An einem Fluss in China, so wird erzählt, fiel der Sohn eines hohen Beamten ins Wasser. Ein Mann aus dem Gefolge des Earl Grey sprang ihm nach, fasste ihn in der Strömung, trug ihn ans Ufer. Der Vater suchte nach einem Dank, und kein gewöhnlicher reichte an das Leben eines Sohnes heran.
Er ließ seinen Teemeister kommen. Der Meister wählte das dunkelste Blatt, trocknete es über Holzkohle, gab ihm Tropfen um Tropfen den Duft der Bergamotte bei, einer Frucht, gelb und bitter. Die Truhe ging an Bord, über Kanton, um das Kap, durch den Ärmelkanal.
In Northumberland stand Howick Hall, der Sitz der Grafen. Aus dem Brunnen kam das Wasser hart und kalkig. Der Duft aus China legte sich über den Kalk und nahm ihm die Kreide von der Zunge.
Lady Grey schenkte den Tee an ihrer Londoner Tafel aus. Die Damen, die ihn kosteten, sprachen danach von nichts anderem und fragten, wo er zu kaufen sei. Ein Händler nahm die Mischung auf und gab ihr den Namen ihres Grafen.
So weit die Geschichte.
Charles Grey, zweiter Earl Grey, Premierminister von 1830 bis 1834, sah China nie. Er blieb in Howick und in Westminster, zwischen dem Reformgesetz und der Abschaffung der Sklaverei.
Die Bergamotte wächst in Kalabrien, auf einem schmalen Streifen am Ionischen Meer, und kaum sonstwo auf der Welt. In den Teegärten Chinas kannte niemand ihr Öl.
Vom Tee mit Bergamotte stand das erste Wort in einer englischen Provinzzeitung. Lancaster Gazette, im Mai 1824. Die Überschrift versprach, aus Tee zu fünf Schilling das Pfund Tee zu zwölf zu machen. Ein paar Tropfen des Öls, hieß es, und das billigste Blatt gebe den feinsten Hyson, das feinste Gunpowder. Von einem Grafen kein Wort. 1837 stand ein Londoner Krämer vor Gericht, der die Bergamotte heimlich zugesetzt und den Tee als die teurere Ware verkauft hatte.
Earl Grey starb 1845. Den Namen „Earl Grey tea" trug zuerst eine Anzeige aus den 1880er Jahren, das Oxforder Wörterbuch verzeichnete ihn erst in den 1920ern. Drei Häuser stritten später um das Originalrezept, Jacksons, Twinings, die Ostindien-Kompanie. Eingetragen auf den Namen Grey hatte niemand etwas, die Familie selbst am wenigsten.
Die Jahre, in die die Geschichte ihr freundliches Geschenk legte, trugen anderes. 1834 verlor die Ostindien-Kompanie ihr Monopol auf den Handel mit China. Der Strom des Opiums nach Kanton schwoll, in drei Jahrzehnten von viertausendfünfhundert Kisten auf vierzigtausend. Im Herbst desselben Jahres reiste Lord Napier nach Kanton und richtete nichts aus. Grey saß da nicht mehr im Amt.
In Kalabrien stehen die Bergamottebäume auf bitteres Orangenholz gepfropft, sonst überstehen sie den Winter nicht. Sie tragen im Spätwinter ihre Frucht. Von dem Grafen, dem Mandarin, dem geretteten Sohn wissen sie nichts.
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