— Der Atem des Steins
Die erste Benutzung
Die neue Kanne steht auf dem Teeboot, kühl, mit der trockenen Haut des frisch Gebrannten. Im Kessel rauscht das Wasser vor dem Sieden, noch ohne Blase. Bevor das Wasser zu Tee wird, wird die Kanne geöffnet. Kaihu heißt das, das Einrichten der neuen Kanne.
Zuerst das klare Wasser. Die Hand wischt den Körper ab, innen und außen, Deckel, Tülle und Henkel, und spült den feinen Sand fort, den der Brand im Inneren zurückließ. Heißes Wasser läuft durch die Kanne und über sie hin. Die ersten Aufgüsse gehen weg, einer nach dem anderen, bis das Wasser klar aus der Tülle kommt und der Geruch von Erde und Feuer fort ist. Ein kurzes Köcheln in klarem Wasser tut dasselbe.
Im Netz steht es anders. Dort kocht die neue Kanne in einem Topf mit Tofu, eine Stunde lang, danach mit Zuckerrohr, danach mit Teeblättern, jedes für sich, Stunde um Stunde. Andere legen sie in einen Brunnen, eine Woche, einen Monat, ein Jahr. Der Tofu soll das Feuer aus dem Ton ziehen, das Zuckerrohr ihn nähren. Die Kanne aus Huanglongshan trägt ihre zwei Arten von Poren und zieht an sich, was um sie steht. Sie zieht den Tofu in sich und das Zuckerrohr, und der Geschmack bleibt im Ton. Das Zuckerrohr füllt die feinen Gänge, und sie schließen sich. Die Töpfer von Yixing spülen die neue Kanne mit klarem Wasser und köcheln sie kurz.
Der Zhuni will auch hier seinen eigenen Weg. Dünn und kurz, springt er unter dem jähen Guss. Kein kochendes Wasser kommt mit einem Mal auf seinen Boden. Das Wasser kommt warm, und es kommt langsam.
Dann der erste Aufguss, der bleibt. Wasser läuft in die Kanne und über sie, von innen und von außen. Der Stein, den das Feuer atmen lehrte, trinkt zum ersten Mal. Er zieht das Wasser in seine Poren, den Dunst des Tees in seine Wände. Den ersten Atemzug nimmt er.
Der Aufguss
Die Kanne steht warm vom ersten Wasser. Auf dem Teeboot kommt das heiße Wasser noch einmal in den leeren Bauch und gleich wieder hinaus, über die Becher daneben. Der Ton nimmt die Wärme an, ehe der Tee kommt.
Dann der Tee. Die Hand legt die Blätter ein, bis der Boden bedeckt ist. Das Wasser kommt von hoch herab in dünnem Strahl, fällt tief in den Bauch und rollt die Blätter herum. Der Schaum steigt weiß über den Rand. Der Deckel streicht ihn ab und schließt.
Über den geschlossenen Deckel läuft noch einmal heißes Wasser, über die Schulter und den Bauch hinab. Linhu heißt das, die Kanne übergießen. Außen hält das Wasser die Wärme gleich mit dem Inneren, und es legt sich an den Ton wie der Tee von innen.
Der Tee bleibt nicht lange im Bauch. Bald neigt die Hand die Kanne tief und gießt sie leer, in einem Zug, bis auf den letzten Tropfen. Nichts bleibt im Bauch stehen und wird bitter. Dünn und leicht liegt die rote Kanne in der Hand, und die Hand setzt sie behutsam ab.
Die Kanne bleibt klein. Klein hält den Duft. In der kleinen Kanne des Gongfu-Tees kommt der Aufguss rasch und stark, ein Schluck füllt eine Schale. Aufguss folgt auf Aufguss, kurz und dicht, jeder blasser als der vorige, bis das Blatt nichts mehr hergibt.
