Sichuan Dunkler Tee

Pfade zum Dach der Welt


I · Kein Ziegel

In jenem Hügelland am Yangzi wurde der Tee zu Ziegeln gepreßt und auf Kamele geladen. Die Kamele gingen nach Norden, in die mongolische Steppe. Aber der Westen brauchte auch Tee. Der Westen lag jenseits der Hengduan-Berge, oben auf dem Hochland, das die Tibeter ihr Land nannten. Dorthin gingen keine Kamele.

In der späten Qīng-Dynastie zog der Kaiser eine Linie. Wer aus dem alten Südtor von Chéngdū fuhr und westwärts in die Berge stieg, der trug Nánlùbiānchá (南路邊茶) — Tee der Südstraße. Wer aus dem Westtor fuhr und nordwestwärts in die Hochweiden zog, der trug Xīlùbiānchá (西路邊茶) — Tee der Weststraße. Zwei Tore, zwei Wege, zwei Tees, ein Hochland.

Der Tee der Südstraße kam aus Yǎ'ān (雅安), aus Míngshān (名山), aus Tiānquán (天全), aus Yíngjīng (滎經) — einer Handvoll Städte am westlichen Rand des Sichuan-Beckens, dort wo das Land beginnt zu steigen. Er ging nach Westen, ins Land der Tibeter, nach Lhasa und in die Hochtäler dazwischen. Sein Ziegel hieß Kāngzhuān (康磚), sein größerer Bruder Jīnjiān (金尖) — Ziegel von Kāng, Goldspitze.

Der Tee der Weststraße kam aus Qiónglái (邛崃), aus Guànxiàn (灌縣, heute Dūjiāngyàn 都江堰), aus Píngwǔ (平武), aus Wènchuān (汶川) — aus Städten weiter nördlich, am Übergang in die Berge der Aba-Hochebene. Er ging in die nordwestlichen Hochweiden, weiter in die Oasen Qīnghǎis und Gānsùs. Sein Ziegel hieß Fúzhuān (茯磚), von den Hunaner Teemeistern entlehnt; sein gröberer Bruder hieß Fāngbāo (方包), Vierkantbeutel — fünfunddreißig Kilo Stiele und alte Blätter, in eine Bambusmatte gewickelt.

Beide Wege endeten in derselben Geographie: Hochland, dünne Luft, Tee als Grundnahrung, gekocht in Eisenkesseln über Yakdung-Feuer.

Aber der Ziegel war nicht derselbe.

Der Ziegel im Norden, der mit den drei Rillen, war hart wie Stein. Eine Klinge drang nicht ein. Wer ein Stück abbrechen wollte, brauchte ein Beil. Der Ziegel im Westen, der Kāngzhuān, ließ sich mit der Hand zerkleinern. Ein Daumen, eine kleine Drehung, und ein Stück fiel ab.

Vom selben Strauch, derselbe Tee, dieselbe Geste des Pressens — und am Ende zwei verschiedene Dinge. Im Norden ein Block für die Steppe, im Westen ein Block für das Hochland. Die Steppe und das Hochland waren beide weit, beide kalt, beide hatten kein Gemüse. Aber sie tranken den Tee nicht auf dieselbe Weise. Und so wurde der Tee nicht auf dieselbe Weise gepreßt.

Im Hügelland am Yangzi reichte ein Mann seinem Gast eine Schale Lóngjǐng (龍井). In demselben Hügelland nahmen die Bauern die groben Blätter und preßten sie zu einem Stein, der zu den Hirten der mongolischen Steppe reiste. Auf den Hängen von Yǎ'ān, weiter westlich, geschah dasselbe — derselbe Strauch, dieselbe Geste — aber der Block, der entstand, ging in eine andere Richtung und in eine andere Hand. Es ist derselbe Strauch. Die Geographie tat das Übrige.


II · Yǎ'ān 雅安

Yǎ'ān (雅安) liegt am Westrand der Sìchuān-Ebene, dort wo das Land aus der Tiefebene herausbricht und in die Hengduan-Berge ansteigt. Vor der Stadt: das flache, fruchtbare Becken, in dem Reis wächst. Hinter der Stadt: Hügel, dann Berge, dann Schnee. Wer aus der Stadt nach Westen ging, ging hinauf.

In Yǎ'ān regnet es. Eintausendfünfhundert Millimeter im Jahr, manchmal mehr. Über der Stadt steht meist eine Wolke, und unter der Wolke fällt Wasser. Die Sonne scheint hier weniger als in den meisten Städten Chinas — achthundert Stunden im Jahr, nicht mehr. Die Luftfeuchtigkeit liegt bei achtzig Prozent. Im Volksmund hieß das Land Xīshǔ Lòutiān (西蜀漏天) — der undichte Himmel von Xīshǔ. Yǎ'ān selbst nannte man Yǔchéng (雨城) — die Regenstadt.

Auf einem Hügel südlich der Stadt, der Méngdǐng (蒙頂) heißt — Höhe der Wolken — pflanzte ein Mann namens Wú Lǐzhēn (吳理真) im Jahr 53 vor unserer Zeitrechnung sieben Teesträucher. Es ist die früheste schriftliche Aufzeichnung von angebautem Tee in China. Die sieben Sträucher sind längst verschwunden, aber auf dem Hügel wächst der Tee bis heute, im selben Boden, in derselben Wolke.

Der Regen, der auf Méngdǐng fiel, sickerte in die Wurzeln. Die Blätter wuchsen langsam, dunkelgrün, dick. Was hier wuchs, war kein Tee für ein Porzellangeschirr. Es war Tee, der einen langen Weg aushielt — der Regen, Sonne, Frost und Wüstenwind nicht zu fürchten brauchte, weil er aus Regen, Sonne und Frost selbst gemacht war.

Tausend Jahre später, im Jahr 1074, ließ Kaiser Shénzōng der Sòng-Dynastie in Xīndiàn (新店), einer Ortschaft des Bezirks Míngshān, ein Verwaltungsgebäude errichten. Es war ein Hof aus Stein und Holz, vier Trakte um einen Innenhof, mit steinernen Säulen unter den Vordächern. Das Gebäude hieß Chámǎsī (茶馬司) — Behörde für Tee und Pferde. Es war die erste ihrer Art im Reich. Sein Auftrag stand auf einer Steintafel im Hof: Den Vorteil des Teemonopols verwalten, dem Staat zu Diensten; Pferde von den Vier Barbaren beschaffen, alle gegen Tee getauscht.

Sieben Jahre nach der Gründung erließ derselbe Kaiser ein Dekret. Der Tee aus Míngshān, hieß es darin, dürfe ausschließlich gegen Pferde getauscht werden. Erst wenn die jährliche Quote an Pferden erfüllt sei, dürfe ein Bauer seinen Tee frei verkaufen. Das Dekret wurde, wie es in den Annalen heißt, als ewiges Gesetz festgesetzt.

Die Behörde steht heute noch — als Anlage und als Name. Das Gebäude in seiner heutigen Gestalt stammt aus einer Renovierung des neunzehnten Jahrhunderts; aber der Hof, das Tor, die Funktion sind dieselben geblieben. Am Rand der Landstraße steht das schwarz lackierte Tor mit den zwei goldenen Zeichen darauf: 茶馬司. Drinnen ist es leer; an den Wänden hängen Karten, Fotografien, Listen.

Der Regen kam von Méngdǐng herab, durchquerte die Stadt, lief in die Bäche, lief weiter in den Großen Fluß. Ein Teil davon ging in die Wurzeln der Teebäume zurück. Ein Teil verdunstete und stieg wieder als Wolke auf. Die Blätter, die der Regen aufgezogen hatte, wurden im Sommer gepflückt, gepreßt, in Bambus geflochten und auf Rücken geladen. Sie verließen die Regenstadt nach Westen — die Stadt blieb feucht, der Regen fiel weiter.


III · Tee gegen Pferde

Die Behörde im Hof von Xīndiàn hatte einen Auftrag. Sie sollte zusehen, daß der Tee aus Míngshān nicht in den falschen Händen landete. Die richtigen Hände waren die der Hochlandstämme. Was die Hochlandstämme dafür gaben, waren Pferde.

Die Sòng-Dynastie (宋朝) brauchte Pferde. Sie brauchte sie für ihre Grenztruppen, für die Reichspost, für die Reiterei, die gegen die Khitan und später gegen die Jurchen kämpfte. China war ein Land der Reisbauern, kein Land der Pferdezüchter; die guten Pferde wuchsen weiter westlich, auf den Hochweiden Tibets und an den Rändern der Steppe. Wer Pferde wollte, mußte die Hochländer dafür bezahlen. Sie nahmen Tee.

Ein Edikt aus dem Jahr 1081, sieben Jahre nach Gründung der Behörde, legte den Wechselkurs fest: Pferde der ersten Klasse vierzig Pfund Tee, Pferde der zweiten Klasse dreißig, Pferde der dritten Klasse zwanzig. Die Zahl stand am Tor der Behörde. Wer ein Pferd brachte, wurde gewogen, was er bekam.

In Zeiten, in denen die Pferde knapp wurden, stiegen die Preise. Der Kurs unter Kaiser Hóngwǔ (洪武) der Míng-Dynastie (明朝), dreihundert Jahre später, lag bei einhundertzwanzig Pfund Tee für ein erstklassiges Pferd. Die Pferde waren dieselben, der Tee war derselbe; nur der Bedarf hatte sich verschoben. Der Markt, der die Quote bestimmte, saß nicht in der Hauptstadt, sondern auf den Hochweiden. Die Behörde im Hof von Xīndiàn folgte ihm.

Die Míng-Kaiser hatten einen Ausdruck dafür: Yǐ chá zhì biān (以茶治邊) — mit Tee die Grenze regieren. Wer den Tee kontrollierte, kontrollierte den Bedarf. Wer den Bedarf kontrollierte, kontrollierte das Verhalten. Es war derselbe Gedanke, der weiter östlich, im Hügelland am Yangzi, den Mongoleihandel trug. Zwei Fronten, eine Politik. Im Norden die Steppe, im Westen das Hochland; in beide Richtungen ging der Tee.

Im Jahr 1696 verlegte Kaiser Kāngxī (康熙) den Markt. Die Tibeter sollten nicht mehr nach Yǎ'ān kommen, um ihren Tee zu holen; statt dessen sollten Händler aus dem Inland den Tee bis nach Dǎjiànlú (打箭爐) bringen, eine Stadt am Westrand der Hengduan-Berge, jenseits der ersten großen Pässe. Die Stadt heißt heute Kāngdìng (康定). Dort sollten die Tibeter den Tee abholen, dort sollten sie ihre Häute, Felle, Heilkräuter und Goldsand dafür eintauschen. Aus der Behörde wurde ein Verteilungssystem. Der Staat verkaufte Lizenzen, sogenannte yǐn (引), und nur wer eine yǐn hatte, durfte den Tee von Yǎ'ān nach Kāngdìng bringen.

Die yǐn war eine Konzession und eine Steuer zugleich. Wer eine kaufte, bekam das Recht, eine bestimmte Menge Tee zu transportieren; wer ohne yǐn erwischt wurde, riskierte sein Vermögen oder sein Leben. Das System bestand bis ans Ende der Qīng-Dynastie. Es schuf eine Klasse von Teehändlern in Yǎ'ān und den Nachbarstädten, die Generationen lang vom Hochlandhandel lebten — die Familien Jiāng, Yì, Tiān, Kǒng. Ihre Teehäuser hießen Yìxīnglóng (義興隆), Tiānzēnggōng (天增公), Fúhé (孚和), Yǒngchāng (永昌). Manche bestanden seit der späten Míng; manche überlebten bis in die achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts.

Im Jahr 1908 änderte sich der Druck. England hatte Indien, und Indien hatte Tee. Die Pflanzungen in Assam und Darjeeling produzierten in solchen Mengen, daß indischer Tee die Preise weltweit drückte; die Briten begannen, ihn nach Tibet zu schicken, über die Himalayapässe. Wenn der tibetische Markt mit indischem Tee gefüllt würde, wäre der chinesische Einfluß auf das Hochland verloren. Tee, der eintausend Jahre lang das Bindeglied zwischen Inland und Hochland gewesen war, drohte ersetzt zu werden.

Die Antwort kam aus Sìchuān (四川). Zwei Brüder, Zhào Ěrxùn (趙爾巽) und Zhào Ěrfēng (趙爾豐), der eine Generalgouverneur der Provinz, der andere Sondergesandter für die Grenzen Tibets, riefen die Teehändler von Yǎ'ān, Míngshān, Tiānquán, Yíngjīng und Qiónglái zusammen. Sie schlugen vor, eine Aktiengesellschaft zu gründen — keine Behörde, kein Staatsmonopol, sondern ein Unternehmen, das mit dem indischen Tee konkurrieren sollte. Die Händler legten zusammen: dreiunddreißigtausendfünfhundert Tael Silber. Die Gesellschaft hieß Biānchá Gǔfèn Yǒuxiàn Gōngsī (邊茶股份有限公司) — Aktiengesellschaft für Grenztee. Sie war das letzte Unternehmen der Qīng, das mit dem Tee die Grenze sichern sollte.

Die Qīng-Dynastie hatte zu diesem Zeitpunkt noch drei Jahre zu leben. Die Aktiengesellschaft löste sich nach dem Sturz der Monarchie auf. Die englische Gefahr verschwand, der indische Tee fand keinen festen Markt in Tibet, der Yǎ'ān-Tee blieb. Was geblieben war, war das Prinzip: Wer den Tee kontrollierte, kontrollierte das, was die Hochlandstämme nicht entbehren konnten.

Nach 1949 wechselte die Sprache. Aus yǐ chá zhì biān wurde biānxiāochá (邊銷茶) — Grenzabsatztee. Der Staat sicherte die Versorgung der Grenzgebiete, die Preise wurden vom Plan bestimmt, die Mengen ebenfalls. Es war derselbe Apparat unter neuem Namen. Yǎ'ān wurde zur staatlichen Zentrallager­stelle für den Tibet-Handel erklärt. Eintausend Jahre nachdem in einem Hof in Xīndiàn das erste Edikt erlassen worden war, lieferte dieselbe Stadt denselben Tee in dieselbe Richtung — nur die Pferde brauchte niemand mehr.


IV · Guǎiziwō 拐子窩

Auf einem Stein am Wegrand, etwa eine Stunde westlich von Yǎ'ān, ist ein rundes Loch. Es ist nicht groß — etwa so weit wie ein Daumen, etwa so tief wie ein halber Daumen. Der Stein ist Granit, hart, vom Wetter dunkel geworden. Die Form des Lochs ist nicht zufällig: rund, sauber, mit leicht eingebogenem Boden, als hätte man es mit einem Drechseleisen gedreht.

Die Form ist nicht zufällig, weil sie nicht von einem Werkzeug stammt, sondern von einem anderen Stein, der tausend Jahre lang dieselbe Stelle traf.

Der andere Stein war die Eisenspitze eines Stocks. Guǎizi (拐子), so hieß das Gerät: ein hölzerner Stützstock von etwa achtzig Zentimetern Länge, oben mit einem T-förmigen Querholz, unten mit einer Eisenspitze. Wer mit einer Last auf dem Rücken einen Berg hinaufstieg und für einen Moment stehenbleiben mußte, konnte den Guǎizi unter die Last schieben und sich darauf abstützen. Die Eisenspitze fand einen Stein, der hart genug war, sie zu halten. Der nächste Träger fand denselben Stein. Und der nächste. Und der nächste.

Über tausend Jahre hinweg trafen die Eisenspitzen denselben Stein. Aus dem Stein wurde ein Loch. Das Loch heißt Guǎiziwō (拐子窩) — Stockmulde.

Wer auf dem Pfad zwischen Yǎ'ān und Kāngdìng eine Guǎiziwō fand, wußte, daß er auf der richtigen Strecke war. Im Sommer 1939 untersuchte ein achtundzwanzigjähriger Wissenschaftler aus Nánjīng (南京) den Pfad mit einer Filmkamera. Er hieß Sūn Míngjīng (孫明經) und war über einhundertsechzig Tage mit einer Gruppe von Geologen, Geographen und Linguisten unterwegs. Er fragte einen alten Lastenträger, woran man eine echte Cháluò (茶絡) — die Teestraße — von einem gewöhnlichen Bergweg unterscheide. Der alte Mann zeigte auf den Stein. Wo die Stockmulden sind, da geht die Teestraße. Sonst nirgends.

Die Bergpfade von Yǎ'ān bis Kāngdìng waren etwa zweihundert Kilometer lang. Auf dieser Strecke stieg das Land um mehr als zweitausendfünfhundert Meter an. Sie ging über zwei Pässe, je nachdem, ob man die Dàlù (大路), den Hauptweg, oder die Xiǎolù (小路), den Nebenpfad, wählte. Der Hauptweg führte über den Dàxiānglǐng-Berg (大相嶺), vorbei an Yíngjīng und Hànyuán (漢源), über den Fēiyuèlǐng-Paß (飛越嶺), durch Lúdìng (瀘定), hinauf nach Kāngdìng. Der Nebenpfad führte direkter, aber steiler, über den Èrlángshān (二郎山), über die Mǎ'ānshān (馬鞍山) — den Sattelberg — und dann ebenfalls durch Lúdìng. Beide Wege brauchten zwanzig Tage zu Fuß.

Zu Fuß mit einer Last.

Die Last war Tee, in Bambusmatten verschnürt zu Päckchen von neun bis zwölf Pfund das Stück. Ein Lastenträger nahm acht bis zwölf solcher Päckchen auf einmal — sechzig bis neunzig Kilogramm. Die starken nahmen mehr. Aufzeichnungen aus dem späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert nennen Lasten von hundert, hundertzwanzig, einhundertfünfzig Kilogramm pro Mann. In den Volkszählungen der Republikzeit ist die Berufsbezeichnung Bèièrgē (背二哥) — Trägerbrüder — eingetragen.

Eine Frage hatte das Wissenschaftler­team von 1939 gestellt: Warum trugen Menschen den Tee, und nicht Pferde? Auf den meisten anderen Handelsrouten Chinas waren Lastentiere die Regel. Die Antwort war eine ökonomische. Auf den Pässen zwischen Yǎ'ān und Kāngdìng konnte ein Pferd höchstens acht Päckchen tragen, weil die Wege oft nur einen halben Meter breit waren und an Stellen senkrecht über Schluchten verliefen. Ein Mann konnte fünfzehn Päckchen tragen — fast doppelt so viel. Dazu brauchte ein Pferd Futter und einen Treiber; ein Mann brauchte Reis und sich selbst. Die Rechnung war eindeutig.

Die Rechnung war eindeutig auch dann, wenn der Mann fünfzig Kilo wog und sechzig auf dem Rücken trug.

Frauen waren unter den Trägern. Kinder waren unter den Trägern. Manche Frauen trugen einen Säugling unter der Jacke und gleichzeitig einen Stapel Teepäckchen auf dem Rücken. In den dreißiger und vierziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts verließen täglich fünfhundert bis achthundert Lastenträger die Stadt Yǎ'ān in westliche Richtung. Im Winter, wenn die Arbeit auf den Feldern ruhte, waren es mehr.

Sie gingen in Etappen. Zwanzig Li am Tag, wenn die Last schwer war; vierzig, wenn sie leicht war. Bei einer Pause wurde die Last nicht abgesetzt. Wer die Last absetzte, mußte sie wieder hochheben — und sechzig Kilogramm vom Boden auf den Rücken zu bringen, war für einen erschöpften Mann eine Bewegung, die er sich nicht oft leisten konnte. Statt dessen schob er den Guǎizi unter die Last und blieb stehen. Die Eisenspitze auf dem Stein, das Holz unter der Last, der Mann zwischen Stein und Last, atmend.

So entstand die Guǎiziwō.

Einer der letzten Trägerbrüder, die das Wissenschaftler­team 2010 noch lebend antraf, hieß Luó Yǒngfú (羅永福). Er war zweiundneunzig Jahre alt, wohnte im Dorf Chánghépà (長河壩) am alten Pfad. Zwischen 1935 und 1949 hatte er Tee von Yǎ'ān nach Kāngdìng getragen. Er wog damals fünfzig Kilo. Seine Lasten lagen meist über sechzig. Er sagte, er sei über den Mǎ'ānshān-Paß unzählige Male gegangen, im Winter durch einen Meter Schnee, im Sommer durch Schlamm und Mücken. Auf die Frage, wie es gewesen sei, sagte er nur:

Es war zu hart. Einfach zu hart.

Vroumithëlqas trug sein eigenes Gewicht und das Gewicht des anderen. Er ging hinter dem Mann, den Berg hinauf. Im Schnee, der einen Meter hoch lag, blieben zwei Spuren — die des Mannes und seine. Auf dem Stein, in dem die runde Mulde war, stützte sich Vroumithëlqas einen Augenblick. Dann ging er weiter.

Im Dezember 1954 wurde die Sìchuān-Tibet-Straße eröffnet. Die Trägerbrüder verloren ihre Arbeit. Der Stein blieb am Wegrand liegen.

Die Mulde im Stein blieb.

Beierge
Ein Bèièrgē auf einem schneebedeckten Bergweg

V · nach 1954

Im Dezember 1954 fuhr der erste Lastwagen von Yǎ'ān nach Lhasa. Die Straße war im Jahr seiner Eröffnung noch unbefestigt — eine Erdpiste, an manchen Stellen kaum so breit wie das Fahrzeug selbst. Es gab keine Brücken aus Beton, keine Tunnel, keine Strommasten. Es gab eine Spur, die durch die Berge ging. Die Strecke, für die ein Lastenträger sechs Monate gebraucht hätte, war in fünfzehn Tagen geschafft. Die Lastwagen brachten Tee, Reis, Werkzeug, Stoff. Sie kamen mit leeren Anhängern zurück, oder mit Wolle, oder mit Yakhäuten. Die Trägerbrüder gingen nach Hause.

Die Manufaktur in Yǎ'ān, die seit der späten Míng denselben Tee gemacht hatte, blieb. Aus Werkstätten wurden Werkhallen, aus Hand­arbeit wurde Maschinen­arbeit, aus Privatbesitz wurde Staatsbetrieb. Die biānxiāochá-Lieferungen liefen weiter, jetzt nach Plan, in festen Quoten, mit festgelegten Preisen. Die Stadt produzierte denselben Ziegel, den sie tausend Jahre lang produziert hatte. Nur die Hände, die ihn trugen, waren ersetzt durch Räder.

Die Probleme, die im Norden auftauchten — der hohe Fluorgehalt im groben Blatt, die Knochen­veränderungen bei den Trinkern in der mongolischen Steppe — tauchten auch im Westen auf. Auf den Hochweiden Tibets, in den Tälern von Qīnghǎi und Gānsù, fand man dieselben Schäden: bräunliche Zähne bei Kindern, brüchige Knochen bei alten Menschen. Die Diagnose war dieselbe: endemische Fluorose durch Tee. Niemand hatte etwas anderes gehabt zu trinken.

Im Jahr 2007 begann Yǎ'ān, einen fluorärmeren Tee zu entwickeln. Junge Blätter statt alter, häufigere Ernten, weniger Stiele. Der Fluorgehalt sank. Der Geschmack änderte sich. Was früher den Geschmack ausgemacht hatte — die alten, ledrigen Blätter, die wochenlange Fermentation — gab es nicht mehr in der gleichen Konzentration. Die Trinker auf den Hochweiden bemerkten es. Manche kauften ihn nicht mehr.

Die Behörde im Hof von Xīndiàn steht heute noch. Eine Tafel weist auf das nächste Dorf hin, eine andere auf den nächsten Tempel; die Chámǎsī hat ein eigenes Schild. Wer mit dem Auto vorbeifährt, sieht im Vorbeifahren das schwarze Tor und die zwei goldenen Zeichen. Die meisten Wagen halten nicht.

Die Guǎiziwō sind auch noch da. Sie sind nicht ausgeschildert. Wer sie sehen will, muß den alten Pfad finden — manche Stücke gehen heute noch parallel zur Hauptstraße, andere verschwinden in Gebüsch und Hangrutsch. Auf einem Stein im Gebüsch, etwa eine Stunde westlich von Yǎ'ān, ist ein rundes Loch, etwa so weit wie ein Daumen, etwa so tief wie ein halber Daumen. Über dem Loch fahren auf der Hauptstraße die Lastwagen. Sie tragen Tee von Yǎ'ān nach Lhasa, in zwei oder drei Tagen, ohne anzuhalten.

In Húběi wurde der Tee zu einem Stein, den die Hirten der Steppe in den Eisenkessel warfen. In Yǎ'ān wurde der Tee zu einem Block, den die Tibeter zerbröckelten und mit Yakbutter und Salz aufkochten. Es war derselbe Strauch. Zwei Geographien, zwei Hände, zwei Wege. Was sie miteinander verband, lag nicht im Tee. Es lag in dem, was die Menschen am anderen Ende des Wegs nicht entbehren konnten.


Glossar

Die wichtigsten Begriffe, Orte und Personen in der Reihenfolge ihres Auftretens.


Nánlùbiānchá (南路邊茶) — Tee der Südstraße. Der dunkle Tee aus Yǎ'ān und Umgebung, der nach Westen ins tibetische Hochland geht. Bekannt in seinen Formen als Kāngzhuān (康磚) und Jīnjiān (金尖).

Xīlùbiānchá (西路邊茶) — Tee der Weststraße. Der dunkle Tee aus Qiónglái, Wènchuān und den Bezirken am Fuß der Aba-Hochebene, der nach Nordwesten in die Hochweiden Qīnghǎis und Gānsùs geht. Bekannt in seinen Formen als Fúzhuān (茯磚) und Fāngbāo (方包).

Yǎ'ān (雅安) — Stadt am Westrand des Sichuan-Beckens. Hauptzentrum des Südstraßen-Tees seit der Westlichen Hàn-Dynastie. Auch Yǔchéng (雨城), die Regenstadt, genannt; in der klassischen Bezeichnung Teil des Xīshǔ Lòutiān (西蜀漏天), des „undichten Himmels".

Méngdǐng (蒙頂) — Hügel südlich von Yǎ'ān, im Bezirk Míngshān (名山). Ort der ersten schriftlich belegten Teeanpflanzung in China.

Wú Lǐzhēn (吳理真) — Der Mann, der nach den frühesten chinesischen Aufzeichnungen im Jahr 53 v. u. Z. auf dem Méngdǐng sieben Teesträucher pflanzte.

Chámǎsī (茶馬司) — Behörde für Tee und Pferde. Erste ihrer Art im chinesischen Kaiserreich, gegründet 1074 unter Kaiser Shénzōng der Sòng-Dynastie in Xīndiàn (新店), Bezirk Míngshān. Sitz der Verwaltung des Tee-für-Pferd-Tauschhandels.

Yǐ chá zhì biān (以茶治邊) — „Mit Tee die Grenze regieren". Politisches Prinzip der Míng- und Qīng-Dynastien: Da die Hochlandstämme Tee als Grundnahrungsmittel brauchten, ließ sich durch die Kontrolle des Tees ihr Verhalten steuern.

Dǎjiànlú (打箭爐) — Alter Name der Stadt Kāngdìng (康定), am westlichen Rand der Hengduan-Berge. Ab 1696 unter Kaiser Kāngxī Hauptmarktplatz für den tibetisch-chinesischen Teehandel.

Yǐn (引) — Konzession, Lizenz und Steuerinstrument zugleich. Wer eine yǐn besaß, durfte eine festgelegte Menge Tee von Yǎ'ān nach Kāngdìng transportieren. System bestand bis ans Ende der Qīng-Dynastie.

Zhào Ěrxùn (趙爾巽) und Zhào Ěrfēng (趙爾豐) — Zwei Brüder, der eine Generalgouverneur Sìchuāns, der andere Sondergesandter für die tibetischen Grenzgebiete. Initiatoren der Biānchá Gǔfèn Yǒuxiàn Gōngsī (邊茶股份有限公司, „Aktiengesellschaft für Grenztee") von 1908, die mit dem indischen Tee konkurrieren sollte.

Biānxiāochá (邊銷茶) — „Grenzabsatztee". Bezeichnung für den nach 1949 staatlich kontrollierten Tee, der in die ethnischen Hochlandgebiete geliefert wird. Direkter Nachfolger des Tee-für-Pferd-Systems unter neuem Namen.

Guǎiziwō (拐子窩) — Stockmulde. Rundes Loch in einem Stein am Wegrand, entstanden durch das wiederholte Aufstützen mit dem Guǎizi (拐子), dem T-förmigen Stützstock der Lastenträger, über Generationen hinweg. Erkennungszeichen der Teestraße.

Cháluò (茶絡) — Teestraße; volkssprachlicher Name für die Trägerwege zwischen Yǎ'ān und Kāngdìng.

Bèièrgē (背二哥) — „Trägerbrüder". Berufsbezeichnung der Lastenträger auf der Teestraße zwischen Yǎ'ān und Kāngdìng. In den Volkszählungen der Republikzeit als Beruf eingetragen.

Sūn Míngjīng (孫明經) — Wissenschaftler und Filmemacher aus Nánjīng. 1939, im Alter von achtundzwanzig Jahren, durchquerte er mit einer Kamera über einhundertsechzig Tage lang die Bergpfade zwischen Yǎ'ān und Kāngdìng. Seine Aufnahmen sind die wichtigste Bildquelle der späten Teestraße.

Luó Yǒngfú (羅永福) — Lastenträger im Dorf Chánghépà (長河壩), geboren 1922. Trug zwischen 1935 und 1949 Tee von Yǎ'ān nach Kāngdìng, mit Lasten von oft mehr als sechzig Kilogramm. Im Alter von zweiundneunzig Jahren von Forschern aufgesucht und befragt; einer der letzten lebenden Trägerbrüder.

Vroumithëlqas — Begleitfigur dieses Textes. Im Ithkuilischen, einer konstruierten philosophischen Sprache, das innere, alle Wesen zu sich ziehende Schwergewicht des Daseins; eine Art Gravitation des Lebens selbst. Er trägt nicht selbst eine Last, aber das Gewicht eines anderen, und geht in dessen Spuren.

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吃茶去