Chajing – der erste Klassiker des Tees, 780

《茶經》— der erste Klassiker des Tees, 780

Im Sommer des Jahres 780, in einer Bambushütte am Tiao Xi unweit von Huzhou, legt ein Mann eine Schriftrolle aus der Hand. Siebentausend Schriftzeichen, in zehn Kapiteln, auf drei Rollen verteilt. Es ist das erste Buch über Tee, das je geschrieben wurde — in irgendeiner Sprache. Sein Verfasser heißt 陸羽, Lù Yǔ. Er ist achtundvierzig Jahre alt, hat keinen Beamtentitel, keine Familie, kein Vermögen. Er hat allerdings, in den letzten zwanzig Jahren, mehr Tee getrunken, mehr Wasser verkostet, mehr Berge bestiegen als irgendein Mensch vor ihm.

Sein Anfang war an einem Fluss.

In einem Frühjahr um 733, in der Stadt Jingling am Han-Fluss in der heutigen Provinz Hubei, geht der Abt des Klosters 龍蓋寺 Lónggài Sì am Morgen seine übliche Runde. An einer Furt findet er ein Bündel zwischen den Schilfhalmen — ein Säugling, ausgesetzt, ohne Brief, ohne Namen. Der Abt, ein Mann namens 智積 Zhì Jī, nimmt das Kind mit ins Kloster und zieht es als Novize auf. Den Namen 陸羽, „Land und Feder", findet er später durch Wahrsagung im 《易經》, dem Buch der Wandlungen: Die Hexagramme zeigen einen Vogel, dessen Federn zur Zierde von Ritualen dienen. Aus dem Findelkind soll, sagen die Striche, ein Mensch werden, der mit Schrift dient.

Der Junge ist begabt, aber widerspenstig. Er weigert sich, Sutren zu lesen — er möchte lieber Tee bereiten. Als der Abt ihn schlägt, läuft er fort. Er schließt sich einer Wandertruppe von Schauspielern an, schreibt für sie kleine Komödien, tritt selbst als Possenreißer auf. Es sind die Jahre, in denen er etwas lernt, was kein Kloster lehrt: wie man einen Menschen sieht. Wie man eine Bewegung beobachtet, bevor man sie nachstellt. Wie man genauer hinsieht als der, den man darstellen will.

Als Vierzehnjähriger wird er von 李齊物 Lǐ Qíwù, dem Präfekten von Jingling, entdeckt und gefördert. Er liest, schreibt eigene Verse, lernt die Klassiker. Aber schon 755 wirft die An-Lushan-Rebellion das Reich aus den Angeln. Lu Yu zieht nach Süden, zunächst nach Wuxing, dann nach Huzhou am Westufer des Tai-Sees. Dort trifft er 皎然 Jiǎo Rán, den dichtenden Mönch, der sein lebenslanger Freund werden wird, und — ein gutes Jahrzehnt später — 顏真卿 Yán Zhēnqīng, den großen Kalligraphen und Staatsmann der späten Tang. In dieser Gesellschaft verbringt er die folgenden zwei Jahrzehnte, größtenteils zurückgezogen am Tiao Xi, einem schmalen, klaren Fluss, der zwischen Bambus durch die Hügel südlich der Stadt fließt. Er bereist die südlichen Provinzen — Zhejiang, Jiangsu, Jiangxi — und prüft die Wässer der Quellen, schmeckt die Tees der Klöster, vergleicht die Brennöfen der Töpfer. Er notiert.

Um 760 beginnt er zu schreiben. Zwanzig Jahre später, 780, ist das Buch fertig. Es macht ihn berühmt; der Hof bietet ihm zweimal ein Amt an, zweimal lehnt er ab. Er bleibt am Tiao Xi und stirbt 804 in Huzhou, vierundsiebzigjährig. Begraben wird er nahe der Stupa des Jiaoran am Ufer des Tiao Xi, vor dem Miaoxi-Kloster auf dem Berg Zhu — neben dem Mönch, der einmal sein bester Freund war.

Was nach seinem Tod geschieht, hätte er sich kaum ausmalen können. In den Teehäusern und Teeläden Chinas werden kleine Porzellanfiguren aufgestellt, die ihn darstellen — schmal, stehend, mit einer Schale in der Hand. Wenn der Tee gut verkauft, danken die Händler ihm; wenn der Verkauf stockt, gießen sie ihm heißes Wasser über den Kopf. Das Findelkind aus Jingling ist zu 茶神 chá shén geworden, dem Gott des Tees. Eine kleine, billig glasierte Statue, der man Wasser über das Gesicht schüttet, wenn der Markt schlecht läuft.

Zwischen diesem letzten Bild und dem Säugling am Han-Fluss liegt ein Leben. Und in der Mitte dieses Lebens liegt das Buch, das wir nun aufschlagen wollen.


《茶經》

Lu Yu schreibt das 《茶經》 in einer Zeit, in der das Reich gerade erst wieder zur Ruhe kommt. Die An-Lushan-Rebellion, die zwischen 755 und 763 fast die ganze Tang-Dynastie zerschlagen hatte, ist überstanden; im Norden liegen Felder brach, im Süden — wohin Lu Yu wie viele andere geflohen ist — blüht eine zweite, unaufgeregte Hochkultur. Tee wird in den Klöstern und Beamtenhaushalten der südlichen Provinzen seit Jahrzehnten getrunken, in Yangzhou und Hangzhou bereits an städtischen Marktständen ausgeschenkt. Aber niemand hat ihn bisher beschrieben. Es gibt Pharmakopöen, die ihn als Heilkraut führen; es gibt Verse von Du Fu und Bai Juyi, in denen eine Schale Tee am Rand eines Gartens erwähnt wird; es gibt Anekdoten in den Anthologien. Aber kein Buch.

