Nixing Teekanne

— Die Farbe aus dem Feuer.


Die Kanne in der Hand

Eine Teekanne aus Nixing trägt keine Glasur und doch eine Farbe. Kein Maler hat sie aufgetragen. Das Feuer gab sie im Brand, ein Altkupfer, ein Himmelblau, ein Tigerfell, an jedem Stück eine andere. Erst das Schleifen nach dem Brand bringt sie hervor. Zwei gleiche Kannen gibt es nicht.

Der Ton kommt aus Qinzhou in Guangxi, von den beiden Ufern des Qinjiang. Gebrannt wurde er schon vor der Tang-Zeit, unter dem alten Namen Yuetao, dem Ton von Yue. Den Namen Nixing trägt er erst seit 1903, seit der Präfekt von Qinzhou eine Lehrwerkstatt für diesen Ton einrichtete. Das Handwerk zählt über tausend Jahre, sein Name gut hundert.

Zwei Dinge machen die Kanne. Das Feuer gibt die Farbe, die Hand gibt das Bild. Geschnitten wird in den nackten, feinen Scherben, ohne Glasur, ohne Füllung. Unter den vier großen Tonen tritt Nixing dem Zisha aus Yixing am nächsten. Beide tragen die doppelte Porung, beide halten den Tee über Nacht. Worin sie sich im Aufguss unterscheiden, darüber streiten die Teetrinker bis heute.

Vier Fragen. Woraus der Ton besteht, was das Feuer und was die Hand ihm geben, was die Kanne mit dem Tee macht, welcher Tee in ihr am besten zieht. Die letzte trägt das Gewicht, und der Streit mit dem Zisha ist bis heute nicht entschieden.


Yuetao. Der alte Name

Das älteste gebrannte Stück aus Qinzhou ist ein Grabstein. Um 1920 fanden Bauern im Dorf Pingxin östlich der Stadt einen Grabhügel aus der Tang-Zeit. Darin lag eine Tafel aus gebranntem Ton, über tausendsechshundert Zeichen, das Epitaph des Ning Daowu, Statthalter des Bezirks Ningyue, des heutigen Qinzhou. Die Tafel trägt die Kaiyuan-Ära der Tang, das frühe achte Jahrhundert. So alt ist der Ton von Qinzhou nachweisbar. Ein Name, in Ton gebrannt, aus dem Grab eines Statthalters.

Die Töpferei riss nie ab. Am Qinjiang steigt ein Drachenofen den Hang hinauf, ein langgestreckter Brennkanal, 1371 errichtet, gut zweiundachtzig Meter lang. Er brennt bis heute und gilt als der längste erhaltene Drachenofen Chinas.

Der alte Drachenofen am Qinjiang, Vorderansicht
Der Drachenofen am Qinjiang, von vorn.
Der alte Drachenofen am Qinjiang, Seitenansicht
Derselbe Ofen von der Seite, den Hang hinauf.

Der Ton hieß lange Yuetao, Ton von Yue, nach dem alten Bezirk Ningyue. Ein zweiter alter Name war Zinitao, der purpurne Tonscherben.

Den Namen Nixing trägt er erst seit der späten Qing-Zeit. Als im neunzehnten Jahrhundert die Tonware florierte, wuchs aus „Ton“ und „gedeiht“ das Wort Nixing. 1903 richtete der Präfekt von Qinzhou eine Lehrwerkstatt für diesen Ton ein und schrieb den Namen fest. 1910 gewann die Ware Gold auf der Gewerbeausstellung in Nanjing, 1915 Gold auf der Weltausstellung in San Francisco, der erste Weltausstellungspreis für chinesische Keramik im Namen des Landes. 2008 kam die Brenntechnik auf die Liste des nationalen immateriellen Kulturerbes.

Das Handwerk reicht in die Tang-Zeit, der Grabstein beweist es. Der Name Nixing zählt keine hundertfünfzig Jahre. Tausend Jahre lang trug dieser Ton einen anderen Namen oder gar keinen.


Knochen und Fleisch

Der Ton kommt von zwei Ufern. Am Ostufer des Qinjiang liegt der weiche Ton, am Westufer der harte. Die Töpfer von Qinzhou nennen den weichen das Fleisch, den harten den Knochen. Sechs Teile Fleisch, vier Teile Knochen, so tragen sie einander im Scherben.

Der harte Westton liegt erst Monate im Freien, in Sonne und Regen, bis er zerfällt und verwittert. Der weiche Ostton wird verschlossen verwahrt. Dann werden beide zu Pulver gemahlen und im Verhältnis sechs zu vier gemischt.

Der Ton führt über acht Prozent Eisen. Gebrannt wird er bei zwölfhundert Grad. Beim Brand schwindet er um fast ein Fünftel, mehr als der Zisha aus Yixing, und gerät dabei leicht aus der Form. Ein genauer Deckel, eine genaue Wand gelingen schwerer als in Yixing. Sand trägt der Ton keinen, er ist fein und geschlämmt wie der von Jianshui.

