Chalu (Zhang Yuan) — ein Bericht des losen Aufgusses, 1595


I. Eine Insel im Taihu-See.

Südwestlich von Sūzhōu 蘇州 liegt der Taihu 太湖. Im See liegt eine Insel, die größte. Sie heißt Dòngtíng Xīshān 洞庭西山. Auf alten Karten steht ihr älterer Name, Bāoshān 包山. Auf dieser Insel lebte ein Mann namens Zhāng Yuán 張源, mit dem Künstlernamen Qiáohǎi Shānrén 樵海山人, der Mann am Holzfäller-Meer. Er bekleidete kein Amt. Er stammte aus keiner bekannten Familie. Er hinterließ kein anderes Buch.

In dem kurzen Vorwort, das einem Freund zu verdanken ist, steht ein Satz, der drei Worte enthält. Ohne Unterschied zwischen Hitze und Kälte, dreißig Jahre. So beschreibt Gù Dàdiǎn 顧大典 das Leben Zhang Yuans auf der Insel. In den Bergtälern, lesend in den Schriften der hundert Schulen. Zwischen dem Lesen schöpfte er Wasser aus der Quelle und kochte Tee, sich selber zur Freude. Dreißig Jahre.

Gù Dàdiǎn, 1541 in Wújiāng am Taihu geboren, war zehn Jahre zuvor in den Ruhestand zurückgekehrt. Im Jahr 1568 hatte er das Examen bestanden, war im Süden tätig gewesen, zuletzt als Schulinspektor in Fujian. 1587 verließ er den Dienst. In Sūzhōu lernte er Zhang Yuan kennen. Auch Chén Jìrú 陳繼儒, der literarische Wortführer des späten Ming und ein Freund Gù Dàdiǎns, schätzte den Mann auf der Insel. Sie nannten ihn der Dǒng Hú 董狐 des Tees. Dǒng Hú war ein Geschichtsschreiber des Staates Jin in der Frühlings- und Herbstperiode, bekannt für den geraden Pinsel.

Während dieser dreißig Jahre führte der Wànlì 萬曆-Kaiser den Krieg gegen Japan in Korea. Der Kaiser selbst hatte sich vom Hof zurückgezogen, dreißig Jahre lang erschien er nicht zu den Audienzen. Matteo Ricci 利瑪竇 unterrichtete in Nanjing und wartete auf die Erlaubnis, nach Peking weiterzuziehen.

Auf der Insel schöpfte Zhang Yuan Wasser aus der Quelle, prüfte das Feuer, sortierte Blätter, schrieb. Nach dreißig Jahren legte er das Ergebnis in fünfzehnhundert Schriftzeichen nieder. Gù Dàdiǎn las das Manuskript, schrieb das Vorwort und fügte hinzu: Tausend, ja hunderttausend Worte konnte ich von ihm bekommen.


II. Fünfzehnhundert Schriftzeichen.

Das Buch heißt Chalu 茶錄, Aufzeichnungen über den Tee. Im Sammelband der Teeschriften, dem späteren Chá Shū Quán Jí 茶書全集, ist es im Buchblock unter dem ausführlicheren Titel Zhāng Bǎiyuān Chalu 張伯淵茶錄 abgedruckt, nach dem Großjährigkeitsnamen des Verfassers. Es umfasst rund fünfzehnhundert Schriftzeichen, aufgeteilt in dreiundzwanzig Abschnitte. Der längste hat etwa hundertzehn Zeichen, der kürzeste fünfzehn.

Achthundert Jahre zuvor hatte Lu Yu, der Sohn eines Klosters in Hubei, ein anderes Buch geschrieben. Das Chajing 茶經. Etwa siebentausend Schriftzeichen. Drei Bände, zehn Kapitel. Es legte den Maßstab seiner Zeit fest. Lu Yu, siebenhundertachtzig. Zhang Yuan, fünfzehnhundertfünfundneunzig. Zwei Pfähle, achthundertfünfzehn Jahre dazwischen.

