Zhēngqīng Lǜchá 蒸青綠茶
— die älteste Linie der chinesischen Teefertigung
I. Einleitung
Grüner Tee unterscheidet sich vom Schwarztee, vom Oolong und vom Pu-erh in einem entscheidenden Punkt: Die Enzyme im frischen Blatt werden gleich nach der Ernte zerstört. Dadurch unterbleibt jene Oxidation, die andere Teesorten dunkel und süß werden lässt. Der grüne Tee bleibt grün — in der Farbe der Blätter, in der Farbe des Aufgusses, im Charakter des Geschmacks.
In China haben sich im Lauf der Jahrhunderte vier Hauptverfahren herausgebildet, die jeweils einen anderen Tee hervorbringen. Der vorliegende Beitrag schließt die Reihe ab mit dem ältesten der vier — einem Verfahren, das in China selbst beinahe vergessen worden ist, in einem Nachbarland aber zur Hauptlinie der nationalen Teekultur geworden ist: der Dampfentaktivierung (Zhēngqīng 蒸青). Hier wird das frische Blatt nicht durch Hitze in der Eisenpfanne, nicht durch trockene Luft im Bambuskorb, nicht durch Sonnenstrahlen entaktiviert, sondern durch heißen Wasserdampf — schnell, gleichmäßig, von allen Seiten zugleich.
II. Die ältere Linie
Die Geschichte der chinesischen Teefertigung beginnt nicht mit der Pfanne, sondern mit dem Dampf. Die ältesten erhaltenen Beschreibungen — vor allem im Chájīng (茶經, "Klassiker des Tees") des Lù Yǔ (陸羽) aus dem späten achten Jahrhundert — schildern ein Verfahren, das bereits damals fest etabliert war: Die frischen Blätter werden gedämpft, gestampft, in Formen gepresst, getrocknet, durchbohrt und versiegelt. Zhēng zhī, dǎo zhī, pāi zhī, bèi zhī, chuān zhī, fēng zhī — sechs Verben, sechs Schritte, ein Verfahren, das von der Tang- bis weit in die Yuan-Dynastie hinein die einzig wichtige Form der Teefertigung in China war.
Der so erzeugte Tee war kein loses Blatt. Er wurde nach dem Dämpfen zu kleinen runden oder quadratischen Kuchen gepresst, die der besseren Lagerung und dem Transport dienten. Diese Kuchen wurden vor dem Aufguss nicht aufgegossen, sondern geröstet, zu feinem Pulver zermahlen und mit heißem Wasser zu einer dichten, leicht schaumigen Brühe gerührt — eine Technik, die noch heute in Japan unter dem Wort Matcha überlebt, in China selbst aber seit der Ming-Zeit ausgestorben ist.
Der entscheidende Bruch kam in der Ming-Dynastie. Im fünfzehnten Jahrhundert setzte sich allmählich das Pfannenröstverfahren durch, das wir im ersten Beitrag dieser Reihe behandelt haben. Das ältere Dampfverfahren wurde schrittweise verdrängt — nicht weil es schlechter gewesen wäre, sondern weil das neue Verfahren ein anderes, in der späteren chinesischen Wahrnehmung als reicher empfundenes Aroma hervorbrachte: nussig, geröstet, voll. Was die Dampfentaktivierung an Klarheit und Frische bot, fiel in der neuen ästhetischen Hierarchie hinter den Reichtum der Pfannenröstung zurück.
Doch zu derselben Zeit, als China zum heißen Eisen überging, blieb ein Nachbarland bei der älteren Methode: Japan. Über buddhistische Mönche war das Dampfverfahren bereits in der Tang-Zeit nach Japan gekommen. Während es in seiner Heimat allmählich vergessen wurde, entwickelte es sich auf den japanischen Inseln weiter — zu einer eigenen Sprache der Teefertigung, mit eigenen Gerätschaften, eigenen Sorten und einer eigenen Kultur des Trinkens. Heute ist Japan das Land, in dem die alte chinesische Methode am vollständigsten überlebt hat. Und die Tatsache, dass der durchschnittliche Europäer beim Stichwort "grüner Tee" zuerst an einen japanischen Tee denkt, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis dieser fünfhundertjährigen Trennung.
