閩北 – 火與岩
Mǐnběi – Feuer und Felse
I. Daiyun
Das Daiyun-Gebirge liegt quer durch die Mitte der Provinz Fujian. Sein höchster Gipfel mißt 1856 Meter. Der Hauptkamm zieht sich auf rund dreihundert Kilometern von Nordosten nach Südwesten und trennt zwei Anbauregionen, die in der chinesischen Teekunde unter den Bezeichnungen Mǐnběi (闽北) und Mǐnnán (闽南) geführt werden — der nördliche und der südliche Teil der Provinz. Beide bringen halb oxidierten Tee hervor. In keinem anderen Punkt sind sie sich ähnlich.
Im Norden, am Fuß des Wǔyí-Massivs (武夷山), liegt eine Landschaft aus rotem Sandstein. Senkrechte Säulen steigen aus den Schluchten; ein Fluß windet sich neunmal durch die Felswände; die Erde zwischen den Steinen ist dünn und mineralisch. Im Süden, am Fuß desselben Daiyun, liegt eine sanftere Hügellandschaft mit tieferen, leicht sauren Böden. Der nördliche Tee — Wǔyí-Yánchá (武夷岩茶), Felsentee — wird über Stunden hinweg kräftig geschüttelt und über Holzkohle stundenlang geröstet. Der südliche Tee aus Anxi (安溪) wird in vielen kürzeren Zyklen sanft bewegt; geröstet wird er, wenn überhaupt, leicht.
Die Folge dieses Bergrückens läßt sich auf der Zunge messen. Der Wǔyí-Tee schmeckt nach feuchtem Stein, nach gerösteter Mandel, nach getrocknetem Kassia. Der Anxi-Tee schmeckt nach Orchidee, nach frischer Butter, nach grünen Stengeln. Beide sind im selben Verfahren entstanden — zwei Jahrhunderte zuvor, in denselben Werkstätten dieser Provinz erprobt — und doch trennen sie heute Welten. Das, was zwischen ihnen liegt, ist der Berg.
II. Beiyuan
Im Norden Fujians, im heutigen Kreis Jian'ou, liegt am Fuß des Phönixbergs ein Tal namens Beiyuan (北苑). In den frühen Jahren der Song-Dynastie, also im späten zehnten Jahrhundert, wurde dort der bedeutendste Tribut-Tee Chinas hergestellt: gepreßte Kuchen aus feinstem Frühlingstee, geprägt mit Drachen- und Phönixreliefs, ausschließlich für den kaiserlichen Hof. Die Hersteller wurden vom Staat beaufsichtigt; die Form des Kuchens, die Größe der Prägung, das Datum der Lieferung — alles war geregelt. Über vier Jahrhunderte hinweg lieferte Beiyuan diesen Tee.
Die Verarbeitung war damals eine andere. Die Blätter wurden gedämpft, in Mörsern zu einer Paste zerstoßen, in Formen gepreßt und getrocknet. Vom späteren Schütteln, das den Wǔyí-Yánchá hervorbringt, war noch nichts zu sehen. Was sich aber zeigte, ist die Tatsache, daß Nord-Fujian seit der Song-Zeit Chinas wichtigstes Tee-Innovationszentrum war. Die Werkstätten standen dicht; die Klöster hatten eigene Plantagen; die Hofnachfrage war konstant. Wer in dieser Region Tee herstellte, tat es im Wettbewerb mit den besten Werkstätten des Reichs.
Am Ende des vierzehnten Jahrhunderts verlor Beiyuan seine Stellung. Der erste Kaiser der Ming-Dynastie verbot die Tribut-Kuchen und ordnete an, statt dessen lose Blätter zu liefern. Über die folgenden zweihundert Jahre wandelte sich die Verarbeitungstechnik in Nord-Fujian still und tiefgreifend. Die Klöster und Werkstätten, die sich vier Jahrhunderte lang im Stil der gepreßten Kuchen verfeinert hatten, wandten sich nun losen Blättern zu. In dieser Zeit — und nur in dieser Region — entstand das, was man heute yáoqīng (摇青) nennt: das Schütteln der Blätter zwischen Welken und Fixieren, jenes Verfahren, in dem die Halboxidation ihre erste reife Form fand.
