Wenn der Tee bei der Blüte schläft
Über das Geheimnis chinesischer Blütentees
Vorrede|Ein missverstandener Tee
In jedem etwas größeren deutschen Teegeschäft stehen sie nebeneinander im Regal: Jasmintee, Rosentee, Lavendeltee, Kamillentee, dazu allerlei Blütentees und Kräutertees. Auf den ersten Blick gehören sie zur selben Familie. Alles Blüten. Alles wird mit Wasser aufgegossen. Alles riecht angenehm.
Tatsächlich aber gehören diese „Blütentees" zwei sehr verschiedenen Welten an.
Was im europäischen Sprachgebrauch meistens „Blütentee" heißt, enthält gar keinen Tee. Es sind getrocknete Blüten, Blätter und Früchte, die direkt aufgegossen werden. Das deutsche Wort dafür ist präzise: Kräutertee. Botanisch gesehen handelt es sich um einen Aufguss, nicht um Tee.
Der chinesische Blütentee, von dem hier die Rede sein wird, ist etwas anderes. Sein Gerüst sind Teeblätter — nur haben diese Teeblätter einmal mit frischen Blüten zusammengelebt und deren Duft in sich aufgenommen. In der Tasse ist später kein Blütenblatt mehr zu sehen. Der Duft aber bleibt.
Für dieses Verfahren haben die Chinesen ein eigenes Schriftzeichen geprägt: 窨.
Mit diesem Zeichen beginnt alles.
Eins|„Der Tee leitet den Duft, die Blüte mehrt den Geschmack"
Ein altes Schriftzeichen
Das Zeichen 窨 — in der heutigen Aussprache xūn — ist selbst vielen Chinesen kaum geläufig. Seine Form ist alt: oben das Radikal 穴 (xué, „Höhle"), unten 音 (yīn, „Klang"). Ursprünglich bezeichnet es einen Erdkeller. Einen geschlossenen, kühlen Raum, in dem etwas langsam reifen darf.
Auf Tee angewandt wird aus diesem Wort eine kleine sprachliche Verwandlung. 窨制 (xūn zhì) meint nicht Mischen. Nicht Aufgießen. Nicht Parfümieren. Sondern: Tee und frische Blüten in einem geschlossenen Raum eine Weile zusammen sein lassen, sodass der eine den Duft des anderen wie beim Atmen aufnimmt.
Das Verfahren beruht auf einer eigentlichen Schwäche der Teeblätter. Getrocknete Blätter sind porös und nehmen jeden Geruch der Umgebung an. Beim Lagern ist das ein Problem. Aber: Wenn in der Umgebung nichts ist außer einem reinen, intensiven Blütenduft — dann verwandelt sich die Schwäche in eine Begabung.
Die neun duftenden Blüten
Die systematische Verwendung von Blüten zur Aromatisierung von Tee lässt sich in China spätestens bis in die Ming-Dynastie zurückverfolgen. Im Chápǔ 茶谱 („Teemanual"), verfasst um 1440 vom Prinzen Zhū Quán, werden neun Blüten genannt, die sich für die Aromatisierung von Tee eignen: Jasmin, Rose, Wildrose, Orchidee, Orangenblüte, Gardenie, Holzrose, Pflaumenblüte und Osmanthus.
Hinter dieser Liste steht keine zufällige Sammlung volkstümlicher Versuche, sondern eine Tradition mit Schriftquellen, mit System, mit jahrhundertelanger Weitergabe.
Diese Tradition hat heute eine doppelte internationale Anerkennung. Im Jahr 2014 wurde das Verfahren der Jasmintee-Veredelung aus Fuzhou in das nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes Chinas aufgenommen. Im selben Jahr erklärte die FAO das „Jasmintee- und Teekultursystem von Fuzhou" zum Globally Important Agricultural Heritage System (GIAHS). Eines der wenigen chinesischen Teeverfahren mit dieser doppelten Anerkennung. Anders gesagt: Was in der Tasse als Jasminduft aufsteigt, ist nicht nur Geschmack, sondern auch ein international anerkanntes Stück Menschheitskultur.