Lu Yu schreibt das erste.

Er nennt es schlicht 《茶經》, Cha Jing — „Klassiker des Tees". Das Wort 經 jīng ist gewichtig: es ist dasselbe Wort, das im Titel des 《易經》 Yi Jing steht, des Buchs der Wandlungen, oder im 《詩經》 Shi Jing, dem Buch der Lieder. Ein 經 ist nicht ein Handbuch; es ist ein kanonischer Text, einer der grundlegenden Bücher, an denen sich eine Tradition ausrichtet. Indem Lu Yu sein Buch so nennt, beansprucht er für den Tee einen Platz neben den Klassikern. Es ist ein leiser, aber sehr genauer Anspruch.

Das Buch ist nicht groß. Etwa siebentausend Schriftzeichen — auf Deutsch übersetzt knapp fünfzig Druckseiten —, gegliedert in zehn Kapitel, verteilt auf drei Rollen. Die Kapitel tragen einsilbige Titel, jeder mit derselben Konstruktion: eine Zahl, ein 之 zhī („von"), ein Begriff. So entsteht eine Reihe, deren Knappheit selbst schon Programm ist:

一之源 yī zhī yuán — Vom Ursprung
二之具 èr zhī jù — Vom Gerät
三之造 sān zhī zào — Vom Bereiten
四之器 sì zhī qì — Vom Geschirr
五之煮 wǔ zhī zhǔ — Vom Sieden
六之飲 liù zhī yǐn — Vom Trinken
七之事 qī zhī shì — Von den Geschehnissen
八之出 bā zhī chū — Von den Herkünften
九之略 jiǔ zhī lüè — Vom Auslassen
十之圖 shí zhī tú — Vom Bild

Ein Buch, das mit der Wurzel beginnt und mit einem Bild an der Wand endet. Dazwischen: das Werkzeug, das Verfahren, das Geschirr, das Feuer, der Mund, die Geschichte, die Landkarte, und schließlich das, was man weglassen darf. Wer diese zehn Kapitel der Reihe nach durchgeht, hat den Tee — so wie Lu Yu ihn versteht — von der Wurzel bis zum letzten Schluck mitvollzogen.

Die Sprache des 《茶經》 ist die der späten Tang-Prosa: knapp, oft parallel gebaut, mit kurzen, einander gegenübergestellten Sätzen, die wie zwei Zweige aus demselben Stamm wachsen. Beispiel aus dem dritten Kapitel:

「如胡人靴者蹙縮然;犎牛臆者廉襜然。」
Rú húrén xuē zhě cùsuō rán; fēngniú yì zhě lián chān rán.
Manche sehen aus wie die Stiefel der Hu-Reiter, gekräuselt und in Falten gelegt; andere wie das Brustfell eines Bisons, glatt und herabhängend.

Zwei Bilder, parallel gefügt, in derselben grammatischen Form. So gehen die meisten Beschreibungen im 《茶經》 — paarweise, mit einer leichten inneren Spannung. Es ist nicht die Üppigkeit einer Han-Reimprosa, nicht das Pathos eines Edikts; es ist eine sehr genaue, sehr schmucklose Klarheit, die in der Tang-Zeit als Ideal des sachlichen Schreibens galt.

Lu Yu klagt nicht, schwärmt nicht, mahnt nicht. Er beschreibt. Wer das 《茶經》 liest, hört nicht einen Mann, der über Tee spricht. Man hört einen Mann, der Tee gesehen hat.


一之源 yī zhī yuán — Vom Ursprung

Das erste Kapitel beginnt mit einem Satz, der das ganze Buch in sich trägt:

「茶者,南方之嘉木也。」
Chá zhě, nán fāng zhī jiā mù yě.
Der Tee ist ein vortrefflicher Baum des Südens.

Acht Schriftzeichen. Lu Yu lässt sich nicht herab, den Tee zu erklären; er stellt ihn vor wie einen Menschen — mit einem Namen, einer Herkunft, einer kurzen Charakterisierung. Jiā 嘉, „vortrefflich", ist ein Wort, das sonst für Personen, für Tugenden, für Speisen bei einem rituellen Mahl verwendet wird. Wer einen Baum 嘉 nennt, behauptet von ihm dieselbe Würde wie von einem Mann von Stand.

Der Süden, von dem die Rede ist, beginnt am Yangtse und reicht bis nach Yunnan und Lingnan. In den nördlichen Reichshälften — in der alten Hauptstadt Chang'an, im Tal des Gelben Flusses — wächst kein Tee. Tee ist ein Wesen warmer Hänge, feuchter Täler, weicher Winter; er gehört einer anderen Klimazone an als die Hirse und der Weizen, von denen das nordchinesische Brot gemacht wird. Der erste Satz des 《茶經》 macht klar: dies ist ein südliches Buch, geschrieben über eine südliche Pflanze, in einer südlichen Landschaft.

Was folgt, ist eine Reihe von Vergleichen. Lu Yu beschreibt den Teebaum nicht botanisch, sondern indem er einen Teil nach dem anderen mit etwas Bekanntem zusammenstellt. Wer den Baum nicht kennt, soll ihn aus den Dingen, die er kennt, zusammensetzen können:

「其樹如瓜蘆,葉如梔子,花如白薔薇,實如栟櫚,蒂如丁香,根如胡桃。」
Qí shù rú guālú, yè rú zhī zǐ, huā rú bái qiángwēi, shí rú bīnglǘ, dì rú dīngxiāng, gēn rú hútáo.

Der Baum gleicht der Guālú-Pflanze.
Das Blatt gleicht dem Blatt der Gardenie.
Die Blüte gleicht der weißen Wildrose.
Die Frucht gleicht der Hanfpalme.
Der Blütenstiel gleicht der Gewürznelke.
Die Wurzel gleicht dem Walnussbaum.

