YĪN
Hohhot
ᚺ
Die Stadt liegt im Schatten eines Bergs, der in jeder Karte, seit zweitausend Jahren, Yīn Shān heißt — Berg des Yin, Berg des Dunklen, Berg der Schatten. Der Name ist nicht Zeichen, nicht Vergleich. Er ist, was der Berg trägt, seit er getragen wird, und wird es tragen, solang ein Mund ihn spricht.

Südlich von ihm, zwischen der Stadt und dem Land, zwei Flüsse — Dà Hēi Hé, Xiǎo Hēi Hé — der große und der kleine Schwarze Strom. Beide tragen, in ihrem Namen, Wasser; in ihrem Bett trägt keiner mehr. In alten Karten: Adern. Heute: Priele. Im Frühjahr manchmal ein brauner Faden, schmal wie ein Gedanke. Im Sommer nichts.
Die Farbe, die in ihren Namen steht, war niemals eine Farbe ihres Wassers. Sie war eine Richtung.
Nach der alten Ordnung, die das Land in fünf Farben aufteilt — Rot dem Süden, Grün dem Osten, Weiß dem Westen, Gelb der Mitte — steht Schwarz, oder xuán, jenes tiefe Dunkel, das weder ganz Nacht ist noch ganz Erde, für den Norden. Für das Ende der Welt. Für jene Gegend, von der die alten Texte sagen, sie sei nicht eigentlich ein Ort, sondern das, woran ein Wissen endet.
Die Flüsse also, die südlich fließen, tragen, in ihrem Namen, die Farbe dessen, was nördlich von allem liegt — als hätte, wer sie benannte, nicht ihr Wasser beschrieben, sondern die Richtung, in die ihr Wasser, wär' es noch vorhanden, denken würde.
Nach der älteren Ordnung, die hier denkt, ist der Süden eines Berges Schatten, und der Norden eines Flusses Schatten. Die Stadt liegt im Süden des Yīn, die Stadt liegt im Norden des Hēi. Der Berg trägt den Schatten in seinem Namen. Die Flüsse tragen die Farbe des nördlichsten Endes in ihren.
Einmal durch die Lage — südlich des Bergs.
Einmal durch den Namen — den der Berg selber trägt.
Einmal durch die Lage — nördlich der Flüsse.
Einmal durch die Farbe — die diese Flüsse tragen.
Viermal liegt dieser Ort im kalten, aufnehmenden, dunklen Prinzip der Welt.
Solche Orte, sagen die alten Texte, sind seit jeher umkämpft, und tatsächlich hat es hier, zweitausend Jahre lang, kaum einen Frieden gegeben, der länger hielt als ein Menschenleben. Ein Teil der Mauer zieht entlang des Bergs. Die Rückseite der Mauer zeigt nach Norden, der Steppe entgegen. Jenseits des Bergs beginnt die Hochebene.
ᚠ
Der Tee, den man hier trinkt, heißt Suutei tsai; Tee mit Milch; aber Suutei tsai ist kein Getränk, das man zu einer Mahlzeit trinkt. Suutei tsai ist die Mahlzeit. Man trinkt ihn aus einer Schale; flach, beidhändig zu halten, aus Metall oder Keramik, ohne Henkel, ohne Untergeschirr, in der Mitte leicht vertieft, so daß die Flüssigkeit sich sammelt, ohne vom Rand zu schwappen, wenn man das Gefäß hebt.
Urmḷalëu̇ trinkt ihn sechs-, siebenmal am Tag. Vor dem Aufbruch; nach der Rückkehr; vor dem Schlachten; nach dem Reiten; und einmal zwischendurch, wenn kein Anlaß besteht. Bei Temperaturen, die im Januar auf minus vierzig Grad fallen, verbrennt der Körper dreitausendfünfhundert bis viertausendfünfhundert Kalorien am Tag. Der Tee liefert einen nicht unerheblichen Teil davon. Er ist kein Aufputschmittel; er ist ein Grundnahrungsmittel. In dieser Sprache sagt man: ohne Tee zu sein heißt krank zu sein. Das ist nicht metaphorisch gemeint.
ᚨ
Urmḷalëu̇ geht hinauf nach Norden, aus der Stadt hinaus, bis zum Fuß des Yīn Shān. Am Dorf Üst, hinter einem alten tibetischen Kloster, steht eine Mauer. Gestampfter gelber Lehm; drei Meter hoch; zweitausenddreihundert Jahre alt.
Urmḷalëu̇ legt die Hand auf den Lehm. Der Lehm ist warm von der Sonne. Das Gras an der Mauer steht hoch; grün, dicht, summend vor Insekten. Hinter der Mauer, auf der Hangseite, steht ein Baum, dessen Blätter sich im Wind nicht bewegen, weil kein Wind da ist. Die Luft steht. Die Sonne hängt über dem westlichen Kamm des Yīn Shān; ihr Licht ist nicht mehr Licht, sondern das, was übrigbleibt, wenn Licht aufhört.
Im Jahr dreihundertsechs vor unserer Zeitrechnung ließ ein König des Landes Zhao diese Mauer errichten. Der König hieß Wuling. Nördlich seines Landes ritten die Línhú und die Lóufán; sie schossen vom galoppierenden Pferd; sie sprachen eine Sprache, von der heute kein Wort bekannt ist. Wulings Krieger kämpften zu Fuß, mit Streitwagen. Sie konnten die Reiter nicht einholen. Wuling zog die Kleider der Reiter an; er schaffte die Streitwagen ab; er baute eine Reiterei auf; er besiegte die Línhú und die Lóufán; er setzte auf ihrem Weideland einen Bezirk ein, den er Yúnzhōng nannte — Inmitten der Wolken. Yúnzhōng lag sechzig Lǐ südwestlich der Stelle, an der später Kökeqota stehen würde.
Die Sprache der Línhú und Lóufán verschwand. Aber in der Art, wie Wulings Reiter im Sattel saßen, wie sie die Zügel hielten, war etwas, das die Sprache von Zhao nicht aussprechen konnte.

Urmḷalëu̇ nimmt die Hand von der Mauer. Die Körner fallen zurück auf den Boden. Dreißig Schritt entfernt, am Hang, steht ein Schaf und sieht ihn an. Es steht still. Es kaut nicht. Von Norden, hinter dem Berg, kommt ein Laut; kein Wind, kein Tier; etwas Älteres; ein Ton, der zu keiner Sprache gehört, die noch gesprochen wird.
Urmḷalëu̇ fährt hinauf in die Berge. Vor ihm öffnet sich ein flacher Grat aus gelbem Gras; keine Bäume; nur Himmel und Wind. Der Grat hieß, in einer alten chinesischen Karte, Báidào, der Weiße Weg. Die Mongolen der Yuan hatten ihn Ongγun Daba genannt, den Paß der Geister. Aus Ongγun Daba war Wúgōng Bà geworden. So reist ein Name durch Sprachen.
Auf der Mitte des Grats ein runder, flacher Hügel. Kein natürlicher. Vor dreizehnhundert Jahren hatten hier Steinmauern gestanden, in konzentrischen Kreisen; ein Altar im Mittelpunkt; drum herum zwei Gräben; drum herum zwei Plattformen. Heute ist alles flach.
Er setzt sich auf den Grat und trinkt einen Schluck Suutei tsai.
Vor eintausendsechshundert Jahren ritten die Taghbach diesen Paß hinauf. Die Chinesen nannten sie Xiānbēi; am anderen Ende der Seidenstraße sagten die Türken Tabgach. Die Taghbach sprachen eine Sprache, die verwandt war mit der Sprache der späteren Mongolen. Die gesamte Grammatik ist verloren.
Sie bauten hier oben einen Altar. Rund. Im Mittelpunkt eine Kammer aus Holz; darin Tonkrüge voll Hirsewein. Einmal im Jahr ritt der Khagan herauf. Man wartete, bis alle Sterne da waren. Er entzündete einen Holzstoß. Das Feuer stieg in die schwarze Luft. Die Priester tanzten. Alle sangen die Götter hinauf, die sie heruntergerufen hatten. Das hieß guān yún chuān — die ziehenden Wolken betrachten.

