— eine Provinz, drei Schwarze Tees
I. Der tote Baum von Hēishí
Im Jahr 1952 reiste ein Mann namens Wáng Zhōngyīn (王鐘音) nach Südchina. Die staatliche Teegesellschaft hatte ihn in den Kreis Cāngwú (蒼梧) geschickt, um den Aufkauf und die Verarbeitung eines Tees zu organisieren, der damals fast ausschließlich nach Südostasien exportiert wurde: Liùbǎo-Tee (六堡茶), benannt nach einem kleinen Ort in den Hügeln von Guangxi.
Drei Jahre zuvor hatte die Kommunistische Partei den Bürgerkrieg gewonnen und die Volksrepublik ausgerufen. Die neue Regierung begann, die verstreuten Wirtschaftszweige des Landes systematisch zu erfassen — darunter den Tee. Wáng, ein Teefachmann mit Erfahrung in der Verarbeitung, gehörte zu den Leuten, die die neue Regierung in die Provinzen schickte, um Bestandsaufnahmen zu machen: Was wächst wo, wer stellt es her, in welcher Qualität, und wohin geht es.
Er hatte einen konkreten Plan. Im Dorf Hēishí (黑石), tief im Liùbǎo-Gebiet, gab es der Überlieferung nach einen einzelnen Teebaum, der an einer steilen Felswand wuchs. Die Bauern sagten, sein Tee könne hundert Krankheiten heilen. Wáng wollte Proben nehmen, den Baum dokumentieren, ein Herbarium anlegen.
Er kam bis Hēishí. Dort erfuhr er, dass der Baum seit Jahren tot war.
Acht Jahre später veröffentlichte Wáng Zhōngyīn sein Lehrbuch Zhìchá Gōngyìxué (制茶工藝學) — Die Wissenschaft der Teeverarbeitung — eines der ersten systematischen Werke über chinesische Teeherstellung. Das Buch erschien 1960 in Peking, in einer Auflage von 1.600 Exemplaren, und wurde zum Standardlehrbuch an den Fachschulen für Teeproduktion. Im Kapitel über Liùbǎo-Tee steht der tote Baum von Hēishí, steht die Legende und ihr Ende, stehen die Rezepturen und die Qualitätsstufen — und ein Satz, der sich wie eine Visitenkarte liest: 陈年六堡茶有一种特殊香味 — Alter Liùbǎo-Tee besitzt ein besonderes Aroma. 醇厚爽口带甜 — vollmundig, erfrischend, mit einer Spur Süße. 汤色红亮 — Aufgussfarbe: rot und leuchtend.
Was dieses besondere Aroma war, schrieb Wáng nicht. Andere hatten es längst benannt. Man nannte es Bīngláng xiāng (槟榔香) — den Betelnussduft. Aber dazu später.
II. Der Name und der Fluss
Wie ein Tee seinen Namen bekam
In der Míng-Dynastie führte der Staat ein System namens Bǎojiǎ (保甲) ein — eine Verwaltungsordnung, die ländliche Gebiete in nummerierte Einheiten gliederte. Der Kreis Cāngwú, im Osten der Provinz Guangxi, teilte seinen Bezirk Duōxián (多賢) in sechs solcher Einheiten: Tóubǎo, Èrbǎo, Sānbǎo, Sìbǎo, Wǔbǎo, Liùbǎo — Erster Bezirk bis Sechster Bezirk. In allen sechs Bezirken wuchs Tee. Im sechsten war er am besten. Also hieß der Tee fortan Liùbǎo.
Die älteste erhaltene schriftliche Erwähnung findet sich in der Kreischronik von Cāngwú aus dem Jahr 1872, Band zehn, Abschnitt Waren und Erzeugnisse:
茶产多贤乡六堡,味厚,隔宿不变。
Tee wächst im Bezirk Liùbǎo des Duōxián-Distrikts. Sein Geschmack ist kräftig, über Nacht verändert er sich nicht.
Über Nacht nicht verändert — das klingt nach wenig. Es bedeutet viel. Ein Aufguss, der nach zwölf Stunden weder trüb wird noch seinen Geschmack verliert, hat Eigenschaften, die im subtropischen Klima Südchinas entscheidend sind. Hitze, Feuchtigkeit, Bakterien — ein gewöhnlicher Tee gibt unter diesen Bedingungen in Stunden nach. Liùbǎo nicht.