Das viele Eisen aber gehört ihm allein. Es ist der Stoff, den das Feuer im Brand zu Farbe wandelt. Knochen und Fleisch geben den Scherben. Das Eisen gibt das Gesicht.


Was das Feuer gibt

Die Nixing-Kanne trägt keine Glasur, und ihre Farbe wandelt sich dennoch im Ofen. Der Grund liegt im Eisen. Im sauerstoffarmen Brand bei zwölfhundert Grad reduziert das Feuer das Eisen im Scherben, und der graue Rohling schlägt um in Kupfer, in Blau, in das gestreifte Braun, das die Töpfer Tigerfell nennen und am höchsten halten.

Das Umschlagen trifft nur wenige Stücke. In einem Ofen voll Kannen kommt das volle Tigerfell an einer oder zweien. Bestellen lässt es sich nicht. Die Töpfer nennen es das Greifen nach dem Schatz im Feuer.

Was die Hand gibt, steht neben dem, was das Feuer gibt. In den nackten, feinen Scherben schneidet der Töpfer Bild und Schrift, ein Relief, eine Linie, ohne Glasur, ohne Füllung. Der Ton ist fein genug, dass auf eine Kanne von hundert Millilitern das ganze Herz-Sutra geht, zweihundertsechzig Zeichen, lesbar.

Farbe und Bild, das eine aus dem Feuer, das andere aus der Hand, beide gehören der Kanne selbst. Das Feuer lässt sich nicht bestellen. Der Markt reicht weit, von der Kanne für wenig Geld bis zu dem einen Stück, dem das Feuer das volle Tigerfell gab. Das Feuer, das die Farbe gibt, gibt auch den Preis.


Was die Kanne mit dem Tee macht

Gesichert ist wenig, und das Wenige teilen sich Nixing und Zisha. Beide Tone sind unglasiert, beide tragen eine doppelte Porung, beide halten den Tee über Nacht, ohne dass er umschlägt.

Worin sie sich trennen, zeigt der gleiche Tee in drei Kannen. Aus dem Zisha kommt er weich und warm, der Duft gehoben und zugleich in die sandige, höher gesinterte Wand genommen. Aus dem dünnwandigen Jianshui kommt er hell und klar, die Wand gibt die Wärme rasch ab, die hohe Note steht oben. Aus dem Nixing kommt er rund und voll, die dicke, feine Wand hält die Wärme, der Duft sitzt tief und steigt wenig. Derselbe Tee, dreimal gelesen, weich, hell, tief. Der Richtung nach gilt das durchgehend, geprüft unter gleichen Bedingungen ist es nicht.

Welche der beiden Wände mehr Luft durchlässt, darüber gehen die Urteile auseinander. Die einen rechnen dem Zisha die offenere Porung zu, der Sand schaffe die gröberen Wege. Die anderen rechnen sie dem Nixing zu, dessen feine Poren gleichmäßiger laufen. Kontrollierte Vergleiche fehlen. Sicher ist allein, dass der Nixing rasch Patina ansetzt, in Monaten, wofür der Zisha Jahre braucht, und dass er Gerüche stark bindet. Eine Kanne, ein Tee.

Zwischen den vieren hat der Nixing seinen eigenen Ort. Er hebt den Duft nicht wie der Jianshui; er rundet ihn und vertieft ihn. Für hohe, helle Düfte taugt er wenig, einen grünen Tee oder einen frischen Oolong nimmt besser das Porzellan. Wo der Aufguss Tiefe und Schmelz tragen soll, steht der Nixing an seinem Platz.


Liubao. Die Kanne und ihr Tee

Der Tee, für den die Nixing-Kanne taugt, wächst in derselben Provinz. Liubao kommt aus Wuzhou im Osten von Guangxi, ein dunkler, nachgegorener Tee, rot und dick im Aufguss, mit dem Duft, den die Chinesen Areka nennen, nach der Betelnuss. Er altert wie Wein, je länger gelagert, desto runder.

Ein solcher Tee braucht keine Kanne, die den Duft hebt. Er braucht die Wärme, die bleibt, und die Wand, die rundet. Die dicke, feinporige Wand des Nixing vertieft das Rote und glättet das Herbe. Die schwere Wand dämpft einen hellen Duft und trägt den dunklen Tee.

Beide stammen aus Guangxi, der Ton aus Qinzhou, der Tee aus Wuzhou. Beide gingen einst nach Süden. Liubao verließ den Anleger am Bach, wechselte das Boot, fuhr die Flüsse hinab nach Kanton, von dort über Hongkong übers Meer. In den Zinnminen von Malaya tranken die chinesischen Arbeiter ihn gegen Hitze und feuchten Magen; bis in die neunziger Jahre stand er in den Läden von Ipoh und Kuala Lumpur neben Reis und Salz. Der Ton aus Qinzhou nahm dieselben Häfen, bis in Hongkong und Macau Straßen nach ihm Qinzhou-Straße hießen.

Topf und Tee aus einer Provinz, in der Südsee einander wieder begegnet. Die Nixing-Kanne hält den Tee ihrer eigenen Erde.