Im Jahr vierhundertvierundneunzig ritt der siebte Khagan diesen Paß hinauf. Er hieß Tuòbá Hóng. Er war der letzte. Am Morgen nach der Zeremonie ritt er nach Süden und verbot die Taghbach-Sprache. Die Sprache, in der die Väter auf dem Paß die Götter angerufen hatten, verschwand. Dreißig Jahre später zerstörten die Soldaten der sechs Grenzgarnisonen den Altar. Dann fielen auch sie. Und mit ihnen fiel die Sprache endgültig.
Aus den sechs Garnisonen kamen später die Männer, die das Reich der Táng gründeten. Ihre Großmütter sprachen noch die alte Sprache. Ihre Söhne sprachen nur noch Chinesisch. Aber wenn man die Táng-Prinzen reiten sah — die Art, wie sie im Sattel saßen; die Art, wie sie die Zügel hielten — war da etwas, das die chinesische Sprache nicht aussprechen konnte.
Nach vierundsiebzig Kilometern westwärts biegt die Straße ab. Ein quadratischer Hof aus gestampftem Lehm; gelb; niedrig; vier Ecktürme. Über dem Südtor vier Zeichen: Dà Míng Jīn Guó — Großes Goldenes Reich des Míng.
Měidài Zhào. Maidar-yn Jûû — Kloster des Maitreya.
Urmḷalëu̇ setzt sich auf eine Steinstufe im Hof, trinkt einen Schluck Suutei tsai. Hier, vor Kökeqota, stand schon eine Stadt. Nicht eine Stadt aus Mauern; eine Stadt aus Hütten. Baishing — die Tümed hatten das Wort von den Hán-Flüchtlingen übernommen, die bǎixìng sagten, Hundert Familien, das Volk, und daraus den Namen für ein Dorf aus Lehmhäusern gemacht, in dem die Geflohenen unter mongolischem Schutz saßen.
Altan Khan kam 1565 hierher. Er ließ die Lehmmauer aufziehen. Er ließ den Maitreya-Tempel bauen. Zehn Jahre später baute er Kökeqota. Aber hier hatte er zum ersten Mal eine Stadt, die nicht zusammengerollt und weitergezogen werden konnte.
Drei Sprachen wohnten in diesen Mauern. Die Tümed sprachen ihr Mongolisch. Die Ongüt, die vor ihnen hier gelebt hatten, sprachen eine Turksprache; die Tümed hatten sie überdeckt, aber in den Ortsnamen saßen die Ongüt-Wörter noch, wie Knochen in der Erde. Und die Hán-Flüchtlinge sprachen eine nordwestliche Sprache, die mit den mongolischen Zischlauten um Wörter feilschte — baishing war nur eines davon.

Urmḷalëu̇ trinkt aus. Er steht auf. Der Hof liegt halb im Schatten. An einer Mauer hängt ein zerfetztes Gebetsbanner; rot; mit den Resten einer mongolischen Schrift darauf, die niemand mehr zu lesen versucht.
ᚢ
Dreiundsechzig Winter sah Altan Khan. Im vierzehnten ritt er zum ersten Mal über die Mauer. Seitdem verging kein Winter ohne Überfall. Dörfer brannte er nieder. Speicher nahm er mit. Gefangene führte er heim. Im Frühjahr tauschte er sie gegen Silber, Tuch und Tee.
Einst, im Jahr, da der Jiājìng-Kaiser im Süden saß und die Elixiere trank, die ihm die Daoisten brauten, stand Altan vor den Toren Pekings. Er setzte die Vorstädte in Brand. Drei Tage lang stieg der Rauch über der Hauptstadt. Kein Heer kam. Am vierten Tag zog er ab.
Jahre vergingen. Er wurde älter. Seine Mannen wurden älter. Die Pferde unter ihm verloren ihre Sehnen. Im Winter ging der Atem der Herde langsamer.
Im dreiundsechzigsten Winter befahl er, ein Haus zu bauen.
Ein Haus. Nicht eine Jurte. Wände, die nicht wanderten. Ein Dach, das im Winter an seinem Platz blieb. An der Wand ein Kang — eine Plattform aus Ziegeln, in der die Rauchzüge des Herdes liefen, so daß, wer darauf schlief, von unten gewärmt wurde. In der Jurte lag das Feuer in der Mitte, und der Rauch stieg nach oben, durch die Öffnung, in den Himmel. Im Haus lag das Feuer an der Wand, und der Rauch ging waagerecht, durch den Kang, und wärmte den, der schlief. Er ließ Aprikosenbäume pflanzen. Er ließ Pflaumenbäume pflanzen. Mongolische Augen sahen dort nie zuvor Obstbäume. Er ließ Getreide dreschen. Er roch an den Körnern, ob sie trocken waren.
ᛏ
Aus dem Süden kamen Männer. Sie flohen. Sie flohen vor Hunger. Sie flohen vor Richtern. Sie flohen vor den Häschern, die nach den Leuten vom Weißen Lotus suchten. Sie kamen über die Mauer. Altan nahm sie auf. Er ließ sie Häuser bauen. Er ließ sie Ziegel brennen. Er ließ sie Eisen schmieden. Sie pflügten das Land. Zum ersten Mal, seit Mongolen in dieser Steppe ritten, wuchs unter einem mongolischen Fürsten nicht nur Gras für die Herden, sondern Hirse für den Menschen.
Unter den Männern, die aus dem Süden kamen, war einer, der mehr konnte als die anderen. Er hieß Zhào Quán. Er konnte lesen. Er konnte rechnen. Er wußte, wie man eine Stadt baut. In einer Nacht vor vielen Wintern hatten Männer mit Laternen vor seinem Haus gestanden; sie suchten jene, die sich den Weißen Lotus nannten. Er ritt nach Norden. Er kam über die Mauer.
Rechts neben dem alten Khan stand er; er sagte ihm, wo die Mauern zu ziehen waren; er sagte ihm, wie tief die Brunnen zu graben waren; er sagte ihm, aus welchen Hügeln die Erde kam, damit die Ziegel nach dem Brand nicht zersprangen. Er wies den Töpfern ihre Öfen zu; den Schmieden ihre Essen; den Getreidemühlen ihren Platz, damit der Wind vom Yīn Shān ihnen nicht die Asche in die Stuben trieb. Unter seinen Händen wurde aus den Hütten eine Stadt.
Mit dem Frieden kamen die Gesandten des Míng in das Lager des Khans. Handel sollte erlaubt sein. Titel sollten verliehen werden. Silber sollte fließen. Die Mauer sollte nicht mehr überfallen werden. Und jene, die vom Süden nach Norden geflohen waren und unter dem Schutz des Khans eine Stadt aus dem Boden hoben — jene, die sich den Weißen Lotus nannten — seien zurückzugeben.
Ḷange saß der alte Khan vor dem Feuer; drei Tage lang; er sagte nichts, solange die Gesandten sprachen; er sagte nichts, als sie gingen. Am vierten Tag ließ er Zhào Quán rufen.
An dem Tisch, zwischen ihnen, stand der Suutei tsai. Zhào Quán wußte es schon. Er baute die Stadt. Er hatte Ohren an jeder Mauer. Er baute die Ohren. Er trank den Suutei tsai, den der alte Khan ihm einschenkte. Der alte Khan trank den Suutei tsai, den Zhào Quán ihm einschenkte. Sie tranken beide zu Ende. Niemand sagte ein Wort, das nachher jemand wiederholen konnte.
Lautlos kamen die Häscher. Sie holten ihn ab. Er ging mit ihnen. Sie brachten ihn über die Mauer, die er bauen half. Sie brachten ihn nach Süden, auf einem Weg, den er vor vielen Jahren selbst ging, in die andere Richtung. In einer Halle, die er nicht kannte, las ihm ein Beamter ein Urteil vor. Das Urteil stand vor seiner Ankunft auf dem Papier. Er wurde hingerichtet, langsam, nach dem Gesetz, das für jene galt, die sich gegen das Reich erhoben. Seine Hände, die die Stadt gezeichnet hatten, waren die letzten, die aufhörten.
Ëben im selben Jahr ging der Friede in Kraft. Die Mauer wurde nicht mehr überfallen. In den Märkten an der Grenze floß Silber. Tee aus dem Süden kam ungehindert nach Norden; in die Stadt, die Zhào Quán gebaut hatte und in der er nicht mehr lebte.
U̇nd die Stadt, die er entworfen hatte, wurde ohne ihn vollendet. An Altan Khans Seite lenkte nun seine dritte Gemahlin, Erketü Qatun, die der chinesische Volksmund Sānniángzǐ nannte, die dritte Dame — eine Frau, die noch vierzig Jahre nach dem Tod des Khans den Frieden zwischen Steppe und Mauer halten sollte.
ᛟ
Die Stadt stand. Die Mauern standen. Die Brunnen gaben Wasser. Auf den Dächern lag der erste Schnee des ersten Winters; unter den Dächern brannten die ersten Feuer.
Die Ziegel waren blau. Kein tiefes Blau; kein Himmelblau. Ein graues Blau; ein aschiges Blau; ein Blau wie der Rauch am Morgen. Zhao Quan hatte es aus dem Süden gekannt. Er hatte es den Ziegelbrennern im Norden beigebracht.
Wer am Morgen aus der Steppe zur Stadt heranritt, sah zuerst das Blau. Erst danach sah er die Mauern.
In der Sprache der Steppe heißt blau köke. In der Sprache der Steppe heißt Stadt qota. Kökeqota. Die blaue Stadt.

