Chashu — ein Kompendium des Aufgusses, 1597

Zwei Jahre nach Zhang Yuans Chalu erschien das ausführlichste Teebuch der späten Ming-Zeit. Wo Zhang Yuan das Handwerk auf wenige Seiten verknappte, breitete Xu Cishu die ganze Welt des Tees aus, vom Hang, an dem das Blatt wächst, bis zur Stunde, in der die Schale gereicht wird.


I. Xu Cishu und sein Buch

Jedes Frühjahr, zur Zeit der neuen Blätter, fuhr ein Wagen aus der Stadt Hangzhou hinaus nach Norden, nach Gùzhǔ. Dort, in einem Tal namens Míngyuèxiá, lag der kleine Garten des Yáo Shàoxiàn. Yao zog dort Tee, kannte jeden Hang und jede Quelle. Der Gast schöpfte Wasser aus den beiden Quellen Jīnshā und Yùdòu, kostete in kleinen Schlucken und prüfte mit dem Gastgeber die Güte der Blätter. Yao gab ihm weiter, was er in einem langen Leben erprobt hatte. Der Gast hieß Xǔ Cìshū 許次紓.

Xu war ein Sohn aus gutem Haus. Sein Vater hatte das höchste Provinzamt von Guangxi bekleidet. Er selbst trat nie in den Dienst. Ein Gebrechen am Fuß hielt ihn fern vom Amt, so berichtet es ein Jahrhundert später Lì È in seinen Aufzeichnungen aus der Oststadt. Xu blieb sein Leben lang ohne Rang. Er sammelte seltene Steine, prüfte Quellwasser, hielt Gäste. Zwei Bände eigener Schriften gingen verloren. Ein einziges Buch blieb, das Chashu《茶疏》.

Geschrieben wurde es 1597. Sieben Jahre später starb Xu. Erst 1607, drei Jahre nach seinem Tod, schrieben Yao Shaoxian und ein Verwandter namens Xǔ Shìqí ihre Vorworte, und im selben Jahr ließ Xu Shiqi das Buch zum ersten Mal drucken. In seinem Vorwort steht der Satz: «然明化三年所矣,余每持茗碗,不能無期牙之感» — «Ranming ist drei Jahre dahin; sooft ich die Teeschale halte, fühle ich den Schmerz um den verlorenen Freund.» Xu Shiqi erzählt, der Verstorbene sei ihm im Traum erschienen und habe ihn gebeten, das Buch in Holz zu schneiden. Der Verfasser hat sein eigenes Werk nie gedruckt gesehen.

Das Chashu zählt rund viertausendsiebenhundert Zeichen, nach anderer Zählung gegen sechstausend, und gliedert sich in sechsunddreißig Abschnitte; die Zusammenfassung der kaiserlichen Bibliothek nennt neununddreißig. Diese Bibliothek urteilte, das Buch stehe «mit Lu Yus《茶經》in Wechselseite». Zusammen mit Zhang Yuans zwei Jahre älterem Chalu gilt es als eines der beiden Glanzstücke der späten Ming-Teeliteratur. Zhang Yuan schrieb knapp, auf wenig mehr als anderthalbtausend Zeichen. Xu Cishu schrieb breit. Seine sechsunddreißig Abschnitte legen das ganze Teewesen aus, vom Boden bis zur Stimmung des Trinkenden.


II. Sechsunddreißig Abschnitte

Die sechsunddreißig Abschnitte folgen dem Weg des Blattes, vom Hang bis in die Schale vor dem Gast. Sie lassen sich in sechs Gruppen lesen. Vier Abschnitte, das Wachsen, das Lagern, die Stunden des Trinkens und das Rösten, behandeln die folgenden Kapitel ausführlich; hier stehen sie nur in der Reihe.

Die erste Gruppe gilt der Herstellung.

產茶 Chǎnchá. Wo der Tee wächst. Ordnet die Teegegenden des Reichs nach Rang, vom Liu'an im Norden bis zum Luojie aus Changxing, dem Tee, den Xus Zeit am höchsten schätzte.