Sechs Vergleiche, einer pro Pflanzenteil. Es ist ein botanisches Verfahren, das in der westlichen Tradition kaum eine Entsprechung hat. Der Teebaum wird nicht als ein Gegenstand beschrieben, sondern als ein Knotenpunkt von Ähnlichkeiten — er sieht aus wie eine Mischung aus sechs anderen Pflanzen, die jeder in einem südchinesischen Garten kennt. Die Guālú 瓜蘆 ist eine breitblättrige Stechpalme, die im südchinesischen Bergland wild wächst; ihre Form gibt dem Teebaum als Ganzem seine Silhouette. Die weiße Wildrose nennt die Tönung der einzelnen Teeblüte. Die Hanfpalme — ein hoher Fächerbaum mit dunklen Steinfrüchten — erklärt die Form des Samens. Die Walnuss schließlich beschreibt die Wurzel, die wie bei diesem Baum tief in den Stein hineingeht und nach Wasser sucht. Wer die sechs Pflanzen kennt, hat den Tee in der Vorstellung.

Es folgt eine knappe Notiz zum Wachstum: Tee gedeihe am besten an Hängen mit verwittertem Stein, dann an kiesigem Boden, am schlechtesten in gelber Erde. Wer ihn falsch pflanze, ernte ein „kraftloses Werk". In wenigen Sätzen ist eine ganze Anbaulehre zusammengefasst, die Lu Yu sich auf seinen Reisen durch die südlichen Provinzen erworben hat — durch Hinsehen, durch Schmecken, durch Vergleich.

Der eigentliche Kern des Kapitels aber liegt in einem einzigen, oft zitierten Satz, der die Wirkung des Tees auf den, der ihn trinkt, beschreibt:

「茶之為飲,最宜精行儉德之人。」
Chá zhī wèi yǐn, zuì yí jīng xíng jiǎn dé zhī rén.
Der Tee als Getränk eignet sich am besten für einen Menschen von gesammelter Handlung und sparsamer Tugend.

Zwölf Schriftzeichen. Jīng xíng 精行 — eine Handlung, die konzentriert und genau ist; nicht hastig, nicht verstreut. Jiǎn dé 儉德 — eine Tugend, die mit dem Maß umgeht; nicht prunkend, nicht überschießend. Wer so handelt und so lebt, sagt Lu Yu, der findet im Tee, was er an sich selbst pflegt. Der Tee ist nicht ein Getränk für jeden Mund. Er ist ein Getränk für eine bestimmte Art zu sein.

Das Kapitel endet mit einer Aufzählung der heilkundlichen Wirkungen, die die Pharmakopöen der Tang-Zeit dem Tee zuschreiben: er löscht den Durst, klärt die Augen, macht den Kopf wach, vertreibt die Trägheit, hilft gegen Hitze im Körper. Es ist eine Liste, die Lu Yu eher referiert als selbst aufstellt — er übernimmt sie aus der medizinischen Literatur seiner Zeit und stellt sie an das Ende seines ersten Kapitels, als wollte er sagen: das ist, was die Ärzte wissen. Was der Tee darüber hinaus ist, beginnt mit dem zweiten Kapitel.

Wer wissen will, was ein Tee ist, muss zuerst wissen, an welchem Baum er gewachsen ist. Lu Yu fängt also dort an, wo der Tee anfängt — bei der Wurzel.


二之具 èr zhī jù — Vom Gerät

Im zweiten Kapitel zählt Lu Yu die Werkzeuge auf, mit denen aus dem frischen Blatt ein gepresster Teeziegel wird. Es sind nicht die Geräte, mit denen man Tee zubereitet — die folgen erst im vierten Kapitel —, sondern die Geräte, mit denen man ihn herstellt. Eine Werkstattliste also, geschrieben für den Bauern oder den Klosterhandwerker, der im Frühjahr in den Bergen oberhalb seines Dorfes Tee macht.

Sechzehn Gegenstände werden genannt. Der 籯 yíng, der Korb aus Bambusgeflecht, mit dem die frischen Blätter vom Hang getragen werden. Der 灶 zào, ein einfacher offener Herd aus Lehm, ohne Schornstein. Der 釜 , der eiserne Sudkessel, in dem Wasser für den Dampf zum Kochen gebracht wird. Der 甑 zèng, der Dampfkorb, in dem die Blätter über dem siedenden Wasser welken. Mörser und Stößel, mit denen die gedämpften Blätter zerstoßen werden. Hölzerne Pressformen — rund, viereckig, blütenförmig —, in denen aus dem Brei der eigentliche Teeziegel geformt wird. Und schließlich die Geräte, mit denen die fertigen Ziegel getrocknet, gestochen, an einer Schnur gezogen und gelagert werden.

Es ist die Werkstatt einer Welt, in der Tee nicht als loses Blatt, sondern als geformter Block existiert. Mit dem Übergang von der Tang-Zeit zur Ming-Dynastie, knapp siebenhundert Jahre nach Lu Yu, wird sich das ändern. Der Teeziegel wird verschwinden, die Werkstatt mit ihm. Heute steht von all diesen Werkzeugen kein einziges mehr in einem chinesischen Hof. Was Lu Yu hier festhält, ist die genaue Topographie eines Handwerks, das nicht mehr ausgeübt wird.


三之造 sān zhī zào — Vom Bereiten

Tee wird im Frühjahr gemacht. Lu Yu nennt die Monate genau:

「凡採茶,在二月、三月、四月之間。」
Fán cǎi chá, zài èr yuè, sān yuè, sì yuè zhī jiān.
Tee pflückt man zwischen dem zweiten und dem vierten Monat.