Niemand hatte ihr diesen Namen gegeben. Die Ziegel hatten ihn gegeben.
Es war ein Brunnen; namens Yùquánjǐng. Das Wasser war süß. Ringsum war das Land salzig; alle Brunnen gaben salziges Wasser, bitteres Wasser, gelbes Wasser. Nur aus diesem einen kam süßes Wasser. Man schöpfte es. Man trug es heim. Man kochte den Suutei tsai damit. Der Suutei tsai salzig; das Brunnenwasser süß.
In den Chroniken, die später in Peking geführt wurden, hieß die Stadt Guīhuà, Rückkehr zur Gesittung. In den Liedern, die in der Steppe gesungen wurden, hieß sie Kökeqota. In ihren Mauern trug sie beide Namen und ging weiter; mit ihrer blauen Farbe, die aus der Ferne zuerst kam.
ᛈ
Urmḷalëu̇ stellt einen Kupferkessel auf den Herd; flach, weit, ohne Henkel.
Er schüttet Wasser hinein und läßt es aufkochen.
Von einem schwarzen Ziegel Tee, hart wie Stein, aus Yǎ'ān, aus Húběi, aus Húnán, über die alten Straßen, die Karawanen Monate lang begehen, bricht er ein Stück mit Messer ab, und wirft es ins kochende Wasser.
Das Wasser wird braun. Das Braun wird dunkler. Das Dunkle wird schwarz.
Milch schüttet er hinzu; im Winter von der Kuh, im Sommer von der Stute. Das Schwarze wird braun. Das Braune wird hell.
Grobes Salz aus den Salzseen nördlich des Yīn Shān streut er hinein; einen Löffel für den gewöhnlichen Kessel; zwei für die große Runde; einen halben für die kleine Schale.
Die lange Eisenkelle. Er taucht sie in den Kessel, hebt sie hoch über den Kopf, so hoch er reichen kann, und läßt den Suutei tsai in einem langen dünnen Strahl zurück in den Kessel fallen. Der Strahl schlägt auf die Oberfläche. Schaum entsteht.
Er schöpft und schüttet zurück. Er schöpft und schüttet zurück. Zwanzig Male. Dreißig Male. Einige sagen: hundert Male. Der Suutei tsai muß geschöpft und zurückgeschüttet werden, bis die Luft in ihm wohnt.
Die Farbe: ein helles Gelb, das ins Grüne geht; überzogen mit einer dünnen Haut, die aufreißt, wenn die Kelle hineintaucht, und sich wieder zusammenschließt, wenn die Kelle herauszieht.
Urmḷalëu̇ schöpft den Suutei tsai in eine flache Schale, hält sie mit beiden Händen und trinkt in langen Schlucken.
ᛞ
Und in jenem Jahr, da Altan Khan das siebzigste seiner Winter zählte, kam sein Großneffe Qutuγtai Sečen Hongtaiji zu ihm zurück aus dem Westen.
Ritt er im Frühjahr mit drei Pferden und zwei Begleitern nach Qinghai; dorthin, wo die Tümed Sommerweiden hielten, am Rand eines großen Sees, der auf mongolisch Köke Nuur hieß. Im Herbst kam er zurück. Er hatte mehr mitgebracht als Nachrichten über die Weiden.
Mitgebracht hatte er dies: am Ufer des Sees hatte er Männer in rötlichen Gewändern getroffen; sie kamen von weiter im Süden, aus einem Land, in dem die Berge in den Himmel ragten; sie sprachen eine Sprache, die er nicht verstand; ein Mann unter ihnen sprach Mongolisch und übersetzte.
Ḷang sprach Qutuγtai in jener Nacht, am Feuer, vor dem alten Khan; er sprach von einer Lehre, die sagte: ein Mensch lebt nicht einmal; er lebt viele Male; wenn er stirbt, stirbt nur sein Leib; was ihn ausmacht geht weiter und nimmt einen neuen Leib. Was in diesem Leben getan wird, bestimmt, in welchen Leib das Nächste eintritt. Wer tötet, wird im nächsten Leben getötet. Wer Blut vergießt, vergießt sein eigenes Blut; nur in einem anderen Leib; in einem anderen Jahrhundert; unter einem anderen Namen.
Altan Khan hörte zu. Er sagte nichts. Das Feuer ging niedriger.
Leise sprach Qutuγtai weiter. Es gab, sagte er, Mittel; es gab Gebete; es gab Verdienste, die gesammelt werden konnten; es gab einen Weg, der Dharma hieß; und die Männer in den rötlichen Gewändern nannten sich Schüler eines Mannes, der diesen Weg gefunden hatte. In ihrem Land, im Süden, gab es einen Lehrer, der als der Höchste unter ihnen galt. Sein Name war Sönam Gyatso. Er lebte in einem Kloster namens Drepung; Drepung lag in der Stadt Lhasa; Lhasa lag hinter Bergen, die höher waren als alle Berge, die sie kannten.
Ër sprach, und er erinnerte den alten Khan, wie einer, der sich an eine verschüttete Sache erinnert, an das lange zurückliegende Treffen zwischen Qubilai Khan und dem Mönch Phagpa; an jenes Bündnis zwischen Steppe und Hochplateau, das den Weltherrschern der Yuán den Rücken gestärkt hatte.
U̇nd der alte Khan sah ins Feuer. Er hatte ein Leben lang Männer getötet. Er hatte Dörfer niedergebrannt. Er hatte Kinder zu Waisen gemacht. Er hatte vor den Toren Pekings gestanden und zugesehen, wie die Vorstädte brannten. Er wußte, was er getan hatte. Er hatte es nie gezählt, weil es zu viel war. Die Magd kam, legte Holz nach, ging wieder. Draußen begann es zu schneien. Der Schnee war fein und fiel lange. Der alte Khan sagte: schicke einen Mann nach Lhasa. Lade ihn ein.
ᚦ
Der alte Khan schickte einen Mann nach Lhasa.
Der Mann ritt im Frühjahr los; drei Pferde, ein Begleiter, Geschenk — ein Bernsteinsiegel aus Nordsee. Er ritt durch die Steppe; über die Berge; durch das Hochland. Er kam im Winter in Lhasa an. Er traf den Lehrer Sönam Gyatso im Kloster Drepung.
Sönam Gyatso empfing ihn. Er nahm die Geschenke. Er hörte die Einladung an.
Er sagte nein.
Der alte Khan schickte einen zweiten Mann.
Der zweite ritt im Frühjahr los; mehr Pferde, mehr Begleiter, mehr Geschenke — ein Bernsteinsiegel aus Nordsee und ein Teeziegel. Er ritt durch die Steppe; über die Berge; durch das Hochland. Er kam im Winter in Lhasa an.
Sönam Gyatso empfing ihn. Er nahm die Geschenke. Er hörte die Einladung an.
Er sagte nein.
Der alte Khan schickte einen dritten Mann.
Der dritte ritt im Frühjahr los. Er nahm etwas mit, das die beiden vor ihm nicht mitgenommen hatten: einen Brief, den der alte Khan selbst hatte aufsetzen lassen. In dem Brief stand nicht, was ein Herrscher einem Lehrer schreibt. In dem Brief stand, was ein Mensch einem Menschen schreibt, der wissen soll, worum es geht.
Er ritt durch die Steppe; über die Berge; durch das Hochland. Er kam im Winter in Lhasa an.
Sönam Gyatso empfing ihn. Er nahm die Geschenke. Er las den Brief.
Er sagte ja.
ᚱ
Im elften Monat des Jahres 1577 verließ Sönam Gyatso Drepung.
Er reiste mit einigen hundert Männern — Mönchen, Dienern, Dolmetschern, Trägern. Sie führten Yaks mit und Pferde und Maultiere; auf deren Rücken das, was man braucht, wenn man weit reist, und dazwischen,Ziegeltee.
Sie zogen nach Nordosten. Die ersten Tage durch Täler; an Flüssen entlang; unter Bergen mit weißen Kappen. Dann stiegen sie auf die Hochebene. Dort gab es keine Täler mehr; nur Weite. Die Luft war dünn. Die Männer atmeten schwer. Die Pferde atmeten schwer. In der Nacht fiel die Temperatur auf dreißig Grad unter Null. Einige Männer erfroren sich die Zehen. Einer verlor drei. Er hinkte weiter.
Sönam Gyatso ritt ein kleines tibetisches Pferd. Er sprach wenig. Am Morgen betete er. Am Abend betete er. Dazwischen ritt er.
Nach vielen Tagen kamen sie an einen Fluß. Breit; in der Mitte floß noch Wasser, dunkel und schnell; an den Rändern lag Eis. Es war der Dri Chu, den die Mongolen Tōngtiān Hé nannten — der Fluß, der den Himmel durchdringt. Am Morgen führten sie die Yaks zuerst aufs Eis; dann die Pferde; dann sich selbst. Ein Yak brach ein, bis zur Brust. Drei Männer zogen ihn heraus. Er lebte.
Am anderen Ufer war das Land anders. Niedriger; mehr Gras. Der Wind kam von Nordosten statt von Westen. An einem der Tage, deren Zahl die Männer nicht mehr zählten, sahen sie im Osten einen Berg, dessen Gipfel über den Wolken stand; drei weiße Spitzen, so hell, daß sie in der Sonne nicht zu betrachten waren. Die Tibeter nannten ihn A-myes rMa-chen — den Großvater, den Gewaltigen; einen der vier heiligen Berge; den Hüter der Quelle, um die der Gelbe Fluß seine erste Biegung macht. Sie gingen nicht näher. Sie zogen an seinem Fuß vorbei, wie man an einem Schlafenden vorbeigeht.