Das früheste schriftliche Zeugnis stammt von Wáng Cǎotáng, einem Gelehrten der frühen Qing-Dynastie. In seinem Werk 《茶說》 (Cháshuō, „Vom Tee") beschreibt er die Verarbeitung des Wǔyí-Tees in einer Genauigkeit, die nur jemand erreicht, der die Werkstätten selbst kennt: 「半青半紅」 (bàn qīng bàn hóng — halb grün, halb rot). Das Grün, schreibt er, kommt vom Rösten; das Rot von der Hitze, die das Blatt vor dem Rösten erfährt. Wenn ein Autor um 1700 dieses Verfahren als etablierte Praxis beschreibt, muß es Jahrzehnte zuvor ausgereift gewesen sein. Die heute am weitesten geteilte Datierung verlegt die Entstehung in die späte Ming-Zeit, also ins sechzehnte oder frühe siebzehnte Jahrhundert.
Was als Tribut-Kuchen für die Song-Kaiser begann, wurde tausend Jahre später zu einem halb oxidierten losen Tee, der die Welt erreichen sollte. Beiyuan liegt heute außerhalb der ersten Reihe der chinesischen Teelandschaft. Der Tee, den seine Werkstätten hervorbrachten, hat sie verlassen.
III. Drei Schluchten und zwei Bäche
Im Wǔyí-Massiv wachsen die Teebäume nicht auf weiten Hängen. Sie wachsen in schmalen Terrassen entlang der Schluchtböden und an den Felsfüßen, in dünner Erde über mineralreichem Sandstein. Die Wurzeln greifen in Spalten zwischen den Steinen; das Wasser, das die Bäume erreicht, hat den Stein durchquert, bevor es ins Blatt steigt. Was diese Geographie im fertigen Tee hinterläßt, nennt die chinesische Teekunde yán yùn (岩韵) — den Felsen-Nachhall.
Yán yùn ist ein Begriff, der sich nicht sauber übersetzen läßt. Verkoster sprechen von nassem Stein, von feuchter Grotte, von einem Bodensatz im Mund, der bleibt, wenn die oberflächlichen Düfte verblaßt sind. Das europäische Konzept, das ihm am nächsten kommt, ist Terroir — mit einer Nuance: yán yùn ist nicht nur Herkunftsgeschmack, sondern auch ein Qualitätsprädikat. Ein Wǔyí-Tee hat ihn entweder, oder er hat ihn nicht.
Die traditionelle Einteilung des Anbaugebiets trägt diesem Gedanken Rechnung. Sie unterscheidet drei konzentrische Ringe:
- Zhèngyán (正岩), der innere Kreis, das Herzstück der Felsenzone. Hier liegen die 「三坑兩澗」 (sān kēng liǎng jiàn — die drei Schluchten und die zwei Bäche): Niúlánkēng (牛栏坑), Huìyuànkēng (慧苑坑), Dàkēngkǒu (大坑口), Liúxiāngjiàn (流香涧), Wúyuánjiàn (悟源涧). Tees aus diesen Parzellen tragen den vollen yán yùn.
- Bànyán (半岩), der mittlere Ring, „Halb-Felsen". Noch innerhalb des Gebirges, aber bereits außerhalb der Kernparzellen.
- Zhōuchá (洲茶), der äußere Ring, das Schwemmland an den Flußniederungen.
Seit Jahrhunderten kosten die Tees aus den Kernparzellen ein Vielfaches der anderen. In den letzten zwei Jahrzehnten ist dieser Preisunterschied in ein Spekulationssystem hineingewachsen, das mit europäischen Spitzenweinbergen ohne weiteres mithalten kann. Die Schlucht Niúlánkēng hat dem Tee ihren Namen geliehen: ein Rougui aus Niúlánkēng heißt im Handel 「牛肉」 (niúròu — Rindfleisch), wobei das Wort ròu gleichzeitig auf den Zimt-Cultivar Rougui verweist und im Alltag „Fleisch" bedeutet. Die Wortspiele wuchern. Aus der Parzelle Mǎtóuyán (马头岩) kommt der 「馬肉」 (mǎròu — Pferdefleisch). Was hier nach Spaß klingt, ist in den Auktionsbüchern eine Preisschere, die so groß ist wie zwischen einem Dorf-Bourgogne und einem Romanée-Conti.