Hauptdarsteller und Nebendarsteller
Unter all den duftenden Blüten ist Jasmin die unangefochtene Hauptdarstellerin. Über 90 Prozent der gesamten chinesischen Blütentee-Produktion bestehen aus Jasmintee. Im chinesischen Alltag bedeutet das Wort huāchá 花茶 („Blütentee") fast automatisch: Jasmintee.
Der Duft eines guten Jasmintees stammt allerdings nicht ausschließlich vom Jasmin. Bei höherwertigen Sorten fügen die Teemeister in einem bestimmten Arbeitsschritt eine kleine Menge Magnolienblüten (Bailan) hinzu. Magnolie hat einen schwereren, durchdringenderen Duft. Sie soll den Jasmin nicht überdecken, sondern ihm einen Boden geben — eine Tiefe, eine Unterlage, an der sich der leichtere Duft halten kann. Eine sehr chinesische Vorstellung von Komposition: Die Hauptrolle braucht die Nebenrolle, aber die Nebenrolle darf nie die Hauptrolle überspielen.
Neben Jasmin gibt es weitere traditionelle Blütentees: Osmanthus war bereits in der Tang- und Song-Dynastie ein verbreitetes Getränk. Chloranthus-Tee hat einen leisen, klaren Duft. Gardenien-Tee taucht in den Quellen der Ming-Dynastie auf. Bittere Orangenblüte (Daidai) verbindet Aroma mit verdauungsfördernder Wirkung. Und unter den Rosentees gilt der mit schwarzem Tee veredelte als Klassiker.
So vielfältig diese Tradition ist — wenn es um die handwerkliche Vollendung und um die kulturelle Tiefe geht, führt der Weg zurück zu jener kleinen, weißen Blüte. Und um Jasmintee zu verstehen, muss man zuerst eines wissen: Dieses Handwerk verlangt, um drei Uhr morgens aufzustehen.
Zwei|Die schlaflose Nacht: Im Werk eines Jasmintees
Warum es Nacht sein muss
Die Jasminblüte hat ihren eigenen biologischen Rhythmus. Tagsüber bleibt sie geschlossen. Der Duft wird nicht freigegeben. Erst wenn der Abend kühler wird, irgendwann zwischen acht und zehn Uhr, beginnen die Knospen, sich nacheinander zu öffnen. Im Fachjargon der Teemeister heißt dieser Zustand „Tigerkrallen-Form" — die Blütenblätter halb geöffnet, halb noch zusammen, wie die eingezogene Pranke eines Raubtiers. Erst dann setzt der intensive Duft ein.
Mit dem Öffnen beginnt der Countdown. Der Höhepunkt des Duftes hält nur wenige Stunden. Danach lässt er rasch nach. Bevor er ganz verflogen ist, muss er an die Teeblätter weitergegeben sein. Nicht das Handwerk hat die Nacht gewählt. Die Blüte hat den Menschen die Nacht aufgezwungen.
In der Jasminsaison — in Südchina von Mai bis Oktober — kehren die Teemeister von Fuzhou und Hengxian ihren Tagesrhythmus vollständig um. Schlaf am Tag. Aufstehen in der Dämmerung. Warten in der Nacht.
Drei Uhr morgens: das Tōng huā
Gegen zehn Uhr abends werden die frisch gepflückten Jasminblüten ins Werk gebracht und in bestimmten Verhältnissen mit dem Grüntee — der dem Jasmin als Trägerblatt dient — schichtweise zu großen Haufen aufgeschüttet. In diesem Moment ist die Blüte noch lebendig. Sie atmet.
Atmen erzeugt Wärme. In einem ausreichend dichten Haufen steigt die Innentemperatur in wenigen Stunden langsam an. Ohne Eingriff würde die Mitte des Haufens die Blüten gleichsam dünsten — die Blütenblätter würden gelb, weich, ihren Duft verlieren. Der ganze Haufen wäre verdorben.
Also stehen die Meister gegen zwei oder drei Uhr morgens — die Stunde, die in der traditionellen chinesischen Zeitrechnung sān gēng 三更 heißt, die dritte Nachtwache — auf. Sie betreten die Werkhalle, in der jetzt der Duft am stärksten ist, und wenden den Haufen mit bloßen Händen. Verteilen ihn flacher. Lassen die Wärme entweichen. Dieser Arbeitsschritt heißt 通花 tōng huā — wörtlich: „die Blüten durchlassen".