III. Was der Dampf tut
Die Dampfentaktivierung folgt einem einfachen Prinzip. Frischer Wasserdampf, erzeugt in einem darunterstehenden Kessel, durchdringt eine dünne Schicht frischer Blätter und erhitzt sie auf etwa 95 °C bis 100 °C. Bei dieser Temperatur werden die im Blatt enthaltenen Enzyme — vor allem die Polyphenoloxidase — innerhalb von 30 bis 90 Sekunden zerstört. Die Blätter werden anschließend rasch abgekühlt, durch Wenden auf flachen Bambussieben oder, in modernen Werkstätten, durch Gebläse, und der weitere Verarbeitungsweg beginnt.
Was diese Methode so unterscheidet, lässt sich am leichtesten im Vergleich zur Pfannenröstung verstehen. Beim Wokfeuern liegt die Bodentemperatur der Eisenpfanne zwischen 180 °C und 250 °C. Beim Dämpfen liegt die maximale Temperatur, der das Blatt ausgesetzt ist, knapp unter 100 °C — die Siedetemperatur des Wassers. Diese fast hundert Grad Differenz hat Folgen, die den Charakter des fertigen Tees bis ins Innerste prägen:
- Keine Karamellisierung. Bei den Temperaturen der Dampfentaktivierung kann der im Blatt enthaltene Zucker nicht karamellisieren. Die für den wokgefeuerten Tee charakteristischen nussig-rösthaften Aromen entstehen nicht. Der Dampftee bleibt frischer, klarer, ungerösteter.
- Keine Glycosidspaltung. Die zuckergebundenen Aromaverbindungen, die sich in der heißen Pfanne zu neuen Duftstoffen aufspalten, bleiben im Dampftee weitgehend intakt. Was ihm fehlt, ist der "neu erzeugte" Duft des wokgefeuerten Tees; was ihn dafür kennzeichnet, ist der "bewahrte" Duft des frischen Blatts.
- Maximale Erhaltung des Chlorophylls. Das Pflanzengrün, das bei höheren Temperaturen teilweise zerfällt, bleibt im Dampftee fast vollständig erhalten. Daraus ergibt sich die für gedämpfte Tees typische, unverkennbar leuchtend grüne Farbe — nicht das mattere Grün eines Lóngjǐng, sondern ein helles, fast jadegrünes Strahlen, das im Aufguss noch deutlicher zu sehen ist als im trockenen Blatt.
- Maximale Erhaltung des Theanins. Die Aminosäure L-Theanin (chá'ǎnsuān 茶氨酸), die für den umami-artigen, "frischen", suppigen Geschmackseindruck verantwortlich ist, ist hitzeempfindlich. Beim Wokfeuern wird ein erheblicher Teil zerstört; beim Dampfverfahren bleibt sie weitgehend erhalten. Daraus folgt das eigentliche Geschmacksprofil des Dampftees: eine ausgeprägte, fast brüheartige Mundfülle, ein "Geschmack nach Geschmack" (umami), der bei den anderen drei Verfahren nicht in vergleichbarer Stärke vorkommt.
In dieser nüchternen chemischen Aufzählung steckt die Antwort auf eine alte Frage: Warum schmeckt japanischer grüner Tee so deutlich anders als chinesischer? Die Antwort liegt nicht in der Pflanze — die Cultivare beider Länder entstammen derselben Art, Camellia sinensis —, sondern in der Verarbeitung. Das ist ein Punkt, der in der westlichen Teebeschreibung selten klar gemacht wird, aber für das Verständnis beider Traditionen entscheidend ist.
IV. Vom Dampf zur Tannennadel
Das vollständige Verfahren des japanischen Yùlù — auf Japanisch Gyokuro (玉露, "Edeltau"), in seiner chinesischen Schreibweise mit demselben Zeichen wie der hier später noch zu erwähnende chinesische Yùlù aus Ēnshī — gibt das anschaulichste Beispiel für die volle Entfaltung der Dampftee-Tradition. Nehmen wir es als unsere Stunde am Dampfkessel.
Das Material ist besonders. Yùlù wird aus den Blättern jener Teesträucher gewonnen, die in den Wochen vor der Pflückung beschattet wurden — typischerweise durch Bambusmatten oder schwarze Netze, die das einfallende Licht auf etwa zwanzig Prozent reduzieren. Diese Beschattung verändert den Stoffwechsel der Pflanze grundlegend: Die Photosynthese geht zurück, der Anteil an Chlorophyll und Aminosäuren — vor allem Theanin — nimmt zu, der Anteil an Catechinen, die für die Bitterkeit verantwortlich sind, geht zurück. Das so gewachsene Blatt ist dunkler, weicher, samtiger und besonders reich an jenen Aromakomponenten, die das Dampfverfahren erhalten kann.