Nach dem chinesischen Mondkalender entspricht das den Wochen zwischen Anfang März und Mitte Mai — der Spanne, in der die jungen Triebe die Knospen sprengen, aber das Blatt noch nicht hart geworden ist. Lu Yu schreibt, was an welchen Tagen zu tun und zu unterlassen ist:

「其日有雨不採,晴有雲不採,晴採之。」
Qí rì yǒu yǔ bù cǎi, qíng yǒu yún bù cǎi, qíng cǎi zhī.
An regnerischen Tagen wird nicht gepflückt; an klaren Tagen mit Wolken wird nicht gepflückt; nur an klaren Tagen wird gepflückt.

Drei kurze Sätze, die alles enthalten, was ein Pflücker wissen muss. Regen verwässert die Blätter, sie werden beim Dämpfen wässrig statt aromatisch. Wolken kühlen die Hänge, der Tau verdunstet nicht, das Blatt bleibt feucht und verdirbt im Korb. Nur die volle Sonne eines klaren Morgens trocknet die nächtliche Feuchtigkeit von den Blättern, bevor sie gepflückt werden — und nur diese Blätter, sagt Lu Yu, taugen.

Was dann folgt, sind sieben Schritte: pflücken, dämpfen, stoßen, formen, trocknen, durchstechen, lagern. Aus dem Korb mit den frischen Blättern wird im Dampf ein weicher Brei, aus dem Brei eine in Form gepresste Scheibe, aus der Scheibe — durch langsames Trocknen über schwacher Glut — ein harter Ziegel. In der Mitte wird ein Loch gestochen, mehrere Ziegel werden auf eine Schnur gefädelt, in einem trockenen, dunklen Schrank verwahrt. So sieht der Tee aus, mit dem im 8. Jahrhundert in China gehandelt wird: kein Blatt, kein Pulver, sondern ein dichter, dunkler Block am Ende einer Schnur.

Aber nicht alle Ziegel sehen gleich aus. Lu Yu beschreibt acht Erscheinungsformen, in denen ein Teeziegel auftreten kann — eine Reihe, die zu den schönsten Stellen des ganzen Buches gehört:

「如胡人靴者,蹙縮然;犎牛臆者,廉襜然;浮雲出山者,輪囷然;輕飆拂水者,涵澹然。」
Rú húrén xuē zhě, cùsuō rán; fēngniú yì zhě, lián chān rán; fú yún chū shān zhě, lún qūn rán; qīng biāo fú shuǐ zhě, hán dàn rán.

Manche sehen aus wie die Stiefel der Hu-Reiter, gekräuselt und in Falten gelegt.
Manche wie das Brustfell eines Bisons, glatt und in weichen Bahnen herabhängend.
Manche wie Wolken, die aus einem Berg quellen, rund und zusammengeballt.
Manche wie eine leichte Brise, die das Wasser streift, gewellt und atmend.

Und weiter:

「有如陶家之子羅,膏土以水澄泚之;又如新治地者,遇暴雨流潦之所經。」
Yǒu rú táo jiā zhī zǐ luó, gāo tǔ yǐ shuǐ chéng cǐ zhī; yòu rú xīn zhì dì zhě, yù bào yǔ liú lǎo zhī suǒ jīng.

Manche wie der Lehm des Töpfers, mit Wasser geklärt und absetzen gelassen.
Manche wie ein frisch geebnetes Feld, über das ein Wolkenbruch gegangen ist.

Acht Bilder für eine einzige Sache: die Oberfläche eines getrockneten Teeziegels. Lu Yu erfindet die Bilder nicht, um zu schmücken. Er erfindet sie, weil ein Mensch, der nie einen Teeziegel gesehen hat, aus einer Beschreibung „dunkler, runder, harter Block" nichts entnimmt. Aus einem Vergleich mit den Falten eines Reiterstiefels, mit dem Brustfell eines Tieres, mit einer Wolke aus einem Berg — daraus entnimmt er etwas. Es ist eine Methode, die durch das ganze 《茶經》 läuft: wo das Wort an seine Grenze kommt, beginnt das Bild.

Sieben Schritte, vom frischen Blatt zum getrockneten Ziegel. Lu Yu beschreibt sie wie ein Mann, der jeden einzelnen schon hundertmal mit den Händen gemacht hat.


四之器 sì zhī qì — Vom Geschirr

Im vierten Kapitel verlässt Lu Yu die Werkstatt und tritt in das Teezimmer. Was hier folgt, ist die längste und genaueste Liste des ganzen Buches: vierundzwanzig Geräte, mit denen aus dem Teeziegel, dem Wasser und dem Feuer eine Schale Tee wird. Vom Windofen mit seinen drei Hexagrammen über den eisernen Kessel, die Bambusklemme, das Sieb und den silbernen Maßlöffel bis zur grünen Yue-Porzellanschale, in der das fertige Getränk erscheint, beschreibt Lu Yu jedes Gerät — sein Material, sein Maß, seinen Platz im Vorgang.

Die vierundzwanzig Geräte habe ich an anderer Stelle einzeln vorgestellt; eine zweite Beschreibung würde nur wiederholen, was dort schon steht. Wer also wissen möchte, in welcher Bank und vor welcher Hand der Tee in der Tang-Zeit zubereitet wurde, sei auf jenen Text verwiesen.


五之煮 wǔ zhī zhǔ — Vom Sieden

Die vierundzwanzig Geräte stehen bereit, der Teeziegel ist geröstet und gemahlen, das Wasser ist im Wasserkasten. Was nun folgt, ist das Herz des ganzen Buches: das Sieden. Lu Yu nimmt sich für dieses Kapitel mehr Raum als für jedes andere, und keinen Satz davon ohne Aufmerksamkeit.

