— Der Spiegel aus Erde.
Lin'an
Jianshui liegt im Süden der Provinz Yunnan, weit im Südwesten Chinas, dort wo das Hochland sich zu den Tälern des Roten Flusses senkt. Durch die Ebene zieht der Lu, ein kleiner Fluss, und an seinem Lauf liegt das Töpferdorf Wanyao, zwei Kilometer westlich der Stadt. Westlich des Dorfes erhebt sich ein Hügelzug, dessen Erde sich in Schichten von Rot, Gelb, Blaugrün, Violett und Weiß legt. Die Gegend nennt ihn den Fünffarbenberg.
Getöpfert wird hier seit langer Zeit. In der Höhle von Yanzi, einer Fundstätte aus der späten Jungsteinzeit, lagen Tonperlen und tönerne Netzsenker, gut dreitausendfünfhundert Jahre alt. In Wanyao brannten die Bewohner ihre Waren seit bald tausend Jahren, Geschlecht um Geschlecht, und der Hang hinter dem Dorf füllte sich mit den Scherben jeder Epoche.
Der Name der Stadt kommt von weit her. Lin'an hieß einst die Hauptstadt der Südlichen Song-Dynastie, das heutige Hangzhou am unteren Jangtse. Zu Beginn der Yuan-Zeit, als die Mongolen das Song-Reich zerschlugen, zogen Beamte und Gelehrte aus dem gefallenen Lin'an nach Süden, bis an diesen Rand des Reiches. In der frühen Ming-Zeit kamen Hunderttausende Han-Siedler aus dem Jiangnan und aus Jiangxi nach Yunnan, unter ihnen Gelehrte und Handwerker. Sie nannten die Stadt am Roten Fluss nach der verlorenen Hauptstadt im Osten, und mit der Zeit galt Jianshui als ein Hort der Gelehrsamkeit im Süden, eine Stadt der Schrift und der Bücher.

Was in Wanyao aus der Erde kam, erzählt diese Herkunft in Scherben. 1980 untersuchten Fachleute die alten Brennöfen am Hang und fanden die Bruchstücke vieler Jahrhunderte übereinander. Aus der Song-Zeit grünes Seladon. Aus der Yuan-Zeit blauweiße Ware, mit Kobalt bemalt. Aus der Ming-Zeit grobes Steinzeug, schwer und ohne Schmuck. Eine Schicht über der anderen, jede Dynastie mit ihrer eigenen Ware.
Die violette Ware, nach der Jianshui heute bekannt ist, fehlt in den frühen Schichten. Sie kam zuletzt, und sie kam spät. Der Ton dafür liegt im Fünffarbenberg, in den fünf Erden, aus denen die Töpfer von Wanyao seit jeher ihre Farben mischten. Erst in der Qing-Zeit, am Ende der langen Reihe, lernte diese Erde, ein Spiegel zu werden.
Die Pfeife
Am Ende der Qing-Zeit kam ein neuer Magistrat nach Jianshui. Lu Xianxu stammte aus einer Familie von Porzellanmachern in Jingdezhen, der großen Brennstadt in Jiangxi, und er führte einen feinen Pinsel für Pflaumenblüte, Orchidee, Bambus und Chrysantheme, die vier Pflanzen der Gelehrtenmalerei. Die Chronik von Jianshui nennt ihn als den Erfinder des violetten Tons.
In der Stadt wurde Opium geraucht, wie damals im ganzen späten Kaiserreich. Die Pfeifenköpfe dazu wurden aus dem groben Ton der Gegend geformt, schwer und ohne Glanz, ärmer als die feine Ware aus seiner Heimat.
Lu Xianxu nahm den violetten Ton vom Fünffarbenberg und die Handgriffe aus Jingdezhen. Er formte einen Pfeifenkopf, malte ein Bild auf die feuchte Wand, schnitt die Linien mit dem Messer in den Ton und füllte die Rillen mit weißem Ton, bis sie eben lagen. Wang Yongqing trug das Stück zu einem Ofen für grobe Ware. Nach dem Brand schliff Lu die Oberfläche mit Sandstein.
Unter dem Sandstein kam eine glatte, purpurrote Fläche hervor, blank wie ein Spiegel. Die feinen Pfeifen aus Jingdezhen standen nicht darüber. Das Schneiden und Füllen der Linien und das Schleifen zum Spiegel, die beiden Handgriffe, die später jedes Stück aus Jianshui kennzeichnen, lagen zuerst in dieser Opiumpfeife.