Sönam Gyatso hielt sein Pferd an. Er sagte etwas zu einem seiner Mönche. Der Mönch nickte und schrieb es in sein Buch. Was er sagte, steht in dem Buch des Mönchs, das nicht mehr auffindbar ist.
Sie ritten weiter. An einem Morgen sahen sie in der Ferne Wasser; groß, blau, bis zum Horizont. Köke Nuur; den die Tibeter Tso Ngönpo nannten; den die Hán Qīnghǎi nannten.
An diesem See, irgendwo an seinem Ufer, würde Altan Khan auf ihn warten.
ᛖ
Und im dritten Mond des Jahres, da Altan Khan sein einundsiebzigstes zählte, verließ er Kökeqota.
Ritt er ein rotbraunes Pferd; trug ein weißes Gewand aus dickem Tuch; unter dem Gewand einen Pelz, denn die Nächte waren kalt. An seinem Gürtel hing eine Schale aus Silber, die er von seinem Vater bekommen hatte.
Mitritt seine dritte Gemahlin – Erketü Qatun; Sie ritt auch ein rotbraunes Pferd. Hinter ihnen dreihundert Mann.
Ḷeise wurde die Stadt hinter ihnen kleiner; die Mauern, die blau waren aus der Ferne, wurden zuerst schmal, dann eine Linie, dann nichts. Der Rauch der zehntausend Öfen stieg noch; sie sahen ihn nicht mehr.
Am Horizont lag das Land; nach Süden; zuerst die Steppe, dann die Berge. Sie ritten in die Mánhàn-Berge hinein, die östlich der Stadt standen wie eine Schwelle, die man überschreiten muß, um aus der Sprache der Pferde in die Sprache der Pflüge zu kommen. Die Pfade waren schmal; die Pferde gingen einzeln; der Staub, den das vordere aufwirbelte, legte sich auf das Fell des hinteren.
Links und rechts, hinter den Bergen, öffnete sich ein anderes Land. Die Dörfer hießen Zuǒyún, Yòuyù; zwei Namen, die schön klangen und deren Geschichte nicht schön war. In ihnen steckten vier alte Wörter: Zuǒ-wèi, die linke Garnison; Yòu-wèi, die rechte Garnison; Yúnchuān, die Wolkenebene; Yùlín, der Jadewald. Yúnchuān und Yùlín hatten einst in der Steppe gelegen, nördlich der Mauer, dort, wo Altan Khans Vorväter ihre Pferde weideten. Als die Míng im Jahr 1449 bei Tǔmùbǎo geschlagen wurden, zogen die beiden Garnisonen sich hinter die Mauer zurück und verschmolzen mit der linken und der rechten; aus vier Wörtern wurden zwei; und die Steppe, die sie verlassen hatten, trug fortan keine chinesischen Namen mehr. Die Mauern dieser Dörfer waren aus Lehm, nicht aus Filz; die Felder waren geackert; die Menschen standen an den Wegen und sahen die Reiter vorbeiziehen, ohne ein Zeichen zu machen. Sie ritten weiter nach Südwesten; das Land stieg an; die Luft wurde kälter; die Dörfer wurden seltener; und dann hörten die Dörfer auf.
Ëin Feuer brannte am Abend, wo sie das Lager aufschlugen. Erketü Qatun nahm eine Schale und brachte sie dem alten Khan; Suutei tsai; heiß; salzig. Er trank. Sie trank. Die Männer tranken.
U̇nd der alte Khan ritt weiter.
ᛁ
Das Wetter verhält sich in Übereinstimmung mit dem Ort. Der Winter beginnt, wenn die Halme auf der Steppe gelb werden und die Herden von den Weiden zurückkehren; er endet, wenn das Eis auf dem Dà Hēi Hé aufbricht und das erste Wasser sichtbar wird. Dazwischen schneit es ein-, zweimal; was aber fällt, bleibt liegen. Der Schnee schmilzt nicht. Er härtet, er gräulicht, er nimmt Staub an, er bleibt. In den Gassen, in den Höfchen, auf den Dächern liegt er so lang, wie der Winter dauert, und unter ihm die Erinnerung an den ersten Fall. Es wird in dieser Stadt, während eines ganzen Winters, nichts hinzugefügt und nichts weggenommen. Die Zeit kristallisiert.
Und über der Stadt steht von morgens bis abends ein Nebel — etwas Schwereres, etwas Körnigeres: der Rauch von gebrannter Kohle, von feuchtem Brennholz, von den zehntausend Öfen, die in dieser Stadt vom ersten Frost bis zum letzten brennen. Ein Dunst, der nicht aufsteigt und nicht zergeht, der sich sammelt, wie etwas, das weder lebendig noch tot ist, sondern nur versammelt — ein Atem, der nicht vergeht, mit Wucht. Der Nebel nimmt nicht den Weg ins Malerische. Er nimmt die andere Seite der Straße. Er defokusiert die Zukunft.
Urmḷalëu̇, mit der Schale zwischen beiden Händen, sieht durch das Fenster hinaus. Der Schnee liegt seit dem zwanzigsten November. Er wird dort weiterhin liegen, bis die Sonne stark genug wird, ihn von den Rändern her aufzulösen. Das Getränk in seinen Händen ist warm, und während es warm bleibt, ist draußen noch immer derselbe Tag wie vor dem ersten Fall.
YÁNG
Litang
ᛒ
Nach der Ordnung, die in den Klöstern des Hochplateaus gelehrt wird, steht im Mittelpunkt der Welt ein Berg. Der Berg heißt, in der Sprache, in der er zuerst benannt wurde, Sumeru; auf tibetisch Ri-rab lhun-po; der Erhabene. Er ragt durch alle Schichten des Seins; seine Wurzeln reichen in die Höllen; sein Gipfel trägt den Palast des Götterkönigs; um ihn herum drehen sich Sonne und Mond. Auf seinen vier Seiten — Gold im Norden, Silber im Osten, Lapislazuli im Süden, Kristall im Westen — spiegelt sich das Licht in vier Farben, und die Farbe des Himmels über jedem Land ist die Farbe der Seite, die ihm zugewandt ist.
Nach dieser Ordnung ist Höhe nicht Geographie. Höhe ist Richtung. Sie führt vom Bereich der Tiere durch den Bereich der Menschen zu den Bereichen der Götter; wer höher steigt, steigt näher an das, was die Texte Befreiung nennen. Die Mönche, die auf den Pässen des Hochplateaus ihre Gebetsfahnen in den Wind hängen, hängen sie nicht dort, weil der Wind dort stärker weht; sie hängen sie dort, weil die Stelle, an der der Wind sie trägt, näher am Gipfel des Ri-rab liegt als die Täler, aus denen sie kamen.
Die Stadt liegt auf viertausendvierzehn Metern. Die Wolken hier an den Ohren ziehen vorüber, mit der warmen Betäubung eines lebendigen Atems; die Sterne blinzeln über dem Kopf und man die Hand heben kann, um den herabwerfende Glanz zu berühren; der Wind existieren rings um den Körper, sie erzählen Geschichten des Jenseits. Die Chinesen nennen den Ort Tiānkōng zhī Chéng: die Stadt im Himmel. Die alten chinesischen Atlasse nannten den Ort Gāochéng: die hohe Stadt. Die Tibeter nennen ihn ལི་ཐང, Li-thang; eine Steppe, die so weit und so flach sei wie ein bronzener Spiegel.

