Zum 50-jährigen Jubiläum des Shú Pǔ’ěr
I. Einst, in Pǔ'ěr
Einst, in der siebenten Regierungsjahr des Yōngzhèng-Kaisers — nach unserer Zählung 1729 —, richtete der Hof der Qing-Dynastie an einem Übergangsort im Süden des Reiches eine neue Verwaltungspräfektur ein. Der Ort hieß Pǔ'ěr (普洱), lag zwischen den Bergen Yúnnáns und der Welt der Tibeter und Mongolen, und war seit langem der Marktplatz, an dem die Teebauern der Höhen ihre gepressten Teekuchen den Karawanen übergaben. Mit der Errichtung der Präfektur wurde der Tee, der von dort kam, zum Tribut an den Kaiser. So bekam er seinen Namen.
Dieser Tee war damals nicht das, was wir heute Shú Pǔ'ěr nennen. Er war auf eine sehr alte Weise gefertigt — gepflückt, in der Pfanne entaktiviert, gerollt, an der Sonne getrocknet, zu Kuchen gepresst — und er reifte über Monate und Jahre auf dem langen Weg von den Bergen zum Hof. Die Hitze und Feuchte der Karawanenwege Südchinas, die feuchten Lager der Hafenstädte am Yangtse, die Geduld der Zeit selbst — all das tat seine Arbeit am Blatt. Wer den Kuchen am Ende der Reise öffnete, sah einen dunkleren, würzigeren Tee als jenen, der in Yúnnán losgeschickt worden war.
Diesen Tee — die langsam gereifte, von der Reise gewandelte Variante — kannten die Menschen damals einfach als Pǔ'ěr-Tee. Es gab keinen Begriff "Shēng" oder "Shú", keine Unterscheidung zwischen unfermentierten und nachfermentierten Sorten. Diese Begriffe waren noch nicht erfunden. Sie sollten erst zweihundert Jahre später entstehen, an einem Ort, der noch nicht gegründet war, durch Menschen, die noch nicht geboren waren.
II. 1939 — Ein Gelehrter in Fóhǎi
Im Sommer 1939 reiste ein junger chinesischer Teewissenschaftler namens Fàn Héjūn (范和鈞) in die Berge von Fóhǎi (佛海), wie damals die Region hieß, die heute Měnghǎi (勐海) heißt. Er war im Auftrag der Republikanischen Regierung dort, um die Möglichkeiten einer modernen Teefabrik zu prüfen. Was er fand, hielt er in einem Bericht fest, der unter dem Titel Fóhǎi Cháyè (佛海茶業, "Die Teewirtschaft von Fóhǎi") in den folgenden Jahren erschien.
In diesem Bericht beschrieb Fàn ein Verfahren, das die Bauern dort bereits anwandten und das in der späteren Geschichte des Pǔ'ěr-Tees eine Rolle spielen sollte. Sie nannten es cháocha (潮茶, "befeuchteter Tee"): Die getrockneten Blätter wurden auf den Boden ausgebreitet, mit Wasser besprüht, dann zu einem Haufen aufgeschichtet, mit einem Tuch bedeckt, und sich selbst überlassen. Im Inneren des Haufens, so notierte Fàn mit Verwunderung, stieg die Temperatur auf 92 Grad, in der Mitte sogar auf 106. Nach einigen Tagen war das Blatt weich, biegsam, dunkler in der Farbe, und konnte zu festen Kuchen gepresst werden, die den langen Transport in die Tibeter Gebiete besser überstanden.
Was Fàn beschrieb, war kein Endprodukt im heutigen Sinne. Es war ein Hilfsverfahren in der Herstellung von gepresstem Tee — ein Schritt, der den Bauern half, das Material für die Karawane zu erweichen. Doch die Beobachtung, dass befeuchtete Teehaufen heiß werden, dass sie ihre Farbe wandeln, dass dabei etwas geschieht, das den Tee verändert — diese Beobachtung wurde zum ersten Mal in einer modernen wissenschaftlichen Sprache niedergeschrieben.
Fàn ahnte nicht, dass er den ersten Satz einer Geschichte aufgeschrieben hatte, die erst in fünfunddreißig Jahren ihren Höhepunkt finden würde.
