Das Schwälblein holt den Ziegel

缸 — Der Becher

Es war Anfang der achtziger Jahre, ein Hof im Norden, früher Morgen. In der Luft hing Kohlerauch, über den niedrigen Dächern lag noch die Kälte der Nacht, die sich nur langsam aus den Höfen zog.

Vom Lautsprecher auf dem Dach kam, wie an jedem Morgen, das Lied von der kleinen Schwalbe, die jeden Frühling wiederkam. Es lief über den ganzen Hof, über die Wasserstelle, die Kohlenhaufen, die gestapelten Töpfe, und niemand hörte mehr eigens hin.

[Schwalbe zart im Blütenkleid, grüßt den Lenz in Stetigkeit. „Sag, Vöglein, was führt dich zu mir?“ „Der schönste Frühling, der weilt hier.“]

Auf dem Kang, der gemauerten, warmen Ofenbank, saß die Urgroßmutter. Geboren war sie noch unter dem letzten Kaiser, in der Xuantong-Zeit, mit gebundenen Füßen. Wenn sie ging, schwankte sie wie ein Stehaufmännchen und fiel doch nie. Ihr silbernes Haar war stets glatt gekämmt. Sie trug immer Schwarz, und darüber lag das Silber hell.

Auf dem eisernen Ofen kochte das Wasser. Daneben stand ein großer Emaillebecher, an den Rändern abgestoßen, das Weiß dort weggeschlagen bis aufs Blech, und innen hatte ihn der Teesatz braunschwarz gefärbt, Schicht über Schicht, von Jahren, schwarz wie das Gewand der Urgroßmutter.

In der Werkskantine wurde damit das Essen geholt, zu Hause der Tee darin aufgegossen, an manchen Abenden ein Ei darin gekocht, und wenn das Mehl knapp wurde, das wenige Korn darin verwahrt. Er ging mit, von der Kantine ins Haus und zurück.

Ein Stück Ziegeltee lag schon auf dem Grund, hart und dunkel, von der Kante eines größeren abgeschlagen.

Yan'er saß auf der Türschwelle, die Knie an der Brust, und sah dem Becher zu. Sie hörte das Lied, das vom Dach kam, und sie hörte das Wasser.

Eine Stimme rief aus dem Haus: „Yan'er, komm essen."

Das kochende Wasser kam über den Ziegel. Sofort färbte sich das Wasser, erst braun, dann ein dunkles Rotbraun, das ins Schwarze überging, und ein Geruch stieg auf, erdig, nach altem Holz und nach Rauch. Der Deckel darauf, ein paar Minuten Stille, der Dampf an der kalten Luft.

Innen, unter dem Deckel, das Schwarze.


川字 — Das Zeichen Chuan

Der Ziegel lag schwer in der Hand, hart wie ein Stein, kühl und glatt an der Oberfläche, und auf dem gelben Papier, in das er geschlagen war, stand ein rotes Zeichen, Chuan 川, der Fluss mit seinen drei Strichen.

Gepresst kam er von weit her, aus dem Süden, aus Yánglóudòng und Zhàolǐqiáo, wo der grobe, alte Tee in hölzernen Formen zu Backsteinen gestampft und mit dem Zeichen gestempelt wurde. Qīngzhuānchá hieß er, grüner Ziegeltee, und füllte die Lager der Teehäuser bis unter das Dach.

Im Norden ging kein Tag ohne ihn. Gekocht wurde er mit Milch und Salz, in großen Kesseln über kleinem Feuer, bis die Bitterkeit sich legte und die Schale warm und sämig wurde. Die Hirten in der Steppe tranken ihn Schale um Schale, vom Morgen bis in die Nacht.

Über Monate zogen die Kamelzüge mit ihm nach Norden, die lange Teestraße hinauf, durch Staub und Frost, bis nach Guīhuàchéng, der alten Stadt der Karawanen am Rand der Steppe. Dort saß das Handelshaus Dàshèngkuí, mit Tausenden von Kamelen und Männern, von dem es hieß, ein Dàshèngkuí sei ein halbes Guihuacheng.

Ein Messer an der Kante. Ein Stück brach ab.


