.
Diese Schale ist das Gegenteil dessen, was anderswo als schön gilt. Sie ist nicht rund, nicht glatt, nicht voll, nicht reich. Eine griechische Vase strebt zur Symmetrie, eine Tang-Schale zur vollkommenen Glasur, ein Tafelsilber zum Glanz. Diese Schale strebt nirgendwohin. Sie steht im Tokonoma der Teehütte, und unter den Geräten des Hauses gilt sie als das kostbarste.
Hier beginnt eine Frage, die sich nicht von selbst beantwortet. Warum stellt eine Kultur das Unfertige über das Fertige, das Arme über das Reiche, den Riss über die heile Wand? Die Worte, die diese Frage tragen, sind aus Japan in den Westen gewandert, wabi, sabi, und mit ihnen ein Dutzend weiterer. Im Westen tragen sie meist eine Übersetzung, die zu rasch zufrieden ist. Was sie bezeichnen, liegt vor der Übersetzung, in den Worten selbst, dort, wo sie herkommen.
Wabi, Sabi 侘・寂
Das Wort wabi 侘 kommt von einem Verb, wabu. In den ältesten Gedichten, im 《万葉集》 Man'yōshū, steht es für den Schmerz einer Liebe, die nicht erwidert wird, für das Verzagen, für das Leiden an der eigenen Lage. Wabu nennt die Armut, die Einsamkeit, das Verdrängtsein an den Rand, die Ferne zum Begehrten. In den Gedichten der Heian-Zeit klagt das Wort über das Unglück und die Verlassenheit. Es war kein schönes Wort. Es war das Wort für das Misslingen.
Das Wort sabi 寂 trägt eine ähnliche Last. Es steht dem Verb sabu nahe und dem, was im Deutschen veröden hieße, dem Verfall eines Ortes, von dem die Menschen fortgegangen sind, der Stille, die zurückbleibt, wenn das Leben sich entfernt hat. Daneben steht das buddhistische jaku, die Stille der Versenkung. Sabi ist das Alte, das Verwitterte, der Rost, das Moos auf dem Stein, die Spur, die die Zeit in den Dingen hinterlässt, während sie vergehen.
Beide Worte begannen unten. Das eine im Liebeskummer, das andere im Verfall. Im Lauf der Jahrhunderte kehrten sie sich um, und am Ende standen sie ganz oben, als die höchsten Worte für das Schöne. Die Armut wurde zur Genügsamkeit, in der das Herz satt wird. Das Verwittern wurde zur Würde des Gewordenen. Nichts an den Dingen änderte sich. Was sich änderte, war der Ort, von dem aus man sie ansah. Vom selben Riss sagt das eine Auge, hier ist etwas zerbrochen, und das andere, hier ist etwas geworden.
Hie, Yase, Karabita 冷え・痩せ・枯れ
Wabi und sabi stehen am Anfang einer Reihe von Worten, die alle in dieselbe Richtung zeigen, weg vom Vollen, weg vom Reichen. Im längeren Zuhören treten die kälteren unter ihnen hervor. Hie 冷え, die Kälte. Schon der Renga-Dichter Shinkei sprach im fünfzehnten Jahrhundert von einem Vers, der hie-yase-taru sein solle, kalt und mager, abgekühlt bis auf den Kern, von allem Überfluss befreit. Die Kälte war für ihn kein Mangel. Sie war der Zustand, in dem ein Gedicht zur Sache selbst kam.
Daneben die anderen. Yase 痩せ, die Magerkeit, das Knappe, das auf den Knochen Reduzierte. Karabita 枯びた, das Vertrocknete, dem der Saft entzogen ist, wie das Holz, das lange im Wind stand. Jimi 地味, das Unscheinbare, das ohne Glanz, das Gedämpfte. Und shibui 渋い, ein Wort, das zuerst den herben Geschmack der unreifen Kaki-Frucht meint, das Zusammenziehende auf der Zunge, und das von dort in die Dinge wandert, in die zurückhaltende, strenge, ungeschminkte Schönheit.