III. 1950er — Ein Teehändler in Hongkong
Eines Tages, irgendwann in den frühen fünfziger Jahren, kam ein junger Mann aus dem Cháozhōu-Land (潮州) nach Hongkong und trat als Lehrling in eine Teehandlung in der Nachbarkolonie Macau ein. Sein Name war Lú Zhùxūn (盧鑄勳), geboren 1927. Er sollte später ein wichtiger, wenn auch unerwarteter Akteur in unserer Geschichte werden.
Hongkong der fünfziger Jahre lebte mit einer eigentümlichen Lage. Auf den Hafenkais, in den Teestuben der einfachen Arbeiter, in den Lagerhäusern auf der Insel Cheung Chau und in den Kellern der Geschäftshäuser stand jenes Pǔ'ěr aus den Bergen Yúnnáns, das durch die monatelange Schiffsreise und das feuchte tropische Klima jenen dunklen, weichen Charakter angenommen hatte, den die Hongkonger als selbstverständlich empfanden. Sie nannten ihn schlicht gohng-chàh — "alten Tee". Niemand fragte, wie er alt geworden war. Es genügte, dass er es war.
Lú Zhùxūn aber hatte einen geschäftstüchtigen Sinn. Er beobachtete, dass schwarzer Tee in Hongkong zu höherem Preis verkauft wurde als grüner. Er versuchte, mit Hilfe von Wasser und Wärme aus billigem Grüntee einen schwarzen zu fabrizieren — den Aufguss schwarz, das Blatt rotbraun. Das Ergebnis sah aus wie ein Keemun-Schwarztee aus Ānhuī, schmeckte aber, wie er selbst zugab, nach gar nichts. Er versuchte es mit künstlichen Aromen. Es scheiterte.
So begab es sich, dass er die Methode auf den weniger empfindlichen Pǔ'ěr-Tee anwandte. Er nahm jungen, frischen Yúnnán-Grüntee, befeuchtete ihn mit zwanzig Gewichtsprozent Wasser, deckte ihn mit Sackleinen ab, ließ ihn auf 75 Grad heiß werden, wendete den Haufen mehrfach, und trocknete das Ergebnis bei sanfter Wärme. Was herauskam, schmeckte natürlich nicht wie ein wirklich gealtertes Pǔ'ěr aus dem Lager. Aber es schmeckte näher daran als der frische Yúnnán-Tee, mit dem er begonnen hatte. Und es war in zwei Monaten fertig, statt in zwanzig Jahren.
Lú Zhùxūn nannte sein Verfahren fā-séui (發水) — "Wassergesetzt". Er gab es nicht für eine Erfindung aus, sondern für einen Trick. Er belieferte Restaurants und Teestuben in Hongkong, später Bestellungen aus Singapur, Malaysia, schließlich Thailand. Mehrere andere Hongkonger Häuser — Liánxīnglóng, Nánjì, Shēngjì, Bǎotài, Tóng'ān, Cháng-zhōu Fúhuá — taten es ihm bald nach.
Und so geschah es, dass das Pǔ'ěr, das in jenen Jahren in Hongkong getrunken wurde, bereits zu einem nicht unerheblichen Teil nicht mehr das war, wofür es ausgegeben wurde.
IV. 1958 — Heißer Dampf in Xiàguān
Während Lú Zhùxūn in seiner kleinen Werkstatt am Hongkonger Hafen mit Sackleinen und Wassereimern arbeitete, geschah im fernen Yúnnán etwas anderes. In der Stadt Xiàguān (下關), am Westufer des Ěrhǎi-Sees, betrieb der dortige staatliche Teebetrieb seit Jahrzehnten eine Anlage zur Fertigung von jǐnchá (緊茶, "festgepresster Tee") — jener herzförmigen Kuchen, die seit Jahrhunderten an die Tibeter geliefert wurden.
Im Jahr 1958, im Geist der industriellen Modernisierung jener Zeit, unternahm die Werkstatt einen Versuch: Statt die Blätter wie traditionell langsam zu fermentieren, würde man sie unter heißen Dampfstrahlen fermentieren — schneller, kontrollierter, in fünfzehn Tagen statt in mehreren Wochen. Die Versuchsreihe gelang, technisch betrachtet. Der so erzeugte Tee war fermentiert, dunkel, presskuchenfähig.