Lu Xianxu gab die Handgriffe weiter, an Wang Yongqing und an Xiang Rusheng, beide aus alten Töpferfamilien. Mit Zhang Hao zusammen richteten sie Werkstätten ein und brannten Pfeifenköpfe und Vasen aus violettem Ton. Die feine Ware verließ die Pfeife und ging in die Hände der Schreibkundigen über.
Die Fragmente
Wang Yongqing, 1854 geboren, war ein Gelehrter mit Prüfungsrang und galt in Jianshui als Maler und Kalligraph. Derselbe Wang Yongqing, der Lus Pfeife zum Ofen getragen hatte, setzte nun die eigene Hand an den Ton.
Er machte gern, was die Chronik 「斷簡殘篇」 nennt, zerrissene Schriftrollen und Bruchstücke alter Blätter. Auf die feuchte Wand des Tons legte er Stücke, wie aus alten Stelen gebrochen, mit eingerollten Rändern und Rissen, und schrieb darauf in Siegelschrift, Kanzleischrift, Regelschrift und Grasschrift. Zuerst auf kleinen Fächerblättern. Die Leute rissen sie ihm aus den Händen. Dann nur noch auf dem Ton.
Das Muster hatte Vorfahren. Die Malerei kannte das Jinhuidui, den „Brokat-Aschehaufen", zerrissene Papiere, gebrochene Siegel, Fetzen von Abreibungen, hingestreut wie zusammengekehrt. Auf dem Porzellan aus Jingdezhen lief dieselbe Idee als Bapowen, die „acht Bruchstücke". Wang Yongqing brachte sie auf den violetten Ton.
Auf dem Gefäß lagen nun Schriften, die es so nicht mehr gab, verwittert und eingerissen, aus verschiedenen Zeiten. Die Stücke überlagerten sich, manche klar, manche verblasst, als läge da ein alter Aushang aus aufgeklebten Resten. Cantie heißt dieses Muster, das zerrissene Blatt. Was vergangen war, lag wieder da, in den blanken Ton geschliffen.
Eine zweite Hand brachte das Danyan dazu, das „Blasse und Helle". Ding Jisan arbeitete in weichem, gedämpftem Ton, helle Übergänge gegen kräftige Farbe gesetzt. Die zerrissenen Schriften und die blasse Farbe, diese beiden Wege wurden das Zeichen der Jianshui-Ware.
Xiang Fengchun
Xiang Fengchun kam 1895 in Wanyao zur Welt, in einer Familie von Töpfern. Sein Vater hatte die militärische Prüfung bestanden, das Amt jedoch aufgegeben und war an die Drehscheibe zurückgekehrt. Der Ton lag dem Sohn von Geburt an in den Händen.
Zur Schule ging Xiang Fengchun kaum ein Jahr. Seine Rohlinge trug er zu den Malern und Schreibern der Stadt, damit sie Bild und Schrift darauf setzten. Diese Männer rauchten Opium, hielten keine festen Stunden und ließen den Ofen oft warten. Xiang Fengchun nahm selbst den Pinsel und lernte Schrift und Bild.
Von der Lebensmitte an verließ kein Stück mehr seine Werkstatt, das eine fremde Hand berührt hätte. Form, Bild, Schrift, alles kam von ihm. Was Wang Yongqing mit den zerrissenen Fragmenten begonnen und Ding Jisan mit der blassen Farbe weitergeführt hatte, fügte er zu einem zusammen und machte es zum Zeichen der Ware. Seine Formen liefen weicher als die des alten Wang, seine Farbe lag ruhig, ohne die Grobheit der Handwerksware.
Den letzten Handgriff trieb er am weitesten. Aus dem Ofen kam das Stück in einer rauen Haut aus Asche und Feuer, grau und stumpf. Xiang Fengchun trug diese Haut ab, schliff und polierte, bis darunter der Körper hervorkam, ein Körper wie Eisen, hell wie Wasser, blank wie ein Spiegel, im Anschlag klingend wie ein Stein. Aus der Erde des Fünffarbenbergs wurde ein Spiegel.
