Mǐzhuān. Der rote Ziegel.

I. Der Ziegel

Ein Ziegel aus Tee. 23,7 Zentimeter lang, 18,7 Zentimeter breit, 2,4 Zentimeter hoch, 1125 Gramm schwer. Die Oberfläche glänzt schwarzbraun, die Kanten stehen scharf, die Flächen liegen glatt. Auf der Vorderseite, im Relief erhaben, ein Ehrenbogen, Páifāng 牌坊, oder eine Lokomotive, Huǒchētóu 火车头.

Mǐzhuān-Teeziegel der Marke Lokomotive, Vorder- und Rückseite

Das Relief wurde nicht aufgedruckt und nicht eingeprägt, nachdem der Ziegel fertig war. Eine Aluminiumplatte trägt das Bild als Negativ. Sie liegt in der Pressform auf dem heißen, gedämpften Tee, die Presse fährt herab, Tee und Bild nehmen in derselben Sekunde Gestalt an. Das Bild lässt sich vom Ziegel nicht trennen, nur mit ihm zerbrechen.

Gepresst wird der Ziegel in Zhào-Lǐqiáo 赵李桥, einem Ort im Süden der Provinz Hubei, nahe der Stadt Chìbì 赤壁. Die dortige Teefabrik führt beide Bilder als eingetragene Marken. Der Ziegel heißt Mǐzhuān 米砖, Reisziegel. Unter den gepressten Tees Chinas ist er der einzige aus Rotem Tee, dem Tee also, der im Westen als Schwarztee gehandelt wird.


II. Rotes aus der Presse

Chinas gepresste Tees bilden eine eigene Landschaft. Qīngzhuān 青砖 aus Hubei, Fúzhuān 茯砖 aus Hunan, Kāngzhuān 康砖 aus Sichuan, die Fladen und Ziegel aus Yunnan, die im Westen unter dem Namen Pu-Erh laufen. Sie alle gehören zum Dunklen Tee. Der Dunkle Tee fermentiert nach dem Pressen weiter, oft über Jahre. Beim Mǐzhuān ist die Fermentation abgeschlossen, bevor die Presse ihn berührt. Was in die Form kommt, ist fertiger Roter Tee.

Mǐ 米 heißt Reis. Die Teepartikel, aus denen der Ziegel gepresst wird, sind klein wie Reiskörner, daher der Name. Amtlich wurde er 1989, mit der ersten staatlichen Norm für diesen Tee. Die geltende Fassung trägt die Nummer GB/T 9833.8-2013. Unter den Verfassern der Norm steht die Teefabrik von Zhào-Lǐqiáo, die einzige nennenswerte Herstellerin des Tees, den die Norm regelt.

Das Rohmaterial folgt einer Stufenleiter. Oben der gebrochene Rote Tee, ganze Blattstücke aus der Zerkleinerung. Darunter die Blattflocken. Darunter der Teestaub, fein wie Mehl. Jede Stufe trägt einen eigenen Namen und einen eigenen Preis.

Die beiden Marken teilen sich diese Leiter. Der Ehrenbogen wird aus gebrochenem Tee und Blattflocken gepresst, die Lokomotive aus Blattflocken und Staub. In den Sortenlisten der fünfziger Jahre galt der Ehrenbogen als Hauptware, die Lokomotive als Nebenware. Der Rang eines Ziegels steht fest, bevor die Presse herabfährt.


III. Dampf, Form, Aluminium

Die Vorbereitung des Rohtees bleibt knapp. Der Tee ist fertig fermentiert, wenn er in die Fabrik kommt. Kein Nachgären in feuchten Haufen, kein wochenlanges Reifen wie beim Dunklen Tee. Sieben, wiegen, mischen, mehr verlangt der Mǐzhuān nicht, ehe er zur Presse geht.

Gewogen wird zweierlei. 125 Gramm Decktee, das bessere Material für die Außenseite, und 875 Gramm Kerntee für das Innere, getrennt in Dämpfbeutel gefüllt. Der Dampf hat 100 bis 102 Grad und wirkt fünf bis sechs Minuten. Dann ist der Tee heiß, feucht und bindefähig.

