茶古考
Untersuchungen zu den ältesten Belegen des Teetrinkens in China
I — Eine Pflanze, die nur an einer Stelle wuchs
Die Gattung Camellia gehört zur Familie der Theaceae. Die Zahl ihrer Arten bleibt unter Taxonomen umstritten und wird je nach Bearbeitung mit etwa zweihundert bis dreihundert angegeben. Das natürliche Verbreitungsgebiet erstreckt sich vom östlichen Himalaya über Südchina und das südliche Festland Südostasiens bis nach Japan und Indonesien. Die überwiegende Mehrheit der Arten ist auf Südchina und die nördliche Hälfte des südostasiatischen Festlands beschränkt.
Vier Kontinente besitzen keinen einzigen natürlichen Bestand der Gattung Camellia: Europa, Nordamerika, Afrika und Australien. Eingeführte Pflanzungen — in Kenia, in Argentinien, in Teilen Indiens außerhalb der natürlichen Verbreitungsgrenze von C. sinensis var. assamica — stammen frühestens aus dem neunzehnten Jahrhundert. Sie wuchsen dort nicht von selbst. Was unter dem Begriff der Einführung gefaßt wird, ist nicht das langsame Werk der Evolution, sondern der Transport durch Menschen, in einem bestimmten und vergleichsweise jungen Abschnitt der Geschichte.
Die quartären Eiszeiten vernichteten weithin die wärmeliebende holzige Flora der nördlichen Hemisphäre. In Europa und Nordamerika gingen mit den vorrückenden Eisschilden große Teile jener tertiären Wälder verloren, die unter wärmeren und feuchteren Bedingungen entstanden waren. In Ostasien geschah das nicht in vergleichbarem Ausmaß. Der Grund liegt in der Ausrichtung der Gebirge. Die ostasiatischen Hauptketten — das Hengduan-Gebirge, das Qinling-Gebirge — verlaufen in nord-südlicher Richtung; ihre Täler und Hangwälder boten den kälteempfindlichen Pflanzen einen Korridor, auf dem sie sich nach Süden zurückziehen und in wärmeren Phasen wieder nach Norden ausdehnen konnten. Die europäischen Hauptketten — die Alpen, die Pyrenäen — verlaufen in ost-westlicher Richtung. Der Rückzugsweg nach Süden war versperrt, im Süden lag das Mittelmeer. Die Untersuchung von Tang u. a. (2018), die einhundertdreiunddreißig ostasiatische Reliktgattungen erfaßt, gibt für diese Gattungen einen Anteil holziger Taxa von achtundneunzig Prozent an (Tang Cindy Q. u. a.: „Identifying long-term stable refugia for relict plant species in East Asia", in: Nature Communications 9, 2018, Artikel 4488; Korrektur publiziert ebd., Artikel 4793 vom 4. Dezember 2018).
Ähnliches gilt für die Unterfamilie der Bambusoideae. Sie ist auf allen tropischen und gemäßigten Erdteilen mit Ausnahme eines einzigen heimisch. Europa ist der einzige Kontinent, der keine einheimische Bambusart hervorgebracht hat (Liese, W. & Hamburg, F.: „The bamboos", in: Bamboos. Current Research, 1987). Die Ursache ist dieselbe Ursache.
Das Hengduan-Gebirge liegt im Südwesten Chinas, an der Grenze zwischen Yunnan, Sichuan und Xizang. In dieser Region überschneiden sich die natürlichen Verbreitungsgebiete der beiden Varietäten der Teepflanze: Camellia sinensis var. sinensis — die kleinblättrige Varietät — und Camellia sinensis var. assamica — die großblättrige. Das Hengduan-Gebirge ist gleichzeitig die Wasserscheide für die Oberläufe dreier großer Ströme: für den Nujiang, den Lancang und den Yangzi. Die Täler sind tief, die Höhenunterschiede zwischen Sohle und Grat erheblich; die daraus folgende kleinräumige klimatische Vielfalt führte zu einer entsprechenden Vielfalt der Arten. Die natürliche Verbreitung der Gattung Camellia zieht von hier aus nach Südwesten weiter — bis in den Norden Myanmars, in den Nordosten Indiens — und bildet einen zusammenhängenden Streifen.
In diesem Streifen, vor allem an seinen östlichen Rändern, stehen heute einige sehr alte Teebäume. Der älteste bekannte kultivierte Teebaum, der Jinxiu Cha-Zun im Kreis Fengqing in Yunnan, wird auf ein Alter von etwa dreitausendzweihundert Jahren geschätzt. Der älteste bekannte wildwachsende Teebaum, Qianjiazhai Nr. 1 im Ailao-Gebirge im Kreis Zhenyuan in Yunnan, auf etwa zweitausendsiebenhundert. Diese Zahlen sind Schätzungen. Sie sind nicht durch Radiokarbondatierung ermittelt, sondern aus Stammumfang und mittlerer Zuwachsrate gefolgert. Die Schätzung des Jinxiu Cha-Zun setzt eine kultivierte Teepflanze bereits etwa zwölfhundert Jahre vor dem ersten archäologischen Befund für die Verwendung dieser Pflanze als Getränk voraus; archäologische Belege für eine Teekultivierung dieses Alters fehlen bislang vollständig. Die Zahlen sollten als obere Schätzwerte gelesen werden, nicht als gesicherte Daten.
Qianjiazhai Nr. 1 wächst seit etwa zweitausendsiebenhundert Jahren am selben Hang. Die Funde, die in den folgenden Kapiteln behandelt werden, sind jünger.
II — Eine Schale in einem Grab
Im August 2018 öffnete das vom Historischen Institut der Shandong-Universität geleitete Grabungsteam unter Leitung von Wang Qing ein bislang unausgegrabenes Grab im Xigang-Gräberfeld am Standort der alten Stadt des Königreichs Zhu, in der heutigen Gemeinde Zoucheng, Provinz Shandong. Die Arbeiten dauerten bis Dezember desselben Jahres. Das Grab erhielt die Bezeichnung Xigang M1. Es liegt im Süden der ehemaligen Stadtmauer, in einem Areal, das seit 2015 systematisch erforscht wird. Das Königreich Zhu war ein kleinerer Vasallenstaat der östlichen Zhou-Dynastie; seine Hauptstadt lag an dieser Stelle bis zum späten dritten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Der Rang des in M1 Bestatteten ergibt sich aus der Größe des Grabes und der Beigaben: hochadlig, der Form der Anlage nach möglicherweise die Gattin eines Königs von Zhu.