Dies ist nicht die Hochebene. Dies ist das, worüber die Hochebene steigt.
Die Steppe heißt Maoya. Sie trägt auf ihrem Rücken die Häuser, die Tempel, die Yaks und die Menschen, die hier wohnen; in einer Höhe, bei der das Wort wohnen sich verändert. Die Luft ist dünn. Der Atem ist kurz. Das Blut verdickt sich. Der Körper arbeitet, vom ersten Tag an, gegen etwas, das er nicht sehen kann; und die Menschen, die hier seit Jahrtausenden leben, haben Lungen, die größer sind als die der Menschen in der Ebene, und Blut, das mehr rote Zellen trägt, und ein Herz, das langsamer schlägt, weil es gelernt hat, mit weniger auszukommen.
An den Rändern der Steppe stehen Berge. Sie stehen nicht so, wie Berge in der Ebene stehen — als Hindernis, als Grenze, als das, woran man nicht weiterkommt. Sie stehen so, wie in den alten Texten die Goldberge um den Sumeru stehen: als Zeugen; als das, was bezeugt, daß die Mitte da ist.

ᛗ
Urmḷalëu̇ kam über den Paß bei Tù'ěr Shān. Der Gipfel war kahl; grauer Fels, zackig, scharfkantig, aufgebrochen wie die Zähne eines alten Gebisses; und aus diesem Fels, auf der östlichen Seite, ragte eine Gruppe von Steinen, die so aussah, als hätte sie jemand hingesetzt — zwei spitze Ohren, ein gedrungener Rumpf, ein Kopf, der nach Westen schaut. Ein Hase, viertausendsechshundert Meter hoch, aus grauem Granit, den kein Mensch gemeißelt hatte.

Richtung Süden, hinter dem Paß, öffnete sich das Steinfeld des Hǎizǐ Shān. Ein Fluß, breit, flach, fast ohne Wasser; und in seinem Bett die Findlinge der alten Gletscher; weiß, rund, glattgeschliffen, jeder einzeln von der Größe eines Hauses, eines liegenden Yaks. Einige standen so nah beieinander, daß man von einem auf den anderen springen konnte; Urmḷalëu̇ sprang; von Stein zu Stein; über das trockene Bett; die weißen Rücken der Findlinge unter seinen Sohlen glatt und kalt. Die Erde hier war nicht aus dieser Zeit. Die Erde hier war die Erde der Kreidezeit; unbewohnt; vor dem ersten Halm.
Mit einem Tuch vor sich saß, am Rand des Flußbetts, ein Tibeter, der Dinge verkaufte. Halsketten aus Hirschknochen; Anhänger aus Stein; die Preise so niedrig, daß sie keinen Preis hatten. Urmḷalëu̇ kaufte einen Stein; flach, grünlich, von der Größe einer Handfläche. Er steckte ihn in die Jackentasche.
Ḷänger als erwartet hatte der Weg ihn hierhergebracht; über Pässe, die viertausendsechshundert Meter hoch lagen; die Luft wurde dünner mit jeder Stunde; das Atmen ging kürzer. Als er in Litang ankam, war die Welt eine andere geworden; die Dinge hatten ihr Gewicht verloren; die Arme schwebten neben dem Körper, als gehörten sie nicht mehr zu ihm; die Stimmen, die er hörte, klangen, als kämen sie von der anderen Seite einer Wand aus Glas; und die Erde unter seinen Füßen war nicht mehr fest, sondern etwas, das sich entscheiden konnte, ob es ihn tragen wollte oder nicht.
An der Tür des Hauses stand er und sah hinein. Eine Frau, in der Küche, vor einem Holzgefäß, das so hoch war wie ihr Ellenbogen; schmal, dunkel, mit einem Kolben, der am Ende eine runde Scheibe trug. Sie stieß den Kolben auf und ab; mit beiden Händen; in einem Rhythmus, der in der Stille der Höhe weiter trug als jedes Wort. Tong-tong-tong. In dem Gefäß war Tee; gekocht mit Yakbutter und Salz; schwarz, gelb, dick; und durch das Stoßen wurde aus zwei Stoffen, die sich nicht mischen wollen, ein dritter; eine Emulsion; ein Zustand zwischen Wasser und Fett, zwischen Trinkbarem und Eßbarem.
Lautlos goß die Frau aus dem mdong-mo in eine Schale, hielt sie ihm hin. Er trank. Der erste Schluck trieb ihm das Wasser in die Augen; salzig, fett, erdig, leicht ranzig. Der zweite ging leichter. Der dritte ging hinunter wie etwas, das der Körper schon kannte, bevor der Mund es kannte. In den Minuten, die er dort stand, die Schale in beiden Händen, ließ der Druck hinter den Schläfen nach; nicht ganz; aber genug, um zu wissen, daß das, was in der Schale war, das war, was das Leben in dieser Höhe ermöglicht.
Ëben dies sagen die alten tibetischen medizinischen Texte: bod-ja wärmt den Körper von innen; hilft gegen die Höhe; hilft gegen den Wind; hilft gegen die Trockenheit der Haut. Was sie nicht sagen, aber was jeder weiß: er hilft auch gegen jene Schwermut, die, wenn man sich auf dieser Höhe zu lange aufhält, langsam in die Glieder steigt und dort bleibt.
U̇nd draußen, als er die Schale zurückgab und in das Licht trat, lag die Maoya-Steppe, flach und weit wie ein bronzener Spiegel; und die Luft, die eben noch nicht gereicht hatte, reichte nun; nicht viel; aber genug.