Es gibt noch ein anderes Buch mit demselben Namen. 1051 schickte Cài Xiāng 蔡襄, Aufsichtsbeamter der Tribut-Teemanufaktur im nördlichen Fujian, ein Manuskript an den Kaiser. Es hieß ebenfalls Chalu. Es berichtete von gepressten Tee-Kuchen, vom Mahlen, vom Aufschlagen des Pulvers, von schwarzglasierten Schalen aus Jian'an. Zhū Quán 朱權, ein Prinz der frühen Ming, schrieb 1440 sein Chapu 茶譜, das den Übergang dokumentierte: lose Blätter, doch noch immer zermahlen, noch immer aufgeschlagen. Zwischen den beiden Büchern liegt das Edikt des Hóngwǔ 洪武-Kaisers von 1391, das den Tribut gepresster Tee-Kuchen abschaffte. Zhang Yuan steht am anderen Ende dieser zweihundert Jahre. Zwei Bücher, derselbe Name. Zwei verschiedene Dinge.

Cài Xiāng schrieb an den Kaiser. Huizong schrieb für sich selbst. Zhū Quán schrieb für daoistische Freunde. Zhang Yuan schrieb für ein paar Freunde am Taihu. Es gab keinen Auftrag, keine Druckerlaubnis, keinen Hof. Gù Dàdiǎns Satz vom Tausend, ja hunderttausend Worte zeigt, wie das Buch zuerst gelesen wurde: in einem Kreis von zwei oder drei.


III. Dreiundzwanzig Abschnitte.

Die dreiundzwanzig Abschnitte folgen einer leisen Ordnung: vom Pflücken bis zur Aufbewahrung der fertigen Blätter, vom Wasser bis zur Schale, vom Erkennen des Siedens bis zur Wahrung des Tees als Tee. Jeder Abschnitt steht für sich. Jeder ist eine Kristallzelle.

Vier Abschnitte zur Bereitung. Vom Strauch bis zum Vorratskrug.

採茶 cǎichá. Das Pflücken. Fünf Tage vor Gǔyǔ 穀雨, dem Saatregen-Knoten, ist die beste Stunde. Im Tau gepflückte Blätter stehen oben. Bei Sonne der Mitte tiefer. Bei Regen nicht.

造茶 zàochá. Das Bereiten. Pfannenröstung, kurzes Rollen, erneutes Trocknen. Es ist eine feine Verborgenheit darin, die sich der Worte entzieht. Genaueres im vierten Kapitel.

辨茶 biànchá. Das Erkennen. Das Wunderbare am Tee liegt in der Genauigkeit der Bereitung, der rechten Lagerung, dem rechten Aufguss. Den Rest des Buches gliedert dieser Satz.

藏茶 cángchá. Das Lagern. Frischer Tee zunächst in einer alten Schachtel, mit Papier verschlossen, drei Tage. Dann erneut bei kleinem Feuer trocknen. In einem Krug aufbewahren, fest mit Schilfblättern abgepolstert. Die Luft soll heraus.

Sechs Abschnitte zum Kochen und Aufgießen. Vom Feuer bis zum Mund.

火候 huǒhòu. Das Maß des Feuers. Wenn die Glut rot durchscheint, kommt die Kanne aufs Feuer. Der Fächer hebt sich erst leicht, dann mit Klang. Zu sanftes Feuer macht das Wasser weich, zu starkes Feuer überrennt den Tee.

湯辨 tāngbiàn. Das Erkennen des Siedens. Drei große Zeichen, fünfzehn kleine. Garnelen-Augen, Krebs-Augen, Fisch-Augen, Perlenketten. Noch keimendes Wasser. Erst wenn die Wellen die Oberfläche durchbrechen und der Dampf gerade aufsteigt, ist es reif.

湯用老嫩 tāng yòng lǎo nèn. Das Junge und das Alte im Wasser. Cài Xiāng wollte das Wasser jung. Sein Tee war zu Staub gemahlen, der Tee-Geist musste sofort aufgehen. Heute geht das Blatt als Ganzes ins Wasser. Da muss das Wasser alt sein. Fünfmal sieden, dann gibt der Tee seine drei Wunder.

泡法 pàofǎ. Das Aufgießen. Wasser entnehmen, etwas in die Kanne gießen, ausschütten, dann den Tee einlegen. Genaueres im fünften Kapitel.

投茶 tóuchá. Das Werfen des Tees. Drei Ordnungen, nach Jahreszeit. Genaueres im sechsten Kapitel.

飲茶 yǐnchá. Das Trinken. Allein trinken heißt still. Zu zweit heißt gewonnen. Zu dritt oder viert heißt Vergnügen. Zu fünft oder sechst heißt weit. Zu siebt oder acht heißt Spende. Je weniger Gäste, desto feiner der Tee.