Die Anlage ist eine Schachtgrabkammer mit Zugangsschacht; sie ist in ihrer Struktur ungewöhnlich gut erhalten. Im Inneren befand sich ein Beigabenensemble aus sechzehn keramischen Gefäßen: acht Stück Frühporzellan und acht Stück hartgebrannte Keramik mit Stempelmuster. Hinzu kamen weitere Gegenstände aus Bronze, Holz und organischem Material. Eines der Frühporzellangefäße — eine kleine Schale — lag umgestülpt. An ihrer Innenseite haftete eine dünne Schicht feinkörniger pflanzlicher Substanz. Die Form der Schale entspricht jenen Stücken, die aus Eliterabgräbern der Yue in Nord-Zhejiang bekannt sind, namentlich aus den Brennstätten am Oberlauf des Dongtiao-Flusses im Kreis Deqing. Die Datierung ergibt einen Zeitraum, der dem Anfang der Streitenden Reiche entspricht, etwa 453 bis 410 vor unserer Zeitrechnung.
Die pflanzliche Substanz an der Innenseite der Schale wurde an das Institut für Wissenschaftsgeschichte und Kulturerbe der Universität für Wissenschaft und Technik in Peking übersandt. Das Team um Jiang Jianrong und Wei Shuya identifizierte sie über drei voneinander unabhängige Verfahren. Erstens: die mikromorphologische Analyse pflanzlicher Phytolithen — Teeblätter weisen vier charakteristische Phytolithentypen auf, die in dieser Probe alle nachweisbar waren. Zweitens: die chromatographisch-massenspektrometrische Bestimmung der Biomarker Coffein und L-Theanin, beider Substanzen, die in dieser Kombination und in den nachgewiesenen Konzentrationen für die Gattung Camellia spezifisch sind. Drittens: die quantitative Analyse des Coffein-Gehalts. Coffein ist gut wasserlöslich; der gemessene Restgehalt in der untersuchten Probe lag deutlich unter dem Gehalt unaufgegossener Teeblätter und entsprach dem Profil aufgebrühter oder aufgekochter Blätter (Lu Guoquan, Jiang Jianrong, Wang Qing, Wei Shuya: „Shandong Zoucheng Zhu-guo gucheng Xigang muji yihao Zhanguo mu chaye yicun fenxi" 山東鄒城邾國故城西崗墓地一號戰國墓茶葉遺存分析, in: Kaogu yu Wenwu 考古与文物 5, 2021, im Folgenden Lu u. a. 2021). Aus dem Vergleich folgt die Bezeichnung der Substanz nicht als bloßes Teematerial, sondern als Rückstand bereits zubereiteten Tees.
Sämtliche keramischen Beigaben des Grabes — die acht Frühporzellangefäße ebenso wie die acht hartgebrannten Stempelkeramiken — lassen sich nach Form, Größe und Glasur den Brennstätten am Oberlauf des Dongtiao-Flusses in Nord-Zhejiang zuordnen, also dem Kerngebiet des Königreichs Yue. Vergleichsstücke finden sich in den Eliterabgräbern der Yue im heutigen Wuxi (Jiangsu) und in Anji (Zhejiang). Yue hatte 473 vor unserer Zeitrechnung das benachbarte Königreich Wu zerschlagen und seinen Einflussbereich danach nach Norden ausgedehnt; das kleine Königreich Zhu geriet im fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung in seinen Wirkungskreis. Die naheliegende Lesart der Befundlage ist die einer Mitgift: die Bestattete stammte vermutlich aus dem Herrschaftshaus von Yue und wurde mit Gefäßen ihrer Herkunft beigesetzt; der Tee in einer dieser Schalen kam dorther mit, wo er auch sonst getrunken wurde.
Die Funde aus Xigang M1 sind der bislang älteste bekannte archäologische Befund für den Genuß von Tee als Getränk. Sie liegen rund dreihundert Jahre vor den nächsten Funden, die im folgenden Kapitel zu behandeln sind. Sie liegen zeitlich vor jedem schriftlichen Beleg, in dem die Pflanze unter einem ihrer späteren Namen geführt wird. Das Ding kommt vor dem Namen.
III — Asche und Knospe
Das Mausoleum Yangling liegt nördlich von Xi'an, auf einer Lößterrasse am Nordufer des Weihe. Es wurde für den Jingdi der Westlichen Han errichtet — Liu Qi, 188 bis 141 vor unserer Zeitrechnung, vierter Kaiser der Dynastie — und für seine Gemahlin der Wang-Familie. Den eigentlichen Grabhügel umgibt ein System von sechsundachtzig Außenkammern, in einer radial geordneten Anlage um den Hügel verteilt. Die Außenkammern sind keine bloßen Beigabengruben; sie bilden ein unterirdisches Abbild der zentralen Verwaltungseinrichtungen und Hofämter der Han-Hauptstadt. Was über dem Boden in Chang'an als Behörde, als Speicher, als Stallung existierte, lag unter dem Boden in Yangling in verkleinertem, dauerhaftem Bestand bereit.
Eine dieser Außenkammern trägt die Bezeichnung DK15. Sie liegt an der Ostseite des Grabhügels, an dessen Nordteil, und wurde von 1998 bis 2005 vom Archäologischen Institut der Provinz Shaanxi ausgegraben. Die Kammer ist einundzwanzig Meter lang und durch eine hölzerne Trennwand in zwei Abschnitte geteilt. Im westlichen Abschnitt fanden sich dreiundzwanzig bekleidete Tonfiguren, hölzerne Wagen- und Pferdemodelle sowie drei Bronzesiegel mit den Inschriften Cāng yìn — Speichersiegel —, Gānquán cāng yìn — Speichersiegel des Gānquán-Palastes — und Bié zàng guān yìn — Siegel des Beamten für die gesonderten Vorräte. Im östlichen Abschnitt lagen verkohlte pflanzliche Stoffe in einer Schicht von zwei bis acht Zentimetern Dicke, bestimmt als Hirse, Reis und Samen der Gattung Chenopodium; auf der Oberfläche dieser Schicht lagen sechs Siegelabdrücke aus Ton mit der Inschrift Dǎoguǎn lìng yìn — Siegel des Speisemeisters —, daneben die Spuren zerfallener Bambusstreifen. Eine weitere organische Schicht, in einer Form, die kein direktes Pendant unter den damals bekannten Speichergütern hatte, blieb mit den Lebensmitteln unter derselben Bezeichnung verzeichnet.