Er beginnt mit der Frage, woher das Wasser kommen soll:

「其水,用山水上,江水中,井水下。」
Qí shuǐ, yòng shān shuǐ shàng, jiāng shuǐ zhōng, jǐng shuǐ xià.
Vom Wasser: Bergwasser ist das beste, Flusswasser das mittlere, Brunnenwasser das geringste.

Eine Hierarchie in einer Zeile. Aber sie ist nicht willkürlich. Bergwasser, sagt Lu Yu im weiterführenden Text, ist Wasser, das über Stein gegangen ist — langsam, in vielen kleinen Senken, mineralisch geworden, ohne trübe zu sein. Aus den hundert Bergquellen Chinas wählt er die besten: Wasser, das aus Stalaktiten in einer Höhle tropft; Wasser, das in einem flachen Felsbecken stillsteht; Wasser, das langsam zwischen Geröll fließt. Was er meidet: das schnelle, schießende Wasser eines Wasserfalls — es sei „verstörter Geist" und mache, wer es trinke, kopfwund.

Flusswasser dagegen ist lebendig, aber unrein. Es trägt, was am Ufer wohnt — Lehm, Tiere, das Abwasser der Dörfer. Lu Yu rät, Flusswasser nur weit von menschlicher Siedlung zu schöpfen, dort, wo der Strom noch frei ist. Brunnenwasser steht am Ende der Liste, weil es gefangen ist. Es kennt nicht den Lauf, kennt nicht den Himmel, ruht in einem Loch in der Erde und hat keinen Atem. Wer es nehmen muss, soll wenigstens den Brunnen wählen, aus dem viel geschöpft wird; ein Brunnen, in den selten ein Eimer fährt, ist nichts als eine kleine, geschlossene Pfütze.

Hinter dieser Hierarchie steht eine sehr alte chinesische Anschauung, die im 《易經》, dem Buch der Wandlungen, schon ausgesprochen ist. Wasser ist das Element, das immer nach unten geht und sich in dem sammelt, was es findet. Bergwasser hat sich in vielen Senken gesammelt, ist immer wieder aufgebrochen, ist weitergegangen — es ist Wasser, das gewandert ist. Brunnenwasser hat sich in einer einzigen Senke gesammelt und ist dort geblieben — es ist Wasser, das wartet. Beides ist Wasser. Aber das eine fließt, das andere steht. Im Kessel des Tees, sagt Lu Yu, will man das fließende.

Wenn das Wasser auf den Ofen kommt, beginnt das, was im 《茶經》 jiān heißt — das Sieden in drei Stufen. Es ist die berühmteste Passage des Buches:

「其沸如魚目,微有聲,為一沸;緣邊如湧泉連珠,為二沸;騰波鼓浪,為三沸。」
Qí fèi rú yú mù, wēi yǒu shēng, wéi yī fèi; yuán biān rú yǒng quán lián zhū, wéi èr fèi; téng bō gǔ làng, wéi sān fèi.

Wenn die Blasen wie Fischaugen sind, mit einem leisen Geräusch — das ist das erste Sieden.
Wenn am Rand des Kessels Blasen wie Perlen an einer Schnur aufsteigen, wie ein Quell, der vom Boden kommt — das ist das zweite Sieden.
Wenn die Wellen schlagen und die Brandung steigt — das ist das dritte Sieden.

Drei Stufen, drei Bilder. Lu Yu beschreibt nicht Temperaturen, sondern Erscheinungen. Wer Tee bereitet, hält kein Thermometer in der Hand; er sieht in den Kessel und hört. Beim ersten Sieden ist das Wasser noch fast still; nur die ersten Blasen, klein wie das Auge eines Fisches, lösen sich vom Boden, und der Kessel gibt einen kaum hörbaren Ton von sich. Beim zweiten Sieden hat das Wasser begonnen, an den Rändern aufzusteigen, in einer Kette aus Blasen, die sich gegenseitig folgen; das Geräusch ist deutlicher, ein leises, fortwährendes Brodeln. Beim dritten Sieden ist das Wasser ganz in Bewegung, schäumt, schlägt gegen die Wand des Kessels, droht überzugehen.

Genau zwischen dem zweiten und dem dritten Sieden ist der Augenblick. Beim ersten Sieden wird, wenn man möchte, eine Prise Salz in das Wasser gegeben. Beim zweiten Sieden wird mit der Kelle eine Schöpfvoll Wasser entnommen und beiseite gestellt; in das nun sich drehende Wasser im Kessel wird mit dem Bambusstab ein Wirbel geschlagen, und in den Wirbel hinein wird das gesiebte Pulver gegeben. Wenn das Wasser nun ans dritte Sieden geht und der Schaum überzukochen droht, wird die zuvor entnommene Schöpfvoll zurückgegossen. Das siedende Wasser beruhigt sich, der Schaum setzt sich, der Tee ist bereit.

Was nach diesem dritten Sieden noch im Kessel weiterkocht, sagt Lu Yu, ist nichts mehr wert:

「已上水老,不可食也。」
Yǐ shàng shuǐ lǎo, bù kě shí yě.
Darüber hinaus ist das Wasser alt; es taugt nicht mehr.

Wasser, das zu lange gekocht hat, hat seinen Atem verloren. Es ist nicht mehr Wasser, das wandert; es ist Wasser, das ausgebrannt ist. Lu Yu lässt es weg.

Was der Tee in der Schale dann zeigt, ist eine Oberfläche aus Schaum und Sprudel — 沫, 餑, huā 花, je nach Dichte und Feinheit. Drei Wörter für eine einzige Haut auf einer Schale Tee. Lu Yu vergleicht sie mit Jujubenblüten auf einem Teich, mit jungem Wasserlinsengrün an einer stillen Bucht, mit kleinen Wölkchen am klaren Himmel. Wer Tee als Suppe trinkt, sieht keine solche Haut. Wer ihn als klaren Aufguss trinkt, sieht sie und gibt ihr drei Namen.