Ein Haufen wird zwei- oder dreimal in einer Nacht so durchgewendet. Jedes Mal zum genau richtigen Zeitpunkt — zu früh, und der Duft ist noch nicht ausreichend übergegangen; zu spät, und die Blüten sind verdorben.
Ein Wettlauf mit Zeit und Temperatur. Ohne Stoppuhr. Allein über Nase, Hand, Erfahrung.
Fünf Uhr morgens: das Qǐ huā
Nach dem Wenden bleibt den Meistern noch ein kurzer Schlaf von zwei, drei Stunden. Gegen vier oder fünf Uhr morgens, vor Tagesanbruch, müssen sie wieder aufstehen. Diesmal für den Arbeitsschritt 起花 qǐ huā — wörtlich: „die Blüten heraussieben".
Inzwischen ist der Duft der Blüten weitgehend abgegeben. Die Teeblätter sind voll. Die Blüten selbst beginnen zu welken, werden weich, verlieren ihre Farbe. Aus den lebendigen „Tigerkrallen" sind ausgelaugte, gräuliche Reste geworden. Mit einem feinen Sieb wird der Haufen jetzt durchgegangen. Die noch leichten Teeblätter bleiben zurück. Die toten Blüten werden ausgesondert.
An diesem Punkt zeigt sich eine bedeutsame Eigenschaft chinesischer Blütenteekunst: Wer einen wirklich guten Blütentee trinkt, sieht keine Blüte.
Wer in seiner Tasse getrocknete Blütenblätter schwimmen sieht, hat entweder ein einfacheres Produkt vor sich, dem zur optischen Aufwertung Blüten beigemischt wurden — oder eine misslungene Veredelung, bei der der Duft nicht ausreichend übergegangen ist — oder gar keinen veredelten Tee, sondern einen Kräutertee. Ein hochwertiger Jasmintee ergibt einen klaren, hellen Aufguss. Im Geruch nichts als Jasmin. Im Anblick keine Spur einer Blüte.
Der Duft bleibt. Die Blüte verschwindet. Diese Haltung — ein Werk vollbringen, ohne sichtbar zu bleiben — ist die tiefste Philosophie chinesischer Veredelungskunst.
Jiǔ xūn jiǔ tí: der Preis der Spitzenqualität
Bis hierhin ist erst eine einzige Veredelung abgeschlossen. Die Spitzenqualitäten unter den Jasmintees durchlaufen diesen Prozess fünf bis neun Mal.
Jeder Durchgang verlangt frisch gepflückte Jasminblüten, ein neues Aufschütten, ein neues Wenden, ein neues Sieben, ein erneutes Trocknen der Teeblätter. Der gesamte Prozess erstreckt sich über Monate, weil mehrere Jasminblüten-Ernten abgewartet werden müssen. Im Fachjargon heißt das jiǔ xūn jiǔ tí 九窨九提 — „neunmal veredeln, neunmal heben". Mit jedem Durchgang wird der Duft im Blatt tiefer eingebettet, wird der Aufguss vielschichtiger.
Für ein Pfund Spitzen-Jasmintee werden um die hundert Pfund frischer Blüten verbraucht. Aber das knappste Gut ist nicht die Blüte. Der wahre Preis einer Tasse Blütentee liegt nicht im Preis der Blume, sondern im Schlaf der Menschen.
In der Song-Dynastie heißt es in einer Zeile, die häufig auf Jasmintee bezogen wird:
露華洗出通身白,沉水熏成換骨香。 Vom Tau gewaschen, leuchtet er ganz weiß; / im Räucherwerk getränkt, hat er die Knochen gewechselt.
Der Dichter wusste vermutlich nichts vom Handwerk. Und doch beschreibt die Zeile die zwei Kernschritte der Veredelung mit unheimlicher Genauigkeit. Das Waschen vom Tau — das Aufschütten und Wenden. Das Eintränken im Räucherwerk — das Aussondern, nach dem das Blatt seine „Knochen gewechselt" hat zum neuen Träger des Dufts. Eine Zeile aus dem 12. Jahrhundert wird zur Verfahrensanweisung des 21.
Beim nächsten Schluck eines guten Jasmintees lohnt es sich, an die vielen unbekannten Nächte zu denken, die darin enthalten sind. An die vielen Male drei Uhr morgens.