Im Jahr 2008 wurde eine Probe der östlichen Schicht an das Institut für Geologie und Geophysik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften übersandt. Das Team um Lu Houyuan untersuchte sie mit demselben methodischen Verfahren, das im vorigen Kapitel beschrieben wurde: mikromorphologische Analyse der Phytolithen, chromatographisch-massenspektrometrische Bestimmung von Coffein und L-Theanin. Eine Radiokarbondatierung an pflanzlichem Material derselben Schicht ergab ein Alter von rund zweitausendeinhundert Jahren. Das ist die Datierung, die mit dem Tod des Kaisers im Jahr 141 vor unserer Zeitrechnung in Einklang steht. Die Probe wurde als Teeblätter bestimmt; sie bestand fast ausschließlich aus nicht entfalteten Knospen (Lu Houyuan, Zhang Jianping, Yang Yimin u. a.: „Earliest tea as evidence for one branch of the Silk Road across the Tibetan Plateau", in: Scientific Reports 6, 2016, Artikel 18955; im Folgenden Lu u. a. 2016). Zwischen der Bergung der Schicht aus DK15 und ihrer Erkennung als Tee verstrich eine Wegstrecke von rund elf Jahren, in der sie unter der Bezeichnung der Nahrungsmittel verzeichnet blieb, denen sie beigelegt war.
Was in DK15 unter der Erde stand, gehörte sämtlich der Kategorie der Lebensmittel an. Hirse, Reis, Chenopodium-Samen, Tee. Die sechs Siegelabdrücke des Dǎoguǎn lìng — des Speisemeisters, eines untergeordneten Amtes des kaiserlichen Privathaushalts unter dem Shàofǔ — verbürgen die Zugehörigkeit der Kammer zu der Verwaltungseinheit, die für die Verproviantierung des Kaisers zuständig war. Die Bronzesiegel des westlichen Abschnitts benennen weitere zugeordnete Einrichtungen: einen Speicher, den Speicher des Gānquán-Palastes, den Beamten für die gesonderten Vorräte aus dem von den Kaiser selbst gepflügten Feld. DK15 ist ein vollständiges unterirdisches Abbild dieses Amtes. Der Tee fand sich nicht in einem zeremoniellen Behältnis und nicht in einem Reliquiar; er fand sich neben dem Reis und der Hirse, in derselben verkohlten Schicht. Yangling ist die Anlage eines Kaisers; innerhalb der Welt dieses Kaisers war der Tee Bestandteil der gewöhnlichen Versorgung. Hinzuzusetzen ist die geographische Tatsache: Chang'an und das umliegende Wei-Tal liegen nicht im natürlichen Verbreitungsgebiet der Teepflanze. Was hier als Bestandteil der gewöhnlichen Versorgung eines Hofes erscheint, war auf einen Transport aus dem Süden angewiesen. Die Gewöhnlichkeit gilt für den Hof; sie gilt nicht für das umliegende Land.
In derselben Studie identifizierte das Team um Lu Houyuan einen weiteren Befund. Er stammt aus einem Grab nahe dem Gurugyam-Kloster in der Region Ngari im Westen Tibets, in viertausenddreihundert Metern Höhe. Auch hier handelte es sich um Tee. Die Radiokarbondatierung ergab ein Alter von etwa eintausendachthundert Jahren. Auf diesen Fund wird in Kapitel VI zurückzukommen sein.
IV — Ein Sklavenvertrag
Wang Bao, mit Höflichkeitsnamen Ziyuan, stammte aus Zizhong — heute der Stadtbezirk Yanjiang in Ziyang, Sichuan —, das zu seiner Lebenszeit der Kommandantur Qianwei unterstand. Die Lebensdaten sind nicht überliefert. Tätig war er hauptsächlich unter der Regierung des Han-Kaisers Xuandi (73–49 v. u. Z.) als Verfasser höfischer Lobgedichte und Lehrschriften; sein bekanntestes Werk im Kanon ist die Ode an den Herrscher, der einen würdigen Diener gewinnt (《聖主得賢臣頌》). Eine seiner Nebenarbeiten — verfaßt im Jahr Shenjue 3 unter Xuandi, im Januar des Jahres 59 vor unserer Zeitrechnung — trägt den Titel 《僮約》, Sklavenvertrag. Es handelt sich nicht um einen Vertrag im juristischen Sinn, sondern um einen Vertrag in der Form einer literarischen Übung: einen spöttischen, in der Stilform einer Rechtsurkunde abgefaßten Aufsatz von rund sechshundert Schriftzeichen.
Wang Bao wohnte in jenem Januar in Chengdu, im Stadtviertel Anzhi, im Haus einer Witwe namens Yang Hui. Im Hause der Yang Hui lebte ein bärtiger Hausdiener mit dem Namen Bianliao. Zwischen Wang Bao und Bianliao kam es zum Streit. Am fünfzehnten Tag des ersten Monats — dem Tag des Laternenfestes — kaufte Wang Bao den Sklaven Bianliao aus dem Besitz der Witwe für fünfzehntausend Käschmünzen. Bianliao verlangte, daß die ihm künftig auferlegten Pflichten schriftlich niedergelegt würden. Wang Bao verfaßte daraufhin den Sklavenvertrag, in dem er nahezu hundert Tätigkeiten auflistet, die dem Sklaven obliegen, und ebenso die ihm verbotenen Annehmlichkeiten.