ᚷ
Am fünfzehnten Tag des fünften Monats des Jahres 1578, am Ufer eines Sees, der in der Sprache der Pferde Köke Nuur heißt, das blaue Meer, standen zehntausend Menschen, und keiner sprach.
Der Wind kam aus dem Nordosten, aus der Steppe; er trug den Geruch von Pferdeschweiß und getrocknetem Dung über das Wasser. Am südlichen Ufer die Klippe, die die Mongolen Chabchiyal nannten, die abgeschlagene; an ihrem Fuß ein Kloster aus Holz und Lehm, gebaut für einen einzigen Tag.
Aus dem Nordosten kamen die Reiter; weißes Gewand, rotbraunes Pferd, weißer Bart; voran ein Mann; neben ihm eine Frau; hinter ihnen dreihundert Mannen, lautlos.
Aus dem Südwesten war ein anderer Zug gekommen; zu Fuß, ohne Pferde, in Roben, die die Farbe von Safran hatten, wo Safran wächst, und die Farbe von Staub, wo er nicht wächst; voran ein Mann, fünfunddreißig Jahre alt; und in der Hand eines Mönchs, der hinter ihm ging, eine Schale, in der Tee war, gerührt mit Yakbutter und Salz, gelb, dick, mit einer Oberfläche, die das Licht des Morgens matt zurückwarf.
An der Klippe trafen sich die beiden Züge. Der Mann vom Nordosten stieg ab. Der Mann vom Südwesten blieb stehen. Zwischen ihnen lag nichts als der Wind, der Staub, und die Stille von zehntausend Menschen, die den Atem anhielten. Zwei Schalen standen, zum ersten Mal, nebeneinander auf derselben Erde; die eine salzig, aus der Steppe; die andere salzig, vom Hochplateau; die eine aus einem Kupferkessel; die andere aus einem Holzgefäß.
Sönam Gyatso gab dem Khan ein Stück Bernstein an einer Schnur; ungeschliffen, ungeschnitzt, die Rinde noch daran. Eines der sieben Heiligtümer. Der Khan nahm es; er legte sich die Schnur um den Hals; er sagte nichts.
Der Khan gab dem Mönch einen Ziegel Tee. Dunkel, hart, nicht größer als zwei Handflächen, der nach Rauch und Erde roch. Der Ziegel stammte aus einer Werkstatt in Jīngyáng, einem Ort, der südlich der Mauer lag, an dem kein Tee wuchs und an dem dennoch, seit zweihundert Jahren, die Teeschmiede des Nordens ihre Arbeit taten: sie preßten das schwarze Blatt aus den Provinzen des Südens in Formen aus Holz, und wenn man den fertigen Ziegel aufbrach, schimmerten im Inneren, zwischen den Blättern, goldene Körner, die kein Mensch hineingelegt hatte und die kein Mensch erklären konnte — eine Blüte, die nur in diesem Tee wuchs, nur in dieser Stadt, nur mit diesem Wasser.Der Mönch nahm ihn entgegen, ohne die Hände zu heben.
ᛚ
Dann gab er ihm einen Namen.
Der Name lautete, in der Sprache, in der er zuerst ausgesprochen wurde: Očirdara Dalai Lama; der Halter des Donnerkeils; der Meer-Lehrer. Qutuγtai Sečen Hongtaiji verlas die Anrede; ein Dolmetscher namens Gusri Bakshi übersetzte sie vom Mongolischen ins Tibetische; zehntausend Menschen standen und hörten ein Wort, das keiner von ihnen nicht verstanden.
Das Wort war dalai. In der Sprache der Steppe: das Meer.
Der Mönch trug, seit dem Tag, an dem er mit vier Jahren aus dem Haus seines Vaters in den Tempel Drepung gebracht worden war, bereits ein Wort für dieselbe Sache, in seiner eigenen Sprache: rgya-mtsho; der Ozean. Der Khan übersetzte den Namen des Mönchs in eine Sprache, die der Mönch nicht sprach. Der Mönch hörte sein eigenes Wort, in einem fremden Laut, zum ersten Mal.
Der See, an dessen Ufer der Titel gesprochen wurde, hieß Köke Nuur: das blaue Meer. Der Titel hieß: Meer-Lehrer. Die Mongolen gaben dem Mönch das Wort, das sie dem See bereits gegeben hatten. Ob ihnen das aufgefallen ist, sagen die Chroniken nicht.
Sönam Gyatso revanchierte sich. Er gab dem Khan einen Titel, der drei Dinge war: Čakravarti, aus dem Sanskrit, der Dreher des Rades, der Weltenherrscher; Sečen, in der Sprache der Steppe, der Weise; Khan, das keiner Übersetzung bedurfte. Čakravarti Sečen Khan; Weltenherrscher; Weiser Khan; Wiederkehr des Qubilai. Beide Männer gingen aus diesem Tag mit einem Wort nach Hause, das nicht ihnen gehörte, sondern einer Stelle, die vor ihnen und nach ihnen besetzt sein würde. Der eine hatte ein Meer empfangen. Der andere eine Welt.
Am nächsten Morgen erließ der Khan, auf Ersuchen des Mönchs, drei Gebote.
Er verbot, bei Begräbnissen Pferde zu töten; die Pferde sollten fortan am Grab stehenbleiben, lebend.
Er verbot, bei Begräbnissen Frauen zu verbrennen; die Witwen sollten fortan am Feuer stehenbleiben, lebend.
Er verbot den Schamanen, auf den Grabhügeln Blut zu opfern; die Geister sollten fortan ohne Speise bleiben.
ᛇ
Und wenn der Körper aufhört, so sagen die Texte, die in den Klöstern des Hochplateaus von Hand auf Palmblätter und später auf Papier geschrieben wurden, hört die Wesenheit nicht auf; sie geht, wie Wasser, das aus einer Schale gekippt wird, in eine andere Schale über, die irgendwo, in einem Haus, das noch nicht weiß, daß es ausgewählt ist, bereits bereitsteht.
Richtig verstanden ist tulku kein Wort für Wiedergeburt. Wiedergeburt setzt voraus, daß einer stirbt und ein anderer geboren wird. Tulku setzt voraus, daß keiner stirbt; daß der, der den Körper verläßt, und der, der einen neuen betritt, derselbe ist; daß zwischen dem letzten Atemzug des einen und dem ersten Schrei des anderen kein Riß liegt, sondern eine Naht, die man, wenn man genau genug hinsieht, als das erkennt, was sie ist: eine Fortsetzung.
Mönche, die nach dem Tod eines Hierarchen ausgesandt werden, das Kind zu finden, tragen Gegenstände mit sich — eine Schale, einen Ring, ein Tuch —, die dem Verstorbenen gehört hatten. Sie legen diese Gegenstände vor das Kind, zusammen mit anderen, die ihm nicht gehört hatten. Das Kind greift. Wenn es die richtigen Gegenstände greift, ist es erkannt.
Ḷängst bevor das Kind greifen kann, so heißt es, gibt es Zeichen; ein See, dessen Oberfläche ein Gesicht zeigt; ein Vogel, der zur falschen Jahreszeit über ein Kloster fliegt; ein Mönch, der im Schlaf einen Ortsnamen spricht, den er nie gehört hat. Die Zeichen sind, wie alle Zeichen, nur im Nachhinein lesbar.
An dem Tag, an dem der dritte Dalai Lama seinen Titel empfing, am Ufer des Köke Nuur, trug einer der Mönche, die hinter Sönam Gyatso standen, um den Hals eine Schnur aus hundertundacht Knochenperlen, jede einzeln geschnitzt, jede von der Größe einer getrockneten Erbse, glatt vom Gebrauch vieler Hände vor ihm.
Leer ist das Wort, das die Texte für den Zustand zwischen zwei Körpern verwenden, nicht; die Texte sagen: bar-do, der Zwischenraum; ein Ort, der kein Ort ist, eine Dauer, die keine Dauer hat; der Verstorbene ist dort, sehend, hörend, aber ohne Hände, ohne Füße, ohne Gewicht; ein Bewußtsein, das nach einem Gefäß sucht, in das es sich ergießen kann.
Ëben dieses Suchen, sagen die Texte, ist nicht blind. Es folgt einer Richtung, die der Verstorbene vor seinem Tod, in den letzten Augenblicken, durch die Kraft seiner Übung festgelegt hat; ein Wurf, dessen Richtung der Werfende bestimmt, dessen Landung er aber nicht mehr sieht.
U̇nd so geht die Linie weiter; vom dritten zum vierten, vom vierten zum fünften; eine Kette, deren Glieder aus Fleisch sind und deren Faden aus etwas besteht, das keinen Namen hat, den eine Sprache, die nicht die ihre ist, ohne Verlust wiedergeben könnte.
ᚲ
Zwischen jener Begegnung am Köke Nuur im Jahr 1578 und seinem Tod im Jahr 1588 in den östlichen Steppen der Mongolei reiste Sönam Gyatso viel. Auf einer dieser Reisen, im Jahr 1580, stieg er in das hohe Tal hinauf, in dem die Steppe liegt, die wie ein bronzener Spiegel liegt; und gründete dort ein Kloster.
Er nannte es Ganden Thubchen Choekhorling.