Aber sein Geschmack war eigenartig. Die alten Tibeter, die ihn erhielten, verzogen das Gesicht. In den siebziger Jahren, so wird berichtet, klagten manche Empfänger sogar über Schwindel nach dem Trinken. Eine Untersuchung wurde nach Lhasa entsandt; der Tee wurde nach Kūnmíng zurückgebracht; man kam zu dem Schluss, dass das Verfahren zwar funktionierte, aber den Tee nicht zum Trinken bringe.
Dennoch — und dies ist der Punkt — hatte Xiàguān nun, was Hongkong und Lú Zhùxūn nicht hatten: eine in einer staatlichen Fabrik gemachte, dokumentierte Erfahrung mit künstlich beschleunigter Fermentation von Yúnnán-Tee. Diese Erfahrung sollte siebzehn Jahre später, an demselben Ort, einen würdigeren Nachfolger finden.
V. 1959 bis 1972 — Der lange Umweg über Guǎngzhōu
In jenen Jahren, in denen China wirtschaftlich abgeschottet war und der Außenhandel zentral gesteuert wurde, lief alles, was aus Yúnnán in den Süden ging, über die Hafenstadt Guǎngzhōu (廣州). Was die Hongkonger an Pǔ'ěr-Tee bestellten, kam zuerst nach Guǎngzhōu, wurde dort umgeschlagen, dann nach Hongkong verschifft.
Die Hongkonger Käufer hatten in den Jahren mit Lú Zhùxūns Wasserverfahren ihren Geschmack verfeinert: Sie wollten den dunklen, weichen, schon gewandelten Tee, nicht den frisch in Yúnnán verpackten Grüntee. Die Guǎngzhōuer Handelsgesellschaft begriff dies. Sie begann ab 1959, die durchziehende Ware selbst nachzubehandeln — befeuchten, schichten, fermentieren, trocknen — bevor sie nach Hongkong weiterging.
Die Methode, die sie dabei entwickelten, war eigentlich Lú Zhùxūns Methode. Wie sie genau dorthin gekommen war, ist eine eigene Geschichte: Lú Zhùxūn hatte die Technik eines Tages an seinen Schüler Zēng Qǐ (曾啟) weitergegeben, und Zēng war später nach Guǎngzhōu gegangen, wo er in der Teefabrik Hénán (河南茶廠) angestellt wurde und das Verfahren seinen neuen Kollegen vermittelte. Ein Hongkonger Teehändler soll später gesagt haben, sein Mentor habe ihn ausgelacht, dass er das Geheimnis weggegeben habe — innerhalb eines Jahrzehnts, prophezeite der Spötter, würde dadurch der ganze Hongkonger Teemarkt sich verändern. Die Prophezeiung erwies sich als genau.
So fuhr nun also über mehr als ein Jahrzehnt Yúnnán-Grüntee nach Guǎngzhōu, wurde dort fermentiert, und kam als dunkler Tee nach Hongkong zurück. Yúnnán selbst — das Heimatland des Tees — wusste davon entweder gar nichts oder nur am Rande. Die Bauern in den Bergen pflückten und trockneten ihre Blätter wie seit Jahrhunderten. Was nach der Verschiffung mit dem Tee geschah, war nicht ihre Sache.
Bis zum Jahr 1973.
VI. 1973 — Sieben Wanderer und ein alter Meister
Im Frühjahr 1973 fuhr eine Delegation der Yúnnán-Provinz-Teegesellschaft zur Frühjahrs-Kantonmesse in Guǎngzhōu — der zweimal jährlich abgehaltenen Außenhandelsmesse, auf der die Volksrepublik mit dem Westen Geschäfte abschloss. An den Ständen der Hongkonger Importeure sahen die Yúnnáner Vertreter etwas, das sie überraschte: dunkel fermentierter Pǔ'ěr-Tee in Säcken, deutlich in Hongkonger Geschmack, und Käufer, die für ihn höhere Preise zahlten als für den frisch verpackten Yúnnán-Grüntee. Auf Nachfrage wurde ihnen erklärt: dies sei der Tee, den die Hongkonger wollten. Er werde nicht in Yúnnán gemacht, sondern hier in Guǎngzhōu.