Zwei Stellen dieses Textes betreffen den Tee. Die erste lautet:
「烹荼盡具」
Den Tee aufbrühen und sämtliches Gerät bereit halten.
Die Stelle steht im Abschnitt der Pflichten beim Empfang von Gästen. Sie setzt eigenes Gerät für den Tee und eine eingeübte Handlungsfolge voraus. Die zweite Stelle lautet:
「武陽買荼」
In Wuyang Tee einkaufen.
Wuyang — heute der Stadtbezirk Pengshan in Meishan, Sichuan — war zur Han-Zeit Sitz der Kommandantur Qianwei, ungefähr fünfzig Kilometer südlich von Chengdu gelegen. Im 《華陽國志·蜀志》, einer Lokalchronik aus dem vierten Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung, heißt es von dieser Region: 「南安、武陽皆出名茶」, daß Nan'an und Wuyang berühmten Tee hervorbringen. Die Stelle im Sklavenvertrag steht neben anderen Botengängen — Hunde verkaufen, Gänse verkaufen, Lotus aus dem Yang'schen Teich tragen. Sie setzt voraus: daß es einen Markt für Tee gab, daß dieser Markt einen bestimmten Ort hatte, daß der Weg von Chengdu dorthin und zurück zu den Pflichten eines Sklaven gehörte. Den dahinterstehenden Sachverhalt brauchte Wang Bao seinem Leser nicht zu erklären. Eine erfundene Episode in Wuyang Tee zu kaufen wäre nicht komisch gewesen.
Das Zeichen, mit dem die Pflanze in beiden Stellen geschrieben ist, lautet 「荼」, tu, nicht 「茶」, cha. Das Zeichen 「茶」 ist eine graphische Abspaltung aus 「荼」 und wird erst in der mittleren Tang-Zeit, also etwa im achten Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung, lexikographisch als eigenständiges Zeichen geführt. Im ersten vorchristlichen Jahrhundert konnte 「荼」 mehreres bezeichnen: einen bitteren Wildkraut der Kompositen, das Federgras Imperata, eine wilde Schilfblüte, sowie eben den Tee. Welcher dieser Sachverhalte gemeint ist, muß in jedem Vorkommen einzeln entschieden werden. Die Lesung der zwei Stellen im Sklavenvertrag als Tee gründet auf drei Beobachtungen, die zusammen genommen schwer anders auflösbar sind: das Huayang Guozhi nennt Wuyang als Teeort; die Wendung 「盡具」 verlangt ein Getränk und nicht ein Wildkraut; die Verbindung von Markt, Gerät und auferlegter Versorgung läuft auf eine Ware und nicht auf ein Beikraut hinaus. Die Lesung ist also das Ergebnis einer Argumentation, nicht ihre Voraussetzung.
Der Tee, der hier eingekauft, aufgebrüht und bereitgestellt wurde, war nicht der Tee, der heute getrunken wird. Über die Zubereitungsform aus jener Zeit gibt der spätere Bericht des Lu Yu im 《茶經·七之事》 die ausführlichste erhaltene Beschreibung. Lu Yu schreibt sie dem Wörterbuch 《廣雅》 zu, das um 230 nach unserer Zeitrechnung von Zhang Yi unter der Wei-Dynastie verfaßt wurde:
「荊巴間採葉作餅,葉老者,餅成以米膏出之。欲煮茗飲,先炙令赤色,搗末置瓷器中,以湯澆覆之,用蔥、薑、橘子芼之。其飲醒酒,令人不眠。」
In den Gebieten von Jing und Ba — heute Westhubei und Ostsichuan — pflückten die Bewohner Blätter und preßten sie zu Fladen; bei alten Blättern wurden die Fladen unter Beigabe von Reisbrei hergestellt. Wollte man den Trunk bereiten, röstete man den Fladen, bis er rot wurde, zerstieß ihn zu Pulver, legte das Pulver in ein Tongefäß und übergoß es mit kochendem Wasser; Lauch, Ingwer und Mandarinenschale wurden mitgekocht. Das Getränk machte nüchtern und vertrieb den Schlaf.
Diese Beschreibung schildert keinen klaren Aufguß, sondern eine gewürzte Suppe.
Eine Schwierigkeit gehört zu dieser Stelle. Die zitierte Passage findet sich in keiner überlieferten Handschrift des 《廣雅》. Das Werk, von dem Wang Niansun im neunzehnten Jahrhundert in seinen Beweisanmerkungen zum Guangya 《廣雅疏證》 nachwies, daß es nach den vorhandenen Vorworten ursprünglich rund achthundert Zeichen mehr enthielt als die heute überlieferte Fassung, kann den Wortlaut, den Lu Yu zitiert, in einem verlorenen Teil enthalten haben; ebenso möglich ist, daß Lu Yu die Quelle falsch zuordnete und der Wortlaut aus einem anderen, ihm zugänglichen Werk der Wei- oder Jin-Zeit stammte. Der inhaltliche Befund — Ziegelpressung, Röstung, Zerstoßung, Aufguß mit gewürzigen Beigaben — wird von anderen, unabhängigen Beschreibungen jener Jahrhunderte gestützt, namentlich von Du Yus Ode auf den Tee (《荈賦》) aus dem späten dritten Jahrhundert. Die Sache ist überliefert; ihre Herkunftsangabe ist es nicht.
V — Jiǎ, bittere Pflanze
Das 《爾雅》 ist das älteste erhaltene Wörterbuch der chinesischen Schrifttradition. Es ist nach Bedeutungskategorien gegliedert und umfaßt in der heute überlieferten Form neunzehn Kapitel; die einzelnen Einträge erklären Wörter aus den klassischen Schriften der vorhandynastischen Zeit und ordnen sie nach Sachbereichen. Über die Entstehung des Werkes besteht in der Forschung Übereinkunft nur in einem weiten Rahmen: es ist nicht das Werk eines einzelnen Verfassers, sondern eines über mehrere Generationen kumulativ erweiterten Bestandes. Die obere Grenze liegt nicht früher als in der Zeit der Streitenden Reiche; die untere Grenze nicht später als in der frühen Westlichen Han. Das Werk entstand in den Jahrhunderten vor und um die Zeitenwende, in derselben weiten Zeitspanne, in die die im vorigen Kapitel behandelten Schriften des Wang Bao fallen.