Alle diese Worte ziehen ab, nehmen weg, entfernen. Sie nehmen die Wärme, das Fleisch, den Saft, den Glanz. Am Ende der Subtraktion müsste das Nichts stehen, die Leere, der kahle Raum. Doch dort, wo nichts mehr wegzunehmen ist, beginnt eine andere Fülle. Der kahle Vers Shinkeis trägt mehr als der geschmückte. Das magere Ding sagt mehr als das reiche. Was bis auf den Kern abgekühlt ist, hält die ganze Wärme in sich verborgen.
Und doch ist dies nicht die einzige Stimme. Im Edo der Kaufleute und Geishas wuchs ein anderes Ideal, iki 粋, das Schicke, das Mondäne, das Pikante, eine Schönheit der gepflegten Erscheinung und des leichten Reizes, dem Mager-Kalten fremd. Dasselbe Land trug zur selben Zeit die Kälte des Teemanns und den Glanz des Stadtmenschen. Die Subtraktion ist ein Weg Japans, nicht der einzige.
Wa Kei Sei Jaku 和敬清寂
Vier Zeichen fassen den Geist des Teewegs, wa kei sei jaku 和敬清寂. Sie werden Rikyū zugeschrieben und gelten als das Herz des Sadō. Jedes Zeichen steht für sich, und doch meinen die vier zusammen eine einzige Sache.
Wa 和, die Eintracht. Das Zusammenstimmen des Verschiedenen, nicht das Verschmelzen zu einem, wie Gast und Gastgeber, Feuer und Wasser, Sommer und Schale im Gleichgewicht stehen. Kei 敬, die Achtung. Die Haltung gegenüber dem anderen Menschen und gegenüber dem geringsten Gerät, dem Löffel, dem Tuch, dem Wasserkessel, jedem auf gleiche Weise. Sei 清, die Reinheit. Der gefegte Pfad, das frische Wasser, die gewischte Schale, eine Reinheit der Geräte, die zugleich eine des Herzens meint. Jaku 寂, die Stille. Dasselbe Zeichen wie in sabi, hier am Ende der Reihe, die Ruhe, die bleibt, wenn Eintracht, Achtung und Reinheit beisammen sind.
Die vier Zeichen lassen sich einzeln lesen, doch sie stehen nicht nebeneinander wie vier Tugenden auf einer Liste. Das eine geht ins andere über. Aus der Achtung kommt die Eintracht, aus der Eintracht und der Reinheit kommt die Stille. Vier Zeichen, ein Zustand, von vier Seiten gesehen. Das letzte Zeichen, jaku, ist dasselbe Verwittern, dieselbe Stille des entvölkerten Ortes aus dem zweiten Wort dieses Textes. Was als Schmerz und Verfall begann, steht am Ende als das Ziel des ganzen Weges.
Ichigo Ichie 一期一会
Im Westen trägt ichigo ichie 一期一会 meist eine rührende Übersetzung, die Begegnung, die es nur einmal im Leben gibt. Daraus wird ein Spruch für das Flüchtige, für den einmaligen Moment, für die Romantik des Vergänglichen. Der Ursprung sagt etwas Strengeres. Ichigo 一期 ist ein buddhistisches Wort für die Spanne von der Geburt bis zum Tod, für ein ganzes Leben. Ichie 一会, eine Zusammenkunft.
Die Wendung steht zuerst beim Rikyū-Schüler Yamanoue Sōji, in dessen 《山上宗二記》 Yamanoue Sōji ki es heißt, der Gast solle den Gastgeber ehren, als wäre die Zusammenkunft eine einmalige im ganzen Leben. Ihre feste Form gab ihr im neunzehnten Jahrhundert Ii Naosuke, der Regent, in seinem 《茶湯一会集》 Chanoyu ichie shū. Dort steht der Gedanke ausgeschrieben. Auch wenn dieselben Gäste und derselbe Gastgeber sich viele Male treffen, kehrt die heutige Zusammenkunft nie wieder, und darum muss jeder sie mit ganzer Aufmerksamkeit begehen. Nicht die seltene Begegnung ist gemeint, sondern die wiederholbare, die dennoch jedes Mal unwiederbringlich ist.