Der Berg ist unter den Verkostern in Parzellen gegliedert wie ein Burgund-Atlas. Wer den Wǔyí-Tee ernsthaft trinkt, trinkt nicht „einen Wǔyí-Yánchá". Er trinkt einen Rougui aus Niúlánkēng, oder einen Shuixian aus Huìyuànkēng, oder einen Tieluohan aus Guǐdòng. Der Boden, auf dem die Wurzeln stehen, ist Teil der Beschreibung.
IV. Wasser-Narzisse und Zimt
Innerhalb dieses geographischen Rasters arbeiten die Teemeister mit einer überschaubaren Zahl von Cultivaren. Vier davon werden als 「四大名叢」 (sì dà míngcóng — die vier großen namhaften Büsche) geführt: Dàhóngpáo (大红袍 — der große rote Umhang), Tiěluóhàn (铁罗汉 — der eiserne Arhat), Báijīguān (白鸡冠 — der weiße Hahnenkamm) und Shuǐjīnguī (水金龟 — die Wasser-Gold-Schildkröte). Ihre Geschichten sind alt, ihre Mengen klein, ihre Preise hoch.
Was den Wǔyí-Tee aber heute trägt, sind zwei andere Cultivare, deren Namen weniger poetisch klingen und deren Bedeutung größer ist: Shuǐxiān (水仙) und Ròuguì (肉桂).
Der Shuǐxiān ist der ältere von beiden. Sein Name verbindet zwei Bedeutungen: wörtlich „Wassergeist", im Pflanzenwörterbuch „Narzisse". Die Sorte stammt aus dem Kreis Jianyang nördlich von Wǔyí; ein Bauer fand dort um 1850 einen ungewöhnlich blühenden Strauch und nahm Stecklinge mit nach Hause. Der Tee, den seine Blätter hervorbringen, hat eine charakteristische Mischung aus Orchideenduft und holzigem Grund. Mit zunehmendem Alter der Pflanze gewinnt er eine Note, die chinesische Trinker 「叢味」 (cóng wèi — den Buschgeschmack) nennen — eine tiefe, an feuchtes Holz erinnernde Süße, die nur alte Sträucher hervorbringen. Die ältesten Shuǐxiān-Bäume in Wǔyí sind über hundert Jahre alt. Der Tee, den sie liefern, heißt 老丛水仙 (lǎocóng shuǐxiān — Alt-Busch-Wasser-Narzisse) und gehört zu den langlebigsten Aromaprofilen der gesamten Felsenwelt.
Der Ròuguì ist jünger. Wǔyí-Bauern selektierten ihn im späten neunzehnten Jahrhundert aus lokalen Wildbeständen; bis in die 1980er Jahre spielte er eine Nebenrolle. Heute ist er die meistgehandelte Sorte des Gebirges. Sein Name bedeutet „Zimt-Rinde" und beschreibt das, was in der Tasse passiert: eine scharfe, klar umrissene Würze, die zwischen Kassia und tropischer Frucht steht und die kein anderer Wǔyí-Cultivar in dieser Klarheit liefert. In den letzten zwei Jahrzehnten haben sich um den Ròuguì regelrechte Parzellen-Marken gebildet — der bereits erwähnte „Niúròu", der „Mǎròu". Der Ròuguì ist die Sorte, in der der Wǔyí-Tee am stärksten zur Spekulationsware wurde.
Die übrigen Cultivare bilden eine breite Reserve. Tiěluóhàn, Báijīguān, Shuǐjīnguī erscheinen in kleinen Mengen für Liebhaber. Qílán (奇兰), Běidǒu (北斗), Bànteanyāo (半天妖) werden als Komponenten in Verschnitten verwendet. Und über allen liegt der Mythos eines bestimmten Baumes — desjenigen, der den Namen Dàhóngpáo trägt und am dichten der Mythen aller chinesischen Tees gewachsen ist.
V. Sechs Bäume in einer Felswand
In der Schlucht Jiǔlóngkē (九龙窠 — Neun-Drachen-Kessel) wachsen, mehrere Meter über dem Talgrund in einer Felswand, sechs Teebäume. Die Legende ist bekannt: Ein Gelehrter auf dem Weg zur kaiserlichen Prüfung sei an diesem Ort schwer erkrankt, und ein Mönch habe ihn mit Tee aus genau diesen Büschen geheilt. Der Gelehrte habe die Prüfung bestanden, sei Minister geworden, kehrte zurück und legte seinen leuchtend roten Mantel um die Sträucher. Seither heißen sie Dàhóngpáo — „großer roter Umhang".