Die Pflückung geschieht von Hand, im April oder frühen Mai, ausschließlich aus den jüngsten Knospen und Blättern. Sobald die Körbe in der Werkstatt eintreffen, werden die Blätter dünn auf einem Tuch ausgebreitet — die einzelnen Blätter dürfen sich nicht überlappen, sonst werden sie ungleich gedämpft.
Über einem Wasserkessel, der heftig kocht, wird ein Bambussieb mit einem Durchmesser von etwa fünfzig Zentimetern und einer Tiefe von achtzehn Zentimetern aufgesetzt. Wenn das Wasser kräftig sprudelt, werden die Blätter — etwa 500 Gramm pro Charge — gleichmäßig auf das Sieb gestreut. Der Deckel wird sofort geschlossen. Nach etwa 20 bis 25 Sekunden öffnet der Meister den Deckel kurz, wendet die Blätter mit langen Bambusstäben — jedes Blatt muss umgedreht werden — und schließt den Deckel wieder. Nach weiteren 25 Sekunden ist die Dampfentaktivierung abgeschlossen. Die Blätter werden auf einen Bambuskorb geschüttet und sofort mit Fächern oder einem Gebläse abgekühlt — bleiben sie warm liegen, werden sie gelb, der charakteristische frische Geschmack geht verloren.
Was nun folgt, ist beim hochwertigen Yùlù ein langer, sehr kontrollierter Prozess, der aus mehreren Trocknungs- und Rollphasen besteht. Auf einer ledernen Unterlage über einem leicht erhitzten Lehmofen — Oberflächentemperatur etwa 50 °C — werden die Blätter zwischen den Handflächen gerollt, gewendet, gefallen gelassen, immer wieder. Der Vorgang heißt kaiten-jūnen (回転揉捻, "Drehrollung"), und er dauert in der vollen Handarbeit fast eine Stunde. Mit jeder Phase werden die Blätter trockener, dunkler, fester. Schließlich erreichen sie ihre charakteristische Form: fadenartig dünne, gerade Stränge, dunkelgrün und glänzend, die an Tannennadeln erinnern.
Eine letzte Trocknung bei etwa 60 °C vollendet das Verfahren. Was jetzt im Sieb liegt, ist Yùlù — aus etwa fünf Kilogramm Frischblatt sind gut ein Kilogramm fertiger Tee geworden. Das Verfahren ist langsam, präzise, anspruchsvoll. In Japan wird es heute überwiegend mit Spezialmaschinen ausgeführt, doch die handgefertigten Spitzenqualitäten — tezukuri (手作り) — folgen noch immer dem alten Ablauf.
V. Die japanische Linie
Wer die Geschichte des chinesischen Tees nachzeichnet, kommt nicht umhin, einen Blick über das Meer zu werfen. Was in China nach dem fünfzehnten Jahrhundert allmählich verschwand, blieb in Japan in voller Vielfalt erhalten — nicht als Fossil, sondern als lebendige Tradition, die sich in eigene Richtungen weiterentwickelt hat.
Drei Sorten markieren die Bandbreite des japanischen Dampftees:
Sencha (煎茶) ist der Alltagstee Japans, der von rund achtzig Prozent aller japanischen Teetrinker täglich gewählt wird. Anders als der Yùlù wachsen seine Sträucher unter freiem Himmel, ohne Beschattung. Der Geschmack ist frischer, gräser, weniger süß und weniger samtig als beim Yùlù — aber er trägt unverkennbar die Eigenheiten des Dampfverfahrens: das umami, die jadegrüne Farbe, die brüheartige Mundfülle.
Gyokuro (玉露, Yùlù in chinesischer Lesung), wie oben beschrieben, ist die Spitze der japanischen Dampfteetradition: ein hochwertiger, beschatteter Tee mit ausgeprägtem umami und tiefem, samtigem Mundgefühl. Er wird in kleinen Mengen, mit kühlem Wasser (etwa 50–60 °C) und nur wenigen Sekunden Aufgusszeit getrunken — eine Trinkweise, die einem deutschen Geschmack zunächst fremd erscheint, aber dem Material vollkommen entspricht.