Daneben steht ein zweites Wort, cha-zen ichi-mi 茶禅一味, der eine Geschmack von Tee und Zen. Eine Legende lässt es auf eine Schrift des Chan-Meisters Yuanwu Keqin zurückgehen, die über Ikkyū an Murata Jukō gelangt sei und so die Verbindung von Tee und Zen begründet habe. Die Belege fehlen. Die Geschichte taucht erst in Teebüchern ein bis zwei Jahrhunderte später auf, ein Ursprungstext für die vier Zeichen ist nirgends zu finden, und als feststehende Formel wird cha-zen ichi-mi erst im zwanzigsten Jahrhundert verbreitet. Die vier Zeichen sind eine nachträgliche Ausstattung einer Verwandtschaft, die älter ist als ihr Name. Tee hielt die Mönche wach, der Tee wuchs bei den Klöstern, und das Trinken ohne Eile gehörte zur Versenkung, lange bevor jemand vier Zeichen darüber schrieb.
Ma 間
Zwischen den Dingen liegt das ma 間, der Zwischenraum. Das Zeichen zeigt die Sonne im Spalt eines Tors, das Licht zwischen zwei Flügeln. Ma ist die Pause zwischen zwei Tönen, der leere Boden zwischen den Geräten, der Augenblick, in dem nach dem Eingießen niemand spricht. In der Teehütte trägt das Leere so viel wie das Volle. Der gefegte Boden, die kahle Wand, die eine Blume im sonst leeren Raum, sie leben von dem, was nicht da ist. Das Leere ist nicht das Fehlen. Es ist das, was den Dingen Raum gibt zu sein.
Durch diesen Raum geht das ki 気, der Atem, die Stimmung, die Spannung, die zwischen den Anwesenden steht, ohne dass ein Wort sie nennt. Das ki einer Zusammenkunft steigt und fällt mit dem Wasser, das zu kochen beginnt, mit dem Licht, das sich ändert, mit dem Schweigen, das sich füllt oder leert. Es ist nicht zu fassen und doch von jedem im Raum zu spüren.

Am Anfang lag eine Schale in der Hand, mit Gold im Riss. Die Frage war, warum eine Kultur den Riss über die heile Wand stellt. Die Worte geben keine Antwort, die sich in einen Satz fügt. Sie zeigen eine Richtung. Das Misslungene wird zum Genügsamen, das Verwitterte zur Würde, das Magere zur Fülle, das Leere zum Raum. Der Riss bleibt ein Riss. Das Gold zieht ihn nur nach, damit das Auge nicht über ihn hinweggeht. Es verweilt bei ihm, dort, wo das Licht hereinkommt.
Glossar
Wabi 侘 — Vom Verb wabu, im Altertum der Schmerz der unerwiderten Liebe und des Misslingens. Später die Genügsamkeit, die im Armen und Schlichten satt wird.
Sabi 寂 — Verwandt mit dem Veröden eines Ortes und mit der buddhistischen Stille jaku. Die Würde des Alten, Verwitterten, von der Zeit Gezeichneten.
Hie 冷え — Die Kälte. Beim Renga-Dichter Shinkei das Ideal des bis auf den Kern abgekühlten Verses.
Yase 痩せ — Die Magerkeit, das auf das Knappe Reduzierte.
Karabita 枯びた — Das Vertrocknete, dem der Saft entzogen ist.
Jimi 地味 — Das Unscheinbare, Gedämpfte, ohne Glanz.
Shibui 渋い — Zuerst der herbe Geschmack der unreifen Kaki, dann die strenge, ungeschminkte Zurückhaltung.
Iki 粋 — Das Schicke, Mondäne der Edo-Stadtkultur, dem Mager-Kalten entgegengesetzt.
Wa Kei Sei Jaku 和敬清寂 — Eintracht, Achtung, Reinheit, Stille. Die vier Zeichen für den Geist des Sadō, Rikyū zugeschrieben.
Ichigo ichie 一期一会 — Ein Leben, eine Zusammenkunft. Auch bei wiederholten Treffen kehrt die heutige Zusammenkunft nie wieder. Geprägt von Ii Naosuke im 《茶湯一会集》.
Cha-zen ichi-mi 茶禅一味 — Der eine Geschmack von Tee und Zen. Eine Formel ohne nachweisbaren Ursprungstext, als feste Wendung erst im zwanzigsten Jahrhundert verbreitet.
Ma 間 — Der Zwischenraum, die Pause, das Leere, das den Dingen Raum gibt.
Ki 気 — Der Atem, die Stimmung, die ungenannte Spannung im Raum.
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