Die historische Realität ist einfacher und interessanter zugleich. Die sechs Mutterbäume sind seit 2006 amtlich gesperrt; es wird kein Blatt mehr von ihnen geerntet. Der letzte Ernteposten — zwanzig Gramm aus dem Frühjahr 2005 — wurde in einer Auktion für über zweihunderttausend Yuan versteigert und dem Nationalmuseum übergeben. Was heute unter dem Namen Dàhóngpáo verkauft wird, ist entweder chúnzhǒng Dàhóngpáo (纯种大红袍 — reinsortiger Dàhóngpáo) aus Stecklingen der Mutterbäume, oder pīnpèi Dàhóngpáo (拼配大红袍 — Verschnitt-Dàhóngpáo) aus mehreren Wǔyí-Cultivaren, die gemeinsam das klassische Aromaprofil nachbilden.
Die Verschnittfrage ist für den europäischen Trinker oft eine Enttäuschung: Was er kauft, ist meist kein Tee von einem bestimmten Baum, sondern eine Komposition. Für den chinesischen Verkoster aber ist gerade der Verschnitt der eigentlich kreative Akt. Ein guter Wǔyí-Meister hat einen Stil, an dem sein Dàhóngpáo erkennbar ist, wie eine Handschrift. Der Verschnitt ist sein eigentliches Werk; die einzelne Pflanze ist Material.
Im Februar 1972 brachte Mao Zedong dem amerikanischen Präsidenten Richard Nixon vier Liang Dàhóngpáo aus den Mutterbäumen als Staatsgeschenk. Vier Liang sind zweihundert Gramm; das war damals die Hälfte der jährlichen Ernte aller sechs Bäume zusammen. Der amerikanische Präsident verstand die Geste nicht.
VI. Das Schütteln der Blätter
Die handwerkliche Mitte des Wǔyí-Yánchá liegt in dem Verfahren, das im vorigen Hauptkapitel dieses Buches bereits in seinen Grundzügen beschrieben wurde: dem Schütteln der teilgewelkten Blätter, das mikroskopische Verletzungen an den Rändern erzeugt und so die Halboxidation räumlich differenziert. Hier sollen nur die Wǔyí-spezifischen Eigenheiten festgehalten werden.
Das chinesische Standardwerk zur Teeverarbeitung — 王鐘音《制茶工藝學》 (Zhì chá gōngyì xué, „Lehrbuch der Tee-Verarbeitungstechnik"), 1960 im Verlag der Leichtindustrie erschienen — beschreibt den Wǔyí-Prozeß in dreizehn Arbeitsgängen: Welken, Innenwelken, Schütteln-mit-Oxidation, Erströsten, Erstrollen, Zweitrösten, Zweitrollen, erste Trocknung, Sieben, Abkühlen, Aussortieren, zweite Trocknung, Verpackungs-Nachtrocknung. Die Genauigkeit der Beschreibung läßt sich nur einer Werkstatt entnehmen, die der Autor selbst gesehen hat.
Das Schütteln verläuft in fünf bis sieben Zyklen über zehn bis fünfzehn Stunden, meist über die ganze Nacht. Der erste Zyklus ist kurz: wenige Drehungen des Korbs, dann etwa zwei Stunden Ruhe. Mit jedem Zyklus steigt die Zahl der Drehungen — von zunächst zehn bis fünfzehn auf später zweihundert oder mehr. Zwischen den Zyklen liegt die eigentliche Arbeit des Meisters: er nimmt einzelne Blätter in die Hand, hält sie gegen das Licht, riecht an ihnen, entscheidet.
Nach dem letzten Zyklus zeigen die Blätter das, was die chinesische Teekunde als Zeichen der Reife liest. Die Blattadern sind durchscheinend; das Blatt selbst gelb-rot; der Saum dunkelrot in einer Tiefe von etwa drei Zehnteln; der Duft hat sich von grasig zu blumig zu fruchtig gewandelt und steht jetzt im Werkstattraum sichtbar in der Luft. In diesem Augenblick — nicht später — werden die Blätter in einen Wok bei zweihundert Grad Celsius geworfen. Das Enzym stirbt innerhalb weniger Minuten ab. Der Zustand wird eingefroren.