Am Ende schüttet die Hand die nassen Blätter aus und spült den Bauch mit heißem Wasser. Ein feuchtes Tuch geht über den Körper. Offen steht die Kanne an der Luft und trocknet, bis zum nächsten Tee.
Tee und Ton
Jeder Ton hat seinen Tee, und jede Form. Der dichte Ton treibt den Duft hoch, der offene lässt ihn sinken. Der weite Bauch mit dem engen Mund hält den Duft im Inneren, der weite Mund mit dem flachen Bauch gibt die Hitze ab. Die dünne Wand treibt den Duft hervor, die dicke hält die Wärme. Die Hand wählt die Kanne nach dem Tee, den sie gießen will.
Zini. Der dunkle Tee.
Der purpurne Ton, der Zini, und der Dicaoqing aus der Tiefe der Bank halten die Wärme lang. In einem hohen, tiefen Körper, gut zweihundert bis zweihundertfünfzig Milliliter, sammeln sie den dunklen Tee. Puer steht darin am besten, dick und reif, und der alte Geschmack des gelagerten Blattes kommt voll heraus.
Zhuni. Der hohe Duft.
Der rote Ton, der Zhuni und der Hongni, brennt dicht, eng im Korn. Er gibt den Duft kaum an sich ab. Eine kleine Kanne mit weitem Bauch und engem Mund, kaum zweihundert Milliliter, mit dünner Wand, sammelt die Hitze und treibt den hohen Duft nach oben. In ihr stehen der Oolong und der Tieguanyin, der rote Tee dazu.
Jiangponi. Der Felsentee.
Der Jiangponi liegt im Berg als Ader zwischen dem purpurnen und dem roten Ton. In einem hohen, tiefen Körper nimmt er dem Felsentee das Brandige und lässt seinen Geschmack rein stehen.
Duanni. Der helle Tee.
Das gelbe Duanni und das grüne Benshan-Lüni brennen offen und leicht. In einer weiten Kanne mit großem Mund und flachem Bauch, an die dreihundert Milliliter, geben sie die Hitze rasch ab und kochen das junge Blatt nicht müde. In ihnen stehen der gelbe Tee und der weiße. Dunkler Tee und Felsentee aber schlagen Flecken in den hellen Ton, das Tuhei, das Schwarzwerden, das aus den Poren kommt und sich schwer wieder löst. In das helle Duanni kommt der helle Tee.
Glas und Gaiwan. Kein Ton.
Nicht jeder Tee will eine Kanne. Der grüne Tee verträgt die Hitze nicht lange. Der heiße Ton, der die Wärme hält, kocht ihn müde und nimmt ihm das Grün und den frischen Duft. Im Glas und in der weißen Schale des Gaiwan steht er besser, wo das Blatt sich offen zeigt und die Hitze gleich entweicht. Die Kanne dient dem Tee. Sie taugt nicht für jeden.
| Tee | Ton | Kanne | Wirkung |
|---|---|---|---|
| Puer, dunkler Tee | Zini, Dicaoqing | hoch, tief; 200–250 ml | hält die Wärme, sammelt den reifen Geschmack |
| Oolong, Tieguanyin | Zhuni, Hongni | weiter Bauch, enger Mund; unter 200 ml; dünne Wand | sammelt die Hitze, treibt den Duft |
| Felsentee | Jiangponi | hoch, tief | nimmt das Brandige |
| Roter Tee | Zhuni, Zini | hoch, tief | runder, warmer Geschmack |
| Gelber Tee, weißer Tee | Duanni, Benshan-Lüni | weiter Mund, flacher Bauch; an die 300 ml | gibt die Hitze rasch ab |
| Grüner Tee | Glas, Gaiwan | weite, offene Schale | bleibt jung, kein Ton |
Eine Kanne, ein Tee
Eine Kanne nimmt einen Tee, und sie behält ihn.
In ihren Wänden sitzen die geschlossenen Poren, in denen sich der Duft fängt. Aufguss um Aufguss zieht der Tee in den Ton, und der Ton hält ihn. Eine Kanne, die lange den Felsentee trägt, riecht nach ihm, auch wenn nur heißes Wasser durch sie läuft.