Der Mann, der zwei Jahre zuvor, am Ufer eines Sees, von einem mongolischen Khan das Wort dalai empfangen hatte, setzte nun, zweitausend Li südlich dieses Sees, einen Grundstein in eine Erde, die viertausend Meter über dem Meer lag. Das Wort, das er trug, reiste mit ihm.
Es heißt, am Morgen nach der Grundsteinlegung habe ein Mönch, dessen Name nicht überliefert ist, in der noch unfertigen Küche des Klosters, auf einem Herd aus drei aufeinandergesetzten Steinen, die erste Schale bod-ja gerührt, die je in diesem Tal gerührt wurde; der Rauch sei durch ein Loch im Dach gestiegen, das noch kein Dach war; die Butter sei von einem Yak gekommen, das auf der Weide vor dem Kloster stand, das noch kein Kloster war.
Die Mönche, die hier den Morgen beginnen, indem sie um die Stupas gehen, haben ein Gedächtnis, das länger ist als das Haus, in dem sie gehen.
ᛊ
Gras stirbt im Winter und wächst im Frühjahr wieder auf. Eis schmilzt im Sommer und friert im Herbst wieder zu. Berge steigen und fallen; Flüsse trocknen aus und füllen sich; Steine zerbrechen und werden von anderen Steinen bedeckt. Die Texte, die in den Klöstern des Hochplateaus gelehrt werden, sagen: was entsteht, vergeht; was vergeht, entsteht; und zwischen dem Vergehen und dem Entstehen liegt nichts als die Stelle, an der beides geschieht.
Das Kloster in Litang entstand. Es verging. Es entstand. Es verging. Es entstand.
Im Jahr 1717 kamen die Dsungaren aus dem Nordwesten. Sie verbrannten das Kloster.
Drei Jahre später vertrieb die Qīng-Armee die Dsungaren aus dem Hochland. Die Mönche bauten das Kloster wieder auf; an derselben Stelle; mit dickeren Mauern.
Im März des Jahres 1956 belagerte die Armee des chinesischen Kommunisten das Kloster. Vierundsechzig Tage lang hielten die Mauern stand. Am fünfundsechzigsten Tag kamen die Bomben aus der Luft. Was von dem Kloster übrigblieb, war Erde und Asche.

Sechsundzwanzig Jahre lang blieb die Stelle leer. Im Jahr 1982 bauten die Mönche es wieder auf.
An einem Abend im November des Jahres 2013 brach in der großen Halle ein Feuer aus. Eine Statue des Maitreya, zwanzig Meter hoch, verbrannte. Die Bücher verbrannten. Die Halle verbrannte.
Die Mönche bauten sie wieder auf.

ᚹ
Altan Khan kehrte in seine blaue Stadt zurück. Er starb dort am neunzehnten Tag des zwölften Monats des Jahres 1581, was nach dem Kalender der Ming der dreizehnte Januar 1582 war. Er war vierundsiebzig.
Es heißt, am Morgen seines letzten Tages habe man ihm eine Schale gebracht, in der Tee war, gesalzen, mit Milch, nach der Art der Steppe; er habe die Schale mit beiden Händen gehalten, wie einer, der sich an etwas wärmt, das bald nicht mehr warm sein wird; er habe getrunken, oder nicht getrunken; die Schale sei, als man sie ihm abnahm, noch fast voll gewesen.
Drei Jahre später kam Sönam Gyatso zum zweiten Mal nach Norden; nun nicht mehr zu einer Begegnung, sondern zu einem Abschied. Er hielt in der blauen Stadt, in einem neuen Tempel, den man Dà Zhāo nannte, die Einäscherungszeremonie für den Khan. Die Asche wurde in eine Stupa gelegt, die von nepalesischen Handwerkern gefertigt worden war; aus Kupfer, vergoldet, in einer Form, die keine mongolische Hand hätte treiben können.
Der Tempel steht noch. Die Stupa auch. Die Stadt heißt heute Hohhot, Provinzhauptstadt der Autonomen Region Innere Mongolei der Volksrepublik China; aber in den tieferen Schichten ihrer Namen trägt sie immer noch die blaue Farbe jener Ziegel, die Zhao Quan, der Prediger des Weißen Lotus, vor seiner Auslieferung für sie vorgesehen hatte.