Heiß kommt er in die Pressform. Auf den Tee legt sich eine Aluminiumplatte, sie trägt das Markenbild als Negativ und schließt die Form nach oben. Die Dampfpresse fährt herab. Der Druck formt den Ziegel und das Bild in einem einzigen Hub.

Auf dem Förderband ruht der Ziegel ein bis zwei Stunden und bindet ab. Dann wird er entformt und geprüft. Die Fläche muss glatt sein, die Kanten müssen stehen, das Markenbild muss vollständig sein. Ein Ziegel mit beschädigtem Bild besteht die Prüfung nicht.

Es folgt der Trockenraum, sieben bis acht Tage. Die ersten Tage bei 30 bis 40 Grad, denn zu rasche Hitze reißt die Fläche auf. Nach vier bis fünf Tagen steigt die Temperatur auf 55 bis 60 Grad, höchstens 65. Die abgekühlten Ziegel werden einzeln in Papier geschlagen und in Bambuskörbe gepackt. Für den Export gingen 40 Stück in eine Kiste, jeder Ziegel zweieinhalb englische Pfund, die Kiste also genau hundert Pfund.


IV. Hankou

1861 wurde Hankou 汉口 dem fremden Handel geöffnet, ein Hafen am Jangtse, tief im Landesinneren. 1863 gründete der russische Kaufmann Litvinov dort das Handelshaus Shùnfēng 顺丰 und ließ in den Teebergen südlich des Stroms, um den Marktflecken Yánglóudòng 羊楼洞, Ziegeltee pressen. Zuerst von Hand, nach chinesischer Art.

Ab der Mitte der siebziger Jahre arbeiteten Dampfmaschinen. Weitere russische Häuser folgten, Xīntài 新泰 und Fùchāng 阜昌, mit eigenen Fabriken erst im Teeland, dann am Fluss. 1893 zog Litvinov die gesamte Fertigung nach Hankou zusammen. Die Schornsteine der Teefabriken gehörten nun zum Stadtbild des Hafens.

In diesem Jahr standen in den vier großen russischen Fabriken fünfzehn Dampfpressen, beschäftigt waren an die neuntausend chinesische Arbeiter. Die Ziegel verließen Hankou auf zwei Wegen. Der alte führte über Land, mit Kamelkarawanen durch die Wüste Gobi zur Grenzstadt Kjachta, anderthalb Jahre bis Moskau. Der neue führte mit dem Dampfschiff den Jangtse hinab und über See nach Wladiwostok, von dort auf die Schienen der Transsibirischen Eisenbahn, gut eine Woche. 1891 besichtigte der russische Thronfolger auf seiner Asienreise die Fabriken seiner Landsleute in Hankou. Im selben Jahr eröffnete er in Wladiwostok die Bauarbeiten an eben dieser Eisenbahn.

1917 fielen in Petrograd die Schüsse. Die Bestellungen aus Russland versiegten, Shùnfēng und Fùchāng schlossen, Xīntài hielt sich mit Mühe. Ab 1918 verwilderten in Hubei die Teegärten, die Händler gaben auf. In Yánglóudòng, wo einmal über zweihundert Teehäuser gearbeitet hatten, blieben fünf. Yìxīng 义兴, Xīnglóngmào 兴隆茂, Jùxīngshùn 聚兴顺, Chángyùchuān 长裕川 und Chāngshēng 昌生.

1922 begann Russland wieder zu kaufen, der Markt von Hankou erholte sich, 1925 waren die Lagerbestände verkauft. 1929 brach der Konflikt um die Ostchinesische Eisenbahn aus, die Beziehungen zwischen China und der Sowjetunion rissen ab, der Teemarkt sank ein zweites Mal. Erst um 1934 belebte er sich wieder. Die Fabrik von Xīntài ging 1932 in englische Pacht über und hieß fortan Pacific.

Der Tee blieb in diesen siebzig Jahren derselbe. Das Land, das ihn kaufte, hieß nacheinander Russisches Kaiserreich, Sowjetrussland, Sowjetunion.


V. Lokomotive und Ehrenbogen

2009 erschien auf einer Auktion ein alter Mǐzhuān aus dem Hause Shùnfēng. Auf der Vorderseite fährt eine Lokomotive mit Rauchfahne nach Westen, darüber stehen die beiden Schriftzeichen des Firmennamens. Auf dem Kessel der Lokomotive die kyrillischen Buchstaben С.В.Л. и Ко, die Abkürzung der Firma Litvinovs. Auf den Waggons, in kleiner kyrillischer Schrift, die russische Lautung des chinesischen Namens.