Das vierzehnte Kapitel des Werkes trägt den Titel 《釋木》, Erläuterung der Bäume. In ihm steht der folgende Eintrag:
「檟,苦荼。」
Jiǎ ist die bittere Pflanze.
Es ist die erste lexikographische Erfassung des Tees in der chinesischen Schrifttradition. Sie geschah unter dem Namen 「檟」, jiǎ — einem Zeichen, das die spätere Tradition bald nicht mehr verwendete. Im vierten Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung verfaßte der Philologe und Naturforscher Guo Pu (276–324) einen Kommentar zum 《爾雅》. Seine Glosse zum jiǎ-Eintrag lautet:
「樹小如梔子,冬生,葉可煮作羹飲。今呼早採者爲荼,晚取者爲茗,一名荈,蜀人名之苦荼。」
Ein kleiner Baum, ähnlich der Gardenie. Er bleibt im Winter grün; die Blätter lassen sich zu einem suppenartigen Trunk kochen. Heute nennt man die früh gepflückten 「荼」 tu, die spät gepflückten 「茗」 ming. Ein anderer Name ist 「荈」 chuǎn. Die Leute in Shu nennen die Pflanze 「苦荼」 ku-tu, die bittere Pflanze.
In einer einzigen Glosse stehen damit fünf Bezeichnungen nebeneinander: jiǎ, tu, ming, chuǎn, ku-tu. Die Glosse ordnet sie nicht streng, sie zählt sie auf.
Das Zeichen 「荼」 hat in dieser Geschichte eine besondere Stelle. Seine älteste belegte Form ist Siegelschrift. Im 《說文解字》, dem grundlegenden Zeichenwörterbuch des Xu Shen aus dem zweiten Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung, erscheint es im Kapitel der Pflanzenzeichen mit der Glosse 「荼,苦荼也」 — tu, die bittere Pflanze. Ein eigenes Zeichen für 「茶」 cha gibt es im 《說文解字》 nicht. Im 《詩經》, dem Liederbuch der westlichen Zhou und der Frühlings- und Herbstperiode, kommt 「荼」 siebenmal vor; in fast allen Fällen bezeichnet es Bitterkräuter, Pampasgras, das weiße Wedeln der Schilfblüten am Felde, nicht den Tee. Die graphische Trennung von 「荼」 und 「茶」 — der vertikale Wegfall eines einzigen Strichs im unteren Bestandteil — fand erst in der mittleren Tang-Zeit statt, also im achten Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung, fast tausend Jahre nach der Erstellung des 《爾雅》-Eintrags. Die lautliche Trennung der beiden Lesungen ging der graphischen voraus; sie ist in Reimwörterbüchern der nördlichen und südlichen Dynastien bereits angedeutet, ohne daß sich die Schrift unterschieden hätte.
Mehrere Werke aus den drei Jahrhunderten um die Zeitenwende geben der Pflanze einen je eigenen Namen. Sima Xiangru (etwa 179–118 v. u. Z.) führt sie in seinem Schulwörterbuch 《凡將篇》 unter der Bezeichnung 「荈詫」 chuǎn-chà auf, eingereiht zwischen heilkräftigen Pflanzen. Yang Xiong (53 v. u. Z. — 18 n. u. Z.), Sprachwissenschaftler aus Pixian bei Chengdu, vermerkt in seinem 《方言》, dem ältesten erhaltenen Wörterbuch der chinesischen Dialekte, einen Sprachgebrauch der südwestlichen Bewohner des Shu-Gebietes: 「蜀西南人謂荼曰葭」, Die Leute im Südwesten von Shu nennen den Tee 「葭」 jiā. Wang Bao schreibt im 《僮約》 zweimal 「荼」. Im 《爾雅》 steht 「檟,苦荼」. Innerhalb von etwa anderthalb Jahrhunderten erscheinen damit für dieselbe Pflanze die Zeichen 「檟」, 「荼」, 「茗」, 「荈」, 「詫」, 「葭」, 「苦荼」 in der überlieferten Schrift. Die Benennung war keineswegs vereinheitlicht; sie war eine Sammlung lokaler und kontextbedingter Lesungen, die sich erst in der Tang-Zeit auf ein einziges Zeichen 「茶」 verkürzte.
Eine weitere Beobachtung im 《爾雅》 selbst gehört hierher. Der Eintrag 「檟,苦荼」 steht im Kapitel 《釋木》 — Bäume. Im Kapitel 《釋草》, Kräuter, steht ein anderer Eintrag: 「荼,苦菜」, tu, das Bitterkraut. In den Kategorien des Werkes selbst wird also unterschieden: jiǎ ist ein Baum, tu ist ein Kraut. Der Tee ist der Baum, das Bitterkraut ist eine Pflanze unter den Kompositen. Die Gleichung 「檟,苦荼」 setzt den Baum mit einem Namen gleich, in dem das Zeichen für das Kraut steht. Das Werk, das die Pflanze zum ersten Mal lexikographisch erfaßt, verzeichnet zugleich das Zeichen, mit dem sie unter ihrem Gattungsnamen kursierte, in einer anderen Kategorie. Die Bezeichnung war im Augenblick ihrer ersten festen Schreibung schon nicht eindeutig.
Die Schale aus Zou liegt im fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Die Knospen aus Yangling liegen im zweiten Jahrhundert. Der 《僮約》 entstand im Jahr 59 vor unserer Zeitrechnung. Der Eintrag 「檟,苦荼」 stammt aus der Zeit zwischen den Streitenden Reichen und der frühen Westlichen Han. Die graphische Trennung von 「荼」 und 「茶」 erfolgte erst in der mittleren Tang-Zeit, im achten Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung.
Das Ding kommt vor dem Namen. Im folgenden Kapitel wird ein archäologischer Befund behandelt, der diese Pflanze deutlich außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebietes nachweist.