Die Delegation kehrte mit dieser Nachricht nach Kūnmíng zurück. Wenig später erhielt Yúnnán das Recht, eigenständig zu exportieren. Damit fiel die Notwendigkeit weg, den Tee über Guǎngzhōu umzuschlagen. Aber damit fiel auch der Zwischenschritt weg, in dem die Fermentation stattfand.
So entstand der Bedarf, das Verfahren in Yúnnán selbst zu erlernen. Die Provinz-Teegesellschaft stellte eine Gruppe von sieben Personen zusammen — qī rén xiǎozǔ (七人小組), wie es im Aktenbuch hieß: "Gruppe der sieben". Drei kamen aus der Kūnmíng-Teefabrik: die Auditorin Wú Qǐyīng (吳啟英), der Vize-Direktor Ān Zēngróng (安增榮) und die Arbeiterin Lǐ Guìyīng (李桂英). Zwei kamen aus Měnghǎi: Zōu Bǐngliáng (鄒炳良) und Cáo Zhènxīng (曹振興). Zwei kamen aus Xiàguān, deren Namen die Geschichte nicht festgehalten hat. Sie machten sich auf nach Guǎngzhōu, in die Fabrik Hénán, um zu lernen, was dort die Hongkonger Bestellungen erfüllte.
Es trug sich aber zu, dass in derselben Kūnmíng-Teefabrik ein älterer Techniker namens Chén Pèirén (陳佩仁) saß, der ohne Aufmerksamkeit gearbeitet hatte. Vor 1953, als er noch Eigentümer einer eigenen Teehandlung in Kūnmíng war, hatte er einen Konkurrenten beobachtet, dessen Pǔ'ěr-Tee dunkler und süßlicher war als üblich, und hatte aus Neugier und Ehrgeiz das Verfahren selbst nachzuvollziehen versucht. Seine Versuche von damals waren in den Jahren der Verstaatlichung in Vergessenheit geraten. Doch als er hörte, dass die Sieben nach Guǎngzhōu gefahren seien, um dort zu lernen, was er nach seiner Erinnerung schon konnte, ging er zur Fabrikleitung und bat um eine Tonne Rohtee. Er versprach, einen fermentierten Pǔ'ěr daraus zu machen.
Die Bitte wurde gewährt. Chén Pèirén arbeitete für sich allein. Bevor die Sieben aus Guǎngzhōu zurückkehrten, hatte er seine Tonne fertig — und es war, soweit man heute beurteilen kann, die erste in der staatlichen Industrie der Volksrepublik gefertigte Charge dessen, was man später Shú Pǔ'ěr nennen würde.
Die Sieben kehrten mit ihren Aufzeichnungen zurück. In der Kūnmíng-Fabrik begannen sie nach Guǎngzhōuer Vorschrift zu arbeiten: heißes Wasser über die geschichteten Blätter gießen, ein Tuch darüber, warten. Der erste Versuch misslang. Der zweite auch. Der dritte. Sie analysierten: Guǎngzhōu hatte ein feucht-warmes Klima, Kūnmíng ein trockenes. Was in Guǎngzhōu mit heißem Wasser funktionierte, brauchte in Kūnmíng kaltes. Sie änderten das Verfahren, und beim nächsten Versuch glückte es.
Die Charge der Sieben und die Charge des alten Chén Pèirén wurden, zusammengeführt, im Jahr 1973 nach Hongkong exportiert. Zu jener Zeit dachte niemand, dass dies der Beginn eines Jubiläums sein könnte.
VII. 1975 — Drei Fabriken finden ihren Weg
In den zwei folgenden Jahren begannen alle drei Fabriken — Kūnmíng, Měnghǎi, Xiàguān —, jede für sich, das Verfahren weiterzuentwickeln. Měnghǎi mit seinem feuchten subtropischen Klima fand andere Parameter als Kūnmíng auf seinem trockenen Hochland. Xiàguān, das aus den Versuchen von 1958 noch immer Erfahrung mit Dampf hatte, kombinierte beide Wege.