Für das Bild gibt es zwei Erklärungen. Die nähere liegt auf den Schienen. Die Lokomotive feiert die Transsibirische Eisenbahn, die Strecke, die den Tee in einer Woche nach Westen trug. Die Fabrik in Zhào-Lǐqiáo überliefert eine andere Geschichte. Russische Kaufleute hätten eine deutsche Dampflokomotive nach Yánglóudòng geschafft, zerlegt und ihre Dampfkraft zum Dämpfen und Pressen des Tees eingespannt, das Bild auf dem Ziegel erinnere daran. Belegt ist die Lokomotive auf den Ziegeln Shùnfēngs. Die zerlegte Lokomotive ist Überlieferung des Hauses.

Der Ehrenbogen kam aus einer anderen Welt. Jùxīngshùn, eines der fünf Teehäuser, die das Jahr 1918 in Yánglóudòng überstanden, presste seine Mǐzhuān unter dem Bild eines Páifāng, Yìxīng unter dem Bild einer Orchidee. Nach 1949 wurden die privaten Teehäuser zu einem staatlichen Betrieb zusammengelegt, der Ziegelteefabrik von Yánglóudòng. 1953 zog der Betrieb in den Nachbarort Zhào-Lǐqiáo, an die Eisenbahnlinie. Die Teehäuser verschwanden. Zwei ihrer Bilder blieben in den Pressformen.

Aus den fünfziger Jahren existieren Ziegel, auf denen der Ehrenbogen verändert ist. Das Gitterwerk in der Mitte des Bogens ist fünf fünfzackigen Sternen gewichen. In den Sortenlisten jener Jahre lief dieser Ziegel als Fünfstern, neben dem Ehrenbogen die zweite Hauptware des Hauses.

Heute sind Ehrenbogen und Lokomotive eingetragene Marken der Fabrik von Zhào-Lǐqiáo. Ein drittes Bild trat nur zweimal auf. 1981 und 1983 ließ das englische Haus Twinings Gedenkziegel mit einem Phönix pressen. In den chinesischen Handel kamen sie nie.


VI. Kanne, Kessel, Samowar

Der Ziegel ist hart. Die feinen Partikel ergeben unter der Dampfpresse eine hohe Dichte, dichter als jeder Ziegel aus ganzem Blatt. Ein Teemesser setzt an der Kante an, an der Schmalseite, und hebelt flache Schichten ab. Gewalt in der Mitte des Ziegels erzeugt Bruchstücke und Staub.

Aufgegossen wird mit kochendem Wasser, ein Teil Tee auf zwanzig Teile Wasser, mehrere Aufgüsse hintereinander. Kräftiger gerät der Tee gekocht, ein Teil auf vierzig Teile Wasser, einige Minuten über kleiner Flamme. Die Tasse zeigt ein dunkles, klares Rot. Der Duft ist rein und leise, der Geschmack dicht und rund, ohne Kanten. Loser Roter Tee wird nach der Frische seines Dufts bewertet, nach dem, was in den ersten Monaten nach der Ernte am stärksten ist. Der Mǐzhuān setzt auf das andere Ende der Waage, auf den Körper.

In Russland wurde dieser Körper gebraucht. Auf dem Samowar zieht ein kleines Kännchen mit konzentriertem Tee, ins Glas kommt ein Fingerbreit davon und heißes Wasser nach Geschmack, dazu Zucker, Zitrone, Honig oder ein Löffel Konfitüre. Ein dünner Tee verschwindet unter alldem. Der Ziegel verschwand nicht. Gepresst wurde er ohnehin nicht des Geschmacks wegen, die Form sparte Platz, im Packsattel des Kamels wie im Laderaum des Dampfschiffs.

Gelagert wird der Ziegel trocken, dunkel und fern von allem, was riecht. Eine Pflicht zur langen Reife kennt er nicht. Ein Mǐzhuān ist fertig, wenn er die Fabrik verlässt.


