Enkaji — Der Rauch
Es ist die trockene Zeit.
In der enkaji liegt der Rauch tief, und es riecht nach Dung und Feuer. Durch ein Loch in der Wand fällt ein Streifen Licht schräg herein, verliert sich im Rauch und reicht nicht bis zur Tür.
Ein Kind kommt herein, den Kopf gebeugt, und setzt sich zu den anderen ans Feuer, wo eine Frau im rußschwarzen Topf das Wasser kocht, einen schmalen Faden Milch hineingießt, dazu etwas Zucker und eine Handvoll dunkler Blätter.
Neben der Tür steht im Dunkeln ein Kalb und verlagert den Huf, und im Dunkelsten sitzt Leboo, den Rücken an der Wand aus Lehm und Dung, den Speer daneben angelehnt, auf dem Kopf einen langen Zopf, grau geworden.
Im Topf dreht sich das Weiße langsam im Wasser, und das Kind sieht zu.
Olŋatúny oibor — Der weiße Löwe
Damals war die Milch dick. Sie tranken sie warm aus einer alten Kalebasse, in Kuhharn gebeizt und über dem Feuer ausgeräuchert, manchmal mit dem Blut der lebenden Tiere.
Nach dem Regen stand das Gras hoch und die Euter waren voll. Am Abend kam das Vieh in das enkang, und es roch nach Gras und Dung, nach Milch und Staub. Leboo kannte jedes Stück, das rote, das mit dem weißen Bauch, das mit dem gebrochenen Horn, das, dessen Mutter im Regen gefallen war. Er zählte sie nicht. Er kannte sie an der Farbe und an der Stimme, eines vom anderen.
Eines Morgens ging er hinaus. Die Sonne stand niedrig, sein Rücken war hoch und schmal, in der linken Hand der Speer, und Schritt für Schritt wurde er kleiner am Rand des enkang, bis das hohe Gras ihn nahm.
Am nächsten Morgen kam er aus dem hohen Gras zurück. Das Morgenlicht lief ihm über die Wangenknochen, und durch die schmalen Augen kam ein Blick, der durch die Sonne ging. Bei jedem Schritt schwang ihm der Oldeka über den Rücken, das lange geflochtene Kriegerhaar, rot von Ocker und Fett, und das Licht lag warm und satt darauf, wie auf Jade. Das Tuch über seiner Schulter war rot und ohne einen Fleck.
Über der anderen Schulter hing der Löwe, alt und weiß, schwer, das Fell vernarbt, die Mähne dünn. Er hatte getötet, solange Leboo ein Krieger war, ein Kind aus dem einen enkang, eine Frau am Wasser, einen jungen Krieger im Schlaf am Gatter. Leboos Speer hatte zuerst getroffen, der Löwe gehörte ihm. Er schnitt ihm die Mähne ab.
An jenem Morgen war der Speer naß vom Blut des Löwen.
Inkishu — Die weiße Männer
Eines Tages stand die Sonne schräg über der Schirmakazie, und der Schatten wuchs und wuchs.
In der Ferne, wo das Vieh heimkehren sollte, erschienen Männer, in grüner Kleidung, mit seltsamen Speeren und einem weißen Gesicht.
Sie trieben das Vieh zusammen. Das hohe Gras, auf dem es im Regen gestanden hatte, war abgesteckt. Es habe die Grenze überschritten, sagten sie, und sei nun eine Schuld. Ein Mann schrieb das Vieh in ein Buch. Was Enkai vom Himmel gegeben hatte, was niemand gezählt hatte, jedes an Farbe und Stimme gekannt, stand nun als Zahl auf einer Seite.
Das Vieh kam nicht zurück. Der Schatten der Schirmakazie lag über dem leeren Gras.
In dem Buch stand es als Zahl, und daneben ein Preis.
Olchani — Das fremde Blatt
Das Vieh kam nicht zurück, und eines Morgens ging er wieder hinaus. Die Sonne stand niedrig, sein Rücken war hoch und schmal, in der linken Hand der Speer, und Schritt für Schritt wurde er kleiner am Rand des enkang, bis das hohe Gras ihn nahm.
Am nächsten Morgen blieb die Tür leer. Der Schatten lag lang über der Schwelle. Er kam nicht wieder.
Die Regen kamen und gingen.
Das Kalb, das neben der Tür gestanden hatte, wurde eine Kuh und warf selber Kälber.
Das Kind, das an der Brust getrunken hatte, lernte gehen, lernte den Stock halten, und trieb eines Morgens die Kälber hinaus zum Gras, dorthin, wo das hohe Gras einst einen Mann genommen hatte.
