Gongdaobei. Das rechte Maß.

— Voll kippt es um.


Das kippende Gefäß

Im Ahnentempel des Herzogs Huan von Lu hing ein Gefäß schief. Konfuzius kannte seine Art. 「虛則欹,中則正,滿則覆」, leer neigt es sich, mäßig gefüllt steht es gerade, ganz voll stürzt es um. Ein Schüler goss Wasser hinein. In der Mitte richtete es sich auf. Voll kippte es um und lief leer.

Zu wenig, und es steht schief. Zu viel, und es stürzt. Allein die Mitte hält.

Der Krug, in den der chinesische Tee läuft, ehe er auf die Schalen kommt, heißt Gongdaobei. Gongdao, das gleiche Maß für jeden. Den Krug gibt es seit kurzem, den Namen seit langem. Im Namen lebt das Maß der Mitte.


Was in der Kanne bleibt

In Deutschland steht der Tee in der Kanne, bis er in die Tasse läuft. Aufgegossen, gezogen, ausgeschenkt. Nach zwei, drei Tassen steht noch Tee in der Kanne. Der Rest bleibt im heißen Wasser, das Blatt gibt weiter ab. Beim nächsten Einschenken kommt der Aufguss bitter in die Tasse.

Der chinesische Tee läuft anders. Ein Oolong oder ein Pu'er gibt sich in vielen kurzen Aufgüssen, jeder um Sekunden bemessen. Wenige Sekunden zu lang, und das Blatt gibt zu viel. Zu kurz, und es gibt zu wenig. Der erste Durchgang gerät schon ungleich. Die erste Schale bleibt blass, die letzte kommt dunkel und herb. Zwischen der ersten und der letzten Schale steht ein anderer Tee.

Klein und henkellos steht der Krug zwischen Kanne und Schale. Zur rechten Zeit läuft der ganze Aufguss auf einmal aus der Kanne in den Krug. Die Kanne steht leer, das nasse Blatt liegt ohne Wasser. Der Zug hört auf, das Maß steht fest.

Gongdaobei aus klarem Glas mit Griff aus Rosenholz und Sieb aus Edelstahl
Ein Gongdaobei aus klarem Glas, mit Griff aus Rosenholz und Sieb aus Edelstahl

Aus dem Krug läuft in jede Schale das gleiche Maß. Gleiche Farbe, gleiche Stärke, für den ersten Gast wie für den letzten. Der gleiche Guss für jede Schale, das Maß, das der Name nennt.


Herkunft

In den achtziger Jahren bekam der Krug seine Namen. Das Teehaus Zitenglu in Taipeh nannte ihn Yunbei, die ebnende Schale. Das Lu-Yu-Zentrum nannte ihn Chazhong, den Teebecher. Cha Hai, das Teemeer, kam später. Damals formte Taiwan aus dem alten Gongfu-Tee eine neue Teekunst, und der Krug trat mit ihr auf den Tisch.

Im Gongfu-Tee aus Chaozhou kommt der Krug nicht vor. Die Hand leert die Kanne von selbst. Sie führt die Kanne im Kreis über die Schalen, Guan Gong umrundet die Stadt. Den letzten Rest tropft sie aus, Han Xin mustert die Truppen. Nichts bleibt zurück.

Der Krug selbst kam von außen. Eine Lesart führt ihn auf das Yuzamashi der japanischen Sencha-Bereitung zurück, ein henkelloses Gefäß, in dem das Wasser vor dem Grüntee abkühlt. Eine andere auf das westliche Sahnekännchen. Der japanische Name nennt die Kühle, der chinesische das Maß. Ein Gefäß, zwei Namen, zwei Blicke.


Das Glas

Was der Krug hält, zeigt sich nur durch das Glas. Im Glas steht die Farbe offen, blass und hell der dünne Aufguss, dunkel und tief der starke. Am Glas liest die Hand das Maß ab und gießt den nächsten Aufguss kürzer oder länger.

Im stehenden Krug sinkt der feine Staub zu Boden, das Klare steht oben. Auch die Trübung zeigt sich, das Blatt gibt seine Art preis. Ein Krug aus dunklem Ton, aus schwarzem oder bemaltem Steinzeug, hält die Farbe verborgen. Das Auge bekommt den Tee erst in der Schale, zu spät für den nächsten Guss. Der Krug aus Glas gibt den Tee dem Auge, ehe die Schale ihn dem Mund gibt.