Seine Stücke trugen bald einen Namen, die drei Vollkommenheiten der Xiang, die Form, das Bild, die Farbe. 1921 formte er den ersten Dampftopf zum Garen von Hühnern. 1933 ging Jianshuier Tonware über den Ozean, auf die Weltausstellung in Chicago. Eine Kanne der Xiang galt so viel wie Gold.
Das Schleifen
Hundertacht Handgriffe zählt der Weg von der Erde zum Gefäß, zwölf für das Schlämmen des Tons, zweiundsiebzig für das Formen, vierundzwanzig für den Brand.
Der Ton kommt vom Fünffarbenberg, in fünf Erden, rot, gelb, blaugrün, violett und weiß. Aus ihnen mischen die Töpfer zwei Grundmassen, eine violette und eine weiße. Die Farbe der fertigen Ware kommt aus diesen Erden, kein Zusatz, kein Pigment. Die Erde wird zerstoßen, in Wasser gerührt, durch ein Sieb von zwei- bis dreihundert Maschen gegossen, wieder gerührt, wieder gesiebt, vier- oder fünfmal, bis kein Korn mehr darin steht. Yixinger Töpfer sieben ihren Ton durch sechzig Maschen. Der Jianshuier Ton geht durch das Fünffache und liegt am Ende fein wie Schlamm. Drei Monate ruht er im Schatten, ehe eine Hand ihn anrührt.
Auf der Scheibe steigt der Ton unter den Händen empor. In Yixing fügt der Töpfer die Kanne aus geschlagenen Platten, Wand an Wand; in Jianshui dreht sie sich auf dem Rad. Zwischen den Schritten trocknet der Rohling immer wieder, langsam, im Schatten.
Solange der Rohling feucht ist, malt die Hand ein Bild auf die Wand. Dann beginnt das Schneiden. Entlang der Linien hebt das Messer den Ton aus der Wand, Strich für Strich, und lässt das Bild als Vertiefung stehen. Der Rohling muss feucht bleiben und biegt sich leicht, ein zu tiefer Schnitt durchstößt die Wand, ein zu flacher nimmt später keine Farbe. In die Vertiefungen kommt nun farbiger Ton, weicher und nasser als die Wand, zwei- oder dreimal eingedrückt, bis die Farbe mit der Wand in einer Ebene liegt. Der farbige Ton muss schwinden wie die Wand, sonst reißt er im Feuer los oder steht über. Yinke-Yangtian heißt dieser Weg, das Aushöhlen und das Füllen. Die Farbe kommt aus dem Ton selbst und läuft ineinander wie nasse Tusche auf Papier, hell in dunkel. Eine Glasur liegt nicht darüber. Was die Wand verlor, kehrt als Farbe zurück.
Der Brand nimmt den Rohling bei hoher Hitze, den violetten Ton um zwölfhundert Grad, ein Feuer zwischen Steingut und Porzellan. Im Ofen schwindet der Ton um ein Fünftel. Große Stücke geraten aus der Form, viele zerspringen, aus dem alten Drachenofen kam nicht einmal die Hälfte heil. Je nach Luft im Feuer fällt die Farbe anders, rot, braun, schwarz, ein graues Blau, die Wandlung im Feuer. Was herauskommt, trägt eine Kruste, silbrig und matt, und verbirgt den Körper darunter. Vor dem Schliff weiß keine Hand, was unter der Kruste liegt, wie bei einem rohen Jadestein vor dem Schnitt.
Den Glanz legt keine Glasur auf. Er kommt unter der Kruste hervor, von Hand. Mit Sandstein wird die Brandhaut abgetragen, dann mit Kieseln poliert, bis die Fläche zu leuchten beginnt, matt, glänzend, zuletzt spiegelblank. Das eingelegte Bild liegt eben in der Fläche, ein Teil des Spiegels. Das Porzellan holt sein Licht aus der Glasur, die darüberliegt. Jianshui holt seins aus dem Ton, indem es ihn wegnimmt. Unter der Kruste lag der Spiegel die ganze Zeit. Geschliffen kommt er ans Licht.

Das Schweigen
Nach 1949 sammelten sich die verstreuten Töpfer in einem staatlichen Werk, der Kunstgewerblichen Tonmanufaktur von Jianshui. Die Öfen brannten nun für den täglichen Gebrauch, Dampftöpfe zu Tausenden, Vasen, Geschirr. Das alte Handwerk blieb erhalten, in der Hand des Werks.