Fünf Abschnitte zum Erkennen. Duft, Farbe, Geschmack, das Verfälschen, das Verderben.

xiāng. Der Duft. Vier richtige Düfte: der wahre, der orchideenhafte, der klare, der reine. Vier unreine: der eingehaltene, der durchsickernde, der schwebende, der fragende.

. Die Farbe. Grünlich-blau steht oben. Schaum wie Schnee oben, smaragdgrün in der Mitte, gelb unten. Schwarz, rot und trübe gehören nicht zum Tee.

wèi. Der Geschmack. Süß und mild stehen oben, bitter und herb unten. Zwölf Schriftzeichen, ein ganzer Abschnitt.

點染失真 diǎnrǎn shīzhēn. Verfälschung. Der Tee hat seinen wahren Duft, seine wahre Farbe, seinen wahren Geschmack. Salz im Wasser, Zutaten im Tee, Süßes in der Schale. Jeder Zusatz nimmt das Wahre weg.

茶變不可用 chábiàn bùkěyòng. Was nicht mehr Tee ist. Frischer Tee ist grün. Bei falscher Lagerung wird er erst dunkler, dann gelb, dann schwarz, dann weiß. Im Trinken kühlt er den Magen. Bei langer Zeit setzt sich etwas im Körper ab.

Drei Abschnitte zum Wasser.

品泉 pǐnquán. Das Beurteilen der Quelle. Der Tee ist der Geist des Wassers, das Wasser der Leib des Tees. Bergquellen oben sind klar und leicht, Bergquellen unten klar und schwer. Was über gelben Stein fließt, ist gut. Was aus grünem Stein hervorbricht, ist nicht zu gebrauchen. Die wahre Quelle ist ohne Geschmack, das wahre Wasser ist ohne Duft. Den vollen Abschnitt enthält der Anhang.

井水不宜茶 jǐngshuǐ bùyí chá. Brunnenwasser nicht für Tee. Hier zitiert Zhang Yuan Lu Yu zum einzigen Mal beim Namen. Im Chajing steht: Bergwasser oben, Flusswasser in der Mitte, Brunnenwasser unten. Liegt der Wohnort fern von Bergen und Flüssen und fehlt das Quellwasser, nimmt man reines Brunnenwasser, hegt es mit Bambus und Stein, lässt das Sonnenlicht hinein, mildert die Strenge der Mittagshitze.

貯水 zhùshuǐ. Das Bewahren des Wassers. Der Wasserkrug steht im schattigen Hof, mit dünnem Tuch bedeckt. So nimmt er die Luft der Sterne und des Taus auf. Wird er mit Holz oder Stein beschwert oder in die Sonne gestellt, verliert sich die Spannung des Wassers.

Fünf Abschnitte zum Gerät und zum Schluss.

茶具 chájù. Das Gerät. Der Mann der Maulbeerwedel kochte den Tee mit einer Silberkelle. Der Mann der Maulbeerwedel ist Lu Yu, einer seiner Beinamen. Zuerst Silber, dann Porzellan, schließlich wieder Silber. Zhang Yuan setzt sich daneben: für die Hütte in den Bergen genügt eine Zinnkelle. Kupfer und Eisen kommen nicht in Frage.

茶盞 cházhǎn. Die Schale. Schalen schneeweiß oben. Bläulich-weiße daneben.

拭盞布 shìzhǎn bù. Das Tuch zum Schalenputz. Feines Hanftuch. Alles andere ist unrein.

茶衛 cháwèi. Die Wahrung. Beim Bereiten genau. Beim Lagern trocken. Beim Aufgießen rein. Genau, trocken, rein, damit ist der Weg des Tees gesagt. Neun Schriftzeichen für ein Buch.

分茶盒 fēnchá hé. Die Teedose. Aus Zinn. Aus dem großen Krug entnimmt man, was gebraucht wird, und nimmt wieder, wenn aufgebraucht.


IV. Wokröstung. Über das Trocknen der Blätter im Eisenkessel.

Der zweite der dreiundzwanzig Abschnitte heißt 造茶, das Bereiten. Auf das Pflücken folgt unmittelbar das, was aus dem frisch gepflückten Blatt einen trinkbaren Tee macht. In diesen knapp achtzig Schriftzeichen steht die früheste systematische Niederschrift einer Arbeit, die heute jeder grüne Tee im Süden Chinas durchläuft: das Trocknen im glühenden Eisenkessel, das Wokrösten.