Im Jahr 1975 — und das ist das Datum, an dessen fünfzigstem Wiederkehr dieser Beitrag erscheint — waren die Verfahren der drei Fabriken so weit entwickelt, dass sie als gefestigte Industrieprozesse gelten konnten. Měnghǎi begann den Großserienexport seiner Sieben-Söhne-Kuchen mit den Codenummern 7452 und 7572. Xiàguān schuf den Sales-Code 7663, einen Tuó-Tee aus reinem Shú Pǔ'ěr, der von 1976 an in größeren Mengen nach Frankreich ging und dort, in Hongkonger Auspackerinnerung, zum Xiāo-Fǎ-Tuó — "Frankreich-Verkaufs-Tuó" — wurde. Im selben Jahr 1975 wurde im Süden Yúnnáns, am Fuß des Pǔ'ěr-Berges in der Stadt, die einst der ganzen Teesorte ihren Namen gegeben hatte, eine eigene neue Fabrik gegründet: die Pǔ'ěr-Teefabrik. Sie wurde zur vierten staatlichen Werkstatt für den neuen Tee.
In den Jahren 1976, 1977, 1978 wuchs die Produktion. Kūnmíng entwickelte 1976 den Ziegelteebreichcode 7581. Mit jedem Jahr wurden die Kuchen, Tuó-Stücke und Ziegel zahlreicher, und mit jedem Jahr lernten die Werkstätten den Charakter ihres neuen Materials besser kennen. Was aus den Sieben Wanderern der Provinzgesellschaft, dem alten Chén in seiner einzelnen Tonne und den Frühversuchen des Hongkongers Lú entstanden war, hatte sich zu einem Industrieerzeugnis konsolidiert.
Es hatte einen Namen: Shú Pǔ'ěr (熟普洱). Das Schriftzeichen shú (熟) bedeutet wörtlich "reif" oder "vollendet" — wie eine reife Frucht oder ein gar gewordenes Gericht. In der Sprache der Teefertigung aber meint es etwas Genaueres: den durch Nachfermentation gewandelten Tee, im Unterschied zum Shēng Pǔ'ěr (生普洱), dem unfermentierten, traditionellen, sonnengetrockneten Tee, dessen Wandlung erst der Zeit überlassen bleibt. Das Schriftzeichen shēng (生) bedeutet "lebendig" oder "ungar" — und steht in seiner Entgegensetzung zu shú in einem alten Begriffspaar, das sich in der chinesischen Sprache durch alle Lebensbereiche zieht. Vor 1975 hatte es kein Wort Shēng Pǔ'ěr gegeben. Es war nicht nötig gewesen. Erst die Existenz des Shú erzwang die Existenz seines Gegenbegriffs.
VIII. 1976 bis 1986 — Der Tee reist nach Frankreich
In den späten siebziger Jahren begann der Shú Pǔ'ěr seine erste Reise außerhalb Asiens. Die Tuó-Tees aus Xiàguān, in handlichen Halbkugeln gepresst, gingen über Hongkonger Vermittler nach Paris, Marseille, Lyon. In Frankreich wurden sie in ostasiatischen Lebensmittelläden und einigen Apotheken verkauft, oft mit einem dezenten Hinweis auf gesundheitliche Eigenschaften, die der Hersteller selbst nicht weiter spezifizierte.
Im Jahr 1986 erschien dann in einer französischen medizinischen Fachzeitschrift eine Studie, die der Tradition einen modernen Stempel aufdrückte. Französische Mediziner, die Patienten mit erhöhten Blutfettwerten Pǔ'ěr-Tee verschrieben hatten, berichteten von einer messbaren Senkung von Cholesterin und Triglyzeriden. Die Studie war begrenzt, ihre Methodik nach heutigen Maßstäben uneindeutig. Aber sie wurde, in den folgenden Jahrzehnten, zum Saatkorn einer ganzen Industrie der Gesundheitsversprechen.
In der Schweiz, in Deutschland, in Skandinavien tauchten in den achtziger Jahren erstmals Yúnnán Tuó-Tees in den Sortimenten kleiner Naturwarenläden auf. Sie wurden in Drogerien als Schlankheitstee verkauft. Wer sie kaufte, wusste in der Regel weder, dass dieser Tee erst zehn Jahre alt war, noch dass er eine Antwort der staatlichen Industrie der Volksrepublik auf den Bedarf eines Hongkonger Hafenmarkts darstellte. Er wurde verkauft, getrunken, und ihm wurden Wirkungen zugeschrieben.