小叶 — Das kleine Blatt

Die andere Hälfte kam aus Shanxi. In den engen Gassen der Kaufmannsstädte, in Jièxiū und Yùnchéng, stand seit jeher der Jasmintee auf dem Tisch, hell und voller Blütenduft, ein Tee für Gäste, für Feste, für die guten Tage. Die Blüten waren im Sommer Lage um Lage in den grünen Tee gelegt worden, bis er ihren Duft angenommen hatte.

Die Jìnshāng, die Kaufleute aus Shanxi, brachten die Gewohnheit über die Teestraße mit, dieselbe Straße, auf der die Ziegel nach Norden zogen. Die Karawanen trugen den groben Tee hinauf, die Vorliebe für den feinen brachten die Männer mit zurück, nach Guihuacheng, in die Höfe, in die Becher.

Das kleine Blatt kam zum Ziegel. Eine Prise, ganz zuletzt, zwischen zwei Fingern, ein paar trockene, blasse Blüten. Sie fielen auf das schwarze, heiße Wasser, schwammen einen Augenblick, lösten sich, gingen auf. Ein Faden Duft stieg mit dem Dampf, hell und kühl und süßlich, und für einen Atemzug roch der ganze Becher nach einem Sommer im Süden, nach Gärten, nach einem anderen Leben. Dann zog der Duft sich dünn, das Schwarze nahm ihn zurück. Das kleine Blatt holte den Ziegel.

Das Volk hatte ein Wort dafür.

「小叶搬砖,喝得心宽」. Das kleine Blatt holt den Ziegel, und das Herz wird weit.


苦 — Die Bitterkeit

Im Becher, ohne Milch, ohne Salz, blieb der Ziegel, was er war. Das Wasser stand schwarz und schwer, der Geschmack rau am Gaumen, ein Bitter, das hinten in der Kehle hängenblieb. Die Prise Jasmin schwamm oben und änderte daran wenig.

In den ärmeren Häusern lag ein billigerer, dunklerer Ziegel im Becher, aus älterem, gröberem Blatt, der schwarze Tee der untersten Güte.

Im groben, alten Blatt saß viel Fluor. Bei langjährigen Trinkern fleckten sich die Zähne braun, und die Knochen begannen früh zu schmerzen.

Ganz selten stand ein Becher voll Jasmin auf dem Tisch. Meist lag der Ziegel darin, und oben, ganz zuletzt, die paar Blüten, die das Haus sich leisten konnte.

Im Mund blieb das Bittere, lange.


大叔 — Der Nachbar

Nebenan kochte der Nachbar Ziegeltee in einem großen Emaillebecher. Grau lag auf seinem Gesicht, immer, dasselbe Grau wie das seines Mao-Anzugs, und die beiden Grau fügten sich zusammen, zu einer stillen Eintracht. Innen war der Becher vom Teesatz braunschwarz, kein Weiß mehr darin. Er goss das kochende Wasser auf, legte den Deckel auf, wartete.

Zuletzt griff er nach dem Jasmintee. Nahm eine Prise, hielt sie über den Becher, ließ etwas zurückfallen. Nahm wieder, ließ wieder zurückfallen. Was am Ende in das schwarze Wasser sank, war kaum der Rede wert.

Yan'er saß dabei. Sie sah zu, sie hörte.

Der Nachbar sprach wenig. Auf eine Frage kam ein „Mhm", dann ging er.

Sein Sohn war im Hungerjahr gestorben, an Unterernährung. Seither die Stille.

Einmal redeten die Erwachsenen über jene Jahre. Der eine sagte: „Es heißt, damals kam ein Schiff Weizen aus Kanada. In Hongkong soll ein Anruf von Zhou Enlai es weitergeschickt haben, geradewegs nach Albanien. Wie viele Menschen hätte dieses eine Schiff am Leben gehalten."

Der Nachbar schwieg.

Er hob den Becher, trank. Das schwarze Wasser, die wenigen Blüten darin.


字 — Das Wort

Geschrieben steht das eine Zeichen, Yè, das Blatt. Das Kind aber hörte das andere, Yàn, die Schwalbe. Auf dem Papier holt das Blatt den Ziegel, im Ohr holt ihn die Schwalbe, und das Mädchen auf der Türschwelle trug den Namen der Schwalbe.