Hundertfünfundfünfzig Jahre zuvor, in Zhū Quáns Chapu von 1440, wurden die Blätter noch gedämpft. 蒸青 zhēngqīng, grünes Dämpfen, war die Methode der Song-Zeit, von Lu Yu übernommen, von den Tribut-Manufakturen in Jian'an verfeinert. Bei Zhang Yuan wird der Tee in der heißen Pfanne geröstet. 炒青 chǎoqīng, grünes Rösten. Die neue Technik hatte sich im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert in den Tee-Gegenden allmählich durchgesetzt. Zhang Yuan ist nicht ihr Erfinder. Er ist der erste, der sie genau aufschreibt.

「新採,揀去老葉及枝梗碎屑。鍋廣二尺四寸,將茶一斤半焙之,候鍋極熱,始下茶急炒。火不可緩,待熟方退火,徹入篩中,輕團那數遍,復下鍋中,漸漸減火,焙乾為度。中有玄微,難以言顯。」

Frisch gepflückte Blätter, die alten Blätter und Stielstücke entfernt. Der Kessel breit zwei Fuß vier Zoll. Eineinhalb Pfund Tee werden geröstet, der Kessel zuerst bis zur Glut erhitzt, dann der Tee schnell hineingegeben und schnell gerührt. Das Feuer darf nicht nachlassen. Wenn der Tee gar ist, das Feuer zurücknehmen, den Tee ins Sieb schütten, einige Male leicht zusammenballen und rollen, wieder in den Kessel geben, das Feuer langsam zurückführen, bis trockengeröstet ist. Es ist eine feine Verborgenheit darin, die sich der Worte entzieht.

Zwei Fuß vier Zoll im Durchmesser des Kessels, in den Maßen der späten Ming, entsprechen etwa siebenundsiebzig Zentimetern. Eineinhalb Pfund Tee sind etwa achthundertachtzig Gramm. Die Zahlen lassen sich überprüfen. Die Bewegung lässt sich nachvollziehen. Die Verborgenheit nicht.

Sieben Schriftzeichen, 中有玄微,難以言顯, schließen den Abschnitt. Eine feine Verborgenheit darin, die sich der Worte entzieht. Dreißig Jahre Arbeit am Kessel werden zu sieben Schriftzeichen. Zhang Yuan schreibt nicht, dass er die Sache verstanden habe. Er schreibt, dass sie nicht zu Ende ausgesprochen werden kann.

Die heutigen chinesischen grünen Tees folgen alle dieser Arbeit. Lóngjǐng 龍井 aus den Hügeln westlich des Westsees in Hangzhou. Xìnyáng Máojiān 信陽毛尖 aus dem südlichen Henan. Bìluóchūn 碧螺春 von den beiden Inseln im Taihu, dem östlichen und dem westlichen Dòngtíng. Diese letzten zwei Inseln sind dieselben, auf denen Zhang Yuan lebte. Der Name Bìluóchūn erscheint zum ersten Mal schriftlich in einem Lied des Dichters Wú Méicūn 吳梅村 (1609—1672), wenige Jahrzehnte nach Zhang Yuans Tod: kleine Trünke Bìluóchūn aus der Schale. Eine Inschrift des Kaisers Kāngxī während seiner Südreise im Jahr 1699 verbreitete den Namen weiter. Drei Tatsachen liegen nebeneinander: der Ort, der Zeitpunkt des ersten schriftlichen Auftretens, die Methode.


V. Aufguss mit kochendem Wasser. Über das Wegfallen von Mahlen und Schlagen.

Der achte Abschnitt heißt 泡法, die Methode des Aufgießens. Achthundert Jahre nach Lu Yus Kochmethode, fünfhundert Jahre nach Cài Xiāngs Aufschlagmethode, fast zweihundert Jahre nach dem Edikt von 1391 steht in diesem Abschnitt zum ersten Mal die vollständige Beschreibung dessen, was heute Tee aufgießen genannt wird: kochendes Wasser auf lose Blätter.

Vier Geräte der Song-Zeit fehlen darin. Die Teemühle 茶磨 chámó, die den Tee-Kuchen zu Pulver mahlte. Das Reibebrett 茶碾 chániǎn, das das Pulver weiter zerrieb. Das Sieb 茶羅 cháluó, das es siebte. Der Bambus-Quirl 茶筅 cháxiǎn, der das Pulver im Wasser zu Schaum aufschlug. Diese vier kommen in den Werken von Cài Xiāng, Huizong und Zhū Quán vor. Bei Zhang Yuan kommen sie nicht vor. Was nicht erwähnt wird, ist nicht mehr in Gebrauch.