Die Straße aus Tee und Wasser
In der Qīng-Dynastie, während der Regierungsperiode Jiāqìng (1796–1820), wurde Liùbǎo-Tee in eine offizielle Liste der vierundzwanzig bedeutendsten Teesorten Chinas aufgenommen. Das Merkmal, das ihn qualifizierte, war sein Duft: Bīngláng xiāng, der Betelnussduft — ein trockenes, kühles, leicht holziges Aroma, das keine Zutat ist, sondern ein Ergebnis der Fermentation und Reifung.
Der Tee verließ die Berge auf dem Wasser. Die Route begann an der Anlegestelle Hékǒu (合口) im Ort Liùbǎo. Der Liùbǎo-Fluss ist schmal, und die Boote, die ihn befuhren, waren es auch — flache Kähne, auf die man die Bambuskörbe mit dem Tee lud. In Líbù (梨埠) wurde auf größere Holzboote umgeladen, die den Fluss bis Fēngkāi (封開) hinabtrugen. Dort warteten Dampfschiffe, die den Tee über den Xī-Fluss (西江) nach Guangzhou brachten. Von Guangzhou ging er weiter nach Hongkong, und von Hongkong über See nach Malaysia und Singapur. Vom Bergdorf bis zum Überseehafen: vier Umladestationen, mehrere hundert Kilometer, und auf jedem Abschnitt ein anderes Schiff. Diese Route trägt heute den Namen Cháchuan Gǔdào (茶船古道): Tee-Schiff-Alter-Weg.
Am anderen Ende dieser Route warteten die Zinnminen.
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wanderten Hunderttausende chinesischer Arbeiter nach Südostasien aus, die meisten aus Guangdong und Guangxi. In den Minen der malaiischen Halbinsel — feucht, heiß, fieberträchtig — galt Liùbǎo-Tee als Mittel gegen Erschöpfung und Magenbeschwerden. Die chinesische Medizin nennt das Konzept Qūshī (祛濕) — das Vertreiben von Feuchtigkeit aus dem Körper. Ob die Wirkung so eintritt, wie die Tradition es beschreibt, bleibt offen. Dass die Arbeiter den Tee tranken und dass er deshalb in großen Mengen nach Südostasien verschifft wurde, steht fest.
Die Guangxi Tèchan Wùpǐn Zhìlüè (廣西特產物品志略) — eine 1937 veröffentlichte Übersicht der Spezialprodukte der Provinz Guangxi — verzeichnet für den Zeitraum 1926–1927 eine jährliche Exportmenge von über 600.000 Jīn (etwa 300 Tonnen) allein aus dem Liùbǎo-Gebiet.
Verfall und Rückkehr
Im Juli 1937 griff Japan China an. Die japanische Armee rückte von Norden nach Süden vor und besetzte eine Stadt nach der anderen. Im Oktober 1938 fiel Guangzhou — die Stadt, über die nahezu der gesamte Liùbǎo-Tee den Weg zum Exporthafen nahm. Im Dezember 1941 fiel Hongkong. Damit war die Wasserstraße, auf der der Tee seit Generationen gereist war, an beiden Enden verschlossen.
Die Folgen für das Liùbǎo-Gebiet waren unmittelbar. Die Aufkäufer aus Guangdong, die jedes Jahr in die Berge gekommen waren, kamen nicht mehr. Tee, der nicht verkauft werden konnte, wurde nicht gepflückt. Bauern, die vom Teeverkauf gelebt hatten, wandten sich anderen Einkommensquellen zu oder verließen die Region. Die Teegärten verwilderten — nicht weil sie zerstört wurden, sondern weil niemand mehr einen Grund hatte, sie zu pflegen.