Im Netz, heute, steht ein einziger Eintrag, der den Namen noch kennt, ein paar Zeilen aus einer alten Zeitung. Sonst hat ihn kaum jemand aufgeschrieben, kein Wörterbuch, kein Lexikon. Auf der Zunge aber blieb er, schwarz und bitter, mit dem Hauch von Blüte obenauf.

Das Lied von der Schwalbe läuft weiter, jeden Frühling kommt sie wieder. Fort sind der Hof, der Lautsprecher, der Becher und der Mann, der schwieg.

Der Name wurde kaum geschrieben. Gesprochen wird er noch.


青城 — Die blaue Stadt

Die Stadt hieß die Blaue Stadt, Qīngchéng. Der Himmel über ihr war weit und blau. Blau waren auch die Anzüge der meisten, die durch sie gingen.

Die Urgroßmutter trug Schwarz, der Nachbar Grau, die anderen Blau. Mehr Farben hatte der Tag kaum. Nur die Soldaten, wenn sie kamen, trugen Grün. Es leuchtete zwischen all dem Schwarz, Grau und Blau und sah aus wie eine Rüstung.

Viele Jahre später kam die Urgroßmutter wieder in den Sinn, und mit ihr ein Satz, den sie oft gesagt hatte:

Der Tee ist bitter, wie das Leben. Yan'er ist die Süße darin.

Beim Nachbarn war es vielleicht die Prise Jasmin auf dem schwarzen Wasser.


Glossar

Xiǎo Yànzi 小燕子 — „Die kleine Schwalbe", war ein bekanntes chinesisches Kinderlied aus 1957.

Kang 炕 — gemauerte, von unten beheizbare Ofenbank, im Norden Chinas zugleich Sitz- und Schlafplatz.

Xuāntǒng 宣统 — Regierungsdevise des letzten Kaisers (1909–1912); „in der Xuantong-Zeit geboren" heißt: noch unter dem Kaiserreich zur Welt gekommen.

Yàn'er 燕儿 — Kindername; 燕 yàn die Schwalbe, 儿 -er eine zärtliche Verkleinerung, also etwa „Schwälbchen".

Chuān 川 — „Fluss"; das Schriftzeichen aus drei senkrechten Strichen, hier die rote Markenprägung auf dem Ziegeltee.

Yánglóudòng 羊楼洞 / Zhàolǐqiáo 赵李桥 — Orte im heutigen Hubei, alte Zentren der Ziegelteepressung.

Qīngzhuānchá 青砖茶 — „grüner Ziegeltee", ein gepresster, nachgereifter dunkler Tee.

Guīhuàchéng 归化城 — historischer Name der Karawanenstadt am Steppenrand, heute Teil von Hohhot.

Dàshèngkuí 大盛魁 — größtes Handelshaus der Teestraße; die Wendung „ein Dashengkui ist ein halbes Guihuacheng" meint seine Größe.

Jièxiū 介休 / Yùnchéng 运城 — Kaufmannsstädte in Provinz Shanxi.

Jìnshāng 晋商 — die Kaufleute aus Shanxi, Träger des Tee-Fernhandels.

小叶搬砖,喝得心宽 — Sprichwort: „Das kleine Blatt holt den Ziegel, und das Herz wird weit." 小叶 xiǎo yè das kleine (Jasmin-)Blatt, 搬砖 bān zhuān „den Ziegel holen".

Yè 叶 — „Blatt"; das geschriebene Zeichen im Namen des Getränks (小叶, „kleines Blatt").

Yàn 燕 — „Schwalbe"; was das Kind anstelle von hörte, woraus 小燕儿, „kleines Schwälbchen", wurde.

Qīngchéng 青城 — „Blaue Stadt", Beiname von Hohhot.

茶是苦的,就像生活;燕儿就是我生活中一丝甜。 — „Der Tee ist bitter, wie das Leben; Yan'er ist eine Spur Süße darin." Die Worte der Urgroßmutter.

小燕儿搬砖 — der Titel: „Das Schwälblein holt den Ziegel"; eigentlich 小叶搬砖, „das kleine Blatt holt den Ziegel" — der Name, den das Kind im Ohr verschob.

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Der Graf und der Mandarin
吃茶去