Ein zweiter Tee trifft auf einen Ton, der schon voll ist. Felsentee und roher Puer mischen sich in den Poren, und beide verlieren ihren eigenen Duft. Die Kanne bleibt bei dem einen.
Der Stein, den das Feuer atmen lehrte, behält den Tee in sich. Eine leere Kanne, ein Atemzug Wasser, und noch immer steigt der alte Tee auf.
Die Patina
Jeden Tag der Tee, und jeden Tag dasselbe danach. Die Hand gießt die Kanne leer, schüttet die nassen Blätter aus, spült den Bauch mit heißem Wasser. Über den Körper geht ein weiches Tuch, über Schulter, Bauch, Henkel und Tülle, bis kein Tropfen mehr steht. Offen trocknet die Kanne an der Luft. Zwischen den Aufgüssen liegt sie in der hohlen Hand, und der Daumen fährt über den warmen Ton, wieder und wieder.
So vergehen die Monate, die Jahre. Der Ton, der neu noch matt und trocken lag, wird dunkler und tiefer. Ein Glanz kommt auf, kein Glanz von außen, einer von innen, wie bei einem Kiesel, der lange in der Hand lag.
Baojiang heißt dieser Glanz, die Patina, die der Tee über die Jahre auf dem Ton lässt. Im Aufguss schwimmen die Gerbstoffe und das feine Teeöl. Sie ziehen mit dem Wasser in die Poren, verbinden sich an der Luft zu größeren, dunklen Stoffen, werden fest. Die Wärme der Hand und ihr wenig Fett kommen dazu, das Reiben legt alles glatt. Schicht um Schicht, von innen heraus, über die Jahre. Wasser wäscht es nicht mehr ab.
Manche lassen den Tee über Nacht in der Kanne stehen und waschen sie nie, damit der Glanz rascher kommt. Dann setzt sich Teesatz an, kein Baojiang. Er sitzt am Wasserrand im Bauch, dunkel und rau, und in ihm wachsen Schimmel und der Geruch von Altem. Andere fürchten das und gießen nie Tee über den Ton von außen. Beide gehen zu weit. Der Glanz kommt vom Teeöl, nicht vom Satz.
Ein rascher Glanz kommt auch aus Fett. Etwas Öl auf dem Ton, eine fettige Hand am Bauch, und die Kanne glänzt sogleich. Heshangguang heißt das, der Mönchsglanz. Ein Tuch und warmes Wasser nehmen ihn wieder fort. Der Glanz aus den Jahren bleibt.
Der Stein, den das Feuer atmen lehrte, atmet nun seit Jahren. Aufguss um Aufguss zieht er den Tee in sich und gibt den Dunst nach außen, und die Hand liegt auf seiner Haut. Den Tee, der durch ihn geht, behält er. Die Farbe des Tees zieht in den Ton, ein Jahr um ein Jahr tiefer, bis die Kanne dunkel und warm in der Hand liegt, voll von allem Tee, der durch sie ging.
Preis
Eine Zisha-Kanne kostet ein paar Dutzend Yuan oder einige Millionen. Am oberen Ende stehen die Namen der Meister und das hohe Alter. Zwischen den Enden steht der eine, der die Kanne benutzt, und der andere, der sie sammelt.
Den Abstand füllt die Fälschung. Gewöhnlicher Ton geht als Roherz, mit Farbe angerührt. Gegossener Ton, mit Glaswasser dünn gemacht, geht als Vollhandarbeit. Eine fremde Hand macht die Kanne, der Stempel eines Namens kommt auf den Boden. Daigong heißt das, die Auftragsarbeit. Titel und Urkunden kaufen sich in Yixing für Geld. Eine neue Kanne, mit Säure geätzt, mit starkem Tee und Essig gefärbt, mit Schuhcreme gewichst, geht als alte.