VI — Eine Teeblattlage in 4 300 Metern Höhe
Im Jahr 2005 brach unter einem Lastwagen, der durch die Gemeinde Mêntsi im Kreis Gar in der westtibetischen Region Ngari vor dem buddhistischen Bön-Kloster Gurugyam hindurchfuhr, ein Stück der Straße ein. In der entstandenen Mulde wurden Reste eines hölzernen Sarges, menschliche Knochen, Bronzegerät und Seidenfetzen sichtbar. Die Mönche des Klosters begannen, das Loch zu räumen, und förderten dabei eine Bestattung zutage. Eine systematische Grabung ergab sich daraus zunächst nicht. Vom Juni bis August 2012 unternahm dann das Institut für Archäologie der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften gemeinsam mit dem Forschungsinstitut für Kulturdenkmäler der Autonomen Region Tibet eine erste Ausgrabung an der Stelle vor dem Kloster und an drei weiteren Gräbern in unmittelbarer Nachbarschaft. In den beiden folgenden Jahren wurden sieben weitere Gräber freigelegt. Das gesamte Gräberfeld, Gurugyam genannt, umfaßt elf Bestattungen, darunter acht aus der Zeit des Königreichs Zhang Zhung und drei aus der Zeit des frühen Tubo-Reiches.
Das Gräberfeld liegt am Nordufer des Xiangquan-Flusses — des Sutlej-Oberlaufs — in viertausenddreihundert Metern Höhe. Etwa eintausenddreihundert Meter flußaufwärts erhebt sich der Burgberg Karangdong, von dem die Forschung annimmt, daß er der Standort der in den späteren bönpo-Schriften genannten Hauptstadt 「穹隆銀城」 Khyung-lung Ngul-mkhar gewesen sei. Die Radiokarbondatierungen an den menschlichen Überresten der acht Zhang Zhung-Gräber ergaben Werte zwischen rund eintausendachthundert und siebzehnhundert Jahren vor heute, das heißt einen Zeitraum vom späten zweiten bis zur ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts nach unserer Zeitrechnung. In der mittleren Geschichtsschreibung Chinas entspricht das den Jahrzehnten der späten Östlichen Han. Das Königreich Zhang Zhung selbst, dessen Ursprünge in den überlieferten Schriften nicht greifbar sind, befand sich in dieser Zeit in einer Phase ausgebauter Macht. Es bestand bis zum Jahr 644 unserer Zeitrechnung, als es durch Songtsen Gampo dem Tubo-Reich einverleibt wurde. Die chinesischen Reichsannalen vermerken Zhang Zhung in einer einzigen knappen Notiz unter den Westgebieten im 《隋書·西域傳》.
Eines der 2012 freigelegten Gräber enthielt eine Schicht pflanzlichen Materials. Eine Probe wurde nach Peking gesandt, an das Institut für Geologie und Geophysik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, an dasselbe Team um Lu Houyuan, das auch das Material aus DK15 im Yangling-Mausoleum bearbeitete. Die Probe wurde nach demselben methodischen Verfahren bestimmt, das im dritten Kapitel beschrieben wurde: Phytolithen, Coffein, L-Theanin. Die Radiokarbondatierung ergab ein Alter von etwa eintausendachthundert Jahren. Die Bestimmung des Materials lautet: Teeblätter. Veröffentlicht wurden die Befunde 2016 in einer einzigen Studie, die den Yangling- und den Gurugyam-Fund nebeneinander stellt; ihr Titel benennt die These der Verfasser ohne Umschweife: Earliest tea as evidence for one branch of the Silk Road across the Tibetan Plateau. Gurugyam liegt in viertausenddreihundert Metern Höhe; die obere Verbreitungsgrenze der Gattung Camellia liegt, je nach Quelle, zwischen tausenddreihundert und zweitausendzweihundert Metern. Der Tee, der in jenem Grab abgelegt war, kann an dieser Stelle nicht gewachsen sein. Er wurde aus großer Ferne dorthin gebracht.
Neben dem Tee enthielten die Gräber von Gurugyam einen Bestand, der die geographische Reichweite des Begräbnisses noch weiter aufmacht. Aus dem 2005 erschlossenen Hauptgrab stammt ein Fragment eines Seidengewebes mit eingewebten Tieren — Pfauen, Drachen, Bären — und mit dem in chinesischer Siegelschrift eingewobenen Zeichenpaar 「王侯」 wáng hóu: König und Fürst. Das Fragment ist vierundvierzig Zentimeter lang und fünfundzwanzig Zentimeter breit, in indigoschwarzem Grund mit gelbbraunem Muster, aus drei verschieblich angeordneten Mustergruppen zusammengesetzt. Es ist die älteste auf dem tibetischen Hochplateau erhaltene Seide. Stoffe gleicher Art mit derselben Zeicheneinwebung sind aus dem Yingpan-Gräberfeld in Yuli (Xinjiang, drittes bis viertes Jahrhundert) und aus dem Astana-Gräberfeld in Turfan (mit einer Datierung um 455) bekannt; in der chinesischen Forschung gelten sie als Erzeugnisse staatlicher Webereien des Hofes der Östlichen Han, die als Geschenke an tributpflichtige Vasallenfürsten ausgegeben wurden. Neben dem Stoff lagen in den Gräbern: eine kleine Goldmaske von etwa vier Zentimetern Seitenlänge, mit schwarzen und roten Strichen für Augen, Mund, Zähne und Bart, deren Lochkanten den Aufnähschluß an einem weicheren Trägermaterial verraten; bronzene Kessel und Schalen; ein hufeisenförmiger Holzkamm; ein Holzkasten; geflochtene Schilfgefäße; ein Feuerquirl aus Holz; eine erhebliche Menge weiterer brauner Seidenfragmente.
Die Reichweite des Begräbnisses läßt sich nun in drei Befunden nebeneinander legen, ohne daß die Linien zwischen ihnen gezogen werden müßten.
In der überlieferten Erzählung gilt der Tee als ein Gegenstand, der im siebten Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung über die Heirat der Prinzessin Wencheng mit Songtsen Gampo nach Tibet gelangte. In derselben Erzählung gilt das Königreich Zhang Zhung vor seiner Eingliederung in das Tubo-Reich als ein abgeschiedener Hochlandstaat, dessen Kontakte zu China den knappen Eintrag im 《隋書》 selten überschritten. Die chinesische Annalistik verzeichnet aus dieser Zeit für die Region keine eigene Karte des Verkehrs.