「探湯純熟便取起,先注少許壺中,祛盪冷氣,傾出,然後投茶。」

Das Wasser ist voll gar, dann nimmt man es vom Feuer. Zuerst gießt man etwas davon in die Kanne, vertreibt die kalte Luft, schüttet es aus. Dann legt man den Tee ein.

Die Schritte sind die heute noch übliche Praxis. Eine Kanne kommt in den Text. Sie wird nicht beschrieben, nicht aus Ton oder Porzellan, nicht aus Yixing. Nur ihr Verhalten wird beschrieben. Sie soll von der kalten Luft befreit werden, ehe der Tee hineinkommt. Zwischen Wasser und Blatt soll es weder zu viel von dem einen noch zu viel von dem anderen geben: zu viel Tee macht den Geschmack bitter und den Duft schwer, zu viel Wasser macht die Farbe klar und den Geschmack dünn.

Eine Zeile weiter heißt es: 罐熱則茶神不健,壺清則水性常靈. Eine heiße Kanne tut dem Geist des Tees nicht gut, eine saubere Kanne lässt die Beschaffenheit des Wassers lebendig. Geist und Beschaffenheit sind hier handwerkliche Begriffe, keine mystischen. Zhang Yuan schreibt weiter: Eingießen nicht zu früh, trinken nicht zu spät. Zu früh, und der Geist des Tees ist noch nicht aufgegangen; zu spät, und der feine Duft ist schon verflogen.

1391 hatte der Hongwu-Kaiser das Edikt erlassen. 1595 schrieb Zhang Yuan diesen Abschnitt nieder. Zweihundertvier Jahre liegen dazwischen. Was übrigblieb, sind Wasser, Blatt, Kanne und Schale.


VI. Die drei Würfe. Über das Einsetzen des Tees nach Jahreszeit.

Der neunte Abschnitt heißt 投茶, das Werfen des Tees. Er folgt unmittelbar auf das Aufgießen. Im ganzen umfasst er fünfunddreißig Schriftzeichen, die kürzeste der drei Kerntechniken. In diesen fünfunddreißig Zeichen steht die früheste systematische Trennung dreier Methoden, die heute jeder grüne Tee in China nach Jahreszeit zugewiesen bekommt.

「投茶有序,毋失其宜。先茶後湯曰下投,湯半下茶,復以湯滿,曰中投,先湯後茶曰上投。春秋中投,夏上投,冬下投。」

Das Werfen des Tees folgt einer Ordnung. Die rechte Weise nicht verfehlen. Erst der Tee, dann das Wasser, das heißt xiàtóu, Wurf von unten. Wasser zur Hälfte eingegossen, dann der Tee, dann mit Wasser aufgefüllt, das heißt zhōngtóu, Wurf in die Mitte. Erst das Wasser, dann der Tee, das heißt shàngtóu, Wurf von oben. Im Frühling und Herbst zhōngtóu. Im Sommer shàngtóu. Im Winter xiàtóu.

Die Logik liegt im Wassergrad. Im Sommer ist das frische Quellwasser im Kessel rasch sehr heiß, frisches Frühlingsblatt aber ist zart und verbrüht leicht. Erst Wasser, dann Tee. So senkt sich die Temperatur, bevor das Blatt sie trifft. Im Winter dagegen kühlt das heiße Wasser auf dem Weg in die Kanne stark ab. Erst Tee, dann das Wasser darauf. Das stößt den Duft an. Im Frühling und Herbst die Mitte.

Drei Würfe, drei Jahreszeiten, neun Schriftzeichen. 春秋中投,夏上投,冬下投. In den Tee-Akademien der heutigen Provinzen Zhejiang und Jiangsu wird diese Reihe weiterhin als Grundlage gelehrt.


VII. Wasser, Gerät, Schluss.

Die letzten acht Abschnitte stehen alle nahe beieinander, jeder kurz, manchmal nur ein einziger Satz. Sie behandeln das Wasser, das Gerät und die Wahrung des Tees als Tee.