Der Krieg gegen Japan endete 1945, aber die Erholung kam nicht. Es folgte der Bürgerkrieg zwischen der Guómíndǎng (國民黨) und der Kommunistischen Partei, der bis 1949 dauerte. Erst mit der Gründung der Volksrepublik und der Einführung der Planwirtschaft wurde die Teeproduktion neu organisiert. 1953 richtete die staatliche Chinesische Teegesellschaft ein Büro in Wúzhōu (梧州) ein, der Hafenstadt am Zusammenfluss von Xún-Fluss, Guì-Fluss und Xī-Fluss. Von dort aus kontrollierte der Staat fortan den Aufkauf, die Verarbeitung und den Export des Liùbǎo-Tees. Die Produktion lief wieder an, aber unter anderen Vorzeichen: Der Tee ging weiterhin nach Hongkong und Südostasien, an die chinesischen Gemeinden dort. Auf dem chinesischen Binnenmarkt spielte er keine Rolle. Für die meisten Chinesen außerhalb von Guangxi existierte er nicht.
Das änderte sich erst ein halbes Jahrhundert später. In den frühen 2000er-Jahren erlebte Pu-Erh-Tee — ein anderer nachfermentierter Schwarztee, aus der Provinz Yúnnán — einen Boom auf dem chinesischen Markt. Das Interesse an Pu-Erh zog eine allgemeine Aufmerksamkeit für Hēichá nach sich, für dunklen, gereiften Tee als Kategorie. Liùbǎo-Tee, der dieselbe Grundlogik von Fermentation und Reifung teilt, profitierte davon.
Seitdem folgten die institutionellen Anerkennungen in dichter Folge. 2014 wurde die Herstellungstechnik des Liùbǎo-Tees in das nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. 2022 folgte die Aufnahme in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit der UNESCO — als Teil des Sammelantrags „Chinesische Teeherstellungstechniken und damit verbundene Bräuche". Am 1. Januar 2026 trat die Verordnung der Autonomen Region Guangxi zur Förderung des Liùbǎo-Tees in Kraft — das erste Gesetz in Guangxi, das sich einer einzelnen Teesorte widmet.
III. Was im Haufen geschieht
Zwei Wege, ein Tee
Liùbǎo-Tee wird auf zwei verschiedene Arten hergestellt. Die traditionelle Methode — in der Region Bauerntee genannt — kennt keine Wòduī-Fermentation (渥堆). Die Blätter werden nach dem Töten der Enzyme (Shāqīng 殺青), dem Rollen und einer kurzen Ruhephase getrocknet und dann über Monate oder Jahre gelagert. Die Verwandlung geschieht langsam, durch die Zeit.
Die moderne Methode — Fabrik-Tee — führt nach dem Rollen eine gezielte Fermentation im Haufen durch: Wòduī. Die Blätter werden aufgeschichtet, mit Wasser befeuchtet, abgedeckt. Mikroorganismen siedeln sich an. Die Temperatur im Haufen steigt auf 45 bis 55 °C. Der Prozess dauert ein bis drei Monate.
Wáng Zhōngyīn beschrieb 1960 die Grundschritte der Liùbǎo-Herstellung, wie er sie in Cāngwú beobachtet hatte. Die Blätter wurden in einem Eisenwok bei etwa 180 °C geröstet (Shāqīng), dann per Hand oder Maschine gerollt. Nach dem Rollen legte man sie in flachen Haufen — drei bis fünf Zoll hoch — aufeinander und ließ sie sechs bis acht Stunden fermentieren. Danach wurden sie zunächst in der Sonne auf etwa siebzig Prozent Trockenheit gebracht und anschließend über Holzkohle fertig getrocknet.
Für die feinere Praxis notierte Wáng eine erweiterte Methode: Die Blätter wurden zwei- bis dreimal gedämpft, und nach jedem Dämpfen drei bis sieben Tage gestapelt. Alte, grobe Blätter durchliefen drei Zyklen, mittlere zwei. „Nach mehrmaligem Dämpfen und Stapeln wird das Blatt schwarz, der Aufguss rot", schrieb er.
Beide Wege — der langsame und der beschleunigte — führen zur selben chemischen Verwandlung. Sie unterscheiden sich in der Geschwindigkeit, nicht im Prinzip.
Was die Mikroben tun
Die Rohblätter des Liùbǎo-Tees enthalten Catechine — eine Gruppe von Polyphenolen, die für Bitterkeit und Adstringenz verantwortlich sind. Das häufigste davon, EGCG (Epigallocatechingallat), schmeckt herb und zusammenziehend. In einem frischen Blatt liegt der Gesamtpolyphenolgehalt bei etwa 125 Milligramm pro Gramm.
