
Er ging durch das Land und nahm, was wuchs. Blätter, Stengel, Rinden, herb im Geruch oder still wie Wasser. Er brach sie ab, legte sie auf die Zunge, kaute, bis ihr Saft sich löste.
Manches blieb ohne Spur. Manches zog den Mund zusammen, ließ den Atem stocken. Dann wurde es warm im Leib.
⸻
Die Wärme wich nicht. Sie stieg auf, griff nach den Gliedern.
Er ging weiter. Noch ein Blatt, noch ein Stengel. Was er nahm, sammelte sich in ihm. Bitter wurde zu Schmerz, Schmerz zu Hitze.
⸻
Die Hand griff, ohne zu wählen. Im Mund blieb nichts rein. Die Zunge wurde stumpf. Der Boden war nicht fest. Was nahe war, wich zurück.
Zweiundsiebzig an einem Tag. Der Leib trug es nicht mehr leicht. Was in ihm war, fand keinen Ausgang.
⸻
Ein Blatt, dünner als die anderen. Er nahm es.
Bitter blieb bitter. Doch das Brennen trat nicht hervor. Der Saft war leicht. Er blieb im Mund.
Die Wärme stieg nicht weiter. Etwas löste sich. Der Atem ging tiefer.
⸻
Er hielt das Blatt zwischen den Fingern.
Es war Tee.
Seit jener Zeit wird Tee genommen. Bis heute.
So wird es erzählt. Doch wer ist dieser Shennong, und woher kommt diese Geschichte?
Die Erzählung von Shennong (神農) gehört in den ältesten Bereich der chinesischen Überlieferung, dorthin, wo Geschichte und Mythos noch nicht getrennt sind. Er erscheint zusammen mit Gestalten wie Huangdi (黃帝) und Yandi (炎帝), die am Anfang dieser Überlieferung stehen und bis heute im kulturellen Gedächtnis eine besondere Stellung einnehmen.
In den Erzählungen werden sie in die Zeit der Xia-Dynastie (夏朝) gesetzt, fünf Jahrtausende vor heute. Yandi und Huangdi gelten als die Ahnen der späteren Bevölkerung, weshalb man sich noch heute als „Nachkommen von Yan und Huang" (炎黃子孫) versteht.
Spätere Überlieferungen berichten, dass die Stämme des Yandi und des Huangdi zunächst gegeneinander standen und sich nach den Kämpfen von Banquan (阪泉) verbanden.
Aus dieser Verbindung entsteht das, was später als Huaxia (華夏) bezeichnet wird.
Der Name Shennong ist kein Eigenname im gewöhnlichen Sinn. In den alten Überlieferungen erscheint er vielmehr als ein Titel. Er bezeichnet nicht nur eine einzelne Gestalt, sondern eine Rolle innerhalb dieser frühen Ordnung.
In frühen Texten heißt es:
「始教耕稼 故號神農氏」(Shǐ jiào gēng jià gù hào shénnóng shì')
„Er begann, Pflügen und Säen zu lehren, und wurde darum Shennong genannt."
Jemand beginnt, den Umgang mit Pflanzen zu lehren, und erhält dafür eine Bezeichnung.
Das Zeichen shen (神) verweist dabei nicht einfach auf das Göttliche, sondern auf eine Fähigkeit, die über das Gewöhnliche hinausgeht. Nong (農) steht nicht nur für den Bauern, sondern für das Arbeiten mit Pflanzen, für das Säen und Ernten, für das Entstehen von Ackerbau. So bezeichnet „Shennong" weniger eine einzelne Person als eine Bewegung innerhalb dieser frühen Zeit:
den Übergang von einem Leben, das nimmt, was wächst, zu einem Leben, das beginnt, Pflanzen zu ordnen, zu nutzen und schließlich zu kultivieren.
In diesem Zusammenhang erhält auch das Kosten der Kräuter seinen Platz.
Es ist kein isolierter Akt, sondern Teil derselben Bewegung.
Shennong erscheint hier als derjenige, der diesen Übergang am eigenen Leib erprobt.
Nicht aus der Distanz, sondern durch das, was er selbst erfährt.
Die eigentliche Geschichte vom Kosten der Pflanzen erscheint jedoch erst viel später in schriftlicher Form. Sie wird dem Werk Shennong Bencao Jing (《神農本草經》) zugeschrieben, das seinen Namen zwar von Shennong trägt, in Wirklichkeit aber erst viele Jahrhunderte später, in der Östlichen Han-Dynastie (25–220 n. Chr.), schriftlich gefasst wurde.
Dort findet sich die bekannte Zeile:
“神農嘗百草 日遇七十二毒 得荼而解之” (Shénnóng cháng bǎicǎo, rì yù qīshí'èr dú, dé tú ér jiě zhī)
„Shennong kostete die hundert Kräuter, an einem Tag begegneten ihm zweiundsiebzig Gifte, und er löste sie mit tú."
Dieses tú (荼) ist dabei noch nicht eindeutig Tee im heutigen Sinn. Es bezeichnet zunächst eine bittere Pflanze, ohne klare Abgrenzung. Gerade darin liegt die Nähe zur Erzählung selbst:
nicht ein fertiger Begriff, sondern eine Erfahrung, die sich erst allmählich klärt.
In dieser Erfahrung liegt zugleich etwas, das weiterreicht.
Was hier als einzelne Handlung erscheint, wird in der späteren Zeit Teil des Alltags.
Tee bleibt nicht bei seinem Ursprung als etwas, das am Körper erprobt wird.
Er geht über in das, was täglich getan wird:
in das Trinken, in das Sitzen, in das Teilen.
So entsteht aus einer Handlung, die einmal stattgefunden haben soll, etwas, das bleibt.
Nicht als Erinnerung allein, sondern als Gewohnheit.
Und in dieser Gewohnheit wird Tee zu einem Teil dessen, was eine Kultur zusammenhält.
* * *