Das Wasser steht im sechzehnten Abschnitt. 茶者水之神,水者茶之體. Der Tee ist der Geist des Wassers, das Wasser der Leib des Tees. Zhang Yuan setzt beide nebeneinander, keines vor das andere. Es folgt eine Liste fünf verschiedener Wässer, Bergspitze, Bergfuß, Stein, Sand, Erde, mit jeweils zwei Eigenschaftspaaren. Quellen, die durch gelbes Gestein fließen, sind gut. Quellen, die aus grünem Gestein hervorbrechen, sind nicht zu gebrauchen. Fließendes Wasser ist besser als stehendes. Schattig liegendes besser als sonnenseitiges. Am Schluss: 真源無味,真水無香. Die wahre Quelle ist ohne Geschmack, das wahre Wasser ist ohne Duft. Den vollen Abschnitt enthält der Anhang.

Das Gerät steht in den Abschnitten neunzehn und zwanzig. Zhang Yuan setzt Lu Yu zur Seite. Der Mann der Maulbeerwedel kochte den Tee mit einer Silberkelle, sagt er, und referiert dann den Bericht Lu Yus über das Auf und Ab zwischen Silber und Porzellan. Sein eigenes Urteil ist knapp: Silber sei den Häusern in roten Stockwerken vorbehalten; für die Hütte zwischen den Bergen genügt eine Zinnkelle. Auch das schadet weder dem Duft noch der Farbe noch dem Geschmack. Kupfer und Eisen sind zu meiden. Bei der Schale schreibt er einen einzigen Satz: Schneeweiß steht oben. Bläulich-weiß daneben. Die schwarzglasierten Jian-Schalen, die zur Zeit Cài Xiāngs und Huizongs den Hof beherrschten, sind nicht mehr im Gesichtsfeld.

Der zweiundzwanzigste Abschnitt heißt 茶衛, die Wahrung. Er lautet vollständig: 造時精,藏時燥,泡時潔。精、燥、潔,茶道盡矣. Beim Bereiten genau. Beim Lagern trocken. Beim Aufgießen rein. Genau, trocken, rein, damit ist der Weg des Tees gesagt. Neun Schriftzeichen. Lu Yus siebentausend werden hier zu neun.

Der letzte Abschnitt, der dreiundzwanzigste, heißt 分茶盒, die Teedose. Er lautet:

Aus Zinn. Aus dem großen Krug entnimmt man, was gebraucht wird, und nimmt wieder, wenn aufgebraucht.


VIII. Zwei Pfähle. 780 / 1595.

Im Jahr 780, in einem Sommer im Süden des Reiches, schloss Lu Yu sein Chajing ab. Siebentausend Schriftzeichen. Drei Bände. Zehn Kapitel. Das Buch legte den Maßstab seiner Zeit fest.

Im Jahr 1595, in den Bergen einer Insel im Taihu, schloss Zhang Yuan sein Chalu ab. Fünfzehnhundert Schriftzeichen. Dreiundzwanzig Abschnitte. Zwischen den beiden Büchern liegen achthundertfünfzehn Jahre. In diesen achthundertfünfzehn Jahren wurde der Tee-Kuchen zur losen Blattmasse, das Kochen zum Aufschlagen, das Aufschlagen zum Aufgießen. Die schwarzglasierte Schale wurde weiß. Mühle, Reibebrett, Sieb und Quirl verschwanden. Lu Yu, siebenhundertachtzig. Zhang Yuan, fünfzehnhundertfünfundneunzig.


Anhang: Zwei Auszüge in Übersetzung.

採茶. Das Pflücken.

「採茶之候,貴及其時,太早則味不全,遲則神散。以穀雨前五日為上,後五日次之,再五日又次之。茶芽紫者為上,面皺者次之,團葉又次之,光面如筱葉者最下。徹夜無雲,浥露採者為上,日中採者次之,陰雨中不宜採。產谷中者為上,竹者次之,爛石中者又次之,黃砂中者又次之。」

Beim Pflücken kommt es auf die Stunde an. Zu früh, und der Geschmack ist nicht voll. Zu spät, und der Geist ist zerstreut. Fünf Tage vor dem Gǔyǔ-Knoten stehen oben, fünf Tage danach folgen, weitere fünf Tage darauf folgen wiederum. Purpurfarbene Knospen stehen oben. Solche mit faltiger Oberfläche folgen. Geballte Blätter folgen. Glatte, schmale wie Bambusblättchen stehen unten. In einer wolkenlosen Nacht im Tau gepflückte Blätter stehen oben. Mittags gepflückte folgen. Bei Regen oder bewölktem Himmel nicht pflücken. Was in Tälern wächst, steht oben. Was zwischen Bambus wächst, folgt. Was zwischen verwittertem Stein wächst, folgt wiederum. Was im gelben Sand wächst, folgt zuletzt.