Im Boden vor dem Kloster Gurugyam fanden sich auf engstem Raum: Teeblätter, deren botanische Herkunft im subtropischen Süden des Han-Reiches liegt; eine Seidenwebe mit dem chinesischen Zeichenpaar 「王侯」, deren technische Herkunft in einer staatlichen Han-Werkstatt liegt; eine Goldmaske, deren handwerklicher Stil dem Hochland zugehört. Sie lagen in einem Grab des dritten Jahrhunderts. Vierhundert Jahre vor der Reise der Prinzessin Wencheng.
Die Verfasser der Studie von 2016 lassen die Folgerung im Titel stehen: dies sei der Beleg eines Zweigs der Seidenstraße, der über das tibetische Hochplateau führte. Der Befund selbst belegt, daß dieser Weg existierte. Wo er entlangführte, wer ihn ging, in welchen Mengen und unter welchen Tauschverhältnissen Tee und Seide gehandelt wurden — in den überlieferten Schriften ist davon nichts verzeichnet.
Der Tee aus dem Grab von Gurugyam konnte dort nicht gewachsen sein. Er mußte aus großer Ferne hergebracht worden sein. Der Weg, auf dem er hergebracht wurde, ist in keiner Schrift verzeichnet.
Glossar
Camellia sinensis 茶 — Die Teepflanze; Familie Theaceae. Zwei natürlich verbreitete Varietäten: var. sinensis (kleinblättrig) und var. assamica (großblättrig).
Hengduan 横断山 — Gebirgssystem im Südwesten Chinas, an der Grenze zwischen Yunnan, Sichuan und Xizang. Modernes Diversitätszentrum der Gattung Camellia.
Jinxiu Cha-Zun 锦绣茶尊 — Ältester bekannter kultivierter Teebaum, im Kreis Fengqing in Yunnan; Alter geschätzt auf etwa 3 200 Jahre, nicht radiokarbondatiert.
Qianjiazhai Nr. 1 千家寨一号 — Ältester bekannter wildwachsender Teebaum, im Ailao-Gebirge, Kreis Zhenyuan in Yunnan; Alter geschätzt auf etwa 2 700 Jahre.
Zhu 邾 — Vasallenstaat der östlichen Zhou im heutigen Shandong. Die Hauptstadt lag bis ins späte dritte vorchristliche Jahrhundert beim heutigen Zoucheng.
Xigang M1 西岗一号墓 — Hochadliges Grab des frühen fünften vorchristlichen Jahrhunderts im Zhu-Gräberfeld Xigang bei Zoucheng. Fundstelle der bislang ältesten archäologisch nachgewiesenen Teeblätter.
Yue 越 — Königreich am Unterlauf des Yangzi, Kerngebiet im heutigen Nord-Zhejiang. Herkunft der Frühporzellangefäße und des Tees in Xigang M1.
Yangling 阳陵 — Mausoleum des Han-Kaisers Jingdi (Liu Qi, 188–141 v. u. Z.) nördlich von Xi’an. Umgeben von sechsundachtzig Außenkammern.
DK15 帝陵外藏坑十五号 — Östliche Außenkammer Nr. 15 am Yangling-Mausoleum. Fundstelle von Hirse, Reis, Chenopodium-Samen und Teeknospen unter sechs Siegelabdrücken des Dǎoguǎn lìng.
Dǎoguǎn lìng 导官令 — Westhan-Beamter für die Verproviantierung des Kaisers, einer der untergeordneten Posten des Shàofǔ.
Shàofǔ 少府 — Westhan-Behörde, zuständig für den Privathaushalt des Kaisers.
Wang Bao 王褒 — Westhan-Verfasser, tätig unter Xuandi (73–49 v. u. Z.), aus Zizhong (heute Yanjiang in Ziyang, Sichuan). Verfaßte 59 v. u. Z. den 《僮約》.
《僮約》 Tóng yuē — Sklavenvertrag. Von Wang Bao 59 v. u. Z. in Form einer literarischen Übung verfaßter Aufsatz, enthält die zwei frühesten als Tee gelesenen Stellen in der überlieferten chinesischen Schrift: 「烹荼盡具」 und 「武陽買荼」.
Wuyang 武阳 — Ortschaft südlich von Chengdu, zur Han-Zeit Sitz der Kommandantur Qianwei; im 《僮約》 als Teemarkt genannt; im 《華陽國志·蜀志》 als Teeanbaugebiet bestätigt.
「荼」 tu / 「茶」 cha — Im ersten vorchristlichen Jahrhundert konnte 「荼」 Bitterkräuter, Pampasgras, die Schilfblüte oder den Tee bezeichnen. Die graphische Trennung der beiden Zeichen erfolgte erst in der mittleren Tang-Zeit (achtes Jahrhundert n. u. Z.).
《爾雅》 Ěr yǎ — Ältestes erhaltenes Wörterbuch der chinesischen Schrifttradition, kumulativ entstanden zwischen den Streitenden Reichen und der frühen Westlichen Han. Enthält im Kapitel 《釋木》 den Eintrag 「檟,苦荼」.
Jiǎ 檟 / ming 茗 / chuǎn 荈 / ku-tu 苦荼 / jiā 葭 — Frühe alternative Bezeichnungen des Tees in unterschiedlichen Regionen und Werken.
Guo Pu 郭璞 (276–324) — Philologe und Naturforscher der östlichen Jin, verfaßte den maßgeblichen Kommentar zum 《爾雅》.
《廣雅》 Guǎng yǎ — Wörterbuch von Zhang Yi, etwa 230 n. u. Z. unter der Wei-Dynastie verfaßt. Die von Lu Yu im 《茶經·七之事》 unter dieser Quellenangabe zitierte Beschreibung der frühen Teezubereitung findet sich in keiner überlieferten Handschrift des Werkes.
Zhang Zhung 象雄 — Königreich auf dem westlichen tibetischen Hochplateau, im Quellgebiet des Sutlej. Bestand bis 644 n. u. Z., als es durch Songtsen Gampo dem Tubo-Reich einverleibt wurde.