Später erfuhren die Maasai aus dem Mund anderer Völker, woher die weißen Gesichter kamen. Sie kamen von einem fernen Ort. Sie kamen auf unser Land, nahmen unser Vieh, nahmen unsere Erde, und unsere Leute mußten für sie eine fremde Pflanze ziehen. Die Pflanze, hieß es, kam von einem noch ferneren Ort. Und langsam, mit der Zeit, tranken auch unsere Leute sie.
Zu Hause blieb die Tür leer, und der Morgen kam und kam und brachte ihn nicht.
Kule — Das Weiße
Eines Tages kam Leboo zurück. Die Sonne lief ihm über die Wangenknochen, durch seine schmalen Augen kam ein Blick, der in der Sonne verschmolzen. In der linken Hand hielt er den Speer, in der rechten einen Korb mit fremden Blättern.
Der Oldeka fiel ihm über den Rücken, länger als zuvor, fast bis zu den Knien. Der Ocker war fort, und das Haar war grau, wie der Schwanz, den ein alternder Elefant nachzieht.
Die Blätter im Korb waren dieselben, die später im Topf schwammen. Er zeigte den Seinen, wie man sie mit Milch kocht. Solange es Milch gab, war es dick und weiß. Über dem Feuer roch es nach Milch und Rauch und nach den dunklen Blättern, die im Topf zerfielen. Beim Abkühlen zog sich eine Haut über die Oberfläche. Es lag warm und satt auf der Zunge, süß vom Zucker, und tief darunter die Herbe der Blätter.
Dann nahm das Land ab, nahm das Vieh ab, nahm die Milch ab, und das Wasser stieg im Topf. Nun zog sich keine Haut mehr, und es lief dünn wie Wasser. Es roch nach Rauch und nach gekochtem Blatt. Auf der Zunge kam der Zucker, dann das Blatt, herb und nackt, dann das Wasser.
Die Frau goß ein, und das Weiße im Wasser war dünn.
Edaa — Das Süße
Heute schneiden die Mütter den jungen Kriegern den Ocker aus dem Haar, die roten Zöpfe fallen, und aus den Kriegern werden Älteste. Auf den Gesichtern liegt weiße Kreide. Am Abend brennen viele Feuer, und es wird gesungen.
In einem rußschwarzen Topf kocht das Wasser, ein schmaler Faden Milch geht hinein, etwas Zucker, eine Handvoll dunkler Blätter. Eine Frau gießt ein und reicht die Schalen herum. In der Schale dreht sich das Weiße dünn im Wasser. Das Wasser hat die Farbe der Blätter angenommen, ein blasses Braun, und die Milch liegt nicht darin, sie zieht nur einen Faden hindurch, der sich auflöst. Am Rand schwimmt ein dünner Film, und durch das Weiße schimmert der Grund der Schale. Auf der Zunge kommt die Süße zuerst, darunter das Wasser.
Dann stehen die jungen Männer auf und tanzen. Einer singt die Linie hoch voraus, die anderen antworten tief aus der Kehle, ein Brummen wie von Vieh, das gegen die hohe Stimme versetzt läuft. Aus dem Kreis tritt einer nach dem anderen vor und springt gerade in die Höhe, den Körper steif, die Füße zusammen, immer höher, dem Himmel zu.
Am Feuer bleiben zwei Alte sitzen und rühren sich nicht. Halb im Singen und Springen kommen ihre Stimmen in Stücken. Leboo sei dem Vieh nach an die Briten geraten. Er habe sich auf den Gütern der Weißen verdingt, um es zurückzukaufen. Auf roter Erde habe er gestanden, im Regen, den Rücken gebeugt unter den Schwarzen anderer Völker. Die Fremden hätten seine Sprache nicht gesprochen. Ein Maasai pflücke nicht und diene keinem. Gepflückt habe er. Das Blatt sei nach Gewicht genommen und am Abend in ein Buch geschrieben worden. Das Blatt, von dem sie reden, schwimmt nun im Topf.
Leboo sitzt im Dunkeln und sagt nichts.
Die Kinder trinken das süße dünne Weiße und finden es gut. Sie haben die dicke Milch nie geschmeckt, keine Welt ohne das Blatt gekannt.
Das Weiße, das fehlt, fehlt ihnen nicht. Kein Buch hält es fest, keine Zunge schmeckt es. Leboo sitzt im Dunkeln, der Speer an der Wand. Das Licht fällt nicht mehr auf sein Antlitz.
Draußen steht der Pferch, für eine Herde gebaut, fast leer.
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