Gongdaobei aus gehämmertem, halb durchsichtigem Glas mit grünem Griff
Ein Gongdaobei aus gehämmertem Glas mit grünem Griff, halb durchsichtig, die Farbe des Aufgusses bleibt verborgen

Das Sieb

Über den Krug setzt sich ein Sieb. Beim Ausgießen läuft der Aufguss hindurch, das Blatt und der Bruch bleiben im Netz, das Klare läuft in den Krug.

Die Siebe kommen aus vielerlei Stoff. Eines aus Bambus riecht streng und übertönt den Tee. Eines aus Ton lässt die Maschen zu weit, der Bruch fällt durch. Eines aus dem Geflecht eines Blattes, von dem nur die Adern stehen, sieht fein aus und zerbricht nach dem zehnten Mal. Das Sieb aus Edelstahl bleibt, feinmaschig, geruchlos, lange Jahre dasselbe.

Zwischen Kanne und Schale steht der klare Krug. Was durch ihn läuft, kommt in jede Schale im gleichen Maß.


Glossar

Das Maß

欹器 Qīqìdas „kippende Gefäß", auch 宥坐之器, „Gefäß zur Rechten des Sitzes"; leer steht es schief, mäßig gefüllt gerade, voll kippt es um und läuft leer.

《荀子·宥坐》 Xúnzǐ, YòuzuòKapitel der Schrift des Denkers Xunzi (3. Jh. v. Chr.); überliefert die Szene des Konfuzius vor dem kippenden Gefäß.

Personen & Orte

孔子 KǒngzǐKonfuzius (551–479 v. Chr.).

魯桓公 Lǔ HuángōngHerzog Huan von Lu; in seinem Ahnentempel stand das kippende Gefäß.

潮州 CháozhōuStadt in Guangdong, Heimat einer strengen Form des Gongfu-Tees.

Namen des Kruges

公道杯 Gōngdàobēi„Krug des gleichen Maßes für alle"; der henkellose Krug, in den der Aufguss aus der Kanne läuft, ehe er auf die Schalen verteilt wird. Auch 公杯, 母杯.

公道 Gōngdào„das Gleiche, das Gerechte"; im Namen des Krugs das gleiche Maß für jede Schale.

茶海 Cháhǎi„Teemeer", ein anderer Name desselben Krugs; das Wort meint auch eine Teeanbauregion und ein großes Teetablett.

勻杯 Yúnbēi„ebnende Schale", nach dem Ausgleich der Stärke benannt; in den 1980ern vom Teehaus Zitenglu in Taipeh geprägt.

茶盅 Cházhōng„Teebecher", in den 1980ern vom Lu-Yu-Teekunstzentrum geprägt, benannt nach dem Tang-Teemeister Lu Yu.

Aus dem Gongfu-Tee

工夫茶 Gōngfu-Chádie südchinesische Zubereitung mit kleiner Kanne und kurzen Aufgüssen.

關公巡城 Guāngōng xún chéng„Guan Gong umrundet die Stadt"; das Einschenken im Kreis über alle Schalen, damit jede gleich wird. Guan Gong, der vergöttlichte General Guan Yu.

韓信點兵 Hán Xìn diǎn bīng„Han Xin mustert die Truppen"; das tropfenweise Ausgeben des letzten Restes, bis die Kanne leer steht. Han Xin, ein Feldherr der frühen Han-Zeit.

Verwandte Geräte & Tee

湯冷まし Yuzamashider „Wasserkühler" der japanischen Sencha-Bereitung, ein henkelloser Krug zum Abkühlen des Wassers; auch das Sake-Gefäß 片口 Katakuchi wird so gebraucht.

烏龍 WūlóngOolong, halb oxidierter Tee, in vielen kurzen Aufgüssen getrunken.

普洱 Pǔ'ěrPu'er, der nachgegorene dunkle Tee aus Yunnan.

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Jianshui-Zitao II. Gebrauch. Der Schnitt durch den Becher
吃茶去