今古製法 Jīngǔ zhìfǎ. Altes und neues Verfahren. Die Alten pressten Klumpentee und mischten Duftstoffe darunter. Eine einzige Form aus dem Tributtee von Jianzhou, geformt aus Eisknospen, kostete bis zu vierhunderttausend Münzen und reichte doch nur für wenige Schalen. Das eingeweichte und parfümierte Blatt verlor dabei seinen wahren Geschmack. Das neue Verfahren pflückt und dörrt sogleich und behält Duft, Farbe und Geschmack. Xu zieht das neue dem alten vor.

採摘 Cǎizhāi. Das Pflücken. Vor dem Qingming-Fest ist es zu früh, nach Sommeranfang zu spät; um den Getreideregen herum ist die Zeit recht, ein, zwei Tage später erst hat das Blatt seine volle Kraft. Der Luojie wird erst nach Sommeranfang gepflückt. Auch eine zweite Ernte im siebten oder achten Monat, «früher Frühling» genannt, hält Xu für vorzüglich. Vor dem Pflücken zur Pflaumenregenzeit warnt er: solches Blatt schmecke bitter und herb und schade dem Strauch.

炒茶 Chǎochá. Das Rösten. Hält das Rösten des frischen Blattes in der eisernen Pfanne fest, vom Verbot des neuen Eisens bis zum Wechsel von weichem und starkem Feuer.

岕中製法 Jièzhōng zhìfǎ. Das Verfahren im Jie-Gebirge. Beschreibt das Dämpfen des Luojie, der nicht geröstet wird, und entlarvt den «gerösteten Jie» als Fälschung.

Die zweite Gruppe gilt der Aufbewahrung. Fünf Abschnitte. Vor Xu hatte niemand das Lagern des Tees so genau zerlegt.

收藏 Shōucáng. Das Einlagern. Der Tonkrug, ausgekleidet mit dicken Bambusblättern, fest gefüllt, mit Lederpapier und Hanf versiegelt gegen jeden Lufthauch.

置頓 Zhìdùn. Das Aufstellen. Wo der Krug steht: in beheizter Nähe des Menschen, im Bretterraum, auf gemauertem Sockel, umhäuft von erkalteter Asche; fern von der Erdwand, fern vom Bambuskorb, fern von der Feuerhitze, die den Tee gelb macht.

取用 Qǔyòng. Das Entnehmen. Man hole den Tee bei klarem Wetter und schließe den Krug rasch wieder, damit keine Feuchtigkeit eindringe.

包裹 Bāoguǒ. Das Einwickeln. Lederpapier, nicht das gewöhnliche, das den Dunst durchlässt, und Hanfschnur gegen Wind und Nässe.

日用頓置 Rìyòng dùnzhì. Das Bereithalten. Den täglichen Vorrat hält man in einem kleinen Krug am Tisch, fern von Truhen, Bücherkörben und Speisegerät. Bei Duftstoffen nimmt der Tee deren Duft an, bei Meeresware deren Geruch. Über Nacht ist er gelb und verdorben.

Die dritte Gruppe gilt dem Wasser.

擇水 Zéshuǐ. Die Wahl des Wassers. Bewertet die Quellen des Landes. Hier unterlief Xu der Fehler, den schon die kaiserliche Bibliothek vermerkte: er hielt einen Brunnen auf dem Jinshan für die berühmte Zhonglíng-Quelle.

貯水 Zhùshuǐ. Das Lagern des Wassers. Süßes Quellwasser schöpfe man frisch und bewahre es in großen Krügen. Der neue Krug verdirbt das Wasser, das Holzfass mehr noch, am meisten das aus Kiefer und Tanne. Den Krug verschließe man mit Bambusblatt und Lehm; fehlt die Quelle, nehme man Wasser aus dem Pflaumenregen.

舀水 Yǎoshuǐ. Das Schöpfen. Man schöpfe mit einer Porzellanschale, hebe sie leicht aus dem Krug und gieße sie langsam in den Kessel, ohne dass Tropfen in den Krug zurückfallen und das Wasser verderben.