Drei|Vom unsichtbaren zum sichtbaren Blütenduft: zwei Philosophien des Blütentees
Bis hierhin zeigt sich Veredelung als ein äußerst pragmatisches Handwerk. Die Blüte erfüllt ihre Aufgabe — den Duft an das Blatt weitergeben — und tritt dann ab. Was bleibt, ist ein vom Duft umgewandeltes Blatt. Der Vorgang ist arbeitsintensiv, in hohem Maße industriell, geprägt von durchwachten Nächten und Handarbeit. Sein Ziel: ein Ergebnis. Im Tee wohnt die Seele der Blüte. In der Tasse zeigt sich keine Spur von ihr.
Wäre dies die einzige chinesische Tradition des Blütentees, hätte sie nicht so viel Schreibtinte der chinesischen Literaten gefunden.
Es gibt eine zweite, gegensätzliche Vorstellung davon, wie Blüte und Tee zusammenleben können. In dieser Vorstellung sind die beiden Begleiter, nicht Mittel und Zweck. Der Vorgang selbst wird zum Gegenstand der Betrachtung, nicht das Endprodukt.
Eine Praxis der Gelehrten. Langsam. Beinahe verschwenderisch.
Sie arbeitet nicht weniger sorgfältig als die Veredelung — aber in entgegengesetzte Richtung. Die eine Tradition will die Blüte ausschöpfen. Die andere will sie am Leben lassen.
Davon handelt das nächste Kapitel.
Vier|Der Blütentee der Gelehrten: ein siebenhundertjähriges literarisches Gespräch
Ní Zàn und der Lotus-Tee: Eine Nacht im Knospenraum
Ní Zàn 倪瓚 (1301–1374), einer der „Vier Meister" der Yuan-zeitlichen Malerei, war nicht nur Maler. Er gilt auch als einer der frühesten dokumentierten Praktiker einer „Blütentee-Veredelung" — allerdings einer Veredelung, die mit den durchwachten Nächten des Fuzhouer Werks nichts gemein hat.
Sein Verfahren liest sich so. Am Morgen, wenn die Lotusblüten kurz vor dem Aufgehen stehen, wird in jede Knospe eine kleine Prise loser Blätter gegeben. Die Knospe wird mit einem Hanffaden oben locker zugebunden. Tee und Knospe verbringen die Nacht miteinander. Am nächsten Morgen wird der Faden gelöst, der vom Blütenatem durchzogene Tee herausgenommen, in der Sonne getrocknet. Der Vorgang wird dreimal wiederholt.
Hier lohnt der Vergleich. Ein Fuzhouer Werk verbraucht für ein Pfund Jasmintee Hunderte Pfund Blüten und mobilisiert ganze Teams für durchwachte Nächte. Ní Zàns Lotus-Tee verbraucht pro Durchgang eine einzige Blüte — eine lebendige, am nächsten Tag noch blühende Lotusblüte.
Ní Zàn war für seine ausgeprägte Reinlichkeit bekannt. Eine Anekdote überliefert, dass er die Wutongbäume in seinem Hof täglich abwaschen ließ. Diese fast zwanghafte Suche nach Sauberkeit setzt sich beim Tee fort als Suche nach der saubersten möglichen Form, in der Blüte und Tee miteinander verkehren können: ohne Tötung, ohne Auspressung, nur mit einer geliehenen Nacht.
Eine Veredelung als künstlerische Geste. Der Ertrag verschwindend gering. Der Handelswert kaum vorhanden. Aber für die folgenden siebenhundert Jahre chinesischer Literatengeschichte wird damit ein Maßstab gesetzt: Der eleganteste Blütentee ist der, in dem man eine Nacht mit einer Blüte verbringt und dann auseinander geht.
Xú Wèi und der Pflaumenblüten-Tee: Ein einsames Leuchten im Schnee
Xú Wèi 徐渭 (1521–1593), ein weiterer Maler — diesmal aus der Ming-Dynastie — hinterlässt Aufzeichnungen über die Zubereitung eines Pflaumenblüten-Tees.
In der geistigen Landkarte der chinesischen Literaten nimmt die Pflaumenblüte einen besonderen Platz ein. Sie blüht im tiefsten Winter, wenn alle anderen Blumen verwelkt sind. Sie gilt als „Blüte des edlen Menschen" (jūnzǐ zhī huā). Ein eigensinniger, vom Schicksal hart geprüfter Charakter wie Xú Wèi findet zu einer Pflaumenblüte natürlich.