VII. Jahrgänge

Alte Mǐzhuān existieren, und sie werden gehandelt. Der Shùnfēng-Ziegel mit der Lokomotive, über hundert Jahre alt, ging 2009 über den Auktionstisch. Ehrenbogen-Ziegel aus den fünfziger Jahren stehen in den Listen chinesischer Teehändler. Ziegel aus den achtziger und neunziger Jahren kursieren unter Sammlern, dazu die beiden Phönix-Auflagen von Twinings. Von Reifevorschriften steht in keiner Norm ein Wort. Gesammelt wird trotzdem.

Die Fabrik in Zhào-Lǐqiáo lebt heute von anderem. Sie gehört zu den staatlich bestimmten Betrieben für den Tee der Grenzgebiete und hält in staatlichem Auftrag Rohmaterialreserven vor. Ihre Hauptware ist der Qīngzhuān mit dem Zeichen Chuān 川, der in die Innere Mongolei geht, nach Xinjiang, Qinghai, Ningxia. Der Mǐzhuān läuft nebenher, verkauft nach Xinjiang und Nordchina, in kleinen Mengen nach Russland, in die Mongolei, nach Europa und Amerika.

Ein alter Ziegel trägt sein Alter auf der Stirn. Sammler datieren nach der Schrift, kyrillisch oder chinesisch. Nach der Mitte des Ehrenbogens, Gitterwerk oder fünf Sterne. Nach den Pflanzen am Rand, nach einer kleinen Biene im Blattwerk, die auf den späteren Ziegeln fehlt. Jedes dieser Merkmale hat ein Datum, und jedes Datum steht in der Geschichte von Hankou.

Der älteste bekannte Mǐzhuān liegt in einem Museum in Georgien. Auf der Vorderseite ein Segelschiff mit vollen Segeln, am Bug eine sitzende Gestalt mit Pfeife. Auf der Rückseite acht Felder, in jedem das Schiff im Kleinen, daneben Stern und Halbmond, darunter eine Schrift, die kein heutiges Russisch ist. Gelesen hat sie noch niemand. Der Ziegel hält sie fest.


Glossar

Mǐzhuān 米砖 — Reisziegel. Gepresster Roter Tee aus Teepartikeln in Reiskorngröße, der einzige rote Ziegeltee Chinas.

Roter Tee (Hóngchá 红茶) — die chinesische Bezeichnung für den Tee, der im Westen Schwarztee heißt, benannt nach der Farbe des Aufgusses.

Dunkler Tee (Hēichá 黑茶) — nachfermentierte Teeklasse, zu der fast alle gepressten Tees Chinas gehören, darunter Qīngzhuān, Fúzhuān, Kāngzhuān und Pu-Erh.

Qīngzhuān 青砖 — dunkler Ziegeltee aus Hubei, Hauptware der Fabrik von Zhào-Lǐqiáo, gepresst unter dem Zeichen Chuān 川.

Páifāng 牌坊 — Ehrenbogen, freistehendes chinesisches Torbauwerk. Auf dem Mǐzhuān das Markenbild der Hauptware.

Huǒchētóu 火车头 — Lokomotive. Auf dem Mǐzhuān das Markenbild der Nebenware, zurückgehend auf die Ziegel des Hauses Shùnfēng.

Shùnfēng 顺丰 — Handelshaus des russischen Kaufmanns Litvinov, gegründet 1863, erste mechanisierte Ziegelteefabrik Chinas, geschlossen nach 1917.

Yánglóudòng 羊楼洞 — Marktflecken im Süden Hubeis, historisches Zentrum der Ziegelteepressung, vor 1917 Sitz von über zweihundert Teehäusern.

Zhào-Lǐqiáo 赵李桥 — Ort bei Chìbì in Hubei an der Eisenbahnlinie Beijing–Guangzhou, seit 1953 Sitz der staatlichen Ziegelteefabrik.

Decktee und Kerntee (Sǎmiàn 洒面 / Lǐchá 里茶) — die zwei Lagen eines Ziegels. Außen 125 Gramm besseres Material, innen 875 Gramm.

Kjachta — russische Grenzstadt an der mongolischen Grenze, bis ins 19. Jahrhundert Umschlagplatz des Karawanenhandels mit chinesischem Tee.

GB/T 9833.8-2013 — geltende chinesische Norm für Mǐzhuān, mitverfasst von der Teefabrik Zhào-Lǐqiáo.

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Roter Tee
吃茶去