虎林水 Hǔlínshuǐ. Das Wasser von Hangzhou. Bewertet die Quellen der Heimatstadt, darunter die des Hupao.

Die vierte Gruppe gilt dem Feuer und dem Aufguss.

煮水器 Zhǔshuǐqì. Das Gerät zum Wasserkochen. «金乃水母,錫備柔剛» — «Gold ist die Mutter des Wassers, Zinn vereint Weiche und Härte.» Der zinnerne Kessel habe ein durchbohrtes Inneres, damit die Hitze durchziehe. Wasser, Gerät und Feuer bedingen einander; fehlt eines, taugt der Tee nicht.

火候 Huǒhòu. Das Feuer. Hartholzkohle zuerst rotglühend brennen, damit kein Rauch ins Wasser dringt; dann den Kessel aufsetzen und unablässig fächeln. Das stehengebliebene Wasser werfe man weg und koche neu.

烹點 Pēngdiǎn. Der Aufguss. Sobald das Wasser durchgesotten ist, nimmt man es vom Feuer, spült Kanne und Schale, gibt das Blatt hinein und deckt zu. Auf Hangzhouer Art gießt man das kochende Wasser über eine Prise loser Blätter in der Schale.

秤量 Chēngliàng. Das Maß. Tee und Wasser haben ihr festes Verhältnis: zu viel Blatt macht den Aufguss bitter, zu viel Wasser macht ihn fade.

湯候 Tānghòu. Der Augenblick des Siedens. Am Aufsteigen der Blasen, Krabbenaugen und Fischaugen, erkennt man, ob das Wasser jung oder alt ist.

權宜 Quányí. Die Aushilfe. Wie man sich behilft, wenn unterwegs oder in der Eile das rechte Gerät fehlt.

Die fünfte Gruppe gilt dem Gerät, dem Raum und dem Trinken.

甌注 Ōuzhù. Schale und Kanne. Die Kanne tauge, die keinen fremden Geruch annimmt; das Porzellan aus Raozhou sei untauglich. Xu rühmt die Kannen des Gongchun und des Shi Dabin aus Yixing, aus grobem Sand ohne Erdgeruch geformt. «其餘細砂……尤有土氣,絕能敗味,勿用勿用» — feiner Sand und fremde Hand trügen Erdgeruch und verdürben den Geschmack, «nicht gebrauchen, nicht gebrauchen».

蕩滌 Dàngdí. Das Spülen. Die Geräte halte man rein und trocken, vor dem Aufguss gespült, mit dem Tuch gewischt.

飲啜 Yǐnchuò. Das Trinken. Den Tee trinke man warm und rasch; wartet man zu lange, verfliegt der Duft und der Geschmack lässt nach.

論客 Lùnkè. Die Zahl der Gäste. Misst den Aufwand an der Zahl der Trinkenden. Bei drei Gästen genügt ein Ofen, bei fünf oder sechs braucht es zwei und einen Knaben. Bei zu vielen löscht man das Feuer und reicht Früchte statt des Tees.

茶所 Chásuǒ. Der Teeraum. Neben dem Studierzimmer eine eigene kleine Teehütte, hoch und trocken, hell und luftig, mit zwei Öfen an der Wand und Tischen für das Gerät.

洗茶 Xǐchá. Das Waschen des Blattes. Der Luojie wächst am Berghang und trägt Flugsand im Blatt. Man wasche ihn mit halb gekochtem Wasser und presse ihn von Hand trocken. «洗必躬親» — das Waschen müsse man selbst besorgen.

童子 Tóngzǐ. Der Knabe. Ein eigener Junge hütet allein das Feuer und den Aufguss. Seine Hände seien sauber, sein Platz fern von der Hitze des Studierraums.

Die sechste Gruppe gilt der Stunde, dem Maß und der Prüfung des Überlieferten.

飲時 Yǐnshí. Die Stunden des Tees. Vierundzwanzig Gelegenheiten, zu denen Tee gehört, von der Muße über das nächtliche Gespräch bis zum hellen Fenster.