Tencha (碾茶) ist der Rohstoff für Matcha. Die Blätter werden, wie beim Gyokuro, vor der Ernte beschattet, dann gedämpft, aber nicht gerollt; nach dem Trocknen werden sie zwischen Steinmühlen zu einem feinen Pulver vermahlen. Wenn man diesem Tee in seiner heutigen Form begegnet — als das leuchtend grüne Pulver, das mit kleinen Bambusquirlen in heißem Wasser zu einer schaumigen Brühe geschlagen wird — sieht man, in einer Brechung, jenes alte Tang-Verfahren, das aus China verschwunden ist.
Die japanische Teezeremonie, die Sadō oder Chadō (茶道, "Weg des Tees"), die im sechzehnten Jahrhundert ihre klassische Gestalt fand, bewahrt diese alte chinesische Praxis als kulturelle Form. Wer einer Zeremonie beiwohnt, in der ein Gastgeber mit langsamen, abgemessenen Bewegungen Matcha-Pulver mit heißem Wasser zu einer dichten, smaragdgrünen Brühe schlägt, sieht — in einem japanischen Gewand — etwas, das vor zwölfhundert Jahren in einem chinesischen Klosterhof genauso ausgesehen haben mag. Diese Kontinuität ist nicht zufällig. Japan hat über Jahrhunderte mit großer Sorgfalt bewahrt, was China mit ebenso großer Selbstverständlichkeit aufgegeben hat.
VI. Ēnshī Yùlù — Das chinesische Überbleibsel
In China selbst ist die Dampfentaktivierung nahezu verschwunden. Doch nahezu ist nicht ganz. In den Bergen von Ēnshī (恩施) im westlichen Húběi (湖北) hat sich, wie durch Zufall, eine einzige bedeutende Sorte erhalten, die noch nach der alten Methode gefertigt wird: der Ēnshī Yùlù (恩施玉露, "Edeltau aus Ēnshī"). Sein Name verwendet dieselben Schriftzeichen wie der japanische Yùlù — eine sprachliche Spur, die nicht zufällig ist.
Die Geschichte dieses Tees ist eigentümlich. Seine handwerkliche Form geht der Überlieferung nach auf das frühe 18. Jahrhundert zurück, als ein Teehändler namens Lán in einem Dorf am Huánglián-Fluss einen eigenen Brennofen errichtete, dessen Aufbau dem heutigen Yùlù-Trockenofen sehr ähnlich war. Die Blätter, die er fertigte, waren jadegrün und so kostbar wie Jade — daher der Name Yùlǜ (玉綠, "Jadegrün"), der später zu Yùlù (玉露, "Edeltau") veredelt wurde. Im Jahr 1936 begann eine Teefirma in der benachbarten Region Xuān'ēn mit der Fertigung im größeren Maßstab; der Tee fand Käufer bis nach Henan und sogar in Japan, wo Kenner sein Verwandtschaft zur eigenen Tradition sofort erkannten.
In den achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts geriet die Produktion in Schwierigkeiten; das traditionelle Dampfverfahren drohte verloren zu gehen. Erst 1998, durch das Engagement einzelner Teemeister — darunter der inzwischen achtzigjährige Yáng Shèngwěi, der das Verfahren wissenschaftlich dokumentierte und an eine neue Generation weitergab —, wurde es wiederbelebt. Heute gilt Ēnshī Yùlù als immaterielles Kulturerbe Chinas. Seine Produktion ist gering, der Preis hoch, und die Tatsache, dass er außerhalb Chinas fast unbekannt ist, hängt nicht mit seiner Qualität zusammen, sondern mit der Bescheidenheit seiner Vermarktung.
Das Verfahren entspricht in den Grundzügen dem japanischen Yùlù, weist aber Eigenheiten auf, die seine chinesische Herkunft verraten. Die Dämpfung dauert etwa 45 bis 50 Sekunden — länger als beim japanischen Sencha, kürzer als bei der traditionellen Tang-Form. Nach dem Dämpfen folgt eine besondere Sequenz, die im Japanischen kein Gegenstück hat: zwei Phasen des Wokröstens auf niedriger Hitze (chǎo tóu máohuǒ 炒頭毛火 und chǎo èr máohuǒ 炒二毛火), zwischen denen das Blatt auf einem Lehmofen mit den Händen gerollt wird. Der Höhepunkt der Bearbeitung ist die Phase des Formens und Polierens (zhěngxíng shàngguāng 整形上光), in der zwei Meister einander gegenüberstehen, in einer Pose, die dem Taiji-Stand ähnelt, und mit Bewegungen wie aus dem Taiji-Repertoire (yún shǒu 雲手, dào juǎn gōng 倒卷肱) die Stränge zu jener fadendünnen, geraden Form bringen, die an Tannennadeln erinnert.