Pflaumenblüten-Tee ist allerdings eine eigentümliche Sache. Geschmacklich ist er nicht besonders. Der Duft der Pflaumenblüte ist kühl, in sich gekehrt, weit entfernt von der gefälligen Süße des Jasmins. Pflaumenblüten-Tee existiert nicht, weil er gut schmeckt. Er existiert, weil er der Jahreszeit entspricht.
Ein Wintertag. Schnee vor dem Fenster. Auf dem Tisch ein Kännchen Pflaumenblüten-Tee. Was die Literaten in solchen Momenten tranken, war kein Aufguss, sondern eine Haltung — die Haltung eines Menschen, der mit der Pflaumenblüte zur selben Zeit am selben Ort ist. Ein ritualisierter Trank. Wer ihn trinkt, schreibt sich selbst in die geistige Linie der Pflaumenblüte ein.
Wenn Ní Zàns Lotus-Tee „die Reinheit des Sommers" verkörpert, dann verkörpert Xú Wèis Pflaumenblüten-Tee „die Erhabenheit des Winters". Zwei sehr verschiedene Stile, dieselbe Grundhaltung: Tee ist nicht das Ziel. Tee ist das Mittel, um an einen bestimmten inneren Ort zu gelangen.
Die Kaiserinwitwe Cíxǐ und Lǎo Shě: Vom Hof zur Teestube
Vom einsamen Literaten zurück in die breitere Gesellschaft.
Die Kaiserinwitwe Cíxǐ 慈禧 (1835–1908) war eine erklärte Liebhaberin des Jasmintees. In den Jahrzehnten ihrer Herrschaft galt der Jasmin zeitweilig als „Nationalblume" — ein Status ohne formale Rechtsgrundlage, im Hof und im Beamtenadel aber stillschweigend anerkannt. Cíxǐ trank täglich große Mengen Jasmintee. Sie ließ in den Sommerpalästen eigens Jasminbüsche pflanzen. Dass eine einzelne Teesorte den ästhetischen Geschmack einer ganzen Epoche prägen konnte, ist auch in der chinesischen Trinkgeschichte selten.
Mit dem Übergang in die Republikzeit vollzog der Jasmintee den Weg vom Hof in die Teestube. Der Schriftsteller Lǎo Shě 老舍 (1899–1966), Chronist des alten Pekings, war Zeit seines Lebens dem Blütentee zugetan. Sein bevorzugtes Getränk war der Fuzhouer Jasmintee — derselbe, dessen Verfahren heute auf den Listen des immateriellen Kulturerbes steht. In Lǎo Shěs Pekinger Teestuben, in seinen Hofhäusern und Romanwelten dampft fast immer eine Schale dieses Tees.
Damit hat sich ein Kreis geschlossen. Der Blütentee ist von der Eleganz der Gelehrten in den Alltag des Volkes hinabgestiegen, vom Alltag des Volkes wieder hinauf in die Literatur.
Zhāng Àilíng und der „Duftblättchen-Tee": Eine literarische Chiffre
In der Literatur lässt sich eine Stelle nicht übergehen: die berühmte Erzählung „Jasmintee" (Mòlì xiāngpiàn 茉莉香片) von Zhāng Àilíng 張愛玲 (1920–1995). Ohne den Inhalt der Erzählung auszubreiten — bemerkenswert ist allein, wie der Tee zu seinem Namen gekommen ist.
Nach mehrfacher Veredelung sind keine Blüten mehr im Tee, aber überall Blütenduft. Den alten Chinesen gefiel dieser Zustand. Sie gaben ihm einen Namen von feiner Poesie: 香片 xiāngpiàn — wörtlich: „Duft-Blättchen". Als wäre das Teeblatt selbst kein Blatt mehr, sondern eine zu Duft geronnene Membran.
Der Name selbst ist ein Beispiel für eine sehr chinesische Geste — dem Alltäglichen einen poetischen Namen zu geben. Ein Teeblatt heißt jetzt „Duftblättchen", und schon ist Teetrinken nicht mehr Trinken, sondern Riechen. Aus einer alltäglichen Handlung wird eine ästhetische.