Während der Fermentation geschehen drei Dinge.
Erstens spalten Enzyme, die von Schimmelpilzen wie Aspergillus niger ausgeschieden werden, die Catechine auf. EGCG wird in Gallussäure und einfachere Catechine zerlegt. Die Bitterkeit nimmt ab.
Zweitens werden die Bruchstücke weiter oxidiert und polymerisiert — in einer Kaskade, die über Theaflavine (gelb-orange, kleine Moleküle) und Thearubigine (rot, mittlere Moleküle) zu Theabrowninen führt (dunkelbraun, große Moleküle). Die Theabrownine sind der Hauptgrund für die tiefe, rötlich-braune Farbe des Liùbǎo-Aufgusses. Ihr Gehalt steigt im Verlauf der Fermentation signifikant an.
Drittens akkumuliert Gallussäure in der Anfangsphase — die Konzentration steigt von etwa 1 auf über 20 Milligramm pro Gramm — und wird dann ihrerseits in die Bildung von Theabrowninen eingebaut.
Das Ergebnis: Die Substanzen, die im frischen Blatt Bitterkeit tragen, werden zerlegt und zu etwas Neuem zusammengesetzt. Was als Adstringenz beginnt, endet als Fülle. Das ist die chemische Erklärung für den Satz aus der Kreischronik von 1872: 味厚 — der Geschmack ist kräftig.
Die Goldblüte
In manchen Liùbǎo-Tees finden sich nach der Reifung goldgelbe Punkte: Kolonien des Schlauchpilzes Eurotium cristatum, in der Teesprache Jīnhuā (金花) genannt — Goldblüte. Dieser Pilz kommt auch in den Fúzhuān-Ziegeln (茯磚) aus Húnán vor, wo er seit Jahrhunderten gezielt kultiviert wird.
Eurotium cristatum scheidet zwei Enzyme aus, die den Charakter des Tees verändern. Amylasen spalten Stärke in einfache Zucker — der Tee wird süßer. Oxidasen beschleunigen die Polymerisation der Polyphenole zu Theabrowninen — der grüne, unreife Geschmack verschwindet schneller.
Wáng Zhōngyīn notierte 1960, dass im Liùbǎo-Tee gelegentlich „gelbe Pilzsporen wie beim Fúzhuān" auftreten, fügte aber hinzu, diese hätten „auf Qualität und Preis keinen nennenswerten Einfluss". Der Kontext erklärt die Einschätzung: In den 1950er-Jahren ging Liùbǎo-Tee an die chinesischen Minenarbeiter und Hafenarbeiter in Südostasien. Was dort zählte, war ein robuster, haltbarer, preiswerter Tee, der den Magen beruhigte. Ob er goldene Punkte hatte oder nicht, spielte keine Rolle. Heute, da Liùbǎo-Tee zunehmend als Sammel- und Genussobjekt auf dem chinesischen Binnenmarkt gehandelt wird, gelten dieselben Goldblüten als sichtbares Zeichen gelungener Reifung — und steigern den Preis.
Und der Betelnussduft — Bīngláng xiāng — der diesen Tee seit der Qīng-Dynastie begleitet? Er entsteht nicht durch eine einzelne Substanz. Er bildet sich als Komplex aus flüchtigen Verbindungen, die während der Fermentation und der anschließenden Reifung entstehen: ein trockenes, kühles, leicht holziges Aroma, das sich in keinem frischen Blatt findet. Es braucht Zeit und Mikroben, um zu existieren.
IV. Sechs Sorten aus einem Dorf
Liùbǎo-Tee ist kein einzelnes Produkt. Hinter dem Namen verbirgt sich ein Sortensystem, das nach Erntezeitpunkt, Blattalter, Verarbeitungsmethode und Form unterscheidet.
Nach Jahreszeit
Die feinste und teuerste Kategorie heißt Shèqián Chá (社前茶) — Tee vor dem Frühlingsfest Chūnshè. Die Pflanzen haben den Winter überstanden, die ersten Knospen treiben aus, noch bevor die Sonne den Boden richtig erwärmt hat. Diese Winterknospen sind klein, konzentriert, aromatisch. Nach Shèqián folgen Míngqián (vor dem Qīngmíng-Fest), Qīngmíng Chá, Frühlingstee, Sommertee, Herbsttee, Shuāngjiàng Chá (霜降茶, Tee zur Frostperiode) und Wintertee.