IX. 1986 bis 2003 — Eine Welle, die nicht endete
In den späten neunziger Jahren wandte sich der Pǔ'ěr-Markt nach Taiwan. Ein taiwanischer Teelehrer namens Dèng Shíhǎi (鄧時海) veröffentlichte 1995 ein Buch, das schlicht Pǔ'ěr-Tee hieß und das den gelagerten alten Pǔ'ěr — sowohl unfermentierten als auch nachfermentierten — als Sammlerobjekt von hohem ästhetischem und finanziellem Wert darstellte. Im Jahr 1999 berichteten taiwanische Medien über die französische Studie von 1986. Beide Ereignisse zusammen lösten in Taiwan eine Welle aus, die in den folgenden Jahren auf Hongkong und Festlandchina überschwappte und bis 2003 in eine gesamtchinesische Pǔ'ěr-Manie überging.
Mit der Manie kam, wie immer in solchen Bewegungen, eine Inflation der Geschichten. Ein Tee, dessen Wert mit dem Alter zunimmt, wird zwangsläufig in immer ältere Vergangenheiten datiert. In den Märkten von Guǎngzhōu, Shēnzhèn, Hongkong, später auch in Berlin, Paris und New York, tauchten Teekuchen auf, die als sechzig Jahre alt, als achtzig Jahre alt, als hundert Jahre alt verkauft wurden. Manche Verkäufer berichteten von Pǔ'ěr-Kuchen aus der späten Qing-Dynastie, andere von Vorräten, die ein Großvater in den Bergen Yúnnáns vergessen habe. Die Geschichten wurden in Begleitbroschüren, auf eleganten Schildern und in Fachzeitschriften erzählt.
Und es geschah, dass der Begriff Shú Pǔ'ěr — der Begriff also, den es vor 1975 nicht gegeben hatte — in einigen dieser Geschichten Anwendung fand. Es wurde von nachfermentiertem Pǔ'ěr aus den fünfziger Jahren gesprochen. Von nachfermentiertem Pǔ'ěr aus den vierziger Jahren. In einzelnen außergewöhnlichen Fällen sogar von nachfermentiertem Pǔ'ěr aus der Republik-Zeit oder aus der Qing-Dynastie. Wie die Überlieferung berichtet, kostete ein solcher Kuchen mehr als ein Auto.
X. 2025 — Fünfzig Jahre
Nun ist das Jahr 2025 gekommen, und wir blicken zurück auf das Verfahren, das im Jahr 1975 in den drei Fabriken Kūnmíngs, Měnghǎis und Xiàguāns seine endgültige Gestalt fand. Fünfzig Jahre sind vergangen, seit die Sieben Wanderer aus Yúnnán und der alte Chén Pèirén in seiner einzelnen Tonne den Tee für den Hongkonger Hafen entdeckten. Fünfzig Jahre, seit die Wörter Shú und Shēng zum ersten Mal nötig wurden, weil es nun zwei Pǔ'ěr-Tees gab, wo es vorher nur einen gegeben hatte.
Der Shú Pǔ'ěr ist heute, nach Maßstäben des Tees, eine sehr junge Erfindung. Er ist jünger als der Mondlandungsfilm, kaum älter als manche Großeltern unserer heutigen Leser. Er ist eine staatliche Industrie-Antwort auf eine Marktnachfrage, eine wissenschaftlich-technische Leistung von Wú Qǐyīng und ihren Kollegen, eine Frucht der spät-maoistischen Außenhandelsöffnung, ein Produkt seiner sehr konkreten Zeit.
Und doch erzählt man sich, bis heute, dass es ihn schon lange gegeben habe. Dass die Großmutter eines Teehändlers in Měnghǎi noch Kuchen aus den dreißiger Jahren in einem Tonkrug aufbewahrt habe. Dass in einem Tempel in Pǔ'ěr seit der Qing-Dynastie ein Vorrat lagere. Dass auf einer Auktion in Hongkong jüngst ein Kuchen aus der Republik-Zeit für eine bemerkenswerte Summe versteigert worden sei.
Wie alle Geschichten, die man sich in Märkten erzählt, enthalten auch diese ihren Funken Wahrheit. Aber sie sind eben Geschichten — und auf wundersame Weise wachsen sie weiter, je länger der Tee in seinen Lagern ruht.
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