宜輟 Yíchuò. Wann man ihn lässt. Die Stunden, zu denen man den Tee beiseitelässt: beim Schreiben, beim Schauspiel, an langer Festtafel, in der Hast der Geschäfte.

不宜用 Bùyíyòng. Was nicht taugt. Schlechtes Wasser, schadhaftes Gerät, der Kupferlöffel, der Holzeimer, das harzige Brennholz, alles, was den Geschmack verdirbt.

不宜近 Bùyíjìn. Was fernbleiben soll. Der feuchte Raum, die Küche, der Lärm des Markts, das Weinen der Kinder, der grobe Mensch, die Hitze des Studierraums.

良友 Liángyǒu. Der gute Freund. Der reine Aufguss gehört zu Gleichgesinnten von ruhigem Herzen.

出遊 Chūyóu. Auf Reisen. Wer Berge und Wasser besucht, nimmt Becher und Kanne mit. «士人登山臨水,必命壺觴» — wer aber Teeschale und Räucherofen zurücklässt und nur den Wein mitführt, treibt bloßen Aufwand und kennt die stille Freundschaft nicht.

宜節 Yíjié. Das rechte Maß. Man trinke mit Maß; im Übermaß genossen, schadet auch der Tee.

辨訛 Biàn'é. Irrtümer scheiden. Widerlegt verbreitete Irrtümer und Fälschungen des Teewesens, etwa den Handel mit gefälschtem Spitzentee.

考本 Kǎoběn. Den Ursprung prüfen. Hält eine Sitte fest, die vor Xu niemand aufgeschrieben hatte: dass man bei der Hochzeit Tee als Gabe reicht. Der Teestrauch lässt sich nicht verpflanzen und wächst allein aus dem eigenen Samen.


III. Chǎnchá. Wo der Tee wächst.

Der erste Abschnitt beginnt mit einem weiten Blick über das Land: «天下名山,必產靈草。江南地暖,故獨宜茶» — «Auf jedem berühmten Berg wächst ein Wunderkraut. Das Land südlich des Stroms ist warm, darum allein taugt es dem Tee.» Von dort ordnet Xu die Gegenden nach Rang. Im Norden nennt man den Liu'an, der in Wahrheit am großen Shu-Berg im Kreis Huoshan wächst. Im Süden rühmten die Tang-Leute zuerst den Yángxiàn, die Song-Leute am höchsten den Tee aus Jianzhou. Xu selbst stellt den Wuyi obenan: «惟有武夷雨前最勝» — «am besten ist allein der Wuyi vor dem Regen.»

Dann kommt er auf den Tee, den seine eigene Zeit am meisten schätzte, den Luójiè aus Changxing. Den Namen erklärt er selbst: «介於山中謂之岕,羅氏隱焉故名羅» — der Spalt zwischen den Bergen heißt jiè 岕, und nach der Familie Luo, die sich dort verbarg, heißt der Tee Luo. Vom besten Hang, dem Berg Dongshan, zitiert er den Freund aus dem Garten: «姚伯道云:明月之峽,厥有佳茗» — «Yao Bodao sagt: im Tal des hellen Mondes wächst trefflicher Tee.» Yao Bodao ist Yao Shaoxian. Der Mann, in dessen Garten Xu Jahr für Jahr saß, spricht hier im Buch selbst.

Der Luojie wurde nicht geröstet. Er wurde gedämpft, sein Blatt war groß und stengelig, sein Geschmack trug etwas vom Geruch des Steins. Gepflückt wurde er spät, erst nach Beginn des Sommers. Xu wusste, dass mit dem Namen Handel getrieben wurde. Wer «echten Luojie vor dem Regen» anbot, log. Vor dem Regen gab es noch keinen Luojie. Den Tee vom Berg Tianchi, den die Gelehrten lange hochhielten, setzte Xu eigenhändig herab: «自余始下其品» — «erst ich habe seinen Rang gesenkt», er beschwere den Magen, wer zu viel davon trinke.