品泉. Das Beurteilen der Quelle.

「茶者水之神,水者茶之體。非真水莫顯其神,非精茶曷窺其體。山頂泉清而輕,山下泉清而重,石中泉清而甘,砂中泉清而冽,土中泉淡而白。流於黃石為佳,瀉出青石無用。流動者愈於安靜,負陰者勝於向陽。真源無味,真水無香。」

Der Tee ist der Geist des Wassers, das Wasser der Leib des Tees. Ohne das wahre Wasser zeigt sich der Geist nicht. Ohne den feinen Tee lässt sich der Leib nicht erkennen. Bergquellen oben sind klar und leicht. Bergquellen unten sind klar und schwer. Quellen aus dem Stein sind klar und süß. Quellen aus dem Sand sind klar und scharf. Quellen aus dem Erdreich sind blass und weiß. Was über gelben Stein fließt, ist gut. Was aus grünem Stein hervorbricht, ist nicht zu gebrauchen. Fließendes ist besser als stehendes. Schattig Liegendes ist besser als sonnenseitiges. Die wahre Quelle ist ohne Geschmack, das wahre Wasser ist ohne Duft.


Glossar.

Bāoshān 包山 — alter Name der Insel Dòngtíng Xīshān im Taihu. Bedeutet wörtlich gewickelter Berg. Auf alten Karten häufiger als der spätere Name.

Bìluóchūn 碧螺春 — Wokröst-Grüntee von den beiden Inseln im Taihu, dem östlichen und westlichen Dòngtíng. Der Name erscheint zum ersten Mal in einem Lied des Dichters Wú Méicūn (1609—1672). Der weite Bekanntheitsgrad kam durch eine Inschrift des Kaisers Kāngxī während seiner Südreise 1699.

Cài Xiāng 蔡襄 (1012—1067) — Tribut-Teebeamter in Nordfujian unter den nördlichen Song. Verfasser des Chalu 茶錄 von 1051, das den Aufschlagtee nach Jian'an-Art beschreibt. Zur Bücher- und Quellenreihe siehe das eigene Kapitel auf cha-yu.de.

chá wèi 茶衛die Wahrung des Tees. Zweiundzwanzigster Abschnitt des Chalu. Neun Schriftzeichen als Summe des ganzen Buches.

Chá Shū Quán Jí 茶書全集Sammelband der Teeschriften, eine Anthologie der späten Ming, in der Zhang Yuans Buch als einzige erhaltene Druckausgabe vorliegt.

chǎo qīng 炒青grünes Rösten. Bezeichnung für die Pfannenröstung, mit der die Blätter nach dem Pflücken bei hoher Hitze im Eisenkessel getrocknet werden. Die Methode löste in der späten Ming die Dämpfung ab. Heutiger chinesischer Grüntee folgt fast durchweg dieser Methode.

Chén Jìrú 陳繼儒 (1558—1639) — Literarischer Wortführer der späten Ming aus Songjiang. Mit Gù Dàdiǎn befreundet, zählte Zhang Yuan zu seinen geschätzten Bekannten. Hat selber nichts über Tee verfasst.

diǎn chá 點茶 — Aufschlagtee, die Methode der Song-Zeit. Gepresster Tee wird in Pulver verwandelt, mit heißem Wasser zu Schaum aufgeschlagen. Im Chalu von Zhang Yuan kommt diese Methode nicht mehr vor.

Dǒng Hú 董狐 — Staatsschreiber des Staates Jin in der Frühlings- und Herbstperiode (etwa siebtes Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung). Im Yantielun und anderen frühen Schriften als jener Geschichtsschreiber genannt, der das, was er sah, ohne Rücksicht aufzeichnete.

Dòngtíng Xīshān 洞庭西山 — die westliche der beiden Inseln im Taihu, die größte Insel des Sees. Heute mit dem Festland bei Sūzhōu durch eine Brücke verbunden. Wohnort Zhang Yuans während der dreißig Jahre seiner Arbeit am Tee.

Gù Dàdiǎn 顧大典 (1541—1596) — Beamter, Maler und Theaterautor aus Wújiāng. Bestand das Examen 1568, war zuletzt Schulinspektor in Fujian, kehrte 1587 in den Privatstand zurück. Verfasste das Vorwort zum Chalu Zhang Yuans, vermutlich um 1597.