Der Augenblick am Ofen

Der Ton lässt sich kennen. Knochen und Fleisch, das Eisen, die zwölfhundert Grad, die feinen Poren, der Tee, der dazu passt. Das alles steht fest, bevor der Ofen schließt.

Was nach dem Schließen geschieht, steht bei niemandem. Im versiegelten Ofen, ohne Luft, bei voller Hitze, wandelt sich das Eisen oder wandelt sich nicht. Niemand sieht hinein.

Dann kühlt der Ofen, und er öffnet sich. Das Graue ist zu Kupfer geworden, zu Blau, zu dem Tigerfell an einem Stück, oder es ist grau geblieben. Die Farbe, die da liegt, hat keine Hand gewählt.

Den Ton, die Form, das Bild gab der Töpfer. Die Farbe gab das Feuer, vor dem er zurücktrat.


Glossar

sì dà míng táo 四大名陶 — die vier großen Tone Chinas, 1953 vom Leichtindustrieministerium benannt: der Zisha aus Yixing, der Zitao aus Jianshui, der Anfu-Ton aus Rongchang, der Nixing aus Qinzhou.

Nixing 坭兴 — der Ton und die Ware aus Qinzhou in Guangxi, ungeglasiert, für die Brennverfärbung und die geschnittene Verzierung bekannt; der Name aus „Ton“ (坭) und „gedeiht“ (兴) entstand erst in später Qing-Zeit.

Qinzhou 钦州 — Stadt im Süden von Guangxi, Herkunft des Tons.

Qinjiang 钦江 — Fluss bei Qinzhou; an seinen beiden Ufern liegen Ost- und Westton.

Yuetao 越陶 — alter Name des Tons, „Ton von Yue“, nach dem Tang-Bezirk Ningyue.

Zinitao 紫泥陶 — zweiter alter Name, „purpurner Tonscherben“.

Ningyue-Jun 宁越郡 — Bezirk der Tang-Zeit, das heutige Qinzhou; Namensgeber für Yue und Yuetao.

Ning Daowu 宁道务 — Tang-Statthalter von Ningyue; sein Epitaph auf einer Tontafel von über tausendsechshundert Zeichen, um 1920 im Dorf Pingxin gefunden und ins frühe achte Jahrhundert datiert, gilt als ältester Beleg der Töpferei von Qinzhou.

Qinzhou Nixing Xiyisuo 钦州坭兴习艺所 — Lehrwerkstatt für den Ton, 1903 vom Präfekten von Qinzhou gegründet; sie schrieb den Namen Nixing fest.

Dongni, Xini 东泥, 西泥 — Ostton (weich, das „Fleisch“) und Westton (hart, der „Knochen“); im Verhältnis sechs zu vier gemischt ergeben sie den Scherben.

yáobiàn 窑变 — Brennwandlung; die Farbveränderung des eisenhaltigen Scherbens im Ofen, ohne Glasur. Die Farben reichen von Kupfer über Himmelblau bis zum Tigerfell.

huányuán shāo 还原烧 — Reduktionsbrand; der sauerstoffarme Brand bei rund zwölfhundert Grad, der das Eisen im Scherben umwandelt.

hǔwén 虎纹 — Tigerfell, die höchste Stufe der Brennwandlung; sie gelingt nur an wenigen Stücken eines Ofens.

huǒzhōng qiúbǎo 火中求宝 — „im Feuer nach dem Schatz greifen“; der Ausdruck für den nicht steuerbaren Glücksfall einer gelungenen Brennwandlung.

Zisha 紫砂 — der sandhaltige Ton aus Yixing in Jiangsu, der nächste Verwandte des Nixing und sein Hauptvergleich.

Yixing 宜兴 — Stadt in Jiangsu, Heimat des Zisha.

Jianshui 建水 — Ort in Yunnan; sein Zitao (紫陶) ist wie der Nixing sandlos und geschlämmt.

shuāng qìkǒng 双气孔 — Doppelporung; die zwei Porentypen, die sowohl dem Zisha als auch dem Nixing ihre Durchlässigkeit geben.

yǎnghú 养壶 — „die Kanne nähren“; das langsame Entwickeln einer Patina durch den Gebrauch.

Liubao 六堡 — dunkler, nachgegorener Tee (Heicha) aus Wuzhou in Guangxi; nach den vier Merkmalen „rot, dick, gereift, mild“ benannt, mit dem Areka-Duft.

Wuzhou 梧州 — Stadt im Osten von Guangxi am Westfluss, Heimat des Liubao.

hēichá 黑茶 — „dunkler Tee“, die nachgegorene Teeklasse, zu der Liubao und Pu’er gehören.

bīngláng xiāng 槟榔香 — Areka-Duft, nach der Betelnuss; das Kennzeichen des Liubao.

cháchuán gǔdào 茶船古道 — „alte Teeschiff-Straße“, der Wasserweg, auf dem Liubao über Kanton in die Südsee ging.

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Rongchang Teekanne
吃茶去