Nach Blattalter
Chágu (茶谷) — Teekorn. Die jüngsten Knospen und Blätter, gepflückt vor dem Qīngmíng-Fest oder dem Gǔyǔ-Regen. Fein verarbeitet, eng gerollt. Die höchste Gütestufe.
Zhōngchá (中茶) — Mittlerer Tee. Blätter mittlerer Reife, gepflückt vom späten Frühling bis zum frühen Herbst.
Èrbái Chá (二白茶) — Zwei-Farben-Tee. Knospen und alte Blätter werden gemeinsam gepflückt, ohne separates Rollen. Im getrockneten Zustand zeigt das Blatt schwarze und weiße Stellen nebeneinander — daher der Name.
Lǎo Chápó (老茶婆) — Alte-Tee-Frau. Grobe, ausgewachsene Blätter, oft vom selben Jahr oder vom Vorjahr. Die Bauern blanchieren sie kurz in kochendem Wasser — 撈水殺青, wörtlich: das Grün im Wasser herausfischen — trocknen sie und lagern sie für den Eigengebrauch. Kein Handelstee im engeren Sinne. Der Geschmack hat eine Tiefe, die aus der Lagerung kommt, nicht aus der Verarbeitung.
Die Ränder des Systems
Am äußersten Rand des Liùbǎo-Sortensystems stehen Produkte, die kein anderes Teesystem kennt.
Cháhuālěi (茶花蕾) — Teeknospen-Blüten. Nicht die Blätter, sondern die Blütenknospen der Teepflanze, getrocknet und aufgegossen. Ein Randprodukt, selten, mit blumigem Charakter.
Cháguǒké (茶果殼) — Teefruchtschalen. Die Schale der Teefrucht, die nach der Blüte reift, getrocknet und als Aufguss verwendet.
Und dann gibt es Chóngshǐ Chá (蟲屎茶) — Insektenkot-Tee.
Der Name schreckt ab. Das Produkt verdient eine genauere Beschreibung.
In den Lagerhäusern des Liùbǎo-Gebiets legen bestimmte Nachtfalterarten — darunter Hydrillodes morosa — ihre Eier auf gelagerte Teeblätter. Die geschlüpften Larven ernähren sich ausschließlich von diesen Blättern. Was sie ausscheiden, sind kleine, gleichmäßige, schwarze Kügelchen, kaum größer als Sesamkörner.
Diese Kügelchen sind kein Abfallprodukt. Sie sind das Ergebnis einer biologischen Transformation: Die Larven zersetzen die Blattstruktur, ihre Verdauungsenzyme bauen die Catechine und Zellulose um, und was am Ende übrig bleibt, hat eine andere chemische Zusammensetzung als das Ausgangsblatt. Die Kügelchen werden gesammelt, getrocknet und als Tee aufgegossen. Man gibt sie in eine Deckeltasse, übergießt sie mit kochendem Wasser und wartet. Die Kügelchen sinken schnell, das Wasser färbt sich dunkel, der Aufguss bleibt klar. Der Geschmack wird als ausgesprochen mild und vollmundig beschrieben — ohne jede Bitterkeit.
Chóngshǐ Chá heißt auch Lóngzhū Chá (龍珠茶) — Drachenperlen-Tee — oder Chábǎo (茶寶) — Teeschatz. Im Sortensystem des Liùbǎo-Tees steht er ganz am Rand: weder planbar noch skalierbar, abhängig davon, dass ein Insekt tut, was ein Mensch nicht steuern kann. Er existiert in kleinen Mengen, für Liebhaber, die bereit sind, ein Stück weiter zu gehen als gewöhnlich.
Nach Verarbeitungsmethode
Die Grundunterscheidung lautet: Traditioneller Liùbǎo-Tee (Bauerntee) — ohne Wòduī-Fermentation, Reifung durch Lagerung — und Moderner Liùbǎo-Tee (Fabrik-Tee) — mit gezielter Wòduī-Fermentation. Eine dritte Kategorie, Maschinen-Tee, verwendet Fermentationsbehälter anstelle von offenen Haufen.