Der Mönch, der den Khan bestattet hatte, blieb nicht. Er reiste weiter.
ᛉ
Unter den Hierarchen, die seit der Stiftung jenes Klosters in der Linie gestanden haben, die Altan Khan und Sönam Gyatso 1578 begründeten, ist einer, der eigentlich ein Dichter war, der zufällig auch ein Hierarch war; er befand sich, als er das Gedicht schrieb, das ihn überdauern sollte, nicht in Litang, sondern weiter im Norden, auf dem Weg in eine Gefangenschaft, aus der er nicht zurückkehren sollte. Er war dreiundzwanzig.
Richtung Norden zogen sie ihn, vom Potala herab, durch das Tal des Kyi Chu, über die Pässe, die im Winter unter Schnee liegen und im Sommer unter Wolken; er hatte seine Roben abgelegt, oder man hatte sie ihm abgelegt; die Quellen widersprechen einander.
Mit ihm ging, in jenen letzten Wochen, ein Gedicht; vier Zeilen, nicht mehr. Die erste bittet einen weißen Kranich um seine Flügel. Die zweite versichert, daß der Leihende nicht weit fliegen werde. Die dritte nennt einen Ort. Die vierte sagt, daß er, nachdem er dort gewesen sei, zurückkehren werde.
Ḷitang. Der Ort in der dritten Zeile ist Litang.
Am Ufer des Köke Nuur, desselben Sees, an dem einhundertneunundzwanzig Jahre zuvor sein Titel geboren worden war, starb er; im Jahr 1706, unter Umständen, die keine Chronik eindeutig benennt. Es heißt, er sei krank geworden. Es heißt, man habe ihm etwas gegeben. Es heißt, er habe am letzten Morgen nach einer Schale Tee verlangt, und man habe ihm eine gebracht, und er habe sie nicht getrunken.
Lag, an jenem Ufer, zwischen dem Gras und dem Wasser, in den Jahren nach seinem Tod und in den Jahren davor, eine Hirschkuh, die jeden Herbst an dieselbe Stelle zurückkehrte; die Fischer, die sie sahen, sagten nichts; sie kam, stand, trank, und ging, und kam im nächsten Jahr wieder.

Ër starb, und die Linie, die nicht reißen kann, riß nicht. Sie suchte, wie Wasser, das aus einer Schale gekippt wird, ein neues Gefäß.
U̇nd fand es; zwei Jahre später; in einem Haus am Rand jener Steppe, die wie ein bronzener Spiegel liegt.
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Im Jahr 1708, in einem Haus am nördlichen Rand der Maoya-Steppe, in Litang, wurde ein Kind geboren. Die Mönche, die ausgesandt worden waren, es zu finden, trugen Gegenstände mit sich, die dem Verstorbenen gehört hatten, und andere, die ihm nicht gehört hatten. Das Kind griff. Es griff die richtigen.
Es erhielt den Namen Kelsang Gyatso. Kelsang: auf tibetisch das gute Schicksal. Gyatso: der Ozean, dasselbe Wort, das einhundertdreißig Jahre zuvor, am Ufer eines Sees, von einer Sprache in die andere übersetzt worden war. Der siebte Körper in einer Linie, die aus einem einzigen besteht.
Der Dichter hatte den Ort genannt. Der Ort hatte das Kind hervorgebracht. Das Gedicht hatte vier Zeilen gehabt; die dritte war die Adresse gewesen.
Ich berichte, was erzählt wird.
ᚾ
Der Wind auf dieser Höhe ist nicht zu spüren. Er ist da; er bewegt das Gras, die Gebetsfahnen, den Staub auf der Straße; aber auf der Haut kommt er nicht an. Die Luft ist zu dünn, um Gewicht zu tragen. Was in der Ebene als Stoß käme, als Druck, als etwas, gegen das man sich lehnen muß, ist hier oben nur eine Richtung ohne Kraft; ein Hauch, der Dinge bewegt, ohne den, der zwischen ihnen steht, zu berühren.

Die Wolken stehen. Sie stehen seit dem Morgen; weiß, dicht, mit Rändern, die so scharf geschnitten sind, als hätte jemand sie aus einem anderen Himmel herausgetrennt und in diesen hineingesetzt. Sie bewegen sich nicht. Sie bewegen sich; aber so langsam, daß das Auge die Bewegung nicht fassen kann; erst wenn man wegsieht und eine Stunde später zurücksieht, steht die Wolke, die eben noch über dem östlichen Kamm stand, über dem westlichen; und eine neue ist nachgerückt, an dieselbe Stelle, in derselben Form, als hätte jemand sie kopiert.
In der Ebene unten hat die Zeit ein Gesicht. Sie kommt und geht; sie wird Morgen, wird Mittag, wird Abend; sie färbt den Himmel; sie läßt Schatten wandern. Hier oben hat die Zeit kein Gesicht. Das Licht ändert sich nicht. Die Schatten fallen nicht. Die Sonne steht; hoch, weiß, ohne Wärme; und die Stunden, die unter ihr vergehen, vergehen, ohne daß jemand, der hier sitzt, sagen könnte, ob eine vergangen ist oder drei.
Urmḷalëu̇ sitzt auf einem Stein am Rand der Maoya-Steppe. Der Stein ist warm. In seiner Jackentasche liegt der grünliche Stein, den er am Flußbett des Hǎizǐ Shān gekauft hat. In seinen Händen liegt nichts. Er sitzt und wartet nicht.
Draußen zieht der Wind, den niemand spürt. Darüber ziehen die Wolken, die niemand ziehen sieht.
ᛜ
Das Kloster am nördlichen Rand der Stadt war neu. Die Mauern weiß; die Farbe noch ohne Staub; die Fenster mit frischem Lack. Urmḷalëu̇ ging nicht hinein.

Neben dem neuen Bau stand, an der Stelle, an der das alte Kloster gewesen war, noch eine Kammer; niedrig, aus Lehm, das Dach halb eingestürzt. Vor der Tür hockte ein Mann zwischen Yak-Schädeln, die sich zu einem Haufen aufgetürmt hatten, weiß, ausgebleicht, die Hörner nach oben. Der Mann hatte vor sich eine Steinplatte, grünlich, flach, und schlug mit einem Eisenmeißel Buchstaben in den Stein; Zeile für Zeile; langsam; jeder Schlag ein Laut, den der Stein behielt.

Urmḷalëu̇ ging den Hang hinauf, zum Mani-Haufen. Der Haufen war groß; Steine, aufeinandergeschichtet, über Jahrhunderte, jeder einzeln beschriftet, jeder einzeln getragen. Um den Haufen herum gingen Menschen; Männer, Frauen, Kinder, die vom Pferderennen kamen, in ihren Festtagsgewändern, die Gesichter rot von der Sonne und der Höhe. Sie warfen, im Gehen, bedruckte Blätter in die Luft; Papier, dünn, mit Gebeten, die der Wind trug, über den Haufen, über die Köpfe, über den Hang, in Richtung der Plattform, auf der die Toten den Vögeln gegeben werden.

Ein junger Tibeter drückte Urmḷalëu̇ einen Stapel Blätter in die Hand. Urmḷalëu̇ ging mit; drei Runden um den Haufen; er warf die Blätter, wie die anderen sie warfen, in die Luft; und während er ging, sah er nach oben, in einen Himmel, der so blau war, daß das Wort blau nicht reichte; Wolken standen darin, weiß, reglos, gefroren in einer Höhe, in der sich nichts mehr bewegte; und über den Wolken, in langsamen Kreisen, ein Adler, schwarz, mit Schwingen, die den Wind nicht schlugen, sondern trugen.

Nach der dritten Runde blieb er stehen. Auf dem Mani-Haufen, zwischen den Steinen, stand eine Schale bod-ja; still, voll, unberührt. Ringsum lagen die Blätter; auf den Steinen, auf der Erde, im Gras; die Schale blieb unberührt.
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