Dass Zhāng Àilíng diesen Namen für ihren Erzählungstitel wählt, ist kein Zufall. Der Blütentee ist in China nie nur ein Getränk gewesen. Er ist ein literarischer Behälter, der seit siebenhundert Jahren mit Bedeutungen gefüllt wird.
Mò lí: Ein Abschied im Gleichklang der Worte
Eine letzte kulturelle Schicht: 茉莉 mòlì — Jasmin — klingt im Chinesischen wie 莫離 mò lí — „nicht weggehen".
In der Tradition wurde beim Abschied ein Strauß Jasmin überreicht. „Mit dem Jasmin in der Hand bitte ich dich, nicht zu gehen." Eine Tasse Blütentee, in die Hände eines Freundes gelegt, enthält dann nicht nur Duft, sondern auch ein nicht ausgesprochenes „bleib".
Eine sehr chinesische rhetorische Figur — das Ding spricht selbst, und es spricht im Gleichklang. Der Mondkuchen, der nach „Wiedervereinigung" klingt. Der Lotussamen, der nach „Liebe zum Kind" klingt. Der Jasmin, der nach „nicht gehen" klingt. In dieser Schicht ist der Blütentee kein Getränk mehr, sondern ein Symbolträger.
Ní Zàn. Xú Wèi. Cíxǐ. Lǎo Shě. Zhāng Àilíng. Über siebenhundert Jahre haben unzählige Chinesen über diese Tasse Blütentee miteinander gesprochen, mit der Natur gesprochen, mit der Zeit gesprochen. So viel Gewicht trägt eine schlichte Schale Jasmin-„Duftblättchen".
Fünf|Drei Randnotizen: Was sich um den Blütentee herum erzählt
Warum der Norden Chinas den Blütentee liebt
Würde man einen alten Pekinger fragen, welchen Tee er am liebsten trinkt — die Antwort wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit: Blütentee. Genauer: Jasmin-Duftblättchen. Hinter dieser Vorliebe steckt eine vom Geschmacksgedächtnis konservierte Logistikgeschichte.
Die wichtigsten Anbaugebiete für Tee liegen in Südchina — Fujian, Zhejiang, Anhui, Yunnan. Die politischen und kulturellen Zentren lagen lange Zeit im Norden — Cháng'ān, Biànjīng, Běijīng. Tee musste vom Süden in den Norden gebracht werden. Unter den Transportbedingungen früherer Jahrhunderte verlor Grüntee auf dem langen Weg an Frische — ein in Fujian noch leuchtend grünes Blatt erreichte Peking oft mit muffigen Untertönen.
Blütentee ist ein nachveredelter Tee. Der intensive Duft der Blüte überdeckt die Alterungsnoten des Transports zuverlässig. Außerdem hält ein veredeltes Blatt sich länger. Hinzu kommt: Pekings Wasser ist hart, kalziumreich. Reiner Grüntee schmeckt darin schnell adstringierend und bitter. Die kräftige Aromatisierung eines Jasmintees aber gleicht den Wassercharakter aus, macht den Aufguss runder.
Die Vorliebe der Nordchinesen für Blütentee ist keine ästhetische Wahl, sondern ein vom geographischen und historischen Druck geformtes Geschmacksgedächtnis.
Der „blühende Tee": Eine späte Rückkehr zum Sichtbaren
Seit etwa 1986 entwickelt sich in China eine ganz neue Spielart: der kunstvoll geformte Blütentee (gōngyì zàoxíng huāchá), im Volksmund auch „der Tee, der aufblüht".
Das Verfahren: Teeblätter und essbare Blüten — Kugelamarant, Ringelblume, Lilie und andere — werden von Hand zu einer kleinen, festen Kugel gebunden. Die Kugel sieht unscheinbar aus. Im Glaskännchen mit heißem Wasser geschieht das Wunder. Die Teeblätter entfalten sich. Die im Inneren verborgenen Blüten öffnen sich nach und nach, wie eine echte Blume, die im Wasser langsam aufgeht.
Eine moderne Erfindung, die das Teetrinken zum Schauspiel macht. Geschmacklich kann sie sich kaum mit einem traditionellen Jasmintee messen. Aber sie vollzieht eine Rückkehr zu einer alten Tradition — der Tradition, in der die Blüte sichtbar bleibt. Der Tradition Ní Zàns.