Der Luojie führte fast ein Jahrhundert lang den Geschmack der gebildeten Trinker an. In eine Reihe mit ihm stellte Xu den Tee aus Songluo in Shexian, den Hǔqiū aus Suzhou und den Lóngjǐng aus den Bergen bei Hangzhou, deren Duft dem Luojie nahekomme. Unter den Tees seiner eigenen Provinz nannte er den Yandang vom Tiantai, den Dapan aus Kuocang, den Jinhua aus Dongyang, den Rizhu aus Shaoxing, alle dem Wuyi ebenbürtig. Doch auch der beste Hang nütze nichts ohne Sorgfalt: «制造不精,收藏無法,一行出山,香味色俱減» — schlecht verarbeitet und ohne Kunst gelagert, verliere der Tee, kaum aus den Bergen heraus, Duft, Geschmack und Farbe zugleich.

Mehrere Bücher der späten Ming galten allein dem Luojie. In der Yongzheng-Zeit der folgenden Dynastie brach die Herstellung ab. Das Verfahren ging verloren. Heute liegt der Berg, an dem er wuchs, noch da, das Dorf trägt noch seinen Namen, und der Tee, den Xu für ein Götterkraut hielt, ist verschwunden. Niemand kennt seinen Geschmack.


IV. Shōucáng. Wie der Tee überwintert.

Fünf Abschnitte gelten dem Lagern. Xu setzt mit einem Satz über die Natur des Blattes ein: «茶惡濕而喜燥,畏寒而喜溫,忌蒸鬱而喜清涼» — «Tee hasst die Nässe und liebt das Trockene, scheut die Kälte und liebt die Wärme, meidet den dumpfen Dunst und liebt die kühle Klarheit.» Aus diesen Vorlieben leitet er ein ganzes Handwerk her.

Gelagert wird in einem Tonkrug von zehn bis zwanzig Pfund Fassung, ringsum mit dicken Bambusblättern, ruò 箬, ausgekleidet, der Tee fest hineingedrückt, der Hals des Krugs mit Blättern verstopft, darüber eine Lage Blätter, das Ganze in echtes Lederpapier gewickelt, mit Hanf verschnürt und mit einem großen neuen Ziegel beschwert, damit kein Lufthauch eindringt. So bleibt der Tee bis zur nächsten Ernte.

Der Ort des Krugs verlangt eigene Sorgfalt. Er gehört dorthin, wo Menschen sitzen und liegen. Die Nähe des Menschen hält ihn warm. Ein Bretterraum taugt, ein Erdraum nicht: «板房則燥,土室則蒸» — «der Bretterraum ist trocken, der Erdraum dunstet.» Der Krug steht auf einem gemauerten Sockel, geformt wie ein Ofen, je größer desto besser, fern von der Erdwand. Ringsum häuft man erkaltete Asche, die den Krug trocken hält und gegen Wind und Nässe schützt. Feuerhitze aber darf nicht in den Krug, sonst wird der Tee gelb. Vor dem Bambuskorb warnt Xu: das Bambusblatt liege nicht dicht genug an, Ritzen blieben, Wind und Nässe drängen ein. Die Leute brauchten ihn dennoch, und er setzt zwei Zeichen dagegen: «忌之忌之» — «meide ihn, meide ihn.»

Neben dem großen, fest verschlossenen Vorrat hält Xu einen kleinen Krug für den täglichen Gebrauch, damit der große nicht oft geöffnet werde und die Feuchtigkeit fernbleibe. Beim Entnehmen warnt er vor dem feuchten Tag: man hole den Tee bei klarem Wetter, schließe den Krug rasch wieder. Das Einwickeln verlangt Lederpapier, nicht gewöhnliches, das den Dunst durchlasse. So zerlegt Xu das Verwahren in seine Handgriffe, vom großen Krug bis zur kleinen Tagesration.

Zhang Yuan hatte das Lagern in wenigen Sätzen abgehandelt. Xu Cishu braucht dafür fünf Abschnitte. Dieselbe Sache, das Überwintern des Blattes, steht bei dem einen in einer Handvoll Zeilen und bei dem anderen als eigenes Handwerk.