Gǔyǔ 穀雨Saatregen, sechster der vierundzwanzig Knoten des Jahres. Fällt im Sonnenkalender etwa auf den 19. oder 20. April. Bei Zhang Yuan ist Gǔyǔ der Anker für die Pflückzeit der besten Blätter.

Hóngwǔ 洪武 — Regierungstitel des ersten Ming-Kaisers, Zhū Yuánzhāng. Sein Edikt von 1391 schaffte den Tribut gepresster Tee-Kuchen ab und legte damit die Grundlage für den späteren Übergang zur losen Blattform.

Lóngjǐng 龍井Drachenbrunnen-Tee aus den Hügeln westlich des Westsees in Hangzhou. Heute der bekannteste Wokröst-Grüntee Chinas, mit derselben Grundmethode wie Bìluóchūn.

Lu Yu 陸羽 (etwa 733—804) — Verfasser des Chajing 茶經, abgeschlossen um 780. Zur Bücher- und Quellenreihe siehe das eigene Kapitel auf cha-yu.de.

Matteo Ricci 利瑪竇 (1552—1610) — italienischer Jesuit, kam 1582 nach Macau, unterrichtete während Zhang Yuans Zeit in Nanjing, erreichte 1601 als erster westlicher Geistlicher Peking.

pào fǎ 泡法Aufgieß-Methode. Achter Abschnitt des Chalu. Erste vollständige Niederschrift dessen, was heute auf Chinesisch Tee aufgießen heißt.

Qiáohǎi Shānrén 樵海山人Mann am Holzfäller-Meer, Künstlername Zhang Yuans. Qiáohǎi ist ein literarisches Bild der Inselgruppe im Taihu.

Sūzhōu 蘇州 — Stadt am Unterlauf des Yangzi, südlich von Shanghai, östlich des Taihu. In der späten Ming eines der wichtigsten kulturellen Zentren des Reiches.

Tàihú 太湖 — der große See, drittgrößter Süßwassersee Chinas, an der Grenze der heutigen Provinzen Jiangsu und Zhejiang. In seinem südlichen Teil liegen die beiden Dòngtíng-Inseln.

tóu chá 投茶das Werfen des Tees. Neunter Abschnitt des Chalu. Beschreibung der drei Reihenfolgen, in denen Tee und Wasser zusammengeführt werden können.

Wànlì 萬曆 — Regierungstitel des Ming-Kaisers Shenzong (1573—1620), die längste Regierungszeit der Dynastie. In den späten Jahren zog sich der Kaiser fast vollständig vom Hof zurück.

Wú Méicūn 吳梅村 (1609—1672) — Dichter und Gelehrter der späten Ming und frühen Qing, einer der frühen Belege für Bìluóchūn als Tee-Name.

xià tóu / zhōng tóu / shàng tóu 下投/中投/上投 — Wurf von unten, Wurf in die Mitte, Wurf von oben. Die drei Methoden des Einsetzens von Tee in die Kanne, nach Jahreszeit zugeordnet.

Xìnyáng Máojiān 信陽毛尖Behaarter Spitze-Tee aus dem südlichen Henan. Einer der bekannten Wokröst-Grüntees Chinas.

Zhāng Yuán 張源 — Verfasser des Chalu von 1595. Geburts- und Todesjahr unbekannt. Lebte als Einsiedler auf Dòngtíng Xīshān im Taihu. Sein Großjährigkeitsname war Bóyuān, daher der vollständige Buchtitel Zhāng Bǎiyuān Chalu.

zhēn yuán wú wèi 真源無味die wahre Quelle ist ohne Geschmack. Schlusssatz des sechzehnten Abschnitts. Höchstes Maß im Wasserurteil Zhang Yuans.

Zhū Quán 朱權 (1378—1448) — Prinz der frühen Ming, Sohn des Hóngwǔ-Kaisers. Verfasser des Chapu von 1440. Zur Bücher- und Quellenreihe siehe das eigene Kapitel auf cha-yu.de.

zào chá 造茶das Bereiten des Tees. Zweiter Abschnitt des Chalu. Früheste systematische Niederschrift der Wokröstung in China.

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Chapu — ein Handbuch des losen Tees, 1440 Chashu — ein Kompendium des Aufgusses, 1597
吃茶去