Im Winter 1916 saß ein Soldat an der Westfront in einem Unterstand. Draußen war es kalt, der Boden gefroren, in der Ferne schlugen Granaten ein. Der Unterstand roch nach feuchter Erde. Vor dem Soldaten stand ein Becher mit heißem Wasser, aus dem es dampfte, und in der Hand hielt er einen kleinen Beutel aus Mull, von Hand genäht, mit einer Portion Tee darin, leicht gezuckert. So einen Beutel konnte man in die Manteltasche stecken; man musste nichts mahlen, nichts abmessen, nur heißes Wasser darübergießen.
Er ließ den Beutel ins Wasser sinken. Eine braune Wolke stieg auf und breitete sich aus, das Wasser nahm die Farbe von Tee an. Er wartete, zog den Beutel heraus und trank. Der Aufguss war heiß und ein wenig süß. Nach Tee schmeckte er kaum.
Die Soldaten nannten diese Beutel Teebomben.
Was der Soldat sonst trank, war meist weder Tee noch Kaffee. Die britische Seeblockade lag seit 1914 über den deutschen Häfen, und 1916 waren die Kaffeevorräte aufgebraucht. Was danach als Kaffee in den Becher kam, war aus gerösteten Eicheln, aus Steckrüben, aus Haferspelzen gemahlen. Für den Rübenkaffee raspelte man die Steckrüben, trocknete die Schnitzel im Ofen und drehte sie durch die Kaffeemühle. Man nannte den Aufguss Gesundheitskaffee, Kriegskaffee oder Muckefuck. Was als Tee durchging, zog man aus Besenheide, aus Brombeer-, Maulbeer- und Erdbeerblättern. Im Steckrübenwinter 1916/17 buk man das Brot aus eben diesen Rüben. Für die Tasche gab es Kaffeetabletten, Teepillen und Punschwürfel. Auf dem Speiseplan stand der Ersatz für eine Sache nach der anderen.
Aus der Heimat kamen Pakete. In vielen Städten richtete man Sammelstellen ein, in Lemgo eine in der alten Lederfabrik, geöffnet morgens von zehn bis zwölf und nachmittags von drei bis fünf. Vereine, Schulen, Feuerwehren, Bürgermeister und einzelne Spender füllten sie. Auf den Sammellisten standen Tabak und Briefpapier, Taschenmesser und Zahnbürsten, ein Waggon Kartoffeln, eine Tabakspfeife, siebzehn Paar Pulswärmer, sechsundzwanzig dreieckige Tücher, acht Paar weiße und fünf Paar wollene Fußlappen. Ein Anzeiger rief zu Spenden von Ferngläsern und Pistolen für Unteroffiziere auf; für die Genesung der Verwundeten boten Geschäfte Schwarzbier an.
Fast neunundzwanzig Milliarden Briefe, Karten und Päckchen liefen über die Feldpost. Sie galt als das Band zwischen Heimat und Front, und die Sendungen sollten die Stimmung der Truppe heben.
Warum die Mullbeutel Bomben hießen, hat niemand aufgeschrieben.
Das Hauptgetränk an der Front war ohnehin der Kaffee. Das Heer brauchte davon in der Woche an die neunhunderttausend Kilogramm, und auch das war zum großen Teil Ersatz. Der Tee in den Mullbeuteln war daneben eine Randerscheinung.
Hundert Jahre später erzählt die Firma Teekanne, die die Säckchen herstellte, diese Geschichte als ihren eigenen Anfang. Sie war 1882 in Dresden gegründet worden, als Laden für ostasiatische Waren, zu denen bald der Tee kam; ihr Warenzeichen, die Nummer 6541, gehört zu den ältesten in Deutschland, und die Firma besteht bis heute. Die Geschichte von der Teebombe steht in ihrer Chronik, und von dort wird sie weitergereicht, durch Lexika, Blogs und Zeitungsartikel, immer in denselben Worten. Eine unabhängige Quelle dafür gibt es kaum. Dass die Firma den maschinellen Teebeutel erfunden habe, steht in der Enzyklopädie mit dem Vermerk, dass ein Beleg fehle. An der Front war der Tee eine Randerscheinung gewesen; in der Geschichte, die die Firma erzählt, steht er in der Mitte.
Das Werk, in dem die Teebomben genäht worden waren, stand in Dresden. Am 13. Februar 1945 fielen Bomben auf die Stadt. Das Werk wurde schwer beschädigt.
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