V. Yǐnshí. Wann man Tee trinkt.

Die ersten Abschnitte des Buches handeln davon, wie man Tee macht, lagert, aufgießt. Der achtundzwanzigste fragt nach der Stunde. Er nennt keine Regel. Er reiht Gelegenheiten aneinander, vierundzwanzig an der Zahl, ohne ein verbindendes Wort:

Hand und Herz in Muße. Müde vom Lesen und Dichten. Die Gedanken wirr. Beim Hören von Lied und Weise. Wenn Lied und Weise verklungen sind. Hinter verschlossener Tür, abseits der Geschäfte. Beim Spiel der Zither, beim Betrachten von Bildern. Im tiefen Gespräch der Nacht. Am hellen Fenster, am reinen Tisch. Bei Gast und Wirt in vertrautem Beisammensein. Nach der Heimkehr vom Besuch des Freundes. Bei klarem Wind und schönem Tag. Bei leichtem Schatten und feinem Regen. Auf kleiner Brücke, in bemaltem Kahn. Im dichten Wald, bei hohem Bambus. Bei der Pflege der Blumen. Im Schutz des Lotospavillons vor der Hitze. Im kleinen Hof beim Räucherwerk. Wenn der Wein zur Neige geht und die Gäste sich zerstreuen. In sauberem Studierraum. Im stillen Tempel. Bei klarer Quelle und seltsamem Stein.

Der folgende Abschnitt, Yíchuò, nennt die Stunden, zu denen man den Tee lässt: beim Schreiben, beim Schauspiel, beim Abfassen von Briefen, bei großem Regen und Schnee, an langer Festtafel, beim Durchblättern der Bücher, in der Hast der Geschäfte, und bei allem, was den oben genannten Gelegenheiten zuwiderläuft.

Der Abschnitt Lùnkè misst die Zahl der Gäste am Aufwand. Die laute Tafel, an der die Becher kreisen, verlangt keinen Tee. Erst unter Gleichgesinnten, die einander zugetan sind, in freiem Gespräch, ohne Förmlichkeit, ruft man den Knaben, schürt das Feuer, schöpft Wasser und gießt auf. Bei drei Gästen und weniger genügt ein Ofen. Bei fünf oder sechs braucht es zwei Öfen und einen Knaben, damit der Aufguss stimmt. Sind der Gäste zu viele, löscht man besser das Feuer und reicht statt des Tees Früchte.

So kehrt das Buch am Ende zu einem Bild zurück: der reine Tisch, das helle Fenster, die kleine Runde Vertrauter. Nicht die Menge, nicht die Hast. Ein Raum, in dem wenig geschieht.


VI. Chǎochá. Rösten und Dämpfen.

Zur Zeit Xus war das Rösten des grünen Tees in der eisernen Pfanne im Süden längst die übliche Art. Der sechste Abschnitt hält das Verfahren genau fest. Das frische Blatt trägt seinen Duft noch verschlossen, das Feuer löst ihn. Doch das Blatt erträgt die Mühe schlecht, man röste nicht zu lange; nimmt man zu viel in die Pfanne, wird die Hand ungleich, das Blatt zu gar, der Duft zerstreut sich. Vor allem warnt Xu vor neuem Eisen: «鐵腥一入,不復有香» — «dringt der Eisengeruch ein, ist der Duft dahin.» Fett sei noch schlimmer als Eisen; die Pfanne diene allein dem Rösten und keinem anderen Zweck. Als Brennholz tauge nur dünnes Reisig, kein Stroh, das zu heftig auflodere und ebenso rasch erlösche. Eine Pfanne fasse nur vier Unzen. Zuerst weiches Feuer, das Blatt zu erweichen, dann starkes Feuer, es zu treiben, die Hand mit einem Holzgriff geschützt, rasch gewendet, bis es halb gar ist. Dann fächelt man es in den Korb und dörrt es auf reinem Papier. Rösten geht schnell, das Dörren langsam; Trockenes und Feuchtes dürfen nicht durcheinander. Ein einziges angesengtes Blatt verdirbt die ganze Pfanne. Über das Maß zwischen zu heißem Feuer und zu kalter Pfanne schreibt er: «以意消息,最難最難» — «nach dem Gefühl es lenken, das ist das Schwerste, das Schwerste.»