Nach Form
Liùbǎo-Tee wird als loser Tee in Bambuskörben gelagert und gehandelt — die ursprünglichste Form. Daneben gibt es Tuó-Formen (沱, muschelförmig gepresst), Zhuān (磚, Ziegel) und Bǐng (餅, flache Scheiben).
V. Rot, dicht, gereift, rein
Liùbǎo-Tee wird nach vier Merkmalen beurteilt. Die Chinesen fassen sie in vier Schriftzeichen zusammen: 红、浓、陈、醇 — Hóng, Nóng, Chén, Chún.
Hóng — Rot. Die Farbe des Aufgusses. Ein guter Liùbǎo-Tee zeigt ein tiefes, klares Braunrot, das an Bernstein erinnert. Trübe oder matte Farbe deutet auf Fehler in der Fermentation oder der Lagerung.
Nóng — Dicht. Die Textur des Aufgusses. Die Flüssigkeit hat Körper, eine gewisse Viskosität, die im Mund als Fülle wahrnehmbar ist — nicht dünn, nicht wässrig.
Chén — Gereift. Der Duft. Ein reiner, alter Ton ohne Fehlnoten — kein Muff, kein Schimmel, sondern die stille Tiefe eines Tees, der Jahre oder Jahrzehnte geruht hat.
Chún — Rein. Der Geschmack. Mild, süßlich, glatt im Abgang. Keine Schärfe, keine störende Adstringenz.
Wie man Liùbǎo-Tee aufgießt
Die einfachste und zugleich älteste Methode: Teeblätter in einen Tontopf geben, Quellwasser hinzufügen, über offenem Feuer zum Kochen bringen, kurz ruhen lassen, lauwarm trinken. So trinkt man Liùbǎo-Tee in den Dörfern um Cāngwú seit Generationen.
Für die feinere Zubereitung eignet sich eine Gàiwǎn. Drei bis fünf Gramm Teeblätter auf etwa 200 Milliliter Wasser, nahe am Siedepunkt. Liùbǎo-Tee verlangt Hitze. Er hat Temperaturen von sechzig Grad im Fermentationshaufen überstanden und Jahre in Lagerhäusern verbracht — hundert Grad im Wasser beunruhigen ihn nicht.
Der erste Aufguss öffnet die Blätter. Die Farbe zieht langsam ins Rötliche, das Aroma ist noch zurückhaltend. Der zweite Aufguss löst mehr Inhaltsstoffe, der Duft steigt auf. Der dritte Aufguss bringt die volle Tiefe — Fülle und Nachsüße im Gleichgewicht. Vom vierten bis zum sechsten Aufguss hält sich der Tee stabil, Farbe und Geschmack bleiben gleichmäßig.
Was man prüft
Vier Dimensionen, in dieser Reihenfolge:
Die Farbe des Aufgusses. Rot, leuchtend, klar — wie Bernstein oder junger Rotwein im Gegenlicht.
Der Duft. Betelnuss, Holz, alter Keller, Pilze — je nach Alter und Herkunft treten unterschiedliche Schichten hervor.
Der Geschmack. Mild und glatt, mit einem Nachhall, der sich als Süße zurückmeldet — Huígān (回甘), die Süße, die wiederkommt.
Die aufgegossenen Blätter. Rotbraun, weich, elastisch. Steife oder brüchige Blätter sprechen für Fehler in der Verarbeitung.
Ein Detail aus der Kreischronik von 1872 ist auch in der Tasse überprüfbar: Liùbǎo-Tee, einmal aufgegossen, verändert sich über Nacht nicht. Die Farbe bleibt klar, der Geschmack stabil. Was 1872 in einem Satz stand — 隔宿不变 — lässt sich bei jeder Tasse nachprüfen.
VI. Kiefernrauch und eine neue Norm
Guangxi hat mehr als einen dunklen Tee. Liùbǎo ist der bekannteste, aber nicht der einzige.
Guilin-Schwarztee
Im Kreis Língchuān (靈川), nördlich von Guilin, in einem Ort namens Lǎojiē (老街) — Alte Straße — liegt eine Schwarztee-Tradition, die ungefähr 400 Jahre alt ist. In der späten Míng-Dynastie brachten Händler die Technik der Schwarztee-Herstellung aus Húnán nach Nordguangxi. Die Verbindung war der Tee-Pferde-Handel, die Route führte über die Berge.
Die Rohblätter stammen von wildwachsenden Bäumen in den Hochlagen Nordwestguangxis — keine Sträucher, sondern Bäume, Qiáomù (喬木), mit tiefen Wurzeln und großen Blättern. Gepflückt wird nur im Frühling, nur die jungen Triebe.
Die Verarbeitung folgt dem Muster anderer Schwarztees: Welken, Rösten, Rollen, Fermentation im Haufen, nochmaliges Rollen. Aber es gibt einen Schritt, der den Guilin-Schwarztee von allen anderen Tees in Guangxi unterscheidet: die Trocknung über offenem Kiefernholzfeuer. Sōngchái Mínghuǒ Xūnzhì (松柴明火燻制) — Räuchern mit Kiefernscheit und offener Flamme.
Der Rauch zieht in die Blätter ein und bleibt. Das Ergebnis ist ein Tee mit ausgeprägtem Raucharoma — sein Hersteller, der Handwerker Lǐ Zōngjiǎn (李宗儉), beschreibt es als eine Verwandtschaft mit geräuchertem Fleisch. Der Kiefernrauch enthält antimikrobielle Verbindungen, die die Haltbarkeit des Tees verlängern. Nach der Räucherung wird der Tee etwa sechs Jahre lang gelagert, bevor er in den Verkauf kommt.
2020 wurde die Herstellungstechnik des Guilin-Schwarztees in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der Autonomen Region Guangxi aufgenommen.
Die Kiefernrauch-Trocknung ist nicht nur in Guilin zu Hause. Sie findet sich auch in Ānhuà (安化), der Heimat des Húnán-Schwarztees. Wáng Zhōngyīn beschrieb dort 1960 eine spezielle Trocknungsvorrichtung: ein Bett aus Bambusmatten, über vier Fuß hoch, mit einem Feuerkanal an einer Seite und sieben Öffnungen in der Wand, durch die der heiße Kiefernrauch geleitet wurde. Der Rauch zog durch die aufgeschichteten Blätter und hinterließ jenen Duft, der in Ānhuà Sōngyān xiāng (松煙香) heißt — Kiefernrauch-Aroma. In Liùbǎo selbst existierte das Verfahren ebenfalls, aber als Nebenpraktik: „Manche trocknen mit Kiefernholz oder räuchern über dem Herd", notierte Wáng, „das macht den Tee schwarz und glänzend, hinterlässt aber starken Rauchgeschmack." In Liùbǎo wurde der Rauch zum Nebeneffekt. In Guilin wurde er zum Prinzip.
Guìxī-Schwarztee
Am 21. Mai 2024, dem Internationalen Tag des Tees, veröffentlichte die Tee-Entwicklungsbehörde der Stadt Bǎisè (百色) eine technische Norm: Guìxī Hēichá Jiāgōng Jìshù Guīchéng (桂西黑茶加工技術規程) — Verarbeitungsvorschrift für Schwarzen Tee aus Westguangxi. An der Ausarbeitung beteiligten sich das Teeforschungsinstitut der Autonomen Region Guangxi, der Teeverband von Guangxi sowie Tee-Entwicklungsstellen und Unternehmen aus den Kreisen Lèyè, Língyún, Pínguǒ, Xīlín und Lónglín.
Mehr gibt es über diesen Tee derzeit nicht zu berichten. Keine veröffentlichte Sortenbeschreibung. Keine dokumentierte Geschichte. Kein beschriebenes Aromaprofil. Guìxī-Schwarztee existiert bislang als Verwaltungsakt: eine Norm, die festlegt, wie er hergestellt werden soll, ohne dass die Öffentlichkeit bereits weiß, wie er schmeckt.
Drei Schwarze Tees aus einer Provinz. Einer hat es bis zur UNESCO geschafft und in die Gesetzgebung. Einer reift sechs Jahre lang im Kiefernrauch und steht im regionalen Kulturerbeverzeichnis. Der dritte hat seit Mai 2024 eine Verarbeitungsvorschrift. Sein Aroma hat noch niemand beschrieben.
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