Xiang Fengchun arbeitete weiter. 1957 fuhr er nach Beijing, zur Versammlung der Kunsthandwerker des Landes, und seine großen Vasen wurden dort gerühmt.
Im Jahr darauf, in der Anti-Rechts-Kampagne, wurde Xiang Fengchun als Rechtsabweichler gebrandmarkt. Danach verließ kein neues Stück mehr seine Hand. 1964 starb er.
In den achtziger Jahren kamen neue Dinge in die Häuser, aus Blech, aus Plastik, und die Tonware trat aus dem Alltag zurück. Mit den Reformjahren kam sie wieder, in die Teestuben und die Läden der Sammler.
Die Spiegel stehen heute in Vitrinen und Museen. Der Mann, der die Erde schleifen lehrte, schwieg die letzten Jahre.
Glossar
Personen
盧咸頊 Lú Xiánxū — Magistrat aus einer Porzellanfamilie in Jingdezhen, dem die Lokalchronik die Erfindung des violetten Tons zuschreibt (spätes 19. Jahrhundert).
王永清 Wáng Yǒngqīng (1854–1924) — Gelehrter, Maler und Kalligraph in Jianshui, Schöpfer des Cantie-Dekors.
丁吉三 Dīng Jísān — Schöpfer des Danyan, der „blassen" Farbgebung.
向逢春 Xiàng Féngchūn (1895–1964) — Meister, der Form, Bild, Schrift und Schliff in einer Hand vereinte; Schöpfer des Dampftopfs (1921); 1958 als Rechtsabweichler gebrandmarkt.
向汝生 Xiàng Rǔshēng — Mitbegründer der ersten Zitao-Werkstätten.
張好 Zhāng Hǎo — Mitbegründer der ersten Zitao-Werkstätten.
Orte
建水 Jiànshuǐ — Stadt im Süden Yunnans am Roten Fluss, Ursprungsort des Zitao.
臨安 Lín'ān — alter Name von Jianshui, übernommen von der Hauptstadt der Südlichen Song (dem heutigen Hangzhou).
碗窯村 Wǎnyáo-Cūn — das Töpferdorf westlich der Stadt, einzige Ursprungsstätte des Jianshui-Tons.
五彩山 Wǔcǎi-Shān — der Fünffarbenberg, Lagerstätte der fünf Tonerden.
景德鎮 Jǐngdézhèn — die große Porzellanstadt in Jiangxi.
燕子洞 Yànzi-Dòng — jungsteinzeitliche Fundstätte bei Jianshui, gut dreitausendfünfhundert Jahre alt.
Technik & Ton
紫陶 Zǐtáo — „violetter Ton", die unglasierte, geschliffene Keramik aus Jianshui.
五色土 Wǔsètǔ — die fünf Tonerden: rot, gelb, blaugrün, violett, weiß.
拉坯 Lāpī — das Hochziehen des Tons auf der Drehscheibe.
陰刻陽填 Yīnkè-Yángtián — das Aushöhlen der gemalten Linien und das Füllen der Vertiefungen mit farbigem Ton.
殘帖 Cántiè — das „zerrissene Blatt", ein Dekor aus Bruchstücken alter Schriften in mehreren Schriftarten.
淡艷 Dànyàn — die „blasse und helle" Farbgebung mit weichen Tonübergängen.
錦灰堆 Jǐnhuīduī — der „Brokat-Aschehaufen", ein Malgenre zerstreuter, zerrissener Schriftfragmente.
八破紋 Bāpòwén — die „acht Bruchstücke", ein verwandtes Muster auf Jingdezhen-Porzellan.
龍窯 Lóngyáo — der Drachenofen, der lange, am Hang gebaute Holzbrennofen.
向氏三絕 Xiàngshì sānjué — „die drei Vollkommenheiten der Xiang": Form, Bild und Farbe.
Begriffe & Quellen
斷簡殘篇 duànjiǎn cánpiān — „zerrissene Schriftrollen und Bruchstücke", die in der Chronik verzeichnete Vorform des Cantie.
《建水縣志稿》 Jiànshuǐ Xiànzhìgǎo — die Lokalchronik von Jianshui aus der Republikzeit, Quelle für die Frühgeschichte des Zitao.
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