Vor siebenhundert Jahren legt Ní Zàn eine Prise Tee in eine lebende Lotusknospe. Vor wenigen Jahrzehnten holen die Teemeister die Blüte zurück in die Tasse, mitten in den Aufguss. Das chinesische Nachdenken darüber, wie Blüte und Tee zusammensein können, hat nie aufgehört.
Eine Abgrenzung zum Schluss
Eine letzte Klarstellung, die den Bogen zum Anfang dieses Textes schlägt.
Auf dem chinesischen Teemarkt sind in den letzten Jahren zahlreiche „neue Blütentees" entstanden — reine Rosenblütentees, Chrysanthementees, Geißblatttees, Mischungen mit Früchten wie Pfirsich-Oolong oder Hibiskus-Fruchttee. Sie folgen nicht der Tradition der Veredelung, sondern bringen den Blütengeschmack auf direkterem, vielfältigerem Weg in die Tasse.
Sind diese Produkte gut? Selbstverständlich. Sie haben ihren eigenen Markt und ihre eigene Anhängerschaft. Aber eines sollte unterschieden bleiben: Die meisten dieser Produkte fallen in die Kategorie des Kräutertees, nicht des veredelten Blütentees, von dem dieser Text handelt.
Wer diesen Unterschied einmal verstanden hat, kann beim nächsten Einkauf in einem deutschen Teegeschäft eine einfache Probe machen. Die Packung „Jasmin-Blütentee" einmal genauer betrachten. Sind viele getrocknete Blütenblätter im Beutel zu sehen? Ein echter chinesischer Jasmintee ist ein Tee, in dem keine Blüte zu sehen ist.
Schlussrede|Die chinesische Zeit im Blütentee
Vielleicht ist an dieser Stelle ein Widerspruch sichtbar geworden.
Auf der einen Seite die Werkhallen Fuzhous um drei Uhr morgens. Hände wenden den heißen Haufen. Der Duft der Blüte wird präzise, vollständig, ohne Spuren zu hinterlassen an das Blatt weitergegeben. Die Blüte verschwindet, sobald ihre Aufgabe erfüllt ist. Die schönste Begegnung ist das Verschmelzen in eines.
Auf der anderen Seite ein Hof in der Yuan-zeit, im Mondlicht. Ní Zàn legt eine Prise Tee in eine noch lebende Lotusknospe und bindet sie mit einem Hanffaden zu. Eine Nacht zusammen. Die Blüte wird am nächsten Tag weiter blühen. Das schönste Beieinander ist eine geteilte Nacht und das anschließende Auseinandergehen.
Zwei Haltungen, scheinbar einander entgegengesetzt. Tatsächlich tragen beide dieselbe Logik: Die Beziehung zwischen Blüte und Tee ist nie eine zwischen Hauptzutat und Beilage gewesen, sondern eine zwischen zwei Lebewesen, die sich für kurze Zeit einander anvertrauen.
Soll man die Blüte auspressen, damit der Tee gewinnt? Oder die Blüte für eine Nacht borgen, damit der Augenblick gewinnt? Zwischen diesen beiden Wegen schwankt China seit siebenhundert Jahren. Eine endgültige Antwort gibt es nicht. Vielleicht wird sie auch nicht gebraucht. Die eine Tradition gehört dem Schweiß, die andere dem Mondlicht. Aber beide versuchen, dieselbe Frage zu beantworten: Wie geht der Mensch mit einer Blüte um?
Wer im deutschen Supermarkt eine Packung Jasmintee aus dem Regal nimmt, trinkt nicht nur einen wohlriechenden Aufguss. Er trinkt die neunmalige Veredelung um drei Uhr morgens. Den Hanffaden, den Ní Zàn im Mondlicht zuzieht. Die Epoche, die Cíxǐ ihrem Lieblingsduft widmete. Den Titel, den Zhāng Àilíng aus zwei Schriftzeichen formte. Und sieben Jahrhunderte des Abschieds und der Wiederkehr, eingefangen in den Klang zweier Wörter: mò lí — bleib.
Eine Tasse Blütentee ist nie nur Tee. Sie ist eine Verabredung, die seit Jahrhunderten gehalten wird.
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