Wasser, Feuer, Pulver, ein Wirbel, ein Schaum. Mehr ist es nicht. Weniger aber auch nicht.


六之飲 liù zhī yǐn — Vom Trinken

Das sechste Kapitel beginnt mit einem Satz, der den Tee in eine sehr große Ordnung stellt:

「翼而飛,毛而走,呿而言,此三者俱生於天地間。」
Yì ér fēi, máo ér zǒu, qū ér yán, cǐ sān zhě jù shēng yú tiān dì jiān.
Was Flügel hat, fliegt; was Fell hat, läuft; was den Mund öffnet, spricht — diese drei sind zugleich zwischen Himmel und Erde geboren.

Es ist eine merkwürdige Eröffnung für ein Kapitel über das Trinken. Lu Yu beginnt nicht mit dem Tee, sondern mit dem Lebendigen überhaupt. Vögel, Tiere, Menschen — alles, was lebt, lebt, weil es trinkt. Wasser, sagt der Text weiter, ist die Bedingung jedes Atems. Der Mensch unterscheidet sich von Tier und Vogel nicht dadurch, dass er trinkt, sondern dadurch, was er trinkt: Wasser zum Stillen des Durstes, Wein zum Lösen der Sorge, Tee zum Klären des Kopfes. Drei Getränke für drei Bedürfnisse. Aber während Wasser und Wein ältester Besitz der Menschheit sind, ist der Tee, sagt Lu Yu, eine spätere, feinere Errungenschaft.

Er nennt einen mythischen Anfang — 神農 Shén Nóng, der Gottesbauer der grauen Vorzeit, soll den Tee als Heilmittel entdeckt haben — und einen historischen — 周公 Zhōu Gōng, der Herzog von Zhou im 11. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, soll ihn als Getränk schon gekannt haben. Diese Linie führt durch die Han-Zeit, die folgenden Wirren der Sechs Dynastien hindurch bis ins Tang-Reich, in dem Lu Yu schreibt. Der Tee ist nicht neu. Aber er ist, sagt Lu Yu, lange falsch behandelt worden.

Hier wird die sonst ruhige Stimme des 《茶經》 zum ersten und einzigen Mal scharf. Lu Yu beschreibt, wie viele seiner Zeitgenossen Tee zubereiten: sie kochen ihn mit Frühlingszwiebeln, Ingwer, Datteln, Mandarinenschalen, Cornelkirschen und Pfefferminz, lassen ihn hundertmal aufkochen, schöpfen den Schaum ab, verlängern es mit Wasser, schöpfen wieder. Und Lu Yu, der sonst beschreibt und bewertet, ohne die Stimme zu heben, sagt: solches Wasser ist gōuqú jiān qì shuǐ 溝渠間棄水 — Abwasser aus dem Straßengraben. Es ist die schärfste Wendung des ganzen Buches. Wer das 《茶經》 schreibt, schreibt es gegen diese Art von Tee.

Und an die Stelle der falschen Praxis setzt er eine Liste, die zu den klarsten Stücken des Buches gehört. Tee, sagt Lu Yu, hat neun Schwierigkeiten:

「茶有九難:一曰造,二曰別,三曰器,四曰火,五曰水,六曰炙,七曰末,八曰煮,九曰飲。」
Chá yǒu jiǔ nán: yī yuē zào, èr yuē bié, sān yuē qì, sì yuē huǒ, wǔ yuē shuǐ, liù yuē zhì, qī yuē mò, bā yuē zhǔ, jiǔ yuē yǐn.

Das Bereiten des Ziegels.
Das Erkennen der Qualität.
Das Geschirr.
Das Feuer.
Das Wasser.
Das Rösten.
Das Mahlen.
Das Sieden.
Das Trinken selbst.

Neun Punkte, an denen ein Tee misslingen kann. Sie sind nicht Hierarchie und nicht Zufall — sie folgen genau der Reihenfolge, in der ein Teeziegel von der Pflanze zum Mund kommt. Eine schlechte Verarbeitung im Frühjahr kann durch keine spätere Sorgfalt mehr ausgeglichen werden. Ein gutes Wasser über schlechtem Feuer ist verloren. Ein gut gerösteter Ziegel grob gemahlen ist halb verschwendet. Und am Ende, am neunten Punkt, sitzt — der Trinkende. Auch er kann den Tee verderben. Wer hastig schluckt, wer in der falschen Gesellschaft trinkt, wer redet, statt zu schmecken, hebt am letzten Schritt zunichte, was acht Schritte vorher mühsam erreicht wurde.

Es folgt eine letzte, sehr genaue Anweisung — eine Zahl, die Lu Yu selbst hervorhebt:

「珍鮮馥烈者,其碗數三。」
Zhēn xiān fù liè zhě, qí wǎn shù sān.
Ein Tee, der köstlich, frisch und stark im Duft ist — von dem trinkt man drei Schalen.

Drei Schalen aus einem Kessel. Lu Yu sagt es ohne Erläuterung, aber die Logik ist die seines Maßlöffels und seiner zwei Tücher: das Maß ist nicht ein willkürlicher Brauch, sondern das Verhältnis zwischen einem Tun und seinem Mittel. Aus einem Kessel sechshundert Milliliter siedendes Wasser, fünf Schalen ausgegossen — die ersten drei sind der Tee. Die vierte und fünfte verlängern, was schon vorhanden ist, mit weniger Aroma und weniger Mut. Wer es ernst meint, hört bei der dritten auf.

Drei Schalen aus einem Kessel. Mehr verdünnt den Tee. Weniger raubt dem Gast die Schale.


七之事 qī zhī shì — Von den Geschehnissen

Das siebente Kapitel ist anders als alle anderen. Lu Yu schreibt hier nicht aus eigener Beobachtung, sondern aus den Büchern. Er sammelt — Zitat um Zitat, Stelle um Stelle — alles, was vor ihm über Tee geschrieben wurde. Aus den klassischen Werken, aus Kräuterbüchern, aus Geschichtsbüchern, aus Anekdotensammlungen, aus Gedichten. Über vierzig Quellen, vom mythischen 神農 Shén Nóng bis in die Tang-Zeit hinein. Es ist die längste Liste des Buches und die unscheinbarste — eine Reihe kurzer, oft nur einsätziger Auszüge, in chronologischer Folge.

Was diese Liste zeigt, ist eine Tatsache, die das ganze 《茶經》 erst möglich macht: Lu Yu erfindet den Tee nicht. Er kommt am Ende einer langen Linie. Vor ihm haben Ärzte, Beamte, Mönche, Dichter über Jahrhunderte hinweg den Tee gestreift, beiläufig erwähnt, in einer Notiz festgehalten. Was Lu Yu tut, ist diese verstreuten Spuren zusammenzulegen und das Buch zu schreiben, das sie nie geworden waren. Das siebente Kapitel ist sein Quellenverzeichnis — die Versicherung, dass das 《茶經》 auf Boden steht, nicht in der Luft.

Drei der gesammelten Geschichten lohnen sich, einzeln genannt zu werden.

Die erste betrifft 王濛 Wáng Méng, einen Beamten der östlichen Jin-Dynastie im 4. Jahrhundert. Wang Meng liebte Tee und bewirtete jeden Gast damit. Aber im 4. Jahrhundert war Tee im Norden noch ein seltsames Getränk; die meisten Gäste tranken Wein. Wenn ein Bekannter erfuhr, dass er bei Wang Meng eingeladen war, sagte er: Heute habe ich wieder eine 水厄 shuǐ è. Wassernot, Wasserplage. Eine Verabredung mit Wang Meng war ein Strafmaß. Es ist eine kleine Anekdote, aber sie sagt mehr über den Status des Tees vor Lu Yu als jede gelehrte Abhandlung: ein Getränk, das man als Höflichkeit erduldete.

Die zweite betrifft 陸納 Lù Nà, einen Beamten derselben Zeit, der mit Lu Yu nicht verwandt, aber namensgleich war. Lu Na empfing einmal den Staatsmann 謝安 Xiè Ān in seinem Haus und ließ nichts auftragen als Tee und ein paar Früchte. Sein Neffe, der die Lage für unangemessen hielt, hatte heimlich ein vollständiges Bankett vorbereiten lassen — Fleisch, Fisch, mehrere Gänge. Nach dem Besuch ließ Lu Na den Neffen vierzig Stockschläge geben. „Du hast", sagte er, „die Reinheit unseres Hauses verdorben." Es ist die früheste schriftliche Stelle, an der Tee als Zeichen einer bestimmten Lebensführung steht — knapp, klar, nicht prunkend.

Die dritte ist die kürzeste. In den Aufzeichnungen über Mönche der frühen Jin-Zeit findet sich ein Eintrag über 單道開 Shàn Dào Kāi, einen Asketen aus Dunhuang, der über siebzig Jahre alt wurde und weder Hitze noch Kälte fürchtete. Er aß nichts als kleine Pillen aus Pinienharz und Honig — und trank täglich „ein bis zwei Sheng Teesud". Bis zu eineinhalb Liter Tee am Tag, in einer Höhle in der Wüste am Westende der Seidenstraße. Es ist die früheste Erwähnung eines Mönchs, der vom Tee als Lebensmittel lebte.

Vor Lu Yu war der Tee schon da. Aber er war einer unter vielen Dingen. Erst nach Lu Yu wurde er der eine, von dem man Bücher schrieb.


八之出 bā zhī chū — Von den Herkünften

Im achten Kapitel kehrt Lu Yu von den Büchern zurück in die Landschaft. Er teilt das südliche China, soweit dort Tee wächst, in acht Anbaugebiete und nennt für jedes die Präfekturen und Kreise, in denen ein Tee von Rang erzeugt wird:

山南 Shān Nán — südlich der Gebirge (das heutige südliche Shaanxi und westliche Hubei)
淮南 Huái Nán — südlich des Huai-Flusses
浙西 Zhè Xī — westliches Zhejiang
劍南 Jiàn Nán — südlich des Schwert-Passes (Sichuan)
浙東 Zhè Dōng — östliches Zhejiang
黔中 Qián Zhōng — die Mitte von Qian (das heutige Guizhou)
江南 Jiāng Nán — südlich des Yangtse
嶺南 Lǐng Nán — südlich der Bergketten (das heutige Guangdong und Guangxi)

Innerhalb jedes Gebiets benennt er einzelne Berge, einzelne Klöster, einzelne Quellen, an denen die besten Tees gemacht werden. Er ordnet sie in Stufen: bester Tee, zweitbester, geringerer. Die Liste ist nüchtern und konkret — keine Überschwänglichkeit, keine Werbung, nur Ortsnamen und Urteile.

Was diese Liste auszeichnet, ist nicht ihre Vollständigkeit, sondern ihre Quelle. Lu Yu hat diese Gebiete nicht aus einem Atlas abgeschrieben. Er hat die meisten von ihnen selbst bereist — zu Fuß, über Jahrzehnte hinweg, mit dem Stab in der Hand und einem Filterbeutel im Gepäck. Er hat in diesen Klöstern übernachtet, an diesen Quellen Wasser geschöpft, von diesen Bergen Tee getrunken und ihn mit dem Tee des Nachbarbergs verglichen. Was im achten Kapitel steht, sind keine Notizen aus zweiter Hand. Es sind die Befunde eines Mannes, der seine Schuhsohlen abgegangen hat.

Er ist kein Romantiker des Tees. Er ist sein erster Geograph.

Das Buch riecht hier nicht nach Tee. Es riecht nach Schuhen, die viele Berge gegangen sind.


九之略 jiǔ zhī lüè — Vom Auslassen

Acht Kapitel lang hat Lu Yu beschrieben, was zum Tee gehört. Werkzeug, Verfahren, Geschirr, Feuer, Wasser, Mund, Geschichte, Landkarte. Im neunten Kapitel — knapp und beinahe beiläufig — sagt er, was man weglassen darf.

Er nennt zwei Lagen. Die erste:

「其煮器,若松間石上可坐,則具列廢。」
Qí zhǔ qì, ruò sōng jiān shí shàng kě zuò, zé jù liè fèi.
Was die Geräte zum Sieden betrifft — wenn zwischen den Kiefern auf einem Stein zu sitzen ist, dann darf das Tragegestell wegfallen.

Wer auf einem flachen Stein zwischen zwei Kiefern sitzt, braucht keine Bank, auf der die vierundzwanzig Geräte versammelt würden. Der Stein ist die Bank. Der Wald ist das Teezimmer. Und mit dem Tragegestell, sagt Lu Yu, fallen weitere Geräte fort, die nur dort gebraucht werden, wo eine Wand und ein Boden und eine Ordnung des Raums vorhanden sind.

Die zweite Lage ist noch entlegener:

「若援藟躋嵒,引絙入洞,於山口炙而末之,或紙包合貯,則碾、拂末等廢。」
Ruò yuán léi jī yán, yǐn gēng rù dòng, yú shān kǒu zhì ér mò zhī, huò zhǐ bāo hé zhù, zé niǎn, fú mò děng fèi.
Wenn man sich an Ranken in eine Felswand zieht und an einem Seil in eine Höhle hinabsteigt, am Bergeingang den Ziegel röstet und gleich dort zu Pulver mahlt, oder ihn schon vorher in Papier eingeschlagen mitführt — dann fallen Mühle und Pinsel und das Übrige weg.

Wer in eine Höhle klettert, um dort Tee zu bereiten, hat die Mühle nicht im Rucksack. Er reibt den gerösteten Ziegel zwischen zwei Steinen, oder er hat schon zu Hause das Pulver in einem Päckchen Papier eingeschlagen. Die Mühle, die im 《茶經·四之器》 mit ihrer Walze und ihrer halbrunden Aushöhlung so genau beschrieben war, ist hier nichts. Der Pinsel, mit dem das Pulver vom Trogboden gewischt würde, ist hier nichts.

Es ist ein erstaunlicher Augenblick. Der Mann, der vier Kapitel lang die genaue Topographie eines vollständigen Tees aufgezeichnet hat — Maße, Hölzer, Inschriften, Reihenfolgen —, sagt nun, dass das alles abhängig ist von einem Ort. In der Stadt, im Hause der Edlen, fehlt von den vierundzwanzig auch nur eines, so ist der Tee verdorben. In den Bergen aber, auf einem Stein zwischen zwei Kiefern, an einem Bergeingang, in einer Höhle — fällt fast alles weg, und der Tee bleibt.

Das ganze 《茶經》 ist auf dieses Kapitel hin geschrieben. Nicht weil das übrige unwichtig wäre, sondern weil die Genauigkeit des übrigen erst dann verständlich wird, wenn man weiß, dass sie loslassbar ist.


十之圖 shí zhī tú — Vom Bild

Das letzte Kapitel ist das kürzeste. Lu Yu rät dem Leser, den Inhalt der vorausgegangenen neun Kapitel auf vier oder sechs Bahnen weißer Seide schreiben zu lassen und sie an die Wand neben dem Sitz zu hängen — 陳諸座隅 chén zhū zuò yú, „an die Ecke, wo man sitzt".

Damit endet das 《茶經》. Nicht mit einem Schlusswort, nicht mit einer Zusammenfassung, nicht mit einer letzten Belehrung. Es endet mit einer Anweisung, die das Buch in ein Bild verwandelt. Wer Tee bereitet, braucht das Buch nicht mehr aufzuschlagen; er hebt nur den Blick.


Siebentausend Schriftzeichen, zehn Kapitel, drei Rollen. Vom Baum im Süden bis zum Bild an der Wand. Wer das 《茶經》 gelesen hat, hat den Tee — so wie Lu Yu ihn verstand — von der Wurzel bis zum letzten Schluck mitvollzogen.

Was am Ende bleibt, ist kein System und keine Lehre. Es ist eine Reihe einfacher Bilder. Ein Baum, dessen Blatt der Gardenie gleicht, dessen Blüte der weißen Wildrose. Ein Reiter, dessen Stiefel sich kräuseln wie die Oberfläche eines guten Teeziegels. Ein Kessel, in dem zuerst Fischaugen aufsteigen, dann Perlen an einer Schnur, dann Wellen. Drei Schalen aus einem Aufguss, eine Prise Salz beim ersten Sieden, ein Wirbel beim zweiten. Ein Mönch in einer Wüstenhöhle, der täglich seine eineinhalb Liter Tee trinkt. Ein Beamter, der seinen Neffen vierzig Stockschläge geben lässt, weil dieser ein Bankett auftrug, wo Tee genug gewesen wäre. Ein Stein zwischen zwei Kiefern, auf dem man sitzt, ohne Bank, ohne Tragegestell.

Und schließlich, an einer weißen Wand neben einer Sitzecke, vier oder sechs Bahnen Seide, auf denen das Wesentliche steht.

Wer Tee bereitet, hebt den Blick und sieht es. Mehr braucht es nicht.

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Das Wort „Tee“ in den Sprachen der Welt
吃茶去