Am unteren Ende steht die Kanne für zwanzig Euro, aus dem Andenkenladen und dem Netzversand. Sie kommt aus der Gussform, mit Farbe angerührt, mit Gold bemalt und mit einem Drachen verziert. Echter Zisha trägt keine Glasur und lebt von der Farbe seines Tons. Diese Kanne deckt ihren Ton mit Gold und Aufglasur. Niedrig gebranntes Gold und Aufglasur können sich in heißem Tee lösen, mit ihnen Blei und Cadmium. Für den Tee taugt ein sauberes Glas mehr.
Dieselbe Kanne, im Ursprungsland kaum zweitausend Yuan, steht im westlichen Netzhandel bei mehreren tausend Euro. Vom Aufpreis gehört der Kanne wenig. Das meiste gehört dem Weg, der Erzählung und dem Bild vom fernen Osten.
Für den Trinker zählt anderes. Der richtige Ton, der richtige Tee, die richtige Größe, aus Roherz, für den täglichen Aufguss. Das Alter einer Kanne lesen die Fachleute; die Merkverse aus dem Netz treffen selten. Eine Kanne kauft sich zum Gebrauch.
Mancher stellt die Kanne in eine Brokatschachtel und wartet, dass ihr Preis steigt. In der Schachtel kommt kein Wasser an sie, und sie atmet nicht. Die Kanne in der Hand, die wenig kostet und über die Jahre ihre Patina trägt, geht jeden Tag durch das heiße Wasser und lebt.
Der Stein kam aus dem Berg. Das Feuer lehrte ihn atmen. Er atmet, wo eine Hand ihm Tee gießt, und nirgends sonst.
Glossar
Orte
黃龍山 Huánglóngshān — Berg bei Dingshu, Herkunft des Zisha-Tons.
宜興 Yíxīng — Kreisstadt in Jiangsu, Herkunft der Kannen.
Tee
普洱 Pǔ'ěr — dunkler, gelagerter Tee aus Yunnan.
烏龍 Wūlóng — halb fermentierter Tee, im Deutschen Oolong.
鐵觀音 Tiěguānyīn — duftender Oolong aus Anxi in Fujian.
巖茶 Yánchá — der Felsentee, gerösteter Oolong aus den Wuyi-Bergen.
Ton
紫泥 Zǐní — der purpurne Ton, die häufigste Sorte; trägt den dunklen Tee.
底槽青 Dǐcáoqīng — Zini aus der Tiefe der Bank.
朱泥 Zhūní — roter, feiner Ton der kleinen Kannen; dicht, eng im Korn.
紅泥 Hóngní — roter Ton, eisenreich.
降坡泥 Jiàngpōní — Mischton aus der Ader zwischen Zini, Hongni und Lüni; nimmt dem Felsentee das Brandige.
段泥 Duànní — gelbbrennender Ton; trägt den hellen Tee.
本山綠泥 Běnshān-Lǜní — grüner Ton, schmale Ader im purpurnen.
Gebrauch und Markt
開壺 kāihú — das Einrichten der neuen Kanne mit klarem Wasser.
淋壺 línhú — die Kanne von außen mit heißem Wasser übergießen.
工夫茶 gōngfū-chá — die Aufgussweise des Südens: kleine Kanne, viele kurze Aufgüsse.
蓋碗 gàiwǎn — Deckelschale aus Porzellan, offenes Gefäß für grünen Tee.
包漿 bāojiāng — die Patina, der Glanz, den Tee und Hand über die Jahre auf dem Ton bilden.
和尚光 héshàngguāng — „Mönchsglanz“, der oberflächliche Glanz aus Fett, abwaschbar.
吐黑 tǔhēi — „Schwarzwerden“, dunkle Flecken, die dunkler Tee im hellen Ton hinterlässt.
代工 dàigōng — Auftragsarbeit: eine fremde Hand macht die Kanne, ein anderer Name kommt auf den Boden.
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