Der siebte Abschnitt steht daneben und kennt ein anderes Feuer. Der Luojie wird nicht geröstet: «岕之茶不炒,甑中蒸熟,然後烘焙» — «der Jie-Tee wird nicht geröstet, im Dämpfer gar gedämpft und dann gedörrt.» Sein Blatt wird spät gepflückt und ist zu alt; die Pfanne machte es nicht weich, nur brüchig. Auch hier kennt Xu den Betrug: es gebe einen sehr feinen «gerösteten Jie», in Wahrheit anderswo gepflückt und geröstet, um die Liebhaber des Seltenen zu täuschen.

In einem einzigen Buch stehen so zwei Feuer nebeneinander. Das eine wendet das Blatt in der Pfanne, das andere dämpft es über dem Wasser. Das Rösten war die neue Art des Südens, das Dämpfen die alte Art des Luojie. Beide hielt Xu fest. Auch Zhang Yuan hatte das Rösten beschrieben, im Abschnitt über das Bereiten des Tees, mit anderen Einzelheiten.


VII. Die Insel und der Garten.

1595 und 1597. Zwei Jahre liegen zwischen den beiden Büchern. Zhang Yuan schrieb das seine auf einer Insel im Tai-See, auf dem Westberg des Dongting, wo er nach den Worten seines Vorworts dreißig Jahre lang über dem Tee saß und ihn auf anderthalbtausend Zeichen verknappte. Xu Cishu schrieb das seine in einem Garten in Gùzhǔ, Frühjahr für Frühjahr, in der Runde der Freunde um Yao Shaoxian, und ließ es auf viertausendsiebenhundert Zeichen anwachsen.

Beide lebten im selben Landstrich südlich des Stroms, beide schrieben über denselben Aufguss, zwei Jahre auseinander. Dass die beiden einander gekannt hätten, ist nicht belegt. Die Bezeichnung als zwei Glanzstücke ist das Urteil späterer Leser. Der eine saß allein auf seiner Insel und drückte das Teewesen in die wenigsten Zeichen; der andere saß in einem Garten unter Freunden und breitete es in die meisten; und sie wussten nichts voneinander.

Yao Shaoxian hielt nach dem Tod des Freundes die Teeschale in der Hand und dachte an ihn. Das Buch wurde gedruckt, als sein Verfasser drei Jahre tot war. Der Berg, an dem der Luojie wuchs, liegt noch da; der Tee ist fort. Xu Cishu ist fort; sein Buch ist da.


Anhang. Zwei Proben

Kǎoběn 考本 — Den Ursprung prüfen

「茶不移本,植必子生。古人結婚,必以茶為禮,取其不移植子之意也。今人猶名其禮曰下茶。南中夷人定親,必不可無,但有多寡。禮失而求諸野,今求之夷矣。」

Der Teestrauch lässt sich nicht verpflanzen; er wächst allein aus dem eigenen Samen. Darum reichten die Alten bei der Hochzeit Tee als Gabe, im Sinne der Treue, die sich nicht versetzen lässt. Noch heute heißt dieser Brauch «den Tee überreichen». Bei den Völkern des Südens darf er beim Verloben nicht fehlen, in größerem oder kleinerem Maß. Die alte Sitte, im Reich verloren, findet man nun bei ihnen wieder.