Gurugyam 故如甲木 — Bön-Kloster und Gräberfeld in der Gemeinde Mêntsi, Kreis Gar, Region Ngari im Westen Tibets, auf viertausenddreihundert Metern Höhe. Fundstelle der ältesten archäologisch nachgewiesenen Teeblätter auf dem tibetischen Hochplateau, datiert auf das späte zweite bis frühe dritte Jahrhundert n. u. Z.
Karangdong 卡尔东 / 「穹隆銀城」 Khyung-lung Ngul-mkhar — Burgberg etwa eintausenddreihundert Meter flußaufwärts des Gräberfeldes von Gurugyam. In der Forschung vermutet als Standort der in den bönpo-Schriften genannten Hauptstadt des Königreichs Zhang Zhung.
「王侯」 wáng hóu — Auf einem Seidenfragment aus Gurugyam eingewobenes Zeichenpaar, „König und Fürst“. Stoffe gleicher Art aus dem Yingpan-Gräberfeld in Yuli (Xinjiang) und dem Astana-Gräberfeld in Turfan gelten in der chinesischen Forschung als Erzeugnisse staatlicher Webereien der östlichen Han, ausgegeben als Geschenke an tributpflichtige Vasallenfürsten.
Quellen
Primärquellen (chronologisch)
《詩經》 Shī jīng — Liederbuch der westlichen Zhou und der Frühlings- und Herbstperiode.
《爾雅》 Ěr yǎ — Ältestes erhaltenes Wörterbuch der chinesischen Schrifttradition, entstanden zwischen den Streitenden Reichen und der frühen Westlichen Han.
司馬相如 Sima Xiangru (etwa 179–118 v. u. Z.), 《凡將篇》 Fán jiāng piān — Schulwörterbuch, überliefert in Fragmenten.
王褒 Wang Bao, 《僮約》 Tóng yuē — Sklavenvertrag, verfaßt im Jahr 59 v. u. Z. (Shenjue 3 unter Xuandi).
揚雄 Yang Xiong (53 v. u. Z. — 18 n. u. Z.), 《方言》 Fāng yán — Ältestes erhaltenes Wörterbuch der chinesischen Dialekte.
許慎 Xu Shen, 《說文解字》 Shuō wén jiě zì — Grundlegendes Zeichenwörterbuch, etwa 100 n. u. Z. abgeschlossen, im Jahr 121 dem Hof überreicht.
張揖 Zhang Yi, 《廣雅》 Guǎng yǎ — Wörterbuch, etwa 230 n. u. Z. unter der Wei-Dynastie verfaßt; überliefert in einer Fassung mit etwa achthundert Zeichen Verlust gegenüber dem ursprünglichen Umfang.
杜育 Du Yu, 《荈賦》 Chuǎn fù — Ode auf den Tee, spätes drittes Jahrhundert n. u. Z.
郭璞 Guo Pu (276–324), 《爾雅注》 Ěr yǎ zhù — Maßgeblicher Kommentar zum 《爾雅》.
常璩 Chang Qu, 《華陽國志》 Huá yáng guó zhì — Lokalchronik des Südwestens, viertes Jahrhundert n. u. Z.
魏徵 u. a., 《隋書·西域傳》 Suí shū, Xī yù zhuàn — Reichsannale der Sui-Dynastie, siebtes Jahrhundert n. u. Z.
陸羽 Lu Yu, 《茶經》 Chá jīng — Verfaßt um 760 n. u. Z., abgeschlossen vor 780.
王念孫 Wang Niansun (1744–1832), 《廣雅疏證》 Guǎng yǎ shū zhèng — Beweisanmerkungen zum 《廣雅》, im neunzehnten Jahrhundert.
Sekundärliteratur
Lu Houyuan 吕厚远, Zhang Jianping, Yang Yimin u. a.: „Earliest tea as evidence for one branch of the Silk Road across the Tibetan Plateau", in: Scientific Reports 6 (2016), Artikel 18955.
Lu Guoquan 路国权, Jiang Jianrong 蒋建荣, Wang Qing 王青, Wei Shuya 魏书亚: „Shandong Zoucheng Zhu-guo gucheng Xigang muji yihao Zhanguo mu chaye yicun fenxi" (山东邹城邾国故城西岗墓地一号战国墓茶叶遗存分析), in: Kaogu yu Wenwu 考古与文物 5 (2021).
Tang, Cindy Q. u. a.: „Identifying long-term stable refugia for relict plant species in East Asia", in: Nature Communications 9 (2018), Artikel 4488. — Korrektur publiziert ebd., Artikel 4793 vom 4. Dezember 2018.
陕西省考古研究院: 《汉阳陵帝陵东侧 11—21 号外藏坑试掘简报》, in: 《考古与文物》 3 (2008).
霍巍, 杨清凡: 《西藏高原吐蕃考古与象雄考古的新阶段》, China Tibetology Research Center, 2021.
仝涛, 李林辉 u. a.: Vorberichte zur Ausgrabung des Gräberfeldes Gurugyam, Chinese Academy of Social Sciences, 2012–2014.
张云 (Hg.): 《西藏历史 55 讲》, 北京 2022.
Liese, Walter & Hamburg, Friedrich: „The bamboos", in: Bamboos. Current Research. Cochin 1987.
Bystriakova, N., Kapos, V., Lysenko, I., Stapleton, C.: Bamboo biodiversity: information for planning conservation and management in the Asia-Pacific region. UNEP-World Conservation Monitoring Centre / INBAR, Cambridge 2003.
Ming, Tianlu 闵天禄 & Bartholomew, Bruce: „Theaceae", in: Flora of China, vol. 12. Beijing & St. Louis 2007.
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Benn, James A.: Tea in China. A Religious and Cultural History. Honolulu 2015.
汪锋, 殷玥: 《"作茶时茶亦"——茶名"槚"的来源》, Universität Peking, Center for Chinese Linguistics.
Plants of the World Online (Kew Science): Eintrag Camellia, einheimische und eingeführte Verbreitung. https://powo.science.kew.org
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