Anna Maria ist zu Hause angekommen, nach einem ganzen Tag Arbeit ist sie schon ziemlich erschöpft. Sie kippt das Fenster in der kleinen Küche, und sofort kommt das Zwitschern der Amseln herein. Sie fühlt sich besser. Sie kocht Wasser, holt sich irgendeine Tasse aus der Kommode, macht die Teeschublade auf, in der sieben oder acht Sorten liegen, und nimmt sich irgendeinen Beutel, ohne lange zu überlegen. Sie reißt die Papierhülle auf, hängt den Beutel in die Tasse und gießt das heiße Wasser darüber.
Dann setzt sie sich an den Tisch, die Hände um die warme Tasse, und schaut aus dem Fenster. Der Tee dampft. Ihr Blick fällt auf den Beutel, der im Wasser hängt und sich langsam braun färbt, und bleibt an ihm hängen.
So ein Teebeutel gehört zu den gewöhnlichsten Dingen im Haushalt, und Anna Maria denkt sich nichts dabei. Dieser kleine Beutel ist keine hundertzwanzig Jahre alt, und woher er kommt, lässt sich schwer sagen.
Im August 1901 reichten zwei Frauen aus Milwaukee ein Patent ein, Roberta Lawson und Mary Molaren. An der üblichen Art, Tee zu machen, hatten sie etwas auszusetzen. Man brühte eine ganze Kanne auf, um eine einzige Tasse zu trinken, der Rest stand herum und wurde kalt, der Tee wurde schal, und das meiste goss man am Ende weg.
Ihr Vorschlag war, den Tee gleich in der Tasse ziehen zu lassen, in der man ihn auch trinkt, und nur so viel zu nehmen, wie für eine Tasse reicht. Damit die Blätter nicht frei im Wasser schwammen, steckte man sie in ein Säckchen aus offenmaschigem Stoff, das eng genug war, um die Blätter zu halten, und weit genug, dass das Wasser hindurchzog. Eine Portion für eine Tasse, verschließbar mit einem Draht.
Das Patent wurde am 24. März 1903 erteilt, fast zwei Jahre nach dem Antrag, und trug den Namen „Tea-Leaf Holder", Teeblatthalter. Das Wort Teebeutel kam darin nicht vor. Es wurde nichts daraus.
Sieben Jahre später ging es in New York um etwas anderes. Thomas Sullivan handelte mit Tee und schickte seinen Kunden Proben zu. Solche Proben kamen damals in kleinen Blechdosen, und Blech kostete Geld. Sullivan füllte den Tee stattdessen in kleine, von Hand genähte Beutel aus Seide.
Die Kunden hielten die Säckchen für eine neue Art Sieb und hängten sie, wie sie waren, ins heiße Wasser. Es funktionierte. Bald kamen Bestellungen. Als Sullivan die Bestellungen auf die übliche Weise mit losem Tee ausführte, beschwerten sich die Kunden, sie hätten die Beutel erwartet. Also lieferte er den Tee von da an in Beuteln, und bald gab es sie in zwei Größen, einen großen für die Kanne und einen kleinen für die Tasse.
Erfunden hatte Sullivan dabei nichts. Er hatte ein Missverständnis bestehen lassen, das ihm Bestellungen brachte. Die Seide war ihm zu dicht gewebt, das Wasser kam schlecht hindurch, und er ging zu Gaze über. Gefüllt wurden die Beutel mit dem, was beim Verarbeiten übrig blieb, mit Bruch und Staub. Das zog schnell durch.
In den zwanziger Jahren war der Beutel in Amerika die gewöhnliche Art geworden, Tee zu trinken. Was hineinkam, wurde mit der Zeit schlechter. In die Beutel ging der billigste Tee, und die Leute hatten nichts dagegen.
In Europa kam er später an. Im Ersten Weltkrieg versorgte eine deutsche Firma in Dresden die Soldaten an der Front mit einzelnen Portionen Tee in kleinen Beuteln aus Mull. Die Soldaten nannten sie Teebomben.
Bei derselben Firma arbeitete ein Mann namens Adolf Rambold, und sein Problem war eine Maschine. Bis dahin wurden die Beutel von Hand genäht, und das lohnte sich nicht. Gesucht war eine Maschine, die sie selbst herstellte und füllte. Die ersten Versuche liefen nicht, wie sie sollten. 1929 hatte Rambold sie, die erste Teebeutel-Packmaschine der Welt; sie schaffte fünfunddreißig Stück in der Minute. Sie hieß Pompadour, nach den runden Handtaschen, die damals in Mode waren.
Mit dem Material gab es eigene Schwierigkeiten. Mull schmeckte nach Stoff. Das Pergamentpapier, das man danach versuchte, war verklebt, und der Klebstoff schmeckte mit. Erst ein neues Papier brachte die Lösung, geschmacklos und reißfest, aus Manilahanf; es kam in den vierziger Jahren aus den USA. Rambolds Beutel bestand am Ende zu knapp einem Drittel aus Zellulose und zum Rest aus Manilafaser.
1949 kam eine zweite Maschine und mit ihr ein neuer Beutel, in zwei Kammern gefaltet, damit das Wasser den Tee von beiden Seiten umspülte. Hundertsechzig Stück in der Minute. Es ist der Beutel, der in Anna Marias Tasse hängt.
Rambold wollte eine Maschine, die nicht klemmte. Was am Ende dastand, war ein Gewebe, das die Blätter hielt, das Wasser durchließ und selbst nach nichts schmeckte. Es war das, was die beiden Frauen in Milwaukee fast fünfzig Jahre vorher beschrieben hatten. Keiner der Beteiligten hatte darauf hingearbeitet. Jeder hatte etwas anderes vorgehabt.
In Anna Marias Küche ist der Tee dunkel geworden. Sie zieht den Beutel am Faden heraus, legt ihn auf den Tellerrand und trinkt.
Sie weiß nicht, wer den Beutel erfunden hat, und genau genommen weiß es niemand. Das Patent von 1903 trägt zwei Namen und widerspricht sich bei einem davon; im Text heißt die zweite Erfinderin Molaren, auf der Zeichnung und unter der Unterschrift McLaren. Die berühmte Geschichte von Sullivan und dem Zufall lässt sich in ihren Einzelheiten nicht belegen, und ob es so war, ist offen. Noch früher taucht ein Name aus London auf, A.V. Smith, 1896, hinter dem nichts steht.
Anna Maria trinkt ihre Tasse aus und wirft den Beutel in den Müll, ohne sich etwas dabei zu denken, genau wie vorhin, als sie ihn aus der Schublade nahm.
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