Vor etwa siebzehnhundert Jahren sammelte ein chinesischer Daoist seltsame Begebenheiten in einem ›Buch der Wunder‹, dem 《神異記》 (Shén Yì Jì). Das Buch ist längst zerfallen, und nur Splitter sind davon geblieben. Zwei dieser Splitter erzählen vom Tee — und in beiden gehört der Tee nicht den Menschen, sondern den Unsterblichen und den Geistern der Berge.
Der Unsterbliche mit den blauen Ochsen
Ein Mann aus Yuyao (余姚), Yú Hóng (虞洪) mit Namen, stieg eines Morgens in die Berge, um Tee zu pflücken. Noch hing der Nebel zwischen den Bäumen, als ihm aus dem Dickicht ein Fremder entgegentrat: ein Daoist, der drei Ochsen führte, blau wie die Dämmerung.
Ohne ein Wort ging der Fremde voran, und Yu Hong folgte ihm, bis sie an einen Berg kamen, über den ein Wasserfall stürzte. Dort erst wandte sich der Daoist um und sprach: „Ich bin Dānqiūzǐ (丹丘子). Man sagt mir nach, du verstehest dich auf das Aufbrühen, und lange schon wünschte ich mir einen Becher aus deiner Hand. In diesen Bergen stehen große Teebäume, höher als ein Mann; ich will sie dir zeigen, und nichts sollst du dafür geben. Nur dies eine: bleibt dir einmal Tee in der Schale, so stelle ein wenig davon für mich beiseite."
Dann war er fort, mitsamt seinen blauen Ochsen, als hätte der Nebel ihn wieder eingezogen. Yu Hong aber errichtete an jenem Berg einen Altar und brachte dem Fremden Tee dar, wie man einem Gott die Speise darbringt. Von da an schickte er die Seinen Jahr um Jahr den Hang hinauf, und immer kehrten sie mit dem großen Tee zurück, dessen Blätter breit waren wie keine sonst. So ging der Tee fortan hin und her zwischen einem Menschen und einem Unsterblichen: die Neige aus der Schale hinauf zum Gott, die riesigen Blätter herab zu den Menschen.
Der haarige Riese der Wuchang-Berge
Ein anderer, Qín Jīng (秦精) aus Xuancheng (宣城), ging in die Wuchang-Berge (武昌山), Tee zu suchen. Tief im Wald trat ihm ein Wesen in den Weg: ein Mann, über und über behaart, wohl mehr als zehn Fuß hoch.
Kein Wort kam aus dem Riesen. Er winkte nur, und Qin Jing, der sich nicht zu rühren wagte, ging mit. Den Hang hinab führte ihn der Haarige, bis dorthin, wo die Teebüsche dicht und voll standen; er wies mit der Hand darauf und wandte sich zum Gehen. Schon glaubte sich Qin Jing allein — da kehrte der Riese noch einmal um. Er griff in sein Fell, holte Orangen hervor und drückte sie dem Manne in die Hände.
Das war zuviel. Das Grausen packte Qin Jing; er lud sich den Tee auf den Rücken und lief, so schnell ihn die Füße trugen, den Berg hinab und heim.
Was die Märchen verschweigen
In beiden Geschichten gehört der Tee nicht den Menschen. Der Unsterbliche bettelt darum, der Riese der Berge hütet ihn und teilt ihn aus wie ein Geschenk. Der Tee ist hier noch kein Getränk, an dem man sich erfreut, und keine Ware, die man kauft. Er ist das, wonach die Unsterblichen verlangen. Eine alte, verwandte Zeile sagt es ohne Umschweife: der große Tee jener Berge mache, wer von ihm trinke, selber zum Unsterblichen —
Der große Tee, den Danqiu birgt und zeigt: wer davon trinkt, bekommt Gefieder und steigt.
So betritt der Tee zum ersten Mal die Schrift: nicht als Genuß, nicht als Handelsgut, sondern als ein Kraut der Unsterblichkeit.
Das Buch, das diese beiden Märchen bewahrte, ist zu Staub zerfallen. Sein Verfasser, ein Daoist namens Wáng Fú (王浮), blieb der Nachwelt weniger als Erzähler von Wundern in Erinnerung denn als Fälscher — er verfaßte eine Streitschrift gegen die Buddhisten und gab sie für das Werk des alten Laozi aus. Vom 《神異記》 sind nur Bruchstücke übrig, und auch diese nur, weil spätere Hände sie abschrieben, allen voran Lù Yǔ (陸羽), der sie in seinen Klassiker des Tees, das 《茶經》, aufnahm. Er hielt sie für wichtig genug, sie mehr als einmal anzuführen; er setzte ihnen ein Datum auf, das im Buch nie gestanden hatte — um das Jahr 310 —; und vielleicht hat er sie sogar zurechtgerückt, denn in einer älteren Fassung führt der Unsterbliche nicht drei blaue Ochsen, sondern dreihundert blaue Ziegen.
So steht am Anfang von allem, was je über den Tee geschrieben wurde, ein halb verlorenes Märchen, in dem ein Blatt die Menschen fliegen läßt.
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