Wer einen Aufguss von Ēnshī Yùlù neben einem von japanischem Gyokuro probiert, wird Verwandtschaft und Unterschied gleichermaßen erkennen. Beide sind unmistakable Dampftees: jadegrün, brüheartig, von hoher umami-Intensität. Doch der Ēnshī Yùlù trägt eine leise Schicht des chinesischen Wokfeuerns, die dem rein gedämpften Gyokuro fehlt — ein wärmerer, etwas runder Unterton, eine Spur jener Tradition, die in der Ming-Zeit ganz China veränderte und auch in dieser einen verbliebenen Dampftee-Werkstatt nicht ganz ohne Spur geblieben ist.
VII. Erkennen, was misslungen ist
Beim gedämpften Tee unterscheiden sich die typischen Fehler von denen der vorherigen drei Verfahren — weil das Dämpfen andere, sehr empfindliche Phasen enthält:
- Übermäßiges Dämpfen — Dauert die Dampfeinwirkung zu lange (mehr als ungefähr 90 Sekunden bei den meisten Sorten), wird das Blatt von innen weich und brüchig. Der fertige Tee hat einen flachen, leblosen Geschmack; der Aufguss ist trübe und gelblich; der charakteristische frische Duft fehlt. "Übermäßiges Dämpfen wirkt vor allem auf den Duft", so eine alte chinesische Faustregel.
- Unzureichendes Dämpfen — Dauert die Dampfeinwirkung zu kurz (unter 20 Sekunden), bleiben die Enzyme im Blatt teilweise aktiv. Beim Trocknen oder bei der Lagerung beginnt das Blatt zu rotbraunen Flecken zu werden; der Aufguss zeigt grasige, manchmal sogar säuerliche Noten. "Unzureichendes Dämpfen wirkt vor allem auf den Geschmack", lautet die andere Hälfte der Regel.
- Verzögerte Abkühlung — Werden die gedämpften Blätter nach dem Sieb nicht sofort auf einem flachen Tuch ausgebreitet und abgekühlt, geht die Wärmeeinwirkung weiter, auch wenn das Blatt nicht mehr auf dem Dampf steht. Die Enzyme, schon teilweise zerstört, beginnen Reststoffe abzubauen, das Chlorophyll zerfällt, das Blatt wird gelb. Diese Phase ist beim Dampfverfahren mindestens ebenso kritisch wie das Dämpfen selbst.
- Zu dichte Schicht — Liegen die Blätter im Sieb zu dicht aufeinander, kann der Dampf nicht alle Schichten erreichen. Die unteren Blätter werden überhitzt, während die oberen kaum Hitze empfangen. Das Ergebnis ist eine ungleichmäßige Charge, in der verschiedene Reifegrade nebeneinander vorkommen.
Wer einen gedämpften Tee in der Hand hält, kann durch die Farbe der trockenen Blätter und die Klarheit des ersten Aufgusses meist schnell ein Urteil bilden. Ein gut gemachter Dampftee zeigt eine gleichmäßige, intensive Jadefarbe im trockenen Blatt und einen klar leuchtend grünen Aufguss ohne die geringste gelbliche Trübung.
VIII. Vom rechten Augenblick
Der gedämpfte Tee verlangt eine andere Art von Aufmerksamkeit als seine drei Geschwister. Was er zu geben hat — die ausgeprägte umami-Note, die Klarheit des Aufgusses, die unverkennbar jadegrüne Farbe — entfaltet sich nur unter sehr bestimmten Bedingungen. Wer ihn wie einen wokgefeuerten Tee zubereitet, mit kochendem Wasser und langer Ziehzeit, zerstört genau jene Eigenschaften, derentwegen er gefertigt wurde.
Die Wassertemperatur ist entscheidend und für den europäischen Trinker fast überraschend niedrig. Für einen einfachen Sencha 70 bis 80 °C; für einen mittleren Yùlù 60 °C; für einen feinen Gyokuro oder einen hochwertigen Ēnshī Yùlù sogar nur 50 bis 55 °C — eine Temperatur, bei der die Hand das Wasser ohne Mühe halten könnte. Die Aufgussmenge ist klein: Bei einem Gyokuro werden für eine kleine Tasse oft nur 20 oder 30 Milliliter verwendet, mit einer Ziehzeit von 60 bis 90 Sekunden. Was so entsteht, ist nicht ein Aufguss, sondern eine Brühe im wörtlichen Sinn — dickflüssig, samtig, mit einer Konzentration an Geschmack, die in keinem anderen Tee erreicht wird. Erst der dritte oder vierte Aufguss desselben Blatts beginnt, sich zu öffnen und in Richtung eines normalen Tees zu bewegen.
Aus dieser Trinkweise folgt der Augenblick, der zu diesem Tee passt. Er gehört nicht in den Alltag, nicht zur Mahlzeit, nicht zum Gespräch in größerer Runde. Er gehört zu einem Augenblick der konzentrierten Aufmerksamkeit — am Vormittag, wenn der Geist klar ist und keine andere Aufgabe drängt; oder am späten Nachmittag, in einer halben Stunde der Stille, wenn die Tagesarbeit hinter einem liegt. Er verlangt eine einzelne Tasse, langsam getrunken, und eine ungeteilte Wahrnehmung, denn was er zu zeigen hat, ist nicht Lautstärke, sondern Tiefe.
Die japanische Teezeremonie hat aus dieser Eigenart eine ganze Praxis gemacht. Die Kleinheit der Tassen, die Langsamkeit der Bewegungen, die Stille des Raums — all das ist nicht Folklore, sondern Antwort auf die Beschaffenheit des Materials. Wer einen Yùlù trinkt, wird unwillkürlich langsamer; das ist keine Imitation einer fremden Kultur, sondern das Ergebnis dessen, was der Tee selbst tut, wenn man ihm zuhört.
Was den Nährwert betrifft, hat der Dampftee von allen vier Verfahren das günstigste Profil. Vitamin C, Theanin, Catechine und das Chlorophyll bleiben in höheren Konzentrationen erhalten als bei jedem anderen Verfahren. Dies ist einer der Gründe, warum japanische Studien dem grünen Tee gewisse gesundheitliche Wirkungen zuschreiben — auch wenn die Forschung in vielen Punkten noch nicht abgeschlossen ist. Wer nach Tee sucht, der nicht nur kulturell, sondern auch chemisch nahe am frischen Blatt steht, findet ihn unter den gedämpften Sorten.
IX. Schlussbemerkung
Die Reihe schließt sich mit dem ältesten der vier Verfahren — und mit dem Verfahren, dessen Geschichte am weitesten reicht. Was in der Tang-Zeit in chinesischen Klöstern begann, was über buddhistische Mönche nach Japan kam, was in seinem Heimatland schließlich beinahe vergessen wurde, lebt heute in zwei Formen weiter: als die japanische Hauptlinie der Teefertigung mit ihren Sencha-, Gyokuro- und Tencha-Sorten, und als ein einzelner, bewahrter Faden in den Bergen von Ēnshī.
Wer eine Tasse gedämpften Tees aufbrüht — sei es ein Gyokuro aus Uji, ein Sencha aus Shizuoka, oder ein Ēnshī Yùlù aus Húběi —, hält einen Tee in der Hand, dessen Verfahren älter ist als die meisten Schriften, die über Tee überhaupt verfasst worden sind. In diesem Tee schmeckt man nicht eine Rezeptur, sondern eine sehr lange Kontinuität: die Methode, mit der Lù Yǔ vor zwölfhundert Jahren das frische Blatt entaktivierte, ist im Wesentlichen dieselbe, die heute in einem japanischen Familienbetrieb oder in einer chinesischen Werkstatt am Huánglián-Fluss ausgeführt wird.
Damit ist die Reise durch die vier Wege der chinesischen Grünteefertigung abgeschlossen. Der wokgefeuerte Tee, der ofengetrocknete, der sonnengereifte und der gedämpfte: vier Antworten auf dieselbe Aufgabe, die Enzyme im frischen Blatt zu zerstören. Jede Antwort hat eine eigene Geschichte hervorgebracht, eine eigene Ästhetik, eine eigene Trinkweise. Die Vielfalt, die heute in einer guten Teeschale auf der ganzen Welt zu finden ist, ist die Frucht dieser jahrhundertelangen handwerklichen Arbeit. Sie zu kennen heißt, eine Tasse Tee mit einem etwas tieferen Verständnis zu trinken — und das ist, am Ende, alles, was eine Beschreibung wie diese leisten kann.
* * *