Chásuǒ 茶所 — Der Teeraum

「小齋之外,別置茶寮。高燥明爽,勿令閉塞。壁邊列置兩爐,爐以小雪洞覆之。止開一面,用省灰塵騰散。寮前置一幾,以頓茶注茶盂,為臨時供具,別置一幾,以頓他器。旁列一架,巾帨懸之。」

Neben dem kleinen Studierzimmer richte man eine eigene Teehütte ein, hoch und trocken, hell und luftig, nicht verschlossen. An der Wand stehen zwei Öfen, jeder mit einer kleinen Haube bedeckt, die nur nach einer Seite offen ist, damit der Aschenstaub sich nicht verbreite. Vor der Hütte steht ein Tisch für Kanne und Teeschale, das Gerät des Augenblicks, ein zweiter Tisch für das übrige Gerät. Daneben ein Gestell, an dem die Tücher hängen.


Glossar

Xǔ Cìshū 許次紓 — Teegelehrter der späten Ming, 1549 bis um 1604, aus Hangzhou. Verfasser des Chashu.

Ránmíng 然明 — Beiname (字) Xu Cishus, unter dem ihn seine Freunde im Vorwort nennen.

Nánhuá 南華 — Künstlername (號) Xu Cishus.

Yáo Shàoxiàn 姚紹憲 — Freund Xu Cishus, Besitzer eines Teegartens in Gùzhǔ, der ihn in das Teewesen einführte. Im Chashu unter dem Beinamen Yao Bodao zitiert.

Xǔ Shìqí 許世奇 — Verwandter Xus, Beiname Caifu, der das Chashu 1607 erstmals drucken ließ.

Gùzhǔ 顧渚 — Teegegend bei Changxing, schon in der Tang-Zeit für ihren Tributtee berühmt.

Míngyuèxiá 明月峽 — «Tal des hellen Mondes», Ort von Yao Shaoxians Garten.

Luójiè 羅岕 — gedämpfter Spitzentee aus Changxing, in der späten Ming hochgeschätzt, in der Yongzheng-Zeit der Qing-Dynastie ausgestorben; das Verfahren ist verloren.

Jiè 岕 — der Spalt oder die Senke zwischen Bergen; geografisches Wort der Gegend um Changxing und Yixing.

Hǔqiū 虎丘 — Tee aus der Gegend von Suzhou, von Xu in eine Reihe mit dem Luojie gestellt.

Tiānchí 天池 — Tee, dessen Rang Xu eigenhändig herabsetzte.

Lóngjǐng 龍井 — Tee aus den Bergen bei Hangzhou.

Yángxiàn 陽羨 — alter Name des Tees aus Yixing, von den Tang-Leuten zuerst gerühmt.

yuèyǐn 瀹飲 — der Aufguss loser Blätter mit kochendem Wasser, die seit der frühen Ming herrschende Art des Teetrinkens.

cuōpào 撮泡 — das Aufgießen einer Prise loser Blätter unmittelbar in der Schale oder Kanne.

chǎoqīng 炒青 — das Grünhalten des Blattes durch Rösten in der Pfanne.

zhēngqīng 蒸青 — das Grünhalten des Blattes durch Dämpfen, beim Luojie angewandt.

zhìdùn 置頓 — das Aufstellen und Verwahren der Teekrüge.

ruò 箬 — die breiten Blätter des Indocalamus-Bambus, zum Auskleiden der Krüge und zum Schutz gegen Nässe.

Ōuzhù 甌注 — Schale und Kanne, Gegenstand eines eigenen Abschnitts.

Pēngdiǎn 烹點 — der eigentliche Aufguss.

Tānghòu 湯候 — der rechte Augenblick des Siedens.

biàn'é 辨訛 — «Irrtümer scheiden», der vorletzte Abschnitt, der überlieferte Fehler widerlegt.

kǎoběn 考本 — «den Ursprung prüfen», der letzte Abschnitt, der die Sitte des Hochzeitstees festhält.

Zhāng Yuán 張源 /《茶錄》 — Einsiedler vom Westberg des Dongting, Verfasser des zwei Jahre älteren Chalu, mit dem Chashu als zweites Glanzstück der späten Ming-Teeliteratur genannt.

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Chalu (Zhang Yuan) — ein Bericht des losen Aufgusses, 1595 Chajie — eine Erläuterung des Anbaus, 1609
吃茶去