Was die Wǔyí-Werkstatt von der Anxi-Werkstatt unterscheidet — und damit den nördlichen vom südlichen Tee — sind die Proportionen. In Anxi wird leichter gewelkt, häufiger geschüttelt, kürzer; das Endprodukt ist heller, blumiger, weniger oxidiert. In Wǔyí wird stärker gewelkt, weniger oft, aber kräftiger geschüttelt; das Endprodukt ist dunkler, mineralischer, fester gerollt. Beide Werkstätten arbeiten am selben Übergang zwischen grünem und rotem Tee. Nur greifen sie ihn an verschiedenen Stellen an.
Die Lampen in den Werkstätten brennen die ganze Nacht. Iřḳaülëu̇ steht draußen im Dunkel und hört den Rhythmus der Körbe.
VII. Holzkohle
Nach dem Schütteln, dem Fixieren und dem Rollen folgt der Schritt, der den Wǔyí-Tee von allen anderen halb oxidierten Tees trennt. Die Rollen werden in flachen Bambuskörben über Holzkohle gelegt — tànbèi (炭焙) — und dort, je nach gewünschter Stufe, stundenlang oder über Wochen verteilt geröstet. Der Rost ist nicht das Trocknen am Ende. Er ist eine zweite, eigenständige Verwandlung.
Vier Stufen werden unterschieden. Qīnghuǒ (轻火 — leichtes Feuer): zwei bis drei Stunden bei achtzig Grad. Der Tee bleibt frisch und blumig, mit einer dünnen Schicht Wärme darüber. Zhōnghuǒ (中火 — mittleres Feuer): vier bis sechs Stunden. Karamell und gebrannte Mandel treten hervor; die Frucht wird dunkler. Zúhuǒ (足火 — volles Feuer): viele Stunden, oft in zwei oder drei Durchgängen mit Ruhepausen dazwischen. Gāohuǒ (高火 — hohes Feuer): über Wochen verteilte Mehrfachröstungen, in denen der Tee zwischen den Durchgängen in Tongefäßen ruht und sich chemisch stabilisiert. Diese letzten beiden Stufen erzeugen Aromen, die nur das Feuer hervorbringt: getrocknete Datteln, dunkle Schokolade, der Geruch eines alten Holzschranks.
Das Brennmaterial ist nicht beliebig. Traditionell wird Holzkohle aus den Stämmen alter Lychee-Bäume verwendet — lìzhī tàn (荔枝炭). Sie brennt langsam, gleichmäßig, mit geringem Rauch. Eine moderne Variante verwendet Eichenkohle; die Kenner schmecken den Unterschied. Während der Röstung bedeckt der Meister die Glut zeitweilig mit Asche, um die Hitze zu mildern. Der entscheidende Schritt heißt zǒushuǐbèi (走水焙) — jener Punkt im Prozeß, an dem die Restfeuchte des Blattes verdampft, ohne daß die Aromastoffe mit ihr fortgehen.
Nach der letzten Röstung ruht der Tee. Er liegt in Tongefäßen, manchmal monatelang, manchmal länger; während dieser Ruhe verschwindet die scharfe Note der frischen Kohle, und die tieferen Schichten des Aromas treten hervor. Ein gerade gerösteter Wǔyí-Tee schmeckt zunächst nur nach Feuer. Erst nach dieser Ruhe — tuì huǒ (退火 — das Zurückweichen des Feuers) — ist er trinkbar.
Wer einem alten Wǔyí-Meister beim Rösten zusieht, sieht eine Arbeit, die auf den ersten Blick monoton wirkt. Die Körbe werden umgesetzt, die Asche wird verschoben, die Tonkrüge werden geöffnet und geschlossen. Was geschieht, ist nicht sichtbar. Es geschieht im Inneren der Blätter, in den Maillard-Reaktionen zwischen Aminosäuren und Zuckern, in der langsamen Polymerisation der noch verbliebenen Polyphenole. Der Meister hat eine Hand, die das beurteilen kann. Iřḳaülëu̇ steht daneben und sieht zu.
VIII. Zwei Schiffsladungen
Der Wǔyí-Tee ging früh nach Westen. Im siebzehnten Jahrhundert, in den ersten Jahrzehnten des holländischen und englischen Teehandels mit China, war es genau dieser oxidierte Fujian-Tee — ein Vorfahr des heutigen Yánchá —, der die ersten Schiffsladungen nach Amsterdam und London füllte. Der englische Name Bohea, der jahrzehntelang die Kategorie „schwarzer Tee" bezeichnete, ist eine dialektale Verlesung des Wortes Wǔyí. Was in den Pariser Salons des achtzehnten Jahrhunderts als kostbarste aller Tees galt, kam aus den Schluchten dieses Gebirges.
Im neunzehnten Jahrhundert verlor der Wǔyí-Tee diese Stellung. Die britische Kolonialmacht baute Tee in Assam und auf Ceylon an; der dortige Tee war vollständig oxidiert, einfacher zu verarbeiten, billiger, standardisierbar. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde der Assam-Stil zur Normalform des „black tea" im Westen, und der Wǔyí-Tee verschwand aus der europäischen Wahrnehmung. Was die Engländer heute „black tea" nennen, ist nicht der Tee, mit dem ihre Großeltern ihre Teekanne füllten.
Aber der Wǔyí-Tee verschwand nicht völlig. Er ging in eine andere Richtung — über die Taiwan-Straße. Im Jahr 1810, in der Regierungsperiode des Kaisers Jiāqìng, kehrte ein Mann namens Kē Cháo (柯朝) aus Fujian nach Nordtaiwan zurück und brachte Teesamen aus Wǔyí mit; er säte sie am Ort Jiéyúkēng, dem heutigen Ruifang. Sie wuchsen gut. Aus dieser Saat entwickelte sich der gesamte taiwanische Teebau Nordtaiwans, der sich später entlang der Tamsui-Flüsse ausbreitete.
Fünfundvierzig Jahre später, 1855, kehrte ein junger Gelehrter namens Lín Fèngchí (林凤池) aus dem Kreis Lùgǔ in Zentraltaiwan nach Hause zurück. Er hatte gerade die Provinzialprüfung in Fujian bestanden; seine Verwandten in Wǔyí gaben ihm zur Heimkehr sechsunddreißig Stecklinge der Sorte ruǎnzhī wūlóng (软枝乌龙, Qīngxīn Wūlóng) — der weichholzige Oolong. Lín Fèngchí pflanzte einen Teil der Stecklinge in Lùgǔ, einen Teil in seinem eigenen Hof; den Rest verteilte er an die Nachbarn, die ihm das Geld zur Reise nach Fujian gegeben hatten. Aus diesen Pflanzen entstand der Dōngdǐng-Oolong (冻顶乌龙), der bis heute als klassischer Tee Zentraltaiwans gilt.
Beide Reisen werden im Kapitel über Taiwan ausführlicher erzählt. Hier soll nur festgehalten werden, daß zwei der wichtigsten Teestile Taiwans direkt vom Wǔyí-Massiv abstammen. Der Berg, der den europäischen Markt im neunzehnten Jahrhundert verlor, gewann gleichzeitig eine Insel.
Iřḳaülëu̇ stand am Ufer und sah dem Schiff nach.
IX. Was bleibt
Wer heute durch das Wǔyí-Massiv geht, sieht eine Landschaft, die sich verändert hat. Die Zhèngyán-Parzellen sind unter Sammlern aufgeteilt; die Preise einzelner Frühjahrsernten erreichen Höhen, die mit dem Tee selbst kaum noch etwas zu tun haben. Der Ròuguì hat den Markt erobert; der Shuǐxiān wird in den Werkstätten noch von den älteren Meistern bevorzugt. Die alten Lychee-Holzkohlen werden seltener; eine Werkstatt, die noch traditionell röstet, ist heute eine Werkstatt, die ihre eigene Kohle herstellt.
Was geblieben ist, ist der Berg. Der rote Sandstein, die senkrechten Säulen, der Fluß, der sich neunmal windet. Die dünne Erde zwischen den Steinen. Die Wurzeln, die in die Spalten greifen. Was die Werkstätten in zehn Stunden Schütteln und zehn Tagen Rösten aus den Blättern dieser Bäume holen, ist immer dasselbe: der Geschmack eines Steins, der durch ein Blatt geflossen ist.
Südlich des Daiyun, am Fuß desselben Gebirges, stellt eine andere Werkstatt einen anderen Tee her. Sein Aroma steht nicht für Stein, sondern für Blüte.
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