The Book of Tea — Okakura Kakuzō (1906)

The Book of Tea (japanisch 茶の本, Cha no Hon) ist ein 1906 erschienener Essay des japanischen Kunsthistorikers und Schriftstellers Okakura Kakuzō (岡倉覚三, 1862/63–1913). Das Werk wurde in englischer Sprache verfasst und wandte sich an ein westliches Publikum. Es ist keine Anleitung zur Zubereitung von Tee, sondern die Darstellung einer Lebenshaltung, die Okakura „Teeismus" (englisch Teaism) nennt: einer ästhetischen und geistigen Auffassung, die er aus dem Daoismus und dem Zen-Buddhismus herleitet und am japanischen Teeweg (chadō, 茶道) festmacht. Geschrieben im Anschluss an den Russisch-Japanischen Krieg, zählt das schmale Buch zu den bekanntesten englischsprachigen Klassikern der Teeliteratur.


Der Autor

Okakura Kakuzō, auch unter dem Künstlernamen Tenshin (天心) bekannt, wurde 1862 oder 1863 in Yokohama geboren; die Angaben schwanken, da er nach dem alten Mondkalender gegen Ende des Jahres 1862 zur Welt kam. Sein Vater, ein ehemaliger Samurai im Dienst des Fukui-Lehens, betrieb dort einen Seidenhandel. Okakura lernte früh Englisch an einer Schule des amerikanischen Missionars James Curtis Hepburn und beherrschte die fremde Sprache, ehe er die Schriftzeichen seiner eigenen Kultur lesen konnte; auf Betreiben seines Vaters studierte er daneben in einem buddhistischen Tempel die japanische Überlieferung. Diese doppelte Bildung erklärt, weshalb er seine Hauptwerke später unmittelbar auf Englisch verfassen konnte.

An der späteren Kaiserlichen Universität Tokio wurde er Schüler des aus Harvard stammenden Kunsthistorikers Ernest Fenollosa. 1887 war Okakura an der Gründung der Tokioter Kunsthochschule (東京美術学校) beteiligt, deren Direktor er ein Jahr darauf wurde; nach seinem Rücktritt 1897 begründete er die Kunstakademie Nihon Bijutsuin (日本美術院). Ab 1904 war er mit dem Museum of Fine Arts in Boston verbunden, wo er 1910 die Leitung der Abteilung für japanische und chinesische Kunst übernahm. Neben dem Buch vom Tee schrieb er zwei weitere englische Bücher, The Ideals of the East (1903) und The Awakening of Japan (1904). Er starb 1913 in Akakura in der Präfektur Niigata.


Entstehung und Kontext

Das Buch entstand kurz nach dem Russisch-Japanischen Krieg (1904–1905) und ist die dritte und letzte der englischsprachigen Schriften Okakuras. Wie die beiden vorangegangenen richtet es sich an westliche Leser und tritt den seinerzeit verbreiteten Zerrbildern Japans und Asiens entgegen. Okakura widmete den Band dem mit ihm befreundeten amerikanischen Maler John La Farge. Die Erstausgabe erschien 1906 in New York im Verlag Fox, Duffield & Company.


Inhalt

Das Buch gliedert sich in sieben Kapitel.

Die Schale der Menschlichkeit

Okakura setzt mit dem Gedanken ein, dass der Tee als Heilmittel begonnen und sich zum Getränk entwickelt habe: im China des achten Jahrhunderts sei er in den Bereich der Dichtung eingetreten, im fünfzehnten Jahrhundert habe Japan ihn zu einer Religion des Ästhetischen erhoben. Er bestimmt den Teeismus als eine Verehrung des Unvollkommenen und macht das gegenseitige Missverstehen von Ost und West zum Thema. In diesem Zusammenhang steht seine bekannte Bemerkung, der Westen habe Japan für barbarisch gehalten, solange es die friedlichen Künste pflegte, und es erst zivilisiert genannt, als es auf den Schlachtfeldern der Mandschurei zu töten begann. Daran schließt sich ein knapper Abriss, wie der Tee Europa erreichte — über die niederländischen Händler des frühen siebzehnten Jahrhunderts bis zur Aufnahme in England um 1650 — und welche Rolle er in der westlichen Geschichte spielte, bis hin zur Bostoner Tea Party.

Die Schulen des Tees

Okakura ordnet die Geschichte des Teegenusses drei Stufen zu: dem gekochten Tee der Tang-Zeit, dem geschlagenen Pulvertee der Song-Zeit und dem aufgegossenen Blatttee der Ming-Zeit, die er der Klassik, der Romantik und dem Naturalismus an die Seite stellt. Ausführlich behandelt er Lù Yǔ (陸羽) und dessen Werk 《茶經》(Chájīng, „Klassiker des Tees") aus dem achten Jahrhundert, einschließlich der vierundzwanzig Teegeräte sowie der Lehre vom rechten Wasser und den Stufen des Siedens. Anschließend schildert er, wie der Tee und das mit ihm verbundene Zen-Ritual nach Japan gelangten — über den Mönch Saichō (最澄, 801) und Eisai (栄西, 1191) — und wie sich die Teezeremonie im fünfzehnten Jahrhundert unter dem Shōgun Ashikaga Yoshimasa (足利義政) zu einer eigenständigen Form ausbildete. Die chinesische Teegeschichte erscheint dabei als Vorgeschichte, die ihren Höhepunkt erst im japanischen Teeweg erreicht; das Kapitel schließt mit der Feststellung, der Teeismus sei verkappter Daoismus gewesen.

Daoismus und Zen

Das dritte Kapitel legt den geistigen Untergrund frei. Okakura stellt den Daoismus als die individualistische Geistesströmung Südchinas dar, im Gegensatz zum Konfuzianismus des Nordens, und erläutert den Begriff des Dào (道). Im Zentrum steht das Gleichnis von der Leere: Der Nutzen eines Raumes liege im leeren Inneren, nicht in Wänden und Dach. Über die Lehre von der Relativität führt er zum Zen, dessen Name sich vom Sanskritwort dhyāna (Versenkung) herleitet, und nennt dessen Überlieferung von Bodhidharma (達摩) bis zum sechsten Patriarchen Huìnéng (慧能). Daoismus und Zen, so sein Schluss, hätten gemeinsam den Boden bereitet: Der eine habe die ästhetischen Ideale geliefert, der andere sie in die Praxis überführt.

Der Teeraum

Okakura beschreibt das Teehaus (sukiya, 数寄屋) als bewusst schlichten, vergänglichen Bau, der mit der Verehrung des Unvollkommenen und Unsymmetrischen verbunden sei. Den ersten eigenständigen Teeraum führt er auf Sen no Rikyū (千利休) zurück, den bedeutendsten Teemeister, der die Zeremonie im sechzehnten Jahrhundert unter Toyotomi Hideyoshi (豊臣秀吉) zur Vollendung brachte. Er erläutert den Gartenpfad (roji, 露地), die niedrige Eingangsluke, durch die jeder Gast gebückt eintreten muss, sowie die Forderung nach vollkommener Sauberkeit, die er an der Anekdote von Rikyū und dessen Sohn veranschaulicht. Der Teeraum erscheint als Gegenbild zur westlichen Wohnung, die Okakura mit einem überfüllten Museum vergleicht.

Kunstbetrachtung

Eingeleitet durch das daoistische Gleichnis von der Bändigung der Harfe, deutet Okakura die Kunstbetrachtung als ein Zwiegespräch zwischen Werk und Betrachter, das beiderseitiges Entgegenkommen verlangt. Er wendet sich gegen ein Kunstverständnis, das den Namen des Künstlers über die Qualität des Werks und das hohe Alter über die ästhetische Wirkung stellt, und mahnt, das Werturteil nicht der Mode oder der archäologischen Einordnung zu überlassen.

Blumen

Das sechste Kapitel handelt vom Verhältnis des Menschen zur Blume. Okakura kritisiert die verschwenderische Vernichtung von Blumen im Westen und stellt ihr die Zurückhaltung der japanischen Blumenkunst und der Teemeister gegenüber, die der einzelnen Blüte einen bemessenen Platz zuweisen.

Die Teemeister

Abschließend zeigt Okakura, wie die Teemeister das japanische Leben über die Zeremonie hinaus geprägt haben — in Kleidung, Küche, Keramik, Malerei und Gartenkunst. Den Schluss bildet der Tod Rikyūs, der auf Befehl Hideyoshis nach einer letzten, vollendet ausgeführten Teezusammenkunft Selbstmord beging.


Der Begriff „Teeismus"

Mit „Teeismus" bezeichnet Okakura nicht das Teetrinken selbst, sondern eine aus Daoismus und Zen gespeiste Lebenskunst. Sie sucht das Schöne inmitten des Alltäglichen, hält Einfachheit für reicher als Aufwand und versteht sich, in Okakuras Formulierung, als eine Verehrung des Unvollkommenen — als der Versuch, im unvollkommenen Dasein etwas Mögliches zu vollbringen. Der Tee dient dabei als Anlass und Mittelpunkt, nicht als eigentlicher Gegenstand.


Ausgaben und deutsche Übersetzungen

Das englische Original erschien 1906. Die erste deutsche Übersetzung wurde 1922 veröffentlicht. Verbreitet ist bis heute die Übertragung des Japanologen Horst Hammitzsch von 1949, die im Insel Verlag erschien und mehrfach neu aufgelegt wurde; sie gilt als sprachlich gehoben, aber dem Tonfall ihrer Entstehungszeit verhaftet. Eine modernere, schlichter gehaltene Neuübersetzung legte Kim Landgraf 2010 im Anaconda Verlag vor.


Bedeutung

The Book of Tea gehört zu den meistgelesenen englischsprachigen Büchern über Tee und hat das westliche Bild vom japanischen Teeweg über Jahrzehnte mitgeprägt. Es wurde als eine der frühesten klar verständlichen englischen Darstellungen des Zen und seines Verhältnisses zu den Künsten beschrieben. Die neuere Forschung beurteilt Okakuras durchgehende Entgegensetzung von „Ost" und „West" zurückhaltender und sieht in ihr auch einen Beitrag zur Vorstellung einer einheitlichen „asiatischen Geistigkeit".


Weblink

Vollständiger englischer Text (gemeinfrei) im Project Gutenberg: https://www.gutenberg.org/ebooks/769

* * *

Xu Chajing – Ein Buch aus Büchern. Lu Tingcans Kompilation von 1734
吃茶去