Ein Vertrag aus Bosheit

Wie der älteste Tee der Welt in eine Sklavenurkunde kam

Es begab sich im Lande Shu (蜀), vor mehr als zweitausend Jahren, daß ein Gelehrter namens Wáng Bāo (王褒) eine Weile im Hause einer Witwe wohnte, Yáng Huì (楊惠). Die Witwe hielt einen bärtigen Knecht, Biànliǎo (便了), und immer wieder schickte der Gast ihn aus, Wein zu holen.

Kolorierte Umrisszeichnung des Gelehrten Wang Bao
Wáng Bāo (王褒) — kolorierte Umrisszeichnung neuerer Zeit, Urheber unbekannt.

Das aber wollte der Knecht nicht. Er ging zum Grabe seines verstorbenen alten Herrn, warf sich nieder und klagte: als man ihn einst gekauft, da habe es geheißen, er solle das Haus hüten — Wein zu holen für fremde Männer sei nie die Rede gewesen.

Wáng Bāo hörte davon, und der Zorn stieg ihm auf. Am Tag des Laternenfests zählte er der Witwe fünfzehntausend Münzen hin und kaufte den Knecht für sich. Dann griff er zum Pinsel und schrieb ihm einen Vertrag — keinen gewöhnlichen, sondern eine Urkunde der Rache, die alles aufzählte, was der Knecht fortan zu tun habe, von früh bis spät, daß ihm keine Stunde bliebe.

Fische sollte er schuppen und Schildkröten schmoren, hinterm Haus aus einem Baum ein Boot zimmern, flußauf und flußab zu den Märkten fahren, Ochsen treiben und Gänse feilschen, Lotos tragen aus dem Teich der Witwe —

Wasser holen, Becher spülen, Knoblauch ziehn,
und keine Stund' war ihm vergönnt zu fliehn.

Als der Knecht die Urkunde las, weinte er bitterlich und flehte, lieber wolle er fortan jeden Tag Wein holen, als unter solcher Last dahinzusterben.

Es ist eine kleine, böse Geschichte, und sie wäre vergessen wie tausend andere — stünden nicht zwischen all den Fronen zwei Zeilen, an die ihr Verfasser gewiß keinen Gedanken verschwendete: 「武陽買荼」, „in Wuyang Tee kaufen", und 「烹荼盡具」, „den Tee aufbrühen und die Gefäße bereithalten".

Damit ist dieser Spottvertrag das älteste datierte Zeugnis dafür, daß Tee als Ware gekauft und in eigenen Gefäßen bereitet wurde — und anders als ältere, unsichere Erwähnungen trägt er ein Datum: den Tag des Laternenfests im Jahr 59 vor unserer Zeitrechnung. Wuyang (武陽), wohin der Knecht laufen sollte, war ein Marktort südlich von Chengdu (成都), auf dem man Tee feilbot. Was der Spaten anderswo aus der Erde hebt, hält hier ein Fetzen Papier fest, auf den Tag genau.

Nur hieß der Tee damals noch nicht Tee. Auf dem Vertrag steht 「荼」, — das ältere Zeichen, einen Strich schwerer als das spätere 「茶」, chá. Man sieht das Getränk gleichsam auf sein eigenes Schriftzeichen warten.

Und so trägt dieselbe Urkunde zwei Anfänge zugleich: den ältesten erhaltenen Kaufvertrag über einen Menschen — und die früheste Spur des Tees. Geschrieben hat sie ein verärgerter Mann, um einen Knecht zu strafen. Geblieben ist sie, weil zwischen all den Fronen zufällig ein wenig Tee stand.

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Als der Tee noch ein Gemüse war Der heimliche